Archi W. Bechlenberg / 23.07.2017 / 06:10 / Foto: Archi W.Bechlenberg / 2 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Billiken

Es ist viele Jahre her, da durchstromerte ich auf der Suche nach Möbelstücken im Stil der Art Nouveau wochenends eine Reihe von belgischen Trödel- und Antikläden. Im Zuge dieser Ausflüge entdeckte ich in einem kleinen Ort nahe Lüttich eine reichlich marode Shedhalle, die bis auf den letzten Quadratmeter mit völlig eingestaubtem Geraffel vollgestopft war, durch das sich – Wildpfaden ähnlich - ein labyrinthisches Netz von schmalen und schmalsten Gängen zog. Gleich neben der Halle befand sich eine alte, früher wohl mal recht ansehnliche Villa, an der ein Schild auf Brocante hinwies und in deren Vorgarten, quasi als Teaser, da man der Halle selber von außen ihren kommerziellen Zweck nicht ansehen konnte, weiterer Kram vor sich hinfaulte, -moderte und -rostete.

Das Schild hatte mich zum Anhalten veranlasst, und ich betrat guter Dinge das Haus. Mich empfing eine schratartige Gestalt, der es, trotz dauerhaften, infernalischen Hustens gelang, die aus gelbem Maispapier gerollte Zigarettenkippe zwischen den Lippen zu behalten und dabei auch noch zu sprechen. Ob er denn Möbel habe, fragte ich, und er hustete mir ein „Oui“ entgegen. Ansonsten war der Mensch recht wortkarg, er gab mir aber mit dem rechten Arm ein Zeichen, ihm zu folgen. Er röchelte mir voraus, arbeitete sich mühsam die vier oder sechs Stufen vor der Villa herunter und ging ein paar Meter bis zum Tor der Halle, die ich bis dahin nicht weiter beachtet hatte. Mit einer weiteren Geste bedeutete er mir, ich möge doch mal einen Flügel des Tores aufstemmen, was tatsächlich nicht leicht war, da die Scharniere – nun, ich war jung und kräftig, und so bekam ich das Tor weit genug auf, um hindurch zu gehen.

Ali Baba dürfte bei seinem ersten Besuch mit ähnlichem Staunen die Höhle der 40 Räuber betreten haben – schon ein flüchtiger Blick ließ mich ahnen, dass sich hier unter teils armdicken Staubschichten so manches Juwel aus der vor allem in Belgien einst hoch entwickelten Periode des Jugendstils verbarg.  Ich darf  gar nicht daran denken, wo ich heute residieren könnte, hätte ich damals genug Geld und Geschäftssinn gehabt, um hier mehr als das zu kaufen, was ich für das eigene Haus suchte und damit – nach dem Entstauben - zu handeln. Also denke ich nicht daran.

Dem Schrat war inzwischen die Kippe wenige Millimeter vor den Lippen ausgegangen, und es zog ihn zurück nach nebenan. Ich solle mich ruhig umschauen, hustete er beim Rückzug, und wenn ich etwas fände, solle ich rüber kommen und Bescheid sagen, er werde mir dann gehörig das Fell über die Ohren ziehen (das sagte er so natürlich nicht, aber die Gier in seinen Augen war ehrlich und aufrichtig und unmissverständlich).

„Nimm mich mit!“ hörte ich leise eine fistelige Stimme

Nun war ich allein. Ich sah mich um. Als erstes entdeckte ich eine Garderobe, verziert mit allerlei floralen Schnitzereien sowie einem Fries aus schönen Jugendstil-Reliefkacheln. Die war schon mal so gut wie gekauft. Zwei schöne Stühle gefielen mir ebenfalls, auch wenn die Lederbezüge der Sitze unter dem beiseite geschobenen Staub marode aussahen. Das ließ sich leicht reparieren. Dann war da noch eine Kommode aus rötlich gebeiztem Holz, die sich bereits dem Übergang zur Art Deco zuordnen ließ. Ihre erstaunliche Tiefe von immerhin 35 cm prädestinierte sie zur zukünftigen Funktion als Plattenschrank. Ein Medizinkästchen mit ovalem Spiegel auf der Türe konnte ich mir gut in der Küche vorstellen. Und dann fiel mein Auge auf einen eher  schmucklosen Geschirrschrank mit gläsernen Türen. Dahinter sah ich ein ganzes Sammelsurium von Nippes aller Art. Vielleicht waren ja ein paar hübsche Teller darunter.

Ich öffnete eine der beiden Türen und sah hi- - -  nein, das war alles hässlich und bestensfalls polterabendkompatibel. Bis auf eine seltsame, verblichen-goldene kleine Figur, kaum acht Zentimeter hoch. Seltsam, weil es sich offenbar um eine Art Buddha handelte, aber auch wieder nicht. Das Männeken saß nicht im Lotussitz, sondern mit ausgestreckten Beinen und knubbeligen Füßen entspannt im Hier und Jetzt, hatte spitze, Mr. Spock-artige Ohren und ein so unverschämt dreistes Grinsen in den Mundwinkeln, dass es mich magisch anzog. Was war das? Eine Art bizarres Asiaticum, enstanden im Opiumhirn eines wirren Weisen? Immerhin, während der Zeit des Jugendstils waren asiatische Kunstwerke hoch angesehen und dienten oft als Vorbilder für Verzierungen und andere ornamentale Spielereien; von daher passte das Figürchen durchaus in dieses Umfeld. Aber merkwürdig war es schon. Ich nahm es  aus dem Schrank und sah es mir genauer an. Enttäuschung stellte sich ein, keine Bronze, nicht einmal eine Keramik – die weiße, ziemlich angestoßene Unterseite verriet, aus was das Kerlchen geformt war. Ich gab ihm einen Stips, und es war Gips.

„Nimm mich mit!“ hörte ich leise eine fistelige Stimme, nicht unähnlich der, mit welcher Asiaten in deutsch synchronisierten, amerikanischen Filmen reden (jedenfalls früher, heute können die wahrscheinlich sogar das „l“ korrekt aussprechen), zum Beispiel Hop Sing in „Bonanza“ oder Mr. Yunioshi in „Frühstück bei Tiffany's“. Kein Zweifel, das Männlein hatte gesprochen. Ich gestehe hier und heute, dass ich einen Moment daran dachte, den Gnom, der offenbar bloß als Dekoration im Schrank stand, einfach einzustecken, aber ich tat es natürlich nicht. Statt dessen ging ich rüber zu dem inzwischen wieder aus vollem Rohr qualmenden Schrat und zählte meine Möbel-Wünsche auf. Sein Mund verzog sich zu einer Art erfreutem Grinsen, und beinahe wäre ihm dabei die Kippe doch entglitten. Natürlich zog er mir das Fell über die Ohren, aus heutiger Sicht allerdings war es eine win-win-Situation, und als ich ihm die Figur hinhielt, in der Hoffnung, er würde sie mir quasi als Bonus mitgeben, knöpfte er mir dafür, ohne zu zögern, auch noch 20 belgische Francs ab. Immerhin eine ganze, gute, harte DM.

Auf der Spur meines Gnoms

Ich zahlte die Hälfte der Gesamtsumme an, steckte das Männlein ein und holte am nächsten Tag mit einem gemieteten Anhänger die Möbel ab. Sie gefallen mir heute so wie damals. Und eine Pointe habe ich obendrein parat: Ein paar Wochen später fuhr ich nochmal zu dem kleinen Ort nahe Lüttich, ich hatte etwas Geld zusammen getragen und dachte daran, mich erneut übers Ohr hauen zu lassen; da war doch so ein nettes kleines Beistelltischlein gewesen … In der Villa war niemand anzutreffen; drauf ging ich zur Halle, aber die war mit einer Kette verschlossen, und so warf ich einen Blick durch eins der Rostlöcher im eisernen Tor nach innen. In dem bei meinem vorigen Besuch ausgesprochen finsteren Raum war es ungewöhnlich hell, geradezu taghell. Das gesamte Sheddach war eingestürzt, und seine Trümmer bedeckten flächig all den Staub, der die Möbel bedeckte. Ob auch der Schrat...? Ich wollte es nicht wirklich wissen.

Jahrzehnte lang saß das goldige Pausbäckchen in meiner Bleibe, mal hier, mal dort, meist an meinem Arbeitsplatz, eine Zeit lang auch in einem Bücherregal. Manchmal erwog ich, ihm einen neuen Anstrich zu verpassen, ließ es dann aber doch sein. So wie ich alterte, so sollte auch er nach und nach seinen Glanz verlieren. Den er, so lange ich ihn kannte, ohnehin nie besessen hatte.

Die Jahre vergingen. Der Gnom war nur einer von unzähligen Staubfängern im Haus, fiel allerdings aus dem Rahmen, da die meisten anderen wie Matrosen ohne Hosen gekleidet waren und gelbe Schnäbel trugen. Ich hatte mir schon lange keine Gedanken mehr darüber gemacht, woher er kam und welchen kulturellen Hintergrund er wohl besaß. Bis er mir eines Tages aus einem Buch entgegen grinste. Ich hatte einen Bildband über die Kunst der Lithografie auf alten Cigarrenkisten gekauft, und darin war das farbenfrohe Werbebild einer Havannamarke zu sehen, einer Marke, von der ich noch nie gehört hatte, die also spätestens mit Castros Machtübernahme 1959 vom Markt verschwunden war, wenn nicht schon früher.

Die Marke hatte den wenig cubanisch klingenden Namen Billiken, und auf der Grafik sieht man unter dem Schriftzug Gran Fabrica de Tabacos vor einem blauen Himmel mit strahlender Sonne meinen Gnom! Nicht irgendwie ähnlich, sondern exakt bis in die knolligen Zehen. In goldener Schrift prangt das Wort BILLIKEN quer über den Burschen. Sollte es sich bei meinem aus der Halle in einem kleinen Ort nahe Lüttich stammenden Fund um eine Werbefigur für einen cubanischen Tabakwarenproduzenten handeln, ähnlich dem Michelin-Männchen? Die Vermutung lag nahe, erwies sich aber dank des allwissenden Internets als falsch. Denn die Figur gab es bereits vor der Cigarre; der Hersteller Santalla & Cie aus Havanna hatte sie nur für seine Produkte adaptiert.

„Geboren“ ist Billiken in Nordamerika

Was früher für Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track vom Fähnlein Fieselschweif das „schlaue Buch“ war, ist heutzutage das Internet, und dank diesem erfuhr ich nun endlich, was es mit dem sympathischen kleinen Burschen auf sich hat. Er heißt tatsächlich Billiken und hat mit dem Buddha, der heute betonschwer und palettenweise in Bau- und Gartencentern auf Käufer lauert und folglich auf Fensterbänken und in  nutz- und sonnenlosen Gartenecken zu finden ist, nichts zu tun, auch wenn er ein wenig an den chinesischen Glücksbuddha Mi-lo fo und den japanischen Bodhidharma erinnern mag. „Geboren“ ist Billiken in Nordamerika, dort erschien er einer entweder sehr verpeilten oder sehr geschäftstüchtigen Dame namens Florence Pretz im Traum. Florence, künstlerisch tätig, fertigte eine Zeichnung ihrer Vision an und ließ sich die Figur 1908 patentrechtlich schützen. Wenig später begann die Massenproduktion des Billiken, der clever als Glücksbringer angepriesen wurde, ein Argument, das noch stets auf schlichte Gemüter seine Anziehungskraft ausgeübt hat. Ein halbes Jahr nach Produktionsbeginn gab es bereits 200.001 glückliche Menschen mehr in den USA; 200.000 Käufer und 1 Florence.

Billikens wundersames Wirken zog rasch weitere Nutznießer an. Sportclubs wählten ihn als Maskottchen,  Flugzeugpiloten – in der Pionierzeit der Fliegerei besonders glücksbedürftig – ebenfalls, sie trugen kleine Billiken als Anhänger mit sich und pinselten Billeken auf den Rumpf ihrer fliegenden Kisten. Ein Start ohne Billiken, so wusste man, führte geradewegs ins Verderben. Längst hatte sich die Notwendigkeit von Billikens Beistand bis nach Deutschland verbreitet, und Fokkerpiloten führten im 1. Weltkrieg stets eine Billikenfigur mit sich. Wurden Jagdflieger dennoch abgeschossen oder stürzten einfach so ab, stand für jeden vom Fach fest: da war jemand ohne Billiken unterwegs gewesen.

Auch in Alaska erfreute sich der goldige Gnom zunehmender Beliebtheit, erst recht, nachdem Eskimos entdeckt hatten, dass man ihn recht hübsch aus Elfenbein schnitzen und in Souvenirgeschäften verkaufen konnte. Die Billiken aus Alaska waren so weit verbreitet, dass lange angenommen wurde, es handele sich bei der Figur um originäre Eskimokunst. Diesem Irrtum saß zunächst auch die Anthropologin und Historikerin Dorothy Jean Ray auf, die 1960 erstmals einen Aufsatz über das Billiken in einem Magazin publiziert hatte. Ray entdeckte schließlich nach langjähriger Forschung die eigentliche Herkunft des Glücksbringers in Person seiner Mami  Florence Pretz.

Zur Zeit der Billiken-Manie, also in den esten Jahren nach 1909, dürfte auch  Santalla & Cie aus Havanna auf die Idee gekommen sein, eine Cigarrenmarke nach ihm zu benennen; ob man mit dem Versprechen, das Rauchen der Stumpen bringe Glück, geworben hat, ließ sich leider nicht mehr feststellen, ist aber durchaus denkbar. Mein gipserner Billiken ist ein Billigversion, es gab Billiken aus Gusseisen, sie dienten oft und gerne als stabile Spardosen. Dass Billiken sogar bis nach Asien gelangte und dort heute in Form von teils überdimensionierten Statuen herumsteht und wie ein Gott verehrt wird, gefällt mir besonders, wo hat man sonst schon die Möglichkeit, quasi als Zeitgenosse Tinnef  bei der Gottwerdung zu beobachten? Bei den Abertausenden früherer Götter ist das schließlich lange her. Hier ist ein besonders hübsches Exemplar in Osaka, wo er als „The God of Things As They Ought To Be“ verehrt wird.

Ich hätte mir nie vorstellen können, was alles an Geschichte hinter der Figur stehen konnte, die ich dereinst in einem kleinen Ort nahe Lüttich fand. Doch damit nicht genug: Eine Information über Billiken und seine glücksbringenden Fähigkeiten hat mich beim Schreiben dieses Textes wahrhaftig bis in Mark und Bein getroffen. Es heißt nämlich, dass Billiken besonders viel Glück bringt, wenn ihn jemand verschenkt und noch mehr, wenn er gestohlen wird! Was das bedeutet, liegt auf der Hand: hätte der gierige Trödler mir dereinst nicht 20 Francs dafür abgeknöpft oder hätte ich ihn einfach eingesteckt, würde die Halle mit den schönen, alten Möbeln heute noch stehen.

Billiken auf einer Cigarrenbinde

Billiken vor der Saint Louis University

Der Artikel von Dorothy Jean Ray über Billiken mit weiteren Links und Bildern

Billiken in Osaka auf dem Tsūtenkaku, einem 103 Meter hohen Sende- und Aussichtsturm 

Billiken bei Wikipedia

Diverse Billiken aus aller Welt

Billiken Billiken Billiken

Foto: Archi W.Bechlenberg
Leserpost (2)
Hjalmar Kreutzer / 23.07.2017

Vielen, vielen Dank! Die Figur Billiken war mir bis eben völlig unbekannt. Ein besonders ironischer Hakenschlag ist ja die Story von der angeblichen Original-Eskimokunst in Nachahmung des Figürchens. Dass ein auf allen Seiten des 1. und 2. Weltkrieges von Fliegern genutzter Glücksbringer derart in Vergessenheit geraten konnte, ist schon frappierend. Die Geschichte vom hustenden Schrat im Möbeltrümmerhaus rettet mir den verregneten Sonntag im Bett. Freundliche Grüße.

Franck Royale / 23.07.2017

Wunderbar, danke. Wenn mich beim nächsten Brüssel-Besuch wie immer das dortige Trödel-Angebot “erschlägt”, werde ich sicherlich an diese Geschichte denken.

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