Archi W. Bechlenberg / 15.04.2018 / 06:21 / 9 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Hotel am Kanal

Die Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen möchte, hat sich vor mehreren Jahren zugetragen, was zu wissen nicht unwichtig ist, will man die Umstände der Ereignisse aus heutiger Sicht angemessen würdigen. 

Es war Mitte Oktober, und der Wetterbericht sagte ein sonniges, angenehm temperiertes Wochenende voraus, vielleicht das letzte für dieses Jahr. Wir beschlossen, über die beiden Tage ans Meer zu fahren und dort tagsüber durch den Sand zu stapfen und mittags eine Scholle oder einen Rochenflügel mit Flageoletts zu essen und abends eine üppige Meeresfrüchteplatte zu teilen.

Schon oft sind wir in diese knapp vier Autostunden entfernte Region am Ärmelkanal gereist, für einige erholsame Stunden in der salzigen Meeresluft und für ein maritimes Menü und um bei klarem Wetter einen beeindruckten Blick hinüber nach England zu werfen, denn manchmal scheinen The White Cliffs of Dover zum Greifen nahe. Einmal – es dürften gut zwanzig Jahre her sein – entdeckten wir in einem kleinen Fischerdorf, direkt am Wasser, ein niedliches Haus, das zu verkaufen war. Das „direkt“ können Sie wörtlich nehmen; vor dem Haus trennt nur ein zwei Meter breiter Fußweg das Gebäude von einer Mauer und einigen Felsen, und dahinter lauert gleich der Blanke Hans. Oder auch ein hunderte Meter breiter Sandstrand, je nach Gezeit.

Die Mauer soll das Meer von den Häusern möglichst fernhalten, was nicht immer funktioniert, wie wir später erfuhren: Zurück in Deutschland hatten wir Freunden von dem Haus erzählt, und das offenbar recht überzeugend; die beiden hatten sich am nächsten Tag dorthin aufgemacht und berichteten wenige Tage später, sie hätten die frühere Fischerbude von einem Bauunternehmer gekauft, der das Gemäuer modernisiert und renoviert hatte. Der Preis war üppig, aber das Haus unwiderstehlich, nicht alleine deshalb, weil das Meer bei entsprechendem Seegang auch schon mal an das Schlafzimmerfenster schwappt, und das liegt immerhin im ersten Stock.

Keine Reparatur seit Ankunft der Westalliierten 

Zurück in das Jahr, von dem ich erzählen möchte. Da wir ja nur ein Bett brauchten und keine Suite, hatten wir über eine Agentur im Internet flott ein günstiges Hotelzimmer gebucht. Das ließ zwar angesichts des Preises wenig Komfort erwarten, aber zum Schlafen würde es reichen, zudem führt genau gegenüber dem Hoteleingang eine kleine Straße Richtung Meer, und das ist keine 200 Meter entfernt. Auch verfügte das Haus über ein eigenes Café-Brasserie-Restaurant, so dass man eventuell gleich hier abends etwas Maritimes zu essen fände und sich beim Weingenuss nicht zurückhalten musste.

Wir kamen am späten Vormittag an. Gegenüber dem Minifoto im Onlineportal machte das Äußere des Hauses in echt einen eher ernüchternden Eindruck, und man fragte sich, ob seit der Eroberung dieses Strandabschnitts Ende September 1944 durch die Westalliierten hier jemals etwas repariert worden war. Meine Vermutung ist, die Befreier haben sich damals die Bomben gespart, in der Annahme, das Gebäude würde ohnehin in Kürze von selber zusammenfallen.

Zusätzlich zum baulichen Zustand gab uns zu denken, dass die Preise auf der weitestgehend verblassten Speisekarte am Eingang noch in Francs angegeben waren, und die gab es zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren nicht mehr. Hier Muscheln oder ähnliches Getier zu essen, kam jedenfalls nicht in Frage. Ich habe schon einmal, ganz in der Nähe, nur ein paar Dörfer weiter, Jahre zuvor eine veritable Austernvergiftung erlitten, aber das ist, seien Sie froh, eine andere Geschichte, in der ein Sandkasten eine unappetitliche Rolle spielt.

„Was soll's, jetzt sind wir eben da!“ kamen meine Frau und ich überein. Da die mit „Hotel“ beschriftete Türe verschlossen war und auf die Schelle niemand reagierte, traten wir durch die Spelunke – denn etwas Anderes war das Café-Brasserie-Restaurant nicht – ein. Eine weiße Leggins tragende und entsprechend rundliche Frau nahm uns in Empfang, studierte lange und irgendwie unbelesen den vorgelegten Ausdruck unserer Reservierung, gab mir dann einen unhandlich großen Schlüssel und führte uns hinter die Theke in einen Flur. „Allez-y!“ Das Zimmer war ganz oben.

Lino Ventura, Alain Delon oder Jean Gabin auf der Flucht

Wenn Sie alte, französische Kriminalfilme kennen, in denen sich Lino Ventura, Alain Delon oder Jean Gabin auf der Flucht vor den Flics in einem Hotel versteckt und dabei auf der Treppe Blut aus einer Schusswunde verliert, was ein gewitzter Kommissar entdeckt, der dank eines schurkischen Informanten, der sich rächen will, weil einer der drei ihm die Mieze und somit sein Einkommen ausgespannt hat, das Versteck findet und daraufhin der Spur über mehrere Stockwerke folgt, um schließlich in einem Showdown den Delinquenten zu erlegen, dabei aber selber tödlich verwundet wird und pittoresk stirbt, aber erst, nachdem ihm der Voyou verraten hat, dass der wirkliche Schurke des Stückes sein bester Freund sei, und der werde jetzt Hauptkommissar, dann haben Sie ziemlich genau das Innere dieses gastlichen Hauses vor Augen.

Wir sahen das nicht so eng, es war ja nur für eine Nacht, und Alain Delon hätte ich durchaus gern persönlich auf einen Roten kennengelernt, also stiegen wir nach oben, und zumindest das Bett war sauber und irgendwann einmal frisch bezogen worden. Der Schlüssel passte zwar und sperrte auch auf, man konnte die Türe aber nicht damit abschließen, sondern nur ins Schloss fallen lassen. Schnell war das kleine Gepäck ausgepackt, und dann merkten wir: Es herrschte völlige Stille im Haus. Anscheinend waren wir die einzigen Gäste. Wer fährt auch schon im Oktober ans Meer. „Warum dann ein Zimmer ganz oben unterm Dach?“ wäre eine naheliegende Frage gewesen, aber wir wollten rasch raus in die Sonne und ans Wasser, und so fragten wir uns nichts.

Die Besitzer – das sahen wir beim Runtergehen – bewohnten offenbar den ersten Stock, was eine Türe mit dem Schild „Privé“ erkennen ließ. Sehr schön, dass wir, davon abgesehen, alleine im Haus waren, so hatten wir die einzige, eine Etage unter unserem Zimmer liegende Toilette und die Dusche ganz für uns. Im Sommer müsste es hier ein ziemliches Gedränge geben.

Der Tag war sonnig, der Nachmittag am Strand erholsam und das Abendessen in einem fußläufig erreichbaren, deutlich einladenderen Restaurant opulent, und so fielen wir gegen 22.00 Uhr zufrieden ins Bett, um bald darauf einzuschlafen.

Geweckt wurden wir mitten in der Nacht so, wie es das Wort „abrupt“ wohl am besten beschreibt. Von unten drangen im Sekundentakt laut knallende Erschütterungen, wie sie entweder eine Abrissbirne erzeugt oder die nur wenige hundert Meter entfernte „Batterie Lindemann“, mit der die Deutschen einst tonnenschwere Bomben bis zu 40 km tief ins Land Albions schickten. Da Lindemann aber längst nicht mehr aktiv ist, schied diese Möglichkeit aus. Auch eine Abrissbirne konnte es nicht sein, dagegen sprachen zum einen die Uhrzeit und zum weiteren das alles durchdringende Geschrei einer weiblichen und einer männlichen Stimme, die sich, manchmal abwechselnd, meist jedoch gleichzeitig bemühten, akustisch einer Abrissbirne Lindemann Paroli zu bieten. Gut möglich, dass man das Gekreische, eine Mischung aus Kreissäge und Nebelhorn, jenseits des Kanals hören konnte.

Im ganzen Haus herrschte Totenstille

Man kann so etwas amüsant finden und als nette Abwechslung zum eigenen, ruhigen häuslichen Leben betrachten, man kann aber auch eine gewisse innere Unruhe dadurch entwickeln und mit deutlich erhöhtem Puls auf alles gefasst sein. Ich schob schnell das bewegliche Mobiliar des Zimmers, bestehend aus einem fragilen Stuhl und einem nicht weniger fragilen Tisch, so nahe wie möglich gegen die Zimmertüre. Fortan verfolgten wir, an Schlafen war nicht zu denken, das Geschehen unter uns noch eine ganze Zeit, bis es irgendwann ganz plötzlich, schlagartig still war. Eben abrupt.

Am Morgen gingen wir nach unten, im Café-Brasserie-Restaurant sollte das Frühstück auf uns warten. Es war alles zu und verrammelt. Im ganzen Haus herrschte Totenstille. An der „Privé“ Türe zu klopfen wagten wir nicht, womöglich würde sie dann langsam und knarrend aufspringen, und dann würde sich dahinter eine Szene voller... Nein, danke. Wir waren auf Kurzurlaub und nicht in einem Mystery-Wochenende. Daher gingen wir hundert Meter die Straße hoch bis zu einem freundlich duftenden Café, frühstückten dort und kehrten gestärkt zurück zum Totort.

Nichts hatte sich bewegt. Die Hoteltüre war zu, die Spelunke verrammelt. Zum Glück – ins Haus kamen wir nicht mehr – hatten wir bereits das Gepäck mit herunter gebracht, um nach dem Frühstück gleich ans Meer gehen zu können. Wir verstauten die Tasche im Auto, dann hinterließen wir an der Außentüre einen Zettel, der versprach, dass wir am Nachmittag wiederkämen, um das Geld für das entgangene Frühstück zu kassieren. Nicht einen Cent wollten wir hier unnötig lassen.

So verbrachten wir den sonnigen Tag einigermaßen entspannt, stromerten über den Strand und fuhren danach ein paar Dörfer weiter und speisten mittags opulent und hielten in den Dünen einen erholsamen Schlaf.

Am späten Nachmittag kehrten wir zum Hotel zurück; es war kühler geworden, und wir hatten ja noch ein paar Stunden Heimfahrt vor uns. Es war immer noch alles wie tot, und unser Zettel hing ungelesen an der Tür. Das sah nicht gut aus. „Wir fahren zur Polizei“ entschied meine Frau, und das taten wir dann auch. Das Navi kannte zwei Polizeiwachen in der wenige Kilometer entfernten Stadt, und dort ließen wir uns hinleiten.

Nun steuerten wir die andere Wache an

Diese Stadt lässt sich mit dem Wort „zwielichtig“ treffend beschreiben, was nicht alleine die Schuld ihrer Einwohner ist; nach verheerenden Zerstörungen im 2. Weltkrieg hatte man offenbar weder Lust noch Geld, noch einmal etwas aus dem Ort zu machen, und so entwickelte sich das bis heute bestehende Stadtbild, das sie beim Besucher hinterlässt. Zwielichtig, das traf auch auf die erste der beiden Wachen zu, in ihr befindet sich das Commissariat de Police, und das wirkte nach außen hin komplett verrammelt. Man hätte, wie John Cleese im Dead Parrot Sketch sagt, 10.000 Volt hindurch jagen können, und es hätte sich doch nichts gerührt. Gut, es war Sonntagnachmittag, welche Ordnung gab es da schon groß zu hüten.

Nun steuerten wir die andere Wache an, in der die Gendarmerie Nationale stationiert ist; die sah schon zugänglicher aus. Zwei Autos mit der Aufschrift „Gendarmerie“ standen davor und ließen darauf hoffen, dass dort jemand war. Die Autos wirkten jedenfalls betriebsbereit, ganz im Gegensatz zu der Klingel, die, wie der Draht, an dem sie hing, eindeutig länger existierte als einst die Batterie Lindemann, und die salzige Luft so nahe am Meer hatte sicher an dem bedauernswerten Zustand der einst blitzblanken Schelle ihren Anteil.

Ein paar Meter weiter lüngelte an einem gemauerten Pfosten ein stark verrosteter Kasten, der sich bei naher Betrachtung als die für den Publikumsverkehr gedachte Hälfte einer Gegensprechanlage erwies, denn es gab einen Knopf sowie ein Loch mit Drahtgitterresten darin. Ich drückte ohne viel Hoffnung auf den Knopf, und es geschah zunächst auch nichts, aber dann ertönte aus dem Loch im Kasten Musik, und ein wenig Drahtgeflecht fiel heraus. Eine Polizeiwache, bei der man zuerst einmal in eine Warteschleife gerät, wenn man etwas melden will? Warum auch nicht. Hier war alles möglich, und kaum etwas hätte uns inzwischen noch aus der Ruhe bringen können.

Jetzt ertönte eine männliche Stimme und wollte wissen, wer die sonntägliche Spätnachmittagsruhe zu stören wagte. Ich kam mir ziemlich blöde dabei vor, in diesen rostigen Kasten gegen die Musik anzuschreien, zudem auf französisch und nach dem einen und anderen Wort ringend, aber es musste sein. So erklärte ich der Stimme in wenigen Worten, dass wir mit Arbeit kämen, das wäre nur hier an diesem Apparat nicht ganz einfach zu erklären. Die Stimme verstummte, dann auch die Musik. Wir sollten kurz warten, hieß es, und wir warteten.

Minuten später erschien ein Polizist am Zaun, und ich schilderte ihm, jetzt nicht mehr in ein Stück Rost schreiend, möglichst detailliert den Sachverhalt. Ein Wunder geschah, er ließ uns ein und führte uns in ein Büro, wo ich meinen französischen Vokabelbestand durch Wiederholung der Geschichte noch einmal auffrischen durfte. Bald würde ich sie auswendig kennen. Da saßen wir jetzt, und der Mann hörte unbewegt zu. Diese Wache, soweit ich sie bisher wahrgenommen hatte, wirkte unsagbar muffig, trostlos und deprimierend, vergleichbar mit dem Anblick einer nass gewordenen, angeschimmelten Spanplatte, auf der gestapelte Kantinentabletts aus Bakelit vor sich hin rotten. Der Computermonitor sowie die Tastatur, ja selbst das Telefon auf dem Tisch des Polizisten hatten in dieser Umgebung etwas zutiefst Unwirkliches an sich.

Diese unüberhörbare Totenstille 

Falls Sie wissen, wie das Wort für „Gegenteil von Anachronismus“ lautet (ich weiß es gerade nicht), wissen Sie, was ich meine. Hinzu kam diese unüberhörbare Totenstille, nichts tickte, piepste oder kündete ein Fax oder wenigstens einen Anruf an, selbst die Heizung gluckerte nicht, und das Radio war längst ausgeschaltet. Und dann das Mobiliar... Wer alte, französische Kriminalfilme kennt, in denen ein strafversetzter Kommissar in einer Provinzwache vor sich hin fault... Gut.

Der Gendarm, inzwischen wohl halbwegs überzeugt von der Brisanz der Situation, rief nun eine vorgesetzte Zentrale an und gab den Lagebericht weiter. Danach sagte er uns, wir sollten jetzt zum Commissariat de Police fahren und dort berichten, und er beschrieb uns den Weg dorthin. Den kannten wir bereits. Es war das Gebäude, an dem wir zuerst gewesen waren und das doch ebenso tot schien wie das Hotel und vielleicht auch deren Inhaber seit letzter Nacht.

Wir fuhren also zurück und umrundeten erneut dieses Gebäude, diesmal zu Fuß, und an einer sehr versteckt liegenden Stelle entdeckten wir einen unscheinbaren Eingang, bei dem sich die Gegensprechanlagennummer vom anderen Commissariat wiederholte, nur technisch auf etwas höher entwickeltem Stand. Ein Summer ertönte. Man ließ uns ein, und schon erklärte ich einem weiteren Mann in Uniform den Sachverhalt. Der schien hoch erfreut zu sein und tauschte mit einem hinzu gekommenen Kollegen Blicke, in die ich den Gedanken „Heute abend sind wir in den nationalen Nachrichten!“ interpretierte.

Dann griff der Polizist nach einem Telefonbuch, blätterte darin und versuchte anschließend, telefonisch mit dem Hotel Kontakt aufzunehmen, was ihm aber nicht gelang. Diese Leitung war offensichtlich (ebenfalls?) tot. Sein Kollege, der zwischenzeitlich das Büro verlassen hatte und jetzt wieder im Raum war, sagte etwas, der Telefonierende nickte zustimmend, dann wühlte der Andere in einigen Karteikästen, und fand zuletzt eine Visitenkarte mit einer Mobilnummer, und die rief er an, und diesmal meldete sich jemand. Der Polizist begann ein kurzes Gespräch, nachdem er sich erkundigt hatte, mit wem er sprach, und dann gab er mir den Hörer. Verblüfft nahm ich ihn ans Ohr und vernahm eine Art weibliche Stimme, die mir zu verstehen gab, man bedauere alles zutiefst und wir möchten doch umgehend vorbei kommen, um das Geld für das entgangene Frühstück entgegen zu nehmen.

Der Polizist lobte uns beim Abschied

Eigentlich wäre ich an dieser Stelle am liebsten im Boden versunken, es gab offensichtlich weder Mord noch Totschlag, nur zwei hysterische Touristen, aber der Polizist lobte uns beim Abschied dafür, dass wir uns um die Sache gekümmert hätten, schließlich hätte ja wirklich etwas Schlimmes passiert sein können. Und so fuhren wir noch einmal die paar Kilometer zurück zum Hotel. Als wir ankamen verließen gerade zwei Polizisten das Hotel, offenbar hatte man im Hauptquartier beschlossen, sich doch noch selber vom ordnungsgemäßen Zustand der Lage überzeugen zu wollen.

Die Türe zum Café-Brasserie-Restaurant war nun offen, und wir traten ein. Drinnen stand eine Frau, die mich in gewisser Weise an die erinnerte, die uns am Tag zuvor eingelassen hatte, allerdings hatte sie heute mehr Ähnlichkeit mit dem späten, von Suff und Krankheit gezeichneten Peter Lorre, als mit sich selber. Ich wollte ihr wortreich – schließlich war ich verbal seit Stunden in voller Fahrt – unsere Besorgnis erklären, aber sie winkte ermattet ab.

Wahrscheinlich tat ihr der ausgerenkte Kiefer weh oder die Augen oder alles andere, und so beließ sie es bei ein paar knappen, genuschelten  Worten, aus denen man entnehmen konnte, es habe da irgendwelche Leute gegeben, die in der Nacht hätten eindringen wollen, und dann habe es einen Streit gegeben und jemand habe ihr einen Schlag auf den Kopf versetzt, und seitdem habe sie im Bett gelegen und nichts mitbekommen, und hier sei mit dem Ausdruck größten Bedauerns unser Geld für das Frühstück zurück und nochmals Entschuldigung für den nächtlichen Krach und überhaupt.

Geglaubt haben wir davon kein Wort, und es war uns dann auch egal, was wirklich passiert ist, aber irgendwie war ich doch ein wenig enttäuscht, dass wir nun nicht in den Abendnachrichten auftreten würden.

Nachtrag 1: Diese Geschichte ereignete sich im Herbst 2010, die Stadt mit den verschlafenen Polizeiwachen war Calais. Ich schreibe bewusst „war“. Denn man kennt Calais seit nunmehr einigen Jahren, aus den Morgen-, Mittag- und Abendnachrichten als einen der ernstesten Brennpunkte der europäischen Migrationskrise, und mir kommt die Erinnerung an diesen geradezu zeitlupenhaften, gemächlich-gelassenen Slapstick von damals ganz und gar unwirklich vor. Den beteiligten Polizisten würde es wahrscheinlich ebenso ergehen.

Nachtrag 2: Beim Schreiben kam ich auf den Gedanken, online nach dem Hotel zu suchen. War es inzwischen zusammengefallen? War es wenigstens geschlossen? Hatte es dort in den letzten Jahren Mord und Totschlag gegeben? Oder war es gar zu neuer Blüte gelangt? Ich fand es. Man kann dort weiterhin einchecken.

Hier drei Kommentare aus jüngerer Zeit, gefunden bei Google: „Dieses Hotel ist schrecklich der Barkeeper war betrunken und hat mich geschlagen Ich werde nie wieder dorthin gehen!“ „Die Besitzer sind ständig betrunken, es stinkt! Nie mehr werde ich einen Fuß dort hinein setzen.“ „WiFi und TV hat nicht funktioniert, Aufstieg über schmale und steile Treppe, sehr laut, relativ heruntergekommen z.B. Tapete uralt und herunterhängend, Kopfkissen zu hart Licht im Bad hat nicht funktioniert.“ Und auch britische Gäste waren not amused:  „Although there is a nice French bakery across the street, this ‘Hotel‘ served the most disgusting pre-baked Baguettes that I ever ate in my hole life. A real nightmare! The Owner was all the time drunk and aggressive.“

Nachtrag 3: Falls jemand von Ihnen die Adresse für ein paar Urlaubstage am Meer haben möchte – schreiben Sie mir! Stets zu Diensten, Ihr awb  

Links zum Thema:

Kurzer Film über die Küste bei Calais

The White Cliffs of Dover – Vera Lynn (1942)

Monty Python – Dead Parrot Sketch

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Leserpost (9)
Klaus Reichert / 15.04.2018

Ähnliche Erfahrungen in der Bretagne und an der Loire in den Neunzigern. Danach in Frankreich nur noch Kettenhotels. Lieber ein gesichtsloses Ibis oder ein etwas teureres Mercure, als ein von außen schnuckeliges Landhotel in dessen Restaurant schon Paul Bocuse gekocht hat, dessen Zimmer aber stinken und dessen Sanitäreinrichtung fünfzig Jahre alt ist. Oder ein “Gite”, in dessen Bett wohl vor kurzem die Oma gestorben und die Überdecke ein letztes Andenken an sie war. Seit den Nuller Jahren, mit dem Internet und den Bewertungen und Erfahrungsberichten, dann aber wieder auch individuelle Quartiere, besonders Ferienwohnungen und Häuser. Frankreich ist grandios!

R.Hoffmann / 15.04.2018

Die Profi Radfahrer von der   ” Tour ”  können ein Lied davon singen was die Qulität der   “Hotels”  betrifft , in denen sie sich meist   einmieten müssen .

Otto Nagel / 15.04.2018

Herr Bechlenberg, wo kann man Ihre gesammelten Reiseerzählungen kaufen, oder sind sie schon verfilmt worden ? MfG !

Henny Gootmann / 15.04.2018

Zur Polizei wegen eines entgangenen Frühstücks? Was für eine seltsame Idee. Allein die dadurch verplemperte Zeit plus Stress ist drei Abendessen inkl. Getränke wert.

Claudia Maack / 15.04.2018

Wir fahren öfter nach Boulogne, ist genauso tot, stinkt dafür aber noch nach Fisch. Vor dem Hochhaus, in dem Ribéry aus alter Anhänglickeit 2 Buden gekauft hat, gibt es eine Kneipe zum Niederknien, seit 1955 original eingerichtet, nix verändert. Auf den gepolsterten Bänken sackt man krachend ins Bodenlose. Dazu ein schwarz-weißes Jugendfoto von Jacques Brel an der Wand, der da mal ein Rundfunkinterview gegeben hat. Ein höchst kultivierter Besitzer, zapft mindestens acht Minuten ein Stella Artois.  Diese gesamte Gegend ist so schräg, dass die Fahrt sich lohnt.

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