Archi W. Bechlenberg / 08.10.2017 / 06:21 / 0 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Hallo Taxi!

Die Einführung der mobilen Alkoholkontrolle im Jahre 1967 traf die britischen Autofahrer völlig unerwartet und drückte sie mit dem Rücken an die Wand. Nur eine kleine Gruppe von Männern hielt die Stellung gegenüber der größten Landplage, mit welcher die motorisierte Welt jemals konfrontiert war: der Fußgänger. Verwegene Taxifahrer, tapfere und unerschrockene Männer, versuchten sich aufzulehnen, indem sie sich fortan nur noch einer Sache widmeten: die Straßen frei zu halten von Fußgängern und so den motorisierten Verkehrsteilnehmern ihren natürlichen Lebensraum zurück zu erobern. Ihnen sei dieser Text gewidmet.

Es war Marty Feldman, der wenige Jahre später mit der Rolle als junger Taxi-Kadett Nipper den Helden ein filmisches Denkmal setzte. Nipper stößt als Rekrut zu einer kleinen Gruppe von Taxifahrern und soll einen kurz zuvor aus dem Verkehr gezogenen Kollegen ersetzen. Anfangs misstrauisch beäugt („Mein Gott! Jetzt schicken sie uns schon Kinder!“) beweist Nipper bald, dass er mit Leib und Seele dabei ist, wenn es darum geht, die zweibeinige Geißel der Motorisierung von der Straße zu fegen. Er nimmt für einen erlahmten Veteranen an seiner ersten Attacke teil und kehrt stolz mit gleich zwei Abschüssen zurück ins Hauptquartier. Doch die Schlacht hat gerade erst begonnen und erfordert weitere Opfer...

Ich bin kein nennenswerter Taxinehmer, selten zieht es mich in die große Stadt, zu einem Bahnhof, einem Hotel oder einem Rendezvous, und wenn, ziehe ich stets das eigene Auto vor. Nicht, dass ich etwas gegen Taxifahrer hätte, ich bin bloß ein unerträglicher Beifahrer und habe gerne die Kontrolle über das Geschehen. Andererseits waren meine Taxifahrten nicht selten Erlebnisse, deren nachhaltiger Wert weit über den Transport von A nach B (manchmal über C, D, E, C, F, C) hinaus ging, und an die meisten erinnere ich mich gerne.

Das feuchte Ende einer Fahrt

Die vermutlich erste fand auf der griechischen Insel Naxos statt, wo ich samt Freundin Ende der 1970er Jahre strandete. Strandete, weil wir eigentlich zu einer anderen Insel wollten, doch just da begannen die Fährmänner zu streiken, so dass es kein Weiter gab. Am Hafen empfing uns ein freundlicher Taxifahrer, der mit viel Gestik und zwei drei englischen Brocken anbot, uns zu einem netten, preiswerten und zudem zimmerfreien Hotel zu fahren. Der damals noch in Drachmen berechnete Fahrpreis war mehr als akzeptabel, umgerechnet 5 DM. So stiegen wir ein und erwarteten, dass uns der Wagen jetzt hinauf in den Ort bringen würde, aber er nahm vom Hafen zügig Kurs in Richtung Strand. Was uns noch nicht wirklich beunruhigte, jedenfalls nicht, bis er auch die letzten Häuser hinter sich ließ und nun mit einem Affenzahn über den Sandstrand heffelte.

Fragen konnte man den Mann nichts, er blickte nur ab und zu länger nach hinten - mit Gegenverkehr war ja nicht zu rechnen – und lachte uns zahnlückig entgegen. Dann kam der erste Priel, man sah ihn von weitem und erstarrte, doch der Fahrer legte einen Zahn zu und pradatschte souverän durchs Wasser. Es war nicht tief, folglich kamen wir Sekunden später wieder auf festen Sand, und so ging es nun weiter. Sand, Priel, Sand, Priel, Priel, Priel, Sand. Doch einige der Wasserläufe lagen durchaus im Überlappungsbereich zwischen Priel und Balgen, und so kam, was kommen musste – der Wagen blieb stecken. Der Fahrer schimpfte, was das Zeug hielt; offenbar hatte er die Nummer „Jetzt zeige ich den Touristen mal, was ein Taxichauffeur auf Naxos alles drauf hat!“ mutwillig überzogen.

Wir saßen verschüchtert auf der Rückbank des rostigen Benz und stellten uns vor, nun würde Treibsand oder schlicht die Schwerkraft die Kiste samt Insassen in den Schlick ziehen. Ein schreckliches Ende, dabei hatten wir doch gerade erst die Überfahrt von Piräus nach Naxos überlebt, bei der sich die kleine Fähre mit letzter Kraft durch den Meltemi, einen heftigen kalten Wind gearbeitet hatte, und alles schien nach der Landung doch noch gut zu werden. Bis jetzt. Was uns besonders beängstigte war die Tatsache, dass auch der Fahrer jegliche Gelassenheit fahren ließ; man sehnt sich ja in solchen Situationen sofort nach einem Führer, der mit „Wir schaffen das!“ alle Zweifel an einem guten Ausgang wegfegt. Nicht so unser Fahrer. Mehrfach öffnete er seine Türe, schaute fluchend nach unten und versuchte noch ein, zwei Mal mit Motorkraft Poseidons Griff zu entkommen.

Es war sinnlos, und das sah er dann auch ein. Mit kraftloser Gestik und zwei drei englischen Brocken machte er uns klar, hier sei die Fahrt zu Ende, wir sollten bezahlen und dann aussteigen, immer geradeaus ein paar Minuten den Strand entlang, dann sei dort das Hotel. Wir ließen uns nicht lange bitten, ich gab ihn die Drachmen ohne weitere Diskussion (immerhin waren die 5 DM bis zum Ziel ausgemacht worden, aber Kleinlichkeit erschien mir hier nicht angebracht) und wir stiegen aus. Es war nicht tief, das Wasser reichte nicht einmal bis zu den Knien und der Boden war einigermaßen fest. Für Füße, nicht für Taxis. Wir schnürten rasch davon, drehten uns nicht mehr um und erreichten eine halbe Stunde später das Hotel. „Warum ist er nicht mitgekommen?“ fragte die Freundin, „oder hat uns wenigstens gebeten, dort Bescheid zu sagen?“ Ich lächelte milde. Sie war halt eine Frau und konnte sich nicht in die Seele eines Taxifahrers auf Naxos versetzen, der sein restliches Leben, dem Spott der ganzen Insel preisgegeben, nie mehr glücklich geworden wäre und seinen Lebensunterhalt fortan mit Krabbenpuhlen hätte bestreiten müssen. Auf einer anderen Insel natürlich.

Teheran statt Taxifahren?

Ein paar Tage später trafen wir den Mann vor dem Hotel, wo er uns wie alte Freunde begrüßte; offenbar hatte er sich bereits davon überzeugt, dass wir dem Manager des Hauses nichts von seiner Tollpatschigkeit erzählt hatten, und er erwies sich als ausgesprochen dankbar, indem er uns für den Abend zu einer ein paar Hundert Meter entfernten Strandhütte eines Vetters oder Bruders einlud, in der es Retsina zu trinken gab. Wir zogen zu Fuß dorthin, und es wurde eine muntere Nacht, an die ich mich nicht mehr erinnere. Meine Freundin wollte mir später weismachen, ich sei quer auf einem Esel liegend zurück transportiert worden, aber ich halte das bis heute für einen Schabernack.

Um einiges prosaischer waren Taxifahrten durch Paris, meist vom Gare du Nord bis zum Hotel im Zentrum. Da die ersten Transporte mangels meiner Ortskenntnis zu umfangreichen Stadtrundfahrten mutiert waren, nahm ich fortan lieber die Metro oder ging ein paar Kilometer zu Fuß, als mich noch einmal ausplündern zu lassen. Später, als ich mich auskannte, nahm ich wieder das Taxi, nur um den Fahrer dann beim zuverlässig eintretenden Betrugsversuch zu erwischen. Das machte Spaß und war eine späte Genugtuung für die früher von deren Kollegen ergaunerten Scheine.

Eigentlich wollte ich zu Beginn des Studiums 1974 selber Taxifahren, ein paar Kommilitonen machten das, und es gab meist gutes Geld, vor allem für Nachtschichten. Doch dann kam ein Freund und erzählte, er habe einen Fahrerjob, der weitaus mehr einbringen würde als Taxi durch eine eher langweilige Stadt zu chauffieren. Er bot mir an, mit einzusteigen. Es ging darum, für einen persischen Ex-Studenten, der hauptsächlich mit Teppichen dealte, gebrauchte Mercedesse in den Orient zu fahren, genauer: nach Teheran. Pro Fahrt gab es 1500,- DM, und mein Freund war bereit, die zu teilen, da sich zu zweit die weite Fahrt von gut 5000 km besser und schneller bewältigen ließ. 10 Tage später wären wir per Zug wieder zurück und könnten die nächste Karre in Pahlewis Reich bringen. Das klang gut, und so schlug ich ein. Allerdings konnte ich aus Gründen erst die übernächste Fahrt mitmachen, und so fuhr mein Freund noch einmal alleine. Zwei Wochen später sahen wir uns wieder, er meinte, er fühle sich nicht so recht, und wir würden erst ein paar Tage später aufbrechen. Dann kam ein Anruf, seine Freundin ließ mich wissen, er läge auf der Isolierstation des Klinikums mit Verdacht auf Typhus. Der Verdacht bestätigte sich, und wir sahen uns viele Wochen lang nur von ferne, und meine Lust, Autos nach Teheran zu fahren, war darüber verdampft, und den Taxischein habe ich auch nicht mehr gemacht.

Schweigen aus Respekt

Meine vorerst letzte Taxifahrt war vor einer Woche in Berlin. Von Berliner Taxifahrern habe ich schon oft gehört, und nie etwas positives. Aber das trifft ja auch auf den Berliner ganz generell zu und auf die Stadt ohnehin. Dieser Fahrer war anders. Ein gelassener Mensch mit weitem karierten Hemd über mächtigem Ranzen, der, gefragt, in welchem Stadtteil wir gerade seien, freundlich Auskunft gab und zu einem Gespräch geradezu einlud. Seit Jahrzehnten fuhr er Leute durch die Gegend, und er wusste um die Dinge. Mit Achsekollege und Freund Manfred Haferburg und unseren Liebsten lauschte ich dem angenehmen Chauffeur, der auf die Frage, welche Stadtteile man heute nicht mehr betreten könne, souverän mit „Neukölln und Prenzlauer Berg“ antwortete. Und zuletzt erzählte er uns den Witz, warum Frauen aus Schwaben keine Stringtangas tragen würden. „Weil sie daraus keine Putzlappen machen können.“

Es gab in meinem Leben manche Taxifahrt nach dem Schema Einsteigen – Fahren – Bezahlen – Aussteigen; wahrscheinlich die meisten, ich erinnere mich nicht. Ich beginne selten ein Gespräch, aus Respekt gegenüber dem Fahrer, von dem ich zunächst annehme, er wolle sich auch nicht mit Belanglosem volltexten lassen. Woody Allen hat geschrieben, am meisten nerve ihn am Taxifahren die Frage „Und, haben Sie auch das Spiel gestern Abend gesehen?“ Einmal, es war in Köln, musste ich allerdings etwas sagen. Es regnete in Strömen, es war herbstlich dunkel, es war viel Verkehr und mein linker Innenmeniskus schmerzte, und es lief leise eine wunderbare Musik, die mir zugleich bekannt wie unbekannt war. „Sie haben schöne Musik“ sagte ich, „wer spielt da?“ Der Taxifahrer – wie sich herausstellte ein Student mit brotlosem Studiengang – war erkennbar erfreut und drehte ein wenig lauter. „Mögen Sie die CD? Ich habe sie heute gekauft. Das ist ein Geiger namens Gidon Kremer, er spielt einen argentinischen Komponisten namens...“ „Astor Piazzolla“ ergänzte ich. Wir sahen uns kurz an, schweigend in tiefem Verständnis, und dann stellte der Fahrer das Taxi am nächsten freien Platz ab und machte Motor und Taxameter aus, und dann lauschten wir der Musik von Anfang an, und der Regen pladderte die Scheiben zu und Verkehr und Köln verschwanden, und wäre es nach mir gegangen, stünden wir heute noch dort.

Marty Feldman hier

Gidon Kremer spielt Astor Piazzolla: Oblivion

Gidon Kremer spielt Astor Piazzolla: Soledad

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