Archi W. Bechlenberg / 09.07.2017 / 06:01 / Foto: Tomasz Sienicki / 3 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Als Trinken noch geholfen hat

Am vorigen Sonntag habe ich wieder einmal die Tour de France live erlebt, eine Etappe führte durch den Nachbarort, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Radfahren, erst recht mit sportlicher Ambition, geht mir ganz und gar am Sitzfleisch vorbei. Daher besitze ich nicht einmal rudimentäre Kenntnisse über die Tour im Allgemeinen und Besonderen. Bei einer Frage nach bekannten Heroen dieser seit 1903 alljährlich ausgetragenen Veranstaltung komme ich bereits ins Grübeln. Natürlich fällt mir Eddy Merckx ein, immerhin ein Landsmann. Rudi Altig ist mir noch ein Begriff, so wie auch Didi Thurau, den ich allerdings häufiger mit Ebby Thust verwechselte, und mit Fausto Coppi lag ich noch mehr daneben, ich glaubte, er sei ein Boxer. Festina, einst bedeutender Teamsponsor, hielt ich viele Jahre lang für eine Nudelmarke. Warum ich mich an Erik Zabel erinnere weiß ich nicht mehr, vielleicht stieß mir sein meist grünes Trikot unangenehm auf.

Dafür ist mir Marco Pantani, der Pirat, auch äußerlich noch in guter Erinnerung, er hatte das, was man einen Charakterkopf nennt; ihn habe ich 1998 tatsächlich fahren gesehen. Er gewann in dem Jahr die Gesamttour, geriet später auf unsolide Spuren und starb mit nur 34 Jahren 2004 an einer Mixtur aus Antidepressiva und Kokain. Auch Tom Simpson ist mir ein Begriff, an seinem Gedenkstein neben dem Anstieg zum Mont Ventoux wird daran erinnert, dass er hier vor genau 50 Jahren – am 13. 7. 1967 - dehydriert und gedopt, für immer vom Rad fiel. Simpson wurde nur 30; bei Radfans, die sich den Ventoux zutrauen, ist es seither Brauch, an der Stelle seines Zusammenbruchs etwas niederzulegen, das mit dem Radeln zu tun hat, zum Beispiel eine Trinkflasche. Aus Mangel an angemessenen Paraphernalien hinterließ ich dort vor Jahren einen Zigarrenstummel.

Es war 1998, da stromerten meine Frau und ich einige Wochen lang durch die Pyrenäen. Wenn das Wetter auf der französischen Seite schlecht wurde, flitzten wir mit dem Mini rasch über die Pässe nach Spanien in die Sonne, und wenn es dort zu heiß wurde, ging es wieder nördlich ins Okzitanische  oder Baskische. Nun sind diese Pässe allesamt seit Anfang an beliebte Tour-Tortouren, und das bekommt man in der Gegend mit, ob man will oder nicht, vor allem dann, wenn im Juli die entsprechenden Etappen anstehen. Asphalt und Mauern sind bemalt mit Namen und aufmunternden Sprüchen, und bei so manchem Pass kommt man als Autofahrer ins Grübeln, wie der sich bloß auf zwei Rädern ohne Motor bewältigen lässt. Unsere Neugier war geweckt. Der kleine Ort Arreau am Zusammenfluss von Neste d'Aure und Neste du Louron  lud für ein paar Tage zum Verweilen ein, und da Arreau zwischen den charismatischen Pässen Col d'Aspin und Col de Peyresourde liegt, hatten sich just zahlreiche Radsportfans eingefunden, um am nächsten Tag die Etappe hautnah mitzuerleben.

Die Rolle des Lehrlings, in Frankreich des „Jeune“

An diesem 21. Juli 1998 ging es von Pau nach Bagnères de Luchon. Seit Tagen war nur noch Doping das beherrschende Thema, es hatte bereits Verhaftungen gegeben, und zwei Tage später sollte das gesamte Festina-Team festgesetzt werden . So weit war es aber noch nicht, als wir uns rechtzeitig am Vormittag ins Zentrum von Arreau begaben. Die den Fahrern voraus ziehende Karawane von Sponsoren und Werbetreibenden war für etwa 14.00 Uhr angekündigt, ein Spektakel, das man „unbedingt gesehen haben müsse“, wir hatten somit ausreichend Zeit, in aller Gelassenheit ein Mittagessen einzunehmen und entschieden uns für das zentral gelegene Hotel de France, das einen solideren Eindruck machte als der Grill vor dem Casino-Supermarché, in dem ein paar angekohlte Hähnchen lustlos ihre Runden drehten. Die Bedienung führte uns in einen Speisesaal, in dessen Mitte etliche Tische zu einer sehr, sehr langen Tafel zusammen geschoben worden waren und wies uns einen Minitisch zu, der einen hübschen Blick auf die Mülltonnen im Hinterhof bot. Doch wir wollten ja hier essen und nicht aus dem Fenster starren, und so war alles gut.

Wir blätterten eben die Menükarte durch, da wurde es im Eingang des Saales unruhig, und schon strömte ein Pulk von 20 oder mehr Gendarmen herein. Für sie war die lange Tafel vorbereitet; sie machten einen aufgeräumten Eindruck und verteilten sich lachend und souverän palavernd auf ihre Stühle. Bis auf einen. Ihm sah man unschwer an, dass er in der Hierarchie dieser Truppe sehr weit unten angesiedelt war, er dürfte kaum älter als 16 Jahre gewesen sein und befand sich somit in der Ausbildung.

Zum ernsthaften Werden eines Werktätigen gehört für geraume Zeit die Rolle des Lehrlings, in Frankreich des „Jeune“. Jeune steht nicht alleine für den Rang innerhalb der Firma, es ist - zumindest vorläufig - auch der Vorname des Auszubildenden. Jeune ist für die Handlangerdienste zuständig, ganz gleich, ob er später einmal Installateur, Maurer, Elektriker oder eben Polizist werden möchte. Jeune trägt seinem Chef die Tasche oder den Werkzeugkasten hinterher und holt nachträglich im Betrieb alles das, was der Meister liegen gelassen hat, als er mit Jeune zum Einsatzort aufbrach. Zu Jeunes wichtigsten Aufgaben gehört, dabei zu sein, so dass später auf der facture die Arbeit von zwei Personen abgerechnet werden kann.

Der uniformierte Jeune im Hotel de France hatte eine davon gänzlich verschiedene, aber ebenso unverzichtbare Aufgabe: Nachdem alle Gendarmen Platz genommen hatten, sammelte Jeune ringsum deren képi, die Kopfbedeckungen, ein und trug sie nach und nach – mit einem Rutsch konnte das bei so vielen Köpfen nicht gehen – zu einem eigens dafür reservierten Tisch, wo er sie sorgfältig ablegte. Natürlich ist ein képi nicht wie das andere, je nach Rang des Trägers weisen sie unterschiedliche Verzierungen in Form von kunstvoll gewundenen Schnüren und anderen Insignien auf. Da gibt es das képi de Capitaine wie das képi de Lieutenant oder das képi du Commandant und natürlich auch das noch schmucklose képi du Jeune (dessen offiziellen Namen ich leider nicht weiß).

Fasziniert von diesem Schauspiel vergaß ich das Studium der Menükarte. Hier bewiesen sich Sauberkeit, Ordnung und Frische für Geist und Seele auf ganz und gar überzeugende Weise. Der ernste, nahezu spirituell erfüllte Eifer, mit dem Jeune diese – einem Außenstehenden vielleicht vorschnell als erniedrigend scheinende - Aufgabe erledigte, ließ erkennen, dass ihm seine bedeutende Rolle in diesem Moment ganz und gar bewusst war. Voller Hingabe lebte er die Minuten aus. So klein er jetzt noch in diesem B.O.M. (Bund Ordnender Männer) da stand, so unverzichtbar war er bereits! Er und niemand sonst sorgte schließlich dafür, dass seine Kollegen ihre hoheitlichen Kopfbedeckungen – die sonst irgendwo auf den Tischen hätten platziert werden müssen - nicht mit Suppe, Sauce, Mousse au chocolat oder Crème de caramel au beurre salé bekleckerten und dadurch womöglich einen Respektverlust draußen beim zu betreuenden Volk riskierten.

Ich mochte keine Sekunde des Schauspiels verpassen

Natürlich war der Vorgang für Jeune zusätzlich von pädagogischem Nutzen, lernte er doch auf diese Weise, welches képi welchem Rang angemessen war, so dass er beim später anstehenden Aufbruch der Mannschaft jedem Kollegen das richtige képi holen würde. Welche Schande wäre es, dem Sous Lieutenant das képi des Adjudant zu reichen, und das auch noch nach einem bis dahin zufrieden stellenden Mittagsverlauf! Ich kann verraten, es lief alles ohne Fehl und Tadel; Jeune würde später bei seiner Abschlussprüfung souverän die képis den Rängen zuordnen, und heute ist er wahrscheinlich ein respektierter Revierchef. An diesem Tag vor 19 Jahren mochte ich keine Sekunde des Schauspiels verpassen; nicht wenige Cognacs trank ich nach dem Essen, um so lange sitzen bleiben zu können, bis die Gendarmen fertig waren und es an das Verteilen der képis ging.

Die képi-Episode alleine hat mir dieses Erlebnis nicht unvergesslich gemacht; Jeune erfüllte nämlich  noch eine weitere Aufgabe, die zu erzählen nach fast 20 Jahren für die damals Anwesenden, so hoffe ich, nicht noch zu beruflichen Konsequenzen führt, denn seither hat sich in Frankreich vieles zum Korrekten, sprich Schlechten entwickelt. Jeune war dafür zuständig, die zuvor von der Bedienung großzügig über die gesamte Länge der Tafel verteilten Weinkaraffen nachzufüllen. In zeitlich recht kurzen Abständen erhob er sich, ergriff zwei der von den zunehmend munterer werdenden Kollegen geleerten Karaffen und eilte mit diesen Richtung Ausschank, von wo er eben so flink mit vollen Gefäßen zurück kehrte.

Da gingen im Verlauf des Mahles etliche Liter Prestige de Chef über den Tisch. Mit Sympathie verfolgten wir das bukolische Treiben, zudem ich beim Eintreffen der Mannschaft noch kurz überlegt hatte, heute vielleicht besser auf den Wein zum Essen zu verzichten, bei so viel Polizei vor Ort. Nun, auch diese Aufgabe erledigte der junge Mensch zu aller Zufriedenheit, nicht einmal musst Jeune aufgefordert werden. Gendarmen mit Genuss und Gelassenheit, ein Bild des Friedens! Konnte man sich irgendwo sicherer fühlen als – wenn auch peripherer – Teil einer solchen Runde?

Gut genährt und mit Rotwein-geschärften Sinnen zog die Mannschaft schließlich ab, um weiteren, wichtigen Geschäften nachzugehen. Auch wir verließen leicht schwankend und zufrieden mit allem das gastliche Haus. Die Tour konnte anrollen, nicht zuletzt dank des Einsatzes unserer Tischnachbarn – die regelten inzwischen draußen souverän den Verkehr, damit niemand zu Schaden kam.

(Der 2. Teil folgt am kommenden Sonntag)

Links:

képis für jeden Rang

The Story of Tom Simpson

Marco Pantani massakriert Jan Ulrich

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Leserpost (3)
Ernst-Fr. Siebert / 09.07.2017

Herr Cremer, ich bin sicher, daß Sie das mit einem ebenso heiteren Gesichtsausdruck geschrieben haben, wie ich es gelesen habe?

Winfried Sautter / 09.07.2017

Those were the days ... Heute bringen Polizist*innen die Stunden vor dem Einsatz damit zu, ihre Schutzbekleidung anzulegen und sich sonstig auf das “Welcome to Hell” vorzubereiten. Und darnach müssen sie rechtfertigende Berichte schreiben.

Wilfried Cremer / 09.07.2017

Der verglommene Zigarrenstummel als Andenken für ein ausgelöschtes Menschenleben. Das ist wahrlich tief genug angesetzt, um falschem Pathos vorzubeugen. Sehr schön.

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