Archi W. Bechlenberg / 26.11.2017 / 06:16 / 13 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Hi, I’m Nick

Natürlich ging es nach England, denn England war angesagt, Swinging London, Carnaby Street, Kensington, Isle of Wight. Es war der Sommer 1970, und Freund C. und ich hatten jeder 400 Mark dabei, und wir wollten damit vier Wochen über die Insel trampen, und dieses Budget war auch vor über 40 Jahren schon recht mager, und so mussten wir gut wirtschaften und wir lebten von billigem Frühstücksfleisch und Weißbrot und Baked Beans, die wir kalt aus der Dose löffelten.

Dope wurde geschnorrt, was nicht weiter schwer war, denn jeder, der etwas hatte, zeigte sich freundlich und freigiebig, und übernachten konnten wir nur an Orten, wo es nichts kostete, ein victorianischer Musikpavillon im Londoner St. James Park, ein Schafstall, die Circle Line in London, Telefonzellen, eine Gefängniszelle auf dem Land, ein Eisenbahnwagon, Schuppen und selbstgebaute Häuser aus Heuballen, die man sich mit Feldmäusen und Ohrenkneifern teilte, und  wenn man 17 ist, findet man das romantisch und aufregend, und das war es ja auch irgendwie, bis auf die Krabbeltiere, die nachts nach Wärme suchten. England sah aus wie in alten Miss Marple Filmen, die ich damals noch gar nicht kannte.

Wir hatten London nach ein paar Tagen ohne große Eindrücke hinter uns gelassen, dort war alles teuer und nicht mit unserem Budget kompatibel, und außerdem war es langweilig, den ganzen Tag unter der Erde mit der Circle Line im Kreis zu fahren, wenn es draußen regnete, und das tat es die meiste Zeit, und außer einem Rund-um-die-Uhr-Kino am Piccadilly Circus gab es nichts, wo man einmal richtig trocken werden konnte. Als wir dann auch noch mitten in der Nacht von Polizisten aus dem Pavillon im St. James Park verjagt wurden, war es Zeit, aufs Land zu ziehen.

Bis Oxford nahmen wir den Zug, und dann standen wir wieder an der Straße und hielten die Daumen raus, denn Trampen war kein großes Problem in dieser Zeit, man stand nie lange an einer Stelle, und wir wurden meist schnell mitgenommen, und einmal sogar in einem feudalen Bentley von einem älteren, durch und durch vornehmen Paar; er war bestimmt ein Landadeliger oder ein pensionierter General oder zumindest ein Körnel, und seine Gattin sah ein wenig der Queen ähnlich mit ihren fein ondulierten, leicht ins Lilafarbene changierenden Haaren, und sie erzählten uns, ihr Sohn sei derzeit ebenfalls per Anhalter auf dem Kontinent unterwegs, und da wollten sie mal nicht so sein, auch wenn wir etwas abgerissen wirkten (was sie natürlich nicht sagten), denn vielleicht würde der Grundgütige ja dafür auch ihrem Nachfahren den einen und anderen komfortablen Lift bescheren. Good old England, der perfide Albion war offenbar gar nicht so perfide, und dann luden sie uns zum Brunch in einem Landgasthof ein, denn es war Sonntag und wir hatten ja bestimmt Hunger. Später pflückten wir der Dame des Hauses ein paar Blumen vom Feldrand, und dann winkten wir den Beiden lange nach.

Wir waren flexibel wie Rohre im Wind

An einem Tag hielt ein heftig ramponierter LKW an, dessen offene Ladefläche mit grossen blechernen Mülltonnen voll gestellt war, und in der Kabine saßen zwei wirr aussehende Typen mit Haaren bis auf die Sitze, aber die hatten wir ja selber. Passte. Viel zu reden gab es nicht, und so setzten wir uns zu den Tonnen und wurden zu einer Müllkippe gefahren, und dort löschten die beiden ihre Ladung und fragten erst dann, wo wir eigentlich hin wollten.

Unser ungefähres Ziel war Irgendwo-in-Wales, aber wir waren flexibel wie Rohre im Wind, und die Müllmänner meinten, wir könnten gerne ein paar Tage bei ihnen verbringen, sie wohnten in einer Landkommune in den Cotswold Hills nahe Cheltenham und sie hatten dort massig Platz, und zwei Deutsche, die nicht wie Nazis aussahen, waren offenbar ein seltener Fang. Landkommune klang schon mal gut, zudem hatten sie sich nach dem Abladen des Mülls zwecks Regeneration ihrer Kräfte einen Joint angemacht und teilten ihn freundlich, und so saßen wir gemeinsam am Rand der Müllkippe und droppten out, und danach fuhren wir mit zu dem abgelegenen Hof, auf dem insgesamt fünf dieser Freaks lebten.

Das Anwesen lag an einem Hang, und man hatte einen weiten Blick über das friedliche Land, und es gab einen Gemüsegarten mit allerlei Kräutern, und daneben stand ein Trampolin, auf dem die Bewohner oft und gerne rumhopsten. Strom gab es keinen, jedenfalls nicht immer; eine Leitung lag zwar, aber die wurde durch einen Münzautomaten regiert, und da das Geld knapp war, weil die beiden Müllmänner die einzigen mit einer Art Job waren, verzichtete man auf Elektrizität, und es gab natürlich keinen Fernseher und auch kein Radio und keinen Plattenspieler, aber das war nicht nötig, da die Fünf selber Musik machten, und das sehr gut, und so wurde live geklampft und gebongot, dass es eine Freude war, und es vergingen wunderbare und entspannte Tage, in denen wir und die Hofbewohner gute Freunde wurden.

Wir lernten, uns mit eiskaltem Wasser zu waschen – sogar die Haare – und Holz zu hacken und im Garten Petersilie von Nichtpetersilie zu unterscheiden. Hübsche Mädchen aus der weiteren Nachbarschaft tauchten manchmal auf und brachten Essbares und auch sonst allerlei an Leckereien mit, aber sie mussten abends stets nach Hause in ihr kleines Leben, wo die misstrauischen Eltern warteten und fragten, ob sie wieder bei diesen Hippies gewesen seien.

Der Besucher sagte leise „Hi, I’m Nick“

Und dann tauchte eines Nachmittags ein Besucher auf, etwa Anfang 20, groß, schlank, schulterlange Haare. Er trug ein abgewetztes Jackett aus dunkelblauem Samt und eine schwarze Hose und einen Gitarrenkoffer. Er war offenbar zu Fuß hergekommen, was von der Hauptsstraße, auf der man trampen oder Bus fahren konnte ein ganz schönes Stück zu gehen war. Man begrüßte sich herzlich und auch irgendwie respektvoll, und dann wurden wir ihm kurz vorgestellt, „Freaks from Germany“.

Der Besucher sagte leise „Hi, I’m Nick“, und das war’s auch schon. Er setzte sich auf eine Matratze, die am Boden lag und trank schweigend Tee und schlief lange, und später öffnete er seinen Gitarrenkoffer und begann lange zu stimmen und dann zu spielen, alleine, und später am Abend auch mit den anderen.

Ich war von diesem Typen hingerissen, er wirkte zugleich unglaublich verletzlich wie souverän über den Dingen schwebend, und er redete kaum und aß nichts, und er hatte die Augen meist geschlossen, und er trank Tee und rauchte und spielte vor sich hin und man hörte nicht einmal mehr das Ticken der verwitterten Standuhr im Raum nebenan, und dann begann er zu singen und ich wusste: für genau dieses Erlebnis hatte das Schicksal mich hier her geführt.

Die Stücke, die er spielte, kannte ich alle nicht, bis auf den Song „Crazy Man Michael“ von Fairport Convention, eine Folkrock-Gruppe um Sandy Denny und Richard Thompson, die damals sehr populär waren und die ich wenig später auf einem Festival südlich von London erleben würde, doch auch alle anderen Songs waren wunderschöne Kompositionen, die sofort im Ohr hängen blieben und noch sehr lange nachklangen.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mit dem Gast ansonsten noch ein paar Worte gewechselt habe, und ich denke, eher nicht, und was hätte ich auch fragen oder sagen können oder müssen? Seine Musik hatte alles gesagt, und nie hätte ich mich getraut, diese Aura des Mysteriösen durch profanes Schulenglisch zu stören.

Ich fragte nicht einmal nach dem vollen Namen

Am folgenden Tag war Nick schon weg, als ich in die Küche kam. Die Müllmänner hatten ihn mitgenommen. Ich fragte beim Frühstück, wer das gewesen sei, und einer der Bewohner, Dennis, sagte: „His name is Nick, he recently made a record, but we don’t have it, you know.“ Ja, ich wusste, kein Geld, kein Strom, kein Plattenspieler, keine LPs. Damit war das Thema auch erledigt. Ich war 17, zum ersten Mal alleine unterwegs, alles war aufregend und spannend, und ich musste diese ganzen Eindrückeverarbeiten, und so bin ich damals vielen Dingen und Momenten und Erlebnissen dieser Reise nicht weiter nachgegangen.

Ich fragte nicht einmal nach dem vollen Namen des Gastes. Ich hielt ihn für eine lokale Größe, dessen Name mir ohnehin nicht viel gesagt hätte, und in diesem Sommer hörten wir so unglaublich faszinierende Musik; wenig später erlebten wir auf Open Air Festivals Bands und Musiker wie Family, Peter Green, Rory Gallagher, Black Sabbath, Keef Heartley, Strawbs, Deep Purple, Cat Stevens, Fotheringay, Colosseum, Yes, Hardin & York, Caravan und die Incredible String Band, um nur die bekanntesten zu nennen

England war vorbei, und im Herbst des Jahres kam ein Freund mit einer LP zu mir, ein Sampler der Firma Island Records, den ich unbedingt hören müsse, und darauf waren Stücke von King Crimson und Fairport Convention und Spooky Tooth und weiterer Bands, die damals auch in Deutschland enorm populär waren, aber auch unbekannte Leute. Wir tranken Tee und rauchten und hörten das Album zusammen, und dann erklangen Nicks Stimme und Gitarre und ein Stück, das ich aus den Cotswold Hills kannte. Ich konnte es nicht glauben und ich griff mir das Cover und sah nach. „Time has told me“ stand da und „Nick Drake“. Hi, I’m Nick. Ja, er war es.

Ich versuchte sofort, sein Album „Five leaves left“ in Deutschland zu bekommen. Es war nicht möglich. Niemand kannte ihn, niemand kannte die Platte. So hatte ich nur die Kassettenaufnahme des einen Stückes, die ich mir von der LP gemacht hatte, und ich spielte sie, bis das Band zerschlissen war. Ich vergaß Nick.

„Menschen, die so traurig sind, passen nicht ins Programm“ (Nick Hornby)

Jahre später erschien eine aufwändig gemachte LP-Kassette mit 3 Platten, „Fruit Tree – The complete recordings of Nick Drake“. Natürlich kaufte ich die Kiste, und nun erklangen sie wieder, die Stücke, die ich vor ein paar Jahren auf diesem magischen Bauernhof in England gehört hatte. River Man. Three Hours. Way to Blue. Fruit Tree. Und die anderen, die ich noch nicht kannte, von den späteren LPs „Bryter Layter“ und „Pink Moon“, und dann las ich alles über Nick Drake in dem beiliegenden Booklet. Seine Platten hat niemand damals wahr genommen, und heute zählen sie zu den größten Werken, die die Geschichte der populären Musik aufweisen kann. Am 25. November 1974  hat Nick Drake sich mit 26 Jahren das Leben genommen. Die Welt war zu viel für ihn.

Ich sehe ihn noch auf der Matratze sitzen, die Beine gekreuzt, die Augen geschlossen, die Gitarre in den Händen, drum herum Katzen und ein schlafender Hund, und es dampft Tee, und es riecht nach Shit und Kräutern und Kaminholz und Dung.

Nick Drake When the day is done

Nick Drake River Man

Nick Drake  Place to Be

Nick Drake One of These Things First

Nick Drake Black Eyed Dog

Dokumentation A Skin Too Few - The Days of Nick Drake

Wikipediaeintrag zu Nick Drake

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Leserpost (13)
Daniel Löw / 27.11.2017

Einen guten und wahren Text zu erkennen, lieber Herr Arnold Warner, ist fast genauso wichtig, wie selbigen schreiben zu können. Denn was wäre ein solcher Text schon wert, ohne den Leser, der ihn versteht: Nichts weiter als ein schönes Lied, gesungen für die Bäume, die Steine und den Wind;

Sepp Steinbrecher / 27.11.2017

Ohne Quatsch: ich habe den Beitrag gelesen, noch mal schnell auf Wiki nachgeschaut und mir zwei seiner drei Alben bestellt. Ich hab noch nie von ihm gehört, ich denke, in den nächsten Tagen wird sich das grundlegend ändern! Danke Herr Bechlenberg!

Marcel Seiler / 26.11.2017

Was für ein wunderbarer Text! Welche wunderbaren Sehnsüchte! – Wenn ich solchen Text lese, frage ich mich, wie diese Sehnsüchte und die bürgerliche Gesellschaft, die m.E. beide einen Wert haben, zusammenpassen sollen/können.

Gabriele Schulze / 26.11.2017

Shame over me! Bin mit Cream, Dylan, Mayall et al. durch meine teens und twens gereist und erfahre erst hier von Nick Cave. Vielen Dank und bless youtube!

Arnold Warner / 26.11.2017

Bin eigentlich kein Kommentarschreiber, aber hier komme ich nicht umhin. Ich habe den Text jetzt mehrfach gelesen und bin von Mal zu Mal tiefer von seiner literarischen Qualität beeindruckt. Ausgerechnet die lakonische Erzählweise trägt paradoxerweise dazu bei, dass die Geschichte emotional so stark berührt.  Und der letzte Absatz ist geradezu meisterlich, sprachlich (durch den Wandel ins Präsens) wie atmosphärisch (durch den Wandel ins Präsens). Danke. Und danke für die Musik.

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