Archi W. Bechlenberg / 05.11.2017 / 06:00 / Foto: Fabian Nicolay / 4 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Auf der Resterampe

Ich habe zu Resten ein gespaltenes Verhältnis. Reste haben keinen guten Ruf. Das mag vor allem von der Kombination der Wörter 'Reste' und 'Essen' her rühren. Wir lernten als Kinder, keine Reste auf dem Teller zurück zu lassen, und tat ich es doch, drohte man mir gerne mit der Verlegung meines Lebensmittelpunktes in ein örtliches Kinderheim, dort würde ich gewiss den Wert des Essens richtig einzuschätzen lernen.

Auch die Inhaltsstoffe vieler Produkte rufen vor dem geistigen Auge des Essers den wesentlichen Einsatz von Resten hervor, man denke nur an die Klauen und Schnäbel in so genannter Geflügelwurst. Und seitdem ich zum ersten Mal auf die Zutatenliste einer Tüte Katzenfutter geschaut habe weiß ich, dass man wirklich aus allem noch Geld machen kann. Als „Nebenprodukte” verklauseliert, enthalten die leckeren Knabberklötzchen Federn, Schnäbel, Wolle, Knochen, Urin, zerkleinertes Fell, Klärschlamm, Erdnussschalen, Getreideabfälle, Soja, Fischinnereien, Flossen, Köpfen, Augen oder Gräten. Diese Ekelliste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Es gibt auch Reste, die mich anziehen, und die findet man in Läden, über deren Eingang 'Resterampe' oder ähnliches zu lesen ist. Resterampenbetreiber heißen stets Rudi, wahrscheinlich, weil sie ehemalige, berufslose Germanisten sind, die das Wort „Alliteration“ kennen. Mir würde Reno besser gefallen, nicht nur wegen der schöneren Alliteration, sondern vor allem, weil ich als Kind ein glühender Verehrer des Komikers Reno Nonsens war. Sein griesgrämiges Gesicht, in dem nie auch nur das Restglimmen eines Lächelns zu sehen war, bildete einen angenehmen Gegenpol zu der pausenlosen Fröhlichkeit seiner Mitchargen in der beliebten Sendung „Zum Blauen Bock“, was ihn mir höchst sympathisch machte. Ich liebte den Stinkstiefel. Reno Nonsens wäre für mich die ideale Verkörperung eines Resterampenchefs. Stets schlecht gelaunt, weil sich seine Lieferanten nicht auf unter 10 Cent EK pro Artikel drücken lassen wollen und besonders mies drauf, wenn nicht alles weg geht, er also auf Resten von Resten sitzen bleibt.

Ja, ich gebe es zu: Resterampen und Alles-für-ein-Euro-Läden habe es mir schon immer angetan, dieses unüberschaubare Sammelsurium an Dingen, die entweder unsagbar hässlich oder bis zur Unbrauchbarkeit praktisch sind, zieht mich magnetisch an. Ich kann es mir bis heute nicht verkneifen, in diesen bizarren Bazaren etwas zu erwerben, auch wenn mir klar ist, dass dort gekaufte Batterien schon vor dem Einbau in ein Gerät nicht einmal Reststrom enthalten und Sekundenkleber aus dem 5er Pack für 1 € auch in Stunden nicht abbindet.

Bleistifte, die man nicht anspitzen konnte

Manches Lehrgeld habe ich schon bezahlt, mal für eine Knoblauchpresse, bei deren erster und einziger Benutzung gleich einer der Griffe abbrach, mal für einen armdicken Packen Bleistifte, die man nicht anspitzen konnte, da alle Minen im Inneren gebrochen waren. Auch eine Wachsdecke für den Gartentisch ist mir in Erinnerung, deren farbenfrohes Muster sich beim ersten Abwischen im Schwamm verlor. Und neulich entdeckte ich einen formschönen Handyhalter für die Windschutzscheibe des Autos. Fragen Sie nicht, wohin das geführt hat.

Ganz gleich ob im In- oder Ausland, ich muss diese Läden betreten und in allen Ecken erforschen. Zum einen kann ich damit die Zeit überbrücken, die meine Frau im Schuhladen oder Drogeriemarkt nebenan verbringt, zum anderen wandele ich dort auf den Spuren meines seligen Vaters, dazu später mehr.

Mein liebster Restemarkt wurde irgendwann Anfang der 1990er Jahre bundesweit mit vielen Filialen eröffnet, und zu meiner großen Freude auch in meiner Stadt. Ein gewisser, nein, nicht Rudi, sondern Werner Metzen - nicht Wetzen - hatte das Unternehmen gegründet und machte damit ein schönes Vermögen. Ich mochte den Mann, in jeder Talkshow und jedem Fernsehbericht über ihn wedelte er mit einer mächtigen Montecristo A um sich. Begonnen hatte Metzen mit dem üblichen Kram, Konkursmasse, Überproduktionen und Auslaufmodellen. Dann spielte ihm mit der Wende das Weltgeschehen in die Hände, und er übernahm im großen Stil das gesamte Geraffel, welches die abgewickelte NVA der BRD hinterlassen hatte. Das meiste davon bildete in riesigen, übel riechenden Kartons amorphe Massen, bei denen man auch mit viel Fantasie nicht mehr sagen konnte, was das mal war, aber die Leute kauften es, weil billig. Wer fragte da noch nach einem Nutzen? Notfalls konnte man ja leeren Raum in der Mülltonne damit ausfüllen.

Ich erwarb bei Metzen zwei schöne und grundsolide Munitionskisten vom Russen, die ich rechts und links an meinem Motorrad befestigte und die mir jahrelang bei der BMW (Bitte Mal Werkzeug) gute Dienste taten; man konnte darin leicht eine fast vollständige Werkstatt transportieren, was ich auch tat, und das habe ich bei meinen Reisen nie bereut.

Zu Metzens gelungenen Publicitycoups gehörte die Anstellung eines gewissen Prinz Carl Alexander von Hohenzollern als stellvertretender Leiter einer Filiale, und zu meiner Freude war es die Filiale in meiner Stadt. Carl Alexander war damals auch als Prinz Lüstern bekannt, irrlichterte fleißig durch die Knallpresse und wurde wegen zahlreicher standesgemäßer Eskapaden von seinem Clan verstoßen. Sein Äußeres hat gewiss viele Kunden davon überzeugt, dass es manchmal nicht falsch ist, eine Gasmaske über dem Kopf zu tragen, und so wurde Metzen auch diese los, denn davon hatte die NVA reichlich übrig gehabt.

Dies zum Thema „Weisheit der Naturvölker.“

Metzen starb früh und der Prinz verscholl später im Himalaya, wo er, so eine von ihm noch abgesetzte Nachricht, sich bei einem Nomadenstamm aufhalte, der ihn auf Grund seiner hellen Hautfarbe als Gott ansähe. Dies zum Thema „Weisheit der Naturvölker.“ Vor ein paar Jahren tauchte Carl Alexander plötzlich wieder auf und heiratete eine gewisse Kongo-Corinna (21). Die flog allerdings gleich nach der Eheschließung nach Österreich, um ihre restlichen Papiere zu holen – „aber sie kam einfach nicht zurück”, so der verlassene Prinz traurig auf den Resten seiner großen Liebe hockend. Zuvor war schon die geplante Hochzeit mit einem Tangamodel namens – ach, ist doch egal.

Geerbt habe ich den Hang zu Restbeständen ohne Zweifel von meinem Vater, auch wenn ich das bei ihm für die allem den Rest gebende Pest hielt. Früher. Wir können uns anstrengen wie wir wollen, letztendlich werden wir doch wie unsere Eltern.

Seitdem mein Vater im Ruhestand war verbrachte er viel Zeit damit, durch Baumärkte und Baustoffhandlungen zu schnüren und hier ein paar Restrollen Tapete oder dort zwei einviertel Quadratmeterchen Kacheln mitzunehmen, natürlich zu unschlagbaren Restepreisen. Als er anbot, mir beim Renovieren meines frisch erworbenen kleinen alten Hauses auf dem Land zu helfen war ich ihm sehr dankbar, ahnte aber nicht, was auf mich zukam. Mein Vater war nämlich überglücklich, nun endlich die gesammelten Schätze aus seinem Keller verarbeiten zu können.

Und so prangten plötzlich Kacheln über der Küchenarbeitsplatte, deren Muster mich an einen sehr üblen LSD Trip erinnerten. Das Treppenhaus bekam eine Vinyltapete („Die kannst du sogar abwaschen!“) verpasst, die Rauputz imitierte. Und entlang der Kellertreppe modert noch heute eine Tapete mit Natursteinmuster, von der mein Vater ein paar Rollen irgendwo aufgelesen hatte. Ich konnte wenig dagegen einwenden, da der Hauptteil des Kaufpreises für das Haus von meinem Vater stammte, und so machte ich bei etlichen seiner Aktionen gute Miene zum Spiel.

Ich strich die psychedelischen Küchenkacheln weiß

Gegen die Begradigung der alles andere als senkrechten Innenwände durch Rigipsplatten konnte ich mich erfolgreich wehren, da ich die krummen Wände liebte, und mein Vater nahm es zähneknirschend hin, wohl auch, weil das eine Menge Zeit und Geld verschlungen hätte. Aber dann geschah es. In der Türe eines schönen hölzernen Windfangs hinter dem Hauseingang hatte er die alten, matt geätzten Scheiben durch Kunststoffplatten ersetzt, die in braun-gelben Tönen Butzenscheiben imitierten. Fassungslos stand ich davor und bekam kein Wort heraus, während mein Vater mir glücklich erzählte, was diese Platten normaler Weise kosten würden, er hätte die letzten beiden zum Sonderpreis bekommen.

Ich ließ meine endenwollende Begeisterung deutlich spüren, wusste aber nicht, was ich tun könne, und mein Vater ignorierte es einfach, denn ihm gefiel es. Die Lösung kam bereits ein paar Tage später, da trug ich einen Holzbalken ins Haus, stieß damit gegen eine der Butzenscheiben und verpasste ihr einen massiven Sprung. Mein Vater war von der Absichtlichkeit dieses Unglücks überzeugt, verließ schweigend das Haus und ward wochenlang nicht mehr gesehen. In dieser Zeit strich ich die psychedelischen Küchenkacheln weiß und kämpfte tagelang mit der Vinyltapete, die sich nur in kleinen Stückchen abreißen ließ. Als mein Vater dann eines Tages wieder auftauchte, so als sei nichts geschehen, sah er sich das an und sagte kein Wort, aber ich bin sicher, er hat es mir nie verziehen."

ich bin sicher, er hat es mir nie verziehen.

Foto: Fabian Nicolay
Leserpost (4)
Marion Schrezenmaier / 05.11.2017

Ich finde diesen Bericht einfach hinreißend charmant, denn ich bin mit einem ausgesprochenen Kaufmuffel seit 50 Jahren verheiratet, es sei denn, er erblickt einen Resteladen. Dann ist er nicht mehr zu halten, dann darf ich ruhig auch ein bisschen länger im Schuhladen nebenan anprobieren, denn das Gefühl, er könne wichtige Sachen billiger erstehen, ist unbeschreiblich schön. Er kommt dann immer mit einem Spannungsprüfer heraus (keine Ahnung, wo die alle sind) strahlt über ein erstandenes Kabel (kann man immer brauchen) und ist überglücklich, ein Ventil für mein Fahrrad gefunden zu haben. Wenn es dann noch günstige Imbusschlüssel gibt, ist er außer sich vor Freude. Wir gehen dann gemeinsam nachhause, beide glücklich, er mit Spannungsprüfer und Imbusschlüssel, ich mit neuen Stiefeletten und die Welt ist aber sowas von in Ordnung. Stellen Sie sich vor, wir wären zusammen shoppen gewesen im Modehaus - nein, stellen Sie es sich lieber nicht vor, denn er ist eigentlich ein so netter und humaner Mensch. Das würde ich auch nie verlangen. Nee, er versteht ja auch meinen Schuhfimmel und schreibt noch nicht einmal einen Artikel darüber. Danke Dir, mein Schatz.

Karla Kuhn / 05.11.2017

Ich liebe diese Ein Euro Shops auch.  Ich finde darin meistens sehr schöne Blechdosen fürs Weihnachtsgebäck, die woanders viel teurer sind. Das mit den Batterien und dem Kleber kann ich nicht unterschreiben. Bei mir halten die Batterien lange und der Kleber klebt noch nach Tagen an meinen Fingern.  Außerdem gibt es diese herrlich flauschigen Socken aus alten Plastikflaschen, die wunderbar wärmen, ohne Schwitzfüße zu bekommen, für einen Euro.  Ich habe zwar keinen Vater mehr aber einen Mann, der auch sehr gerne Reste aufhebt und dann versucht sie mir unterzujubeln, leider ohne Erfolg für ihn. Allerdings ist es immer lustig. Jedenfalls können wir herzlich lachen, genau wie ich jetzt über Ihren wunderbar plastisch dargestellten Artikel.

Hjalmar Kreutzer / 05.11.2017

Verehrter Herr Bechlenberg, wie immer vielen Dank für Ihren sonntäglichen Text. Die ARD erreichte über den Sender Freies Berlin ja auch die umliegende Gegend in der DDR. Daher waren wir als Kinder (Jahrgang 57) dank unserer Mutter auch dem Blauen Bock und diversen Karnevalssendungen ausgesetzt. Für den Herrn Nonsens empfand ich immer eher Mitleid als armes Karnickel, was den humorbefreiten Streichen von Schenk ausgesetzt war. Auch die diversen in Kompromiss-Hessisch gehaltenen Büttenreden des Herrn Schenk konnte ich erst Jahre später durch die Parodien eines Otto Waalkes (Texte: Robert Gernhardt) so richtig genießen. Wahrscheinlich muss man in der Karnevalstradition im Westen Deutschlands aufgewachsen sein, um diesen Humor schätzen zu können. Sollte es Sie einmal in den hohen Norden verschlagen, empfehle ich den Blaa Market auf Seeland, DK. Herrlicher alter Trödel, Kitsch bis hin zu als elektrisches Mobile aufgehängten geflügelten Schweinchen und ein älterer Herr in der Kostümierung von Egon Olsen, der alte Fernseher verkauft. Einen schönen Sonntag!

jens kruger / 05.11.2017

Danke..sehr schöner Text zum Sonntag..Werner Metzen,meine Ikone der 90er..hätte ihn fast vergessen..nun führen seine ERBEN ,unsere Regierung,die Resterampe weiter..damals wars aber lustiger..

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Archi W. Bechlenberg / 19.11.2017 / 06:25 / 4

Das Antidepressivum zum Sonntag: Fest in jüdischer Hand

Ich muss etwas gestehen: Ich trage gerne Jogginghosen. Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur im Haus oder höchstens mal im Garten. So wie auch…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 12.11.2017 / 06:10 / 5

Das Antidepressivum zum Sonntag: Was hab ich auf dem Kerbholz?

Das war mal wieder eine Woche, ich bin noch ganz außer Atem und hoffe, es ist Ihnen nicht ähnlich ergangen wie mir. Das vergangene Wochenende…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 29.10.2017 / 06:28 / 14

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Der Zug verendet hier

Ich musste erst einmal nachdenken. Wann bin ich zum letzten Mal Bahn gefahren? Das Fotoarchiv wusste zu helfen, es war im Sommer 2013. Da fand…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 24.10.2017 / 18:04 / 21

Sympathy for the Saxons: Feddbämmen zu Schwerdorn

Wenn ein Knilch wie Böhmermann gegen die Sachsen hetzt, heißt das nur eins: sie haben etwas richtig gemacht. Sympathy for the Saxons entwickelte ich bereits…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com