Archi W. Bechlenberg / 28.01.2018 / 06:20 / Foto: Ulla Haesen / 6 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Hör doch eine Bossa Nova!

Blick aus dem Fenster. Deprimierend. Blick in den Garten. Deprimierend. Blick in den Badezimmerspiegel. Grundgütiger! Blick auf die Waage. Spare ich mir. Vielleicht ein Blick ins Fratzenbuch? Da posten gerade „Freunde“ Bilder aus Südafrika und tauschen sich darüber aus, welcher Strand der schönere ist. Blick in die Glotze? Zum Glück nicht vorhanden. Blick in die staatliche Presse? Dann noch lieber auf die Waage.

Unter diesen Umständen das sonntägliche Antidepressivum zu verfassen, ist wahrlich ein Kraftakt. Vielleicht vergleichbar mit dem Versuch, Peter Altmaier aus dem Kanzleramt zu tragen. Alleine, am ausgestreckten Arm.

Wie gut, wenn dann kompetente Hilfe zur Verfügung steht und alles Graue und Grauslige in anderem, helleren Licht erscheinen lässt. Genau diese Hilfe lag vor ein paar Tagen im Briefkasten. Das neue Album von Ulla Haesen. Es heißt RIO – Só Vim Matar a Saudade und nimmt uns mit zu Sonne, Sand und Strand.

Ulla Haesen habe ich Ihnen vor knapp zwei Jahren schon einmal vorgestellt. Die in Köln geborene Sängerin und Gitarristin hat sich musikalisch dem Samba und der Bossa Nova verschrieben. Was durchaus ungewöhnlich ist für eine blonde Frau mit deutschen und finnischen Wurzeln, die zudem nicht in sonnigen Gefilden lebt, sondern in der nicht gerade für von Palmen gesäumten Strände bekannten Eifel.

„Ich bin gekommen, um die Sehnsucht zu stillen“

„Eine Verbindung zu Brasilien habe ich dadurch bekommen, dass ich damals ein sehr ergreifendes Konzert mit brasilianischer Musik erleben durfte, in dem die intensiv zelebrierte Gegensätzlichkeit ‚tristeza – alegria‘ mich sehr berührt hatte. Das Konzert-Erlebnis war so einschneidend, dass ich mich seit dem Tag ausschließlich mit dieser Musik beschäftigt habe, mit ihrer Rhythmik, ihren Harmonien und auch mit der brasilianisch-portugiesischen Sprache,“ sagte sie mir 2015 in einem Interview. 2015, das ist das Jahr, in dem Ulla zum ersten Mal eine ausgiebige Reise nach Brasilien unternahm. Seither hat sie sich mental und musikalisch damit beschäftigt, ihre Eindrücke aus Brasilien, vor allem aus Rio, zu sammeln und daraus ein neues Album entstehen zu lassen.

RIO – Só Vim Matar a Saudade („Ich bin gekommen, um die Sehnsucht zu stillen“) ist Ullas viertes Album. Man kann sagen, es ist ihr bislang authentischstes. Denn nicht alleine die vielen Eindrücke der Brasilienreise finden hier ihre musikalische Umsetzung; an der zwischen August 2015 und Mai 2017 entstandenen Platte haben drei renommierte brasilianische Musiker, die Ulla in Rio kennen lernte und nach Deutschland einlud, wesentlichen Anteil. Kiko Freitas ist Percussionist, Lula Galvao ist Gitarrist, ebenso wie Nelson Faria.

Neben den drei Brasilianern hören wir auf Rio weitere Musiker, die neben Ulla Haesen den europäischen Part des Ensembles bilden. Einen von ihnen habe ich gleich beim ersten Hören an seinem unverwechselbaren Klang erkannt; es gibt nicht viele Musiker, die so meisterhaft die Mundharmonika beherrschen wie Hendrik Meurkens; man darf ohne Übertreibung sagen, dass Meurkens nach dem Tod von Toots Thielemans – vor anderthalb Jahren – der führende Mundharmonikaspieler im Jazz ist.

„Jedes Lied auf diesem Album besitzt eine eigene Energie. Es ist so viel organische Bewegung in dieser Musik, sie ist sinnlich und gefühlvoll. Und es steckt von allen Musikern so viel Freude darin.“ (Ulla Haesen)

Die Melancholie (Saudade) gehört dazu

Die weiteren Musiker auf dem Album sind meist regelmäßige Begleiter von Ulla Haesen bei Tourneen und Konzerten. Decebal Badila, Alfonso Garrida, Jesse Milliner, Francesco Petrocca, Gabriel Pérez und Jürgen Schuld sorgen dafür, dass die Sängerin auf allen Stücken von einer vollmundigen Band begleitet wird, so wie es sich für Musik, erfüllt von südamerikanischer Lebenslust, gehört. Exemplarisch für die durch und durch mitreißende Stimmung auf Rio Só Vim Matar a Saudade sei der Klassiker O Ronco da Cuica von Joao Bosco genannt, eine Samba, die wohl jedem, der schon einmal brasilianische Musik gehört hat, ein Begriff ist, da sie für immer im Ohr haftet.

Alle Stücke des Albums sind mit Bedacht und Liebe ausgesucht und stammen von weltbekannten brasilianischen Songschreibern wie Ivan Lins, Marcos Valle und Ronaldo Bastos, um nur einige der Autoren zu nennen. Die zehn Titel vermitteln die ganze Bandbreite der brasilianischen Música Popular Brasileira, zu der neben der überschäumenden Lebensfreude auch immer wieder die Melancholie (Saudade) gehört, eine Melancholie, die sich deutlich von dem Weltschmerz unterscheidet, wie wir ihn hierzulande pflegen. „Saudade“, darin klingt immer auch das Schöne, das Erinnernswerte mit, selbst wenn es die Erinnerung an etwas ist, das nicht mehr wieder kommt, wie eine vergangene Liebe. Bei Wikipedia finden Sie eine passende Beschreibung der Saudade.

Im Titel des Albums finden Sie den Begriff Saudade ebenfalls, und das nicht alleine, weil eins der zehn Stücke so benannt ist. Ich vermute, dass Ulla Haesen damit die Sehnsucht nach Brasilien, der Heimat „ihrer“ Musik und die Zeit, die sie dort verbringen konnte, zum Ausdruck bringen will. Eine Sehnsucht, die sie in sich spürt, ohne darüber jedoch die Liebe zu ihrer europäischen Heimat zu vergessen. Gerade aus der Spannung zwischen dem fernen Rio und der nahen, weniger glamourösen Eifel schöpft Ulla Haesen ihre musikalischen Inspirationen. Was dabei heraus kommt, können Sie auf der großartigen CD hören.

Das Album erscheint am 2. Februar 2018 und ist überall erhältlich, wo es Musik gibt.

P.S.: Gerade schaue ich aus dem Fenster. Blauer Himmel und Sonnenschein! Da könnte ich glatt mal einen Schritt auf die Waage wagen.

Website von Ulla Haesen

Trailer zur CD

Buchtipp: Bossa Nova – The Sound of Ipanema: Eine Geschichte der brasilianischen Musik von Ruy Castro, Hannibal Verlag, 2011

Foto: Ulla Haesen

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Leserpost (6)
Winfried Sautter / 28.01.2018

“Saudade” ist eines der schönsten und schmerzlichsten Wörter, die unser Sprachraum kennt: “Saudade / means nostalgia, I´m told, but also / nostalgia for what never was. Isn´t it / the same thing? (...) / Here, again, grief fashioned in its cruelest translation: / my imagined you is all I have left of you.” (John Freeman, Maps, 2017) So gesehen ist jede grosse Liebe Selbstbetrug und zum Scheitern verurteilt. Entscheidend ist, wie man damit umgeht.

Belo Zibé / 28.01.2018

Handwerklich und musikalisch ist an Ulla Haesen und schon gar nicht an ihrer Begleit- Band etwas auszusetzen. Sie mag zwar äusserlich etwas an Tom Jobims Muse für »The Girl from Ipanema« erinnern,so wie sie mit dem Gitarrenkoffer am Strand der Copacabana steht,aber »Saudade« will bei mir nicht so recht aufkommen.Das liegt möglicherweise daran, dass sie zwar die Sehnsucht spürt,aber ihre Heimat Europa,oder genauer Deutschland eben doch vergisst.Aussen Rio, innen Köln.

Werner Liebisch / 28.01.2018

Wir hören sehr gerne und oft Bossa Nova zuhause. Ich werde mir dir vorgestellte junge Frau, nun mal näher anhören. Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass die bei uns eher als Schlagerinterpretin bekannte Caterina Valente eine tolle Bossa Nova Sängerin war, eventuell sogar noch ist..

Karla Kuhn / 28.01.2018

Schön, damit kann man sich weit weg von den “Narreteien” in Deutschland beamen, dazu Augen zu und die Sonne scheint.

Wilfried Cremer / 28.01.2018

Wenn die Waage nichts Schönes sagt, hilft Ihnen vielleicht der Blick ins Sparbuch wieder in die Höhe.

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