Das Antidepressivum zum Sonntag: Hören, bis der Schlaf kommt

Ich liebe Hörbücher. Nichts ist besser geeignet, mich in einen gesegneten Schlaf zu tragen, als einer Lesung oder einem Hörspiel zu lauschen. Selten dauert es länger als eine Viertelstunde, ehe ich den Faden abgebe. Womit ich keineswegs etwas gegen die Qualität der jeweiligen Ohrenkost sagen will. Das Beruhigende und Einschläfernde eines Hörbuchs liegt einfach in der Tatsache der gleichmäßigen, vokalen Beschallung, die unweigerlich – vorausgesetzt, man hat eine gewisse Grundmüdigkeit bereits in den Knochen und nur der Kopf will noch nicht so recht abschalten – in den Schlaf blubbert. Jeder kennt den Effekt aus der Kindheit – was damals die vorlesenden Eltern noch live leisten mussten, ließ sich spätestens ab  Erfindung der Tonbandkassette immer raffinierter automatisieren. Benjamin Blümchen, Fünf Freunde, Hanni und Nanni und natürlich Hui Buh das Schlossgespenst dürften bei Ihnen, liebe Leser, gewiss so manche Erinnerung wachrufen.

Mein Abspielgerät ist natürlich kein Kassettenrecorder und kein CD Player mehr, sondern wie wohl bei  anderen Musik- und Wortkonsumenten ein MP3 Player. Wobei ich die Vermutung hege, dass diese Technik auch schon lange überholt ist, heute wird wahrscheinlich in jedem hippen Haushalt per Bluetooth, Yellowtongue oder Redfoot durch Wände, Decken und Böden gestrahlt. Offenbar macht das niemandem mehr Sorgen, selbst von dauerbesorgten Niedrigenergie-Passivhausaktivisten weiß ich, dass ihre Furcht vor den einst so gefürchteten Elektrosmog-Fein-Emissionen deutlich abgenommen hat; heute gehört zum Hippsein Amazons Alexa oder entsprechende Konkurrenzprodukte, die in alle Richtungen ihre Strahlen senden. Vermutlich entsteht kein Elektrosmog, wenn der Strom grün ist und aus dem Windrad stammt.

Meine bescheidene, altertümliche technische Ausrüstung besteht aus dem MP3 Player von der Größe einer flachgetretenen Streichholzschachtel sowie einem Kopfhörer, der noch per Kabel die Musik aus dem Gerät in meine Ohren transportiert. Ich gebe zu, hier wäre mir eine kabellose Lösung lieber, da ich mich nachts oft und gerne in der Schnur verheddere, aber dann müsste ich einen anderen Player kaufen, doch man will ja nachhaltig und CO2-neutral leben. Es bleibt also beim Kabel, und einmal im Vierteljahr kaufe ich einen neuen Kopfhörer, da dann entweder einer oder beide Ohrstöpsel kein Signal mehr empfangen. Anfangs habe ich versucht, das abgerissene oder -geknickte Kabel zu löten, und wer jetzt hier beim Lesen in ein höhnisches Gelächter ausbricht, hat das auch schon versucht.

Stets mit einem Ohr im Motorraum

Hörbücher kann ich nur abends im Bett genießen – tagsüber bin ich zu hibbelig, um mich länger als ein paar Minuten konzentrieren zu können. Auch im Auto klappt es nicht, mein Mini-Oldie hat selber genug Geschichten zu erzählen und natürlich fahre ich stets mit mindestens einem Ohr im Motorraum. Heffelt ein Ventil? Schürbelt da nicht ein Lager? Ist die Gummilagerung des Motors doch schon wieder marode? Nein, für wortakrobatische Ablenkung ist kein Platz, nur Musik ist erlaubt, bei der muss man nicht so darauf achten, ständig auf dem Laufenden zu bleiben.

Das abendliche, dem Einschlaf gewidmete Hören einen Krimis, einer Lesung oder eines Romans ist leider auch nicht nur der perfekte Genuss. Wenn ich ehrlich bin, habe ich so gut wie noch nie etwas  bis zum Ende gehört, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen; bei denen bekam ich zwar das Ende mit, dafür fehlte mir der Mittelteil. Einmal habe ich mich besonders übel gebeutelt; da war der MP3 Player versehentlich auf Shuffle eingestellt, was zur Folge hatte, dass nicht nur die einzelnen Teile eines Hörbuchs in neuer Reihenfolge wiedergegeben wurden, es wurden alle auf dem Gerät befindlichen Dateien gemischt. Es dauerte einige Zeit, bis ich erkannte, dass ich nicht einem besonders experimentellen Kunstwerk lauschte, sondern schlicht einem ganz und gar sinnfreien akustischen Geschnipsel, ähnlich einem Buch von William S. Burroughs (der die zu seiner Zeit noch per Schere und Klebstoff vollzogene Methode clever zur Kunstform hochstilisierte und sie Cut-Up nannte.)

Sollten Sie das Hörbuch ebenso schätzen wie ich – sei es als Weckamin beim Autofahren, sei es tagsüber beim Entspannen oder wie bei mir als Narkotikum – habe ich ein paar Tipps für Sie. Natürlich gibt es viele schöne und kulturell wertvolle, käuflich zu erwerbende Scheiben und Dateien. Fast jedes einigermaßen relevante Druckwerk wird längst auch für die Ohren aufbereitet, und darunter finden Sie belletristische Perlen wie Cora Stephans „Ab heute heiße ich Margo“ oder sachbuchliche Granaten wie Markus Vahlefelds „Mal eben die Welt retten“, die Sie bei  jedem gut sortierten, kleinen Buchhändler an der Ecke erwerben können.  Bedauerlicher Weise wurde Heiko Maas' Weltbestseller „Aufstehen statt wegducken“ noch nicht als Hörbuch produziert. Ob es am Wort „Aufstehen“ im Titel liegt? Am Autor? Am Inhalt? An den Rezensionen bei Amazon? Oder gar am Geld? Unwahrscheinlich. Es müsste doch aus dem reichlich gefüllten Topf für den Kampf gegen Rechts noch etwas abzudrücken sein. Eine Vorleserin sollte doch auch zu finden sein, schließlich hat der Autor enge Kontakte zur Welt des Showgeschäfts. Vielleicht wird es ja noch was vor Weihnachten.

Neben dem Handel gibt es Quellen, die eine beeindruckende Vielzahl an Ohrenfutter bereit halten, und das auch noch ohne weitere Kosten. Diese Webseite  bietet hunderte von kostenlosen Hörbücher zum Download an, darunter Krimis von Edgar Wallace, E. A. Poe und Arthur Conan Doyle. Das oft und gerne für Filme und Videoclips genannte Youtube bietet ebenfalls Hörfutter en masse an. Wer dort unter Stichwörtern wie „Hörbuch“ etc. stöbert, findet ein geradezu überwältigendes Angebot. Das allerdings einen hässlichen Beigeschmack enthält: fast alles wird unter Missachtung sämtlicher Rechte hochgeladen und angeboten.

Ich bin hemmungsloser Egner-Fan

Rechtlich sauberer sind Radioproduktionen, unter denen ich Ihnen vor allem einige einst über den Äther geschwirrte Hörspiele nach Vorlagen des Wuppertaler Autors Eugen Egner an Herz und Ohr legen möchte. Auf Egners Humor jenseits aller Konventionen habe ich irgendwann vor längerer Zeit hier an dieser Stelle hingewiesen, und wer den Kopf frei hat für ganz und gar surreale Geschichten voller Tief- und Abgrund sollte Egner kennen, lesen und hören. Bei Youtube finden Sie die großartigen Geschichten „Tagebuch eines Trinkers“, „Der Notfall erfordert alles“,  „Die Beseitigung“, „Zu jung für eine eigene Hose“ und „Was macht eigentlich Harry Absolut“.

Ich bin hemmungsloser Egner-Fan und Bewunderer und wenn es nach mir ginge, könnte von ihm jede Woche ein neues Hörwerk erscheinen, aber ich weiß, der Mann macht auch noch Musik, da bleibt wenig Zeit. Um von Youtube etwas auf Ihre heimische Computerausstattung zu laden, benötigen Sie ein oder zwei Softwaren, diese können je nach Betriebssystem anders heißen. Daher von mir keine konkrete Empfehlung außer der, sich über eine Suchmaschine schlau zu machen. Wer richtig fit mit dem Computern ist, kann auch noch die oft langen Dateien per Software in kleinere Häppchen teilen, so dass es einfacher ist, nach einer Unterbrechung den Anschluss wieder zu finden.

Die bereits eben erwähnte Cora Stephan ist in einem Hörspielpool zu finden, genauer, ihr alter ego Anne Chaplet. Unter diesem Namen hat sie eine Reihe von Krimis veröffentlicht, und davon entdeckte ich zwei in der Mediathek des Bayerischen Rundkfunks. „Nichts als die Wahrheit“ und „Caruso singt nicht mehr“. Krimis mit Tiefgang und aktuellen politischen und gesellschaftlichen Bezügen, zum Download angeboten unter dieser Adresse.

Weitere hörenswerte Produktionen zum freien Download sind Laurence Sternes „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“, Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ und Franz Kafkas „Der Prozess“sowie E.T.A. Hoffmanns „Serapionsbrüder“; dies und mehr zu finden im Hörspielpool von BR2.

Lohnenswert ebenfalls ein Blick in den Hörspielspeicher des WDR. Auch wer ansonsten diesen und ähnliche Sender aus Gründen meidet, kann sich in Sachen kulturelle Bereicherung jenseits der Politik bedenkenlos hier bedienen, schließlich bezahlt man das durch die Zwangsabgabe mit seinem guten Geld. Den WDR Hörspielspeicher erreicht man über diesen Link , klicken Sie sich einfach mal durch. Dort finden Sie unter anderem auch Eugen Egners Grotesken.

Ich werde mich nun ins Bett zurück ziehen und versuchen, dem zwölfteiligen Orientzyklus von Karl May weiter zu lauschen. Der WDR hält ihn verfügbar. Vielleicht schlafen Sie ja weniger flott ein als ich und sie bekommen zumindest den vollen Namen von Hadschi Halef Omar noch mit, ehe sie abdriften. Viel Vergnügen.

Foto: FORTEPAN/ Urbán Tamás CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (1)
Hubert Paluch / 01.10.2017

Ich kann ihre Erfahrungen nur bestätigen: Bestimmte Hörbücher eignen sich als praktisch nebenwirkungsfreies Hypnotikum, sofern man bei der Auswahl darauf achtet, dass man insbesondere mit der Stimme des Sprechers in Resonanz gerät. Das Gehirn verarbeitet akustische Informationen ganz anders als optische. Tiefe Dunkelheit beim Hören tut ein Übriges.

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