Archi W. Bechlenberg / 29.04.2018 / 06:25 / 9 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Der Schrecken des Lächerlichen

Wer um 1896 mit einem Fahrrad unterwegs war, vollzog damit keine Massenbewegung, sondern war im hohen Maße exzentrisch. So wie der französische Autor Alfred Jarry, der radelte auf seinem „Clément luxe 96“ in und um Paris. Nicht im bunten, körperbetonten Leibchen, sondern ganz und gar schwarz gewandet, dazu ein keckes Hütchen auf dem Kopf.

Ein Mensch auf zwei Rädern, das war zu dieser Zeit  ein ausgesprochen seltener Anblick, aber Jarry genügte die Aufmerksamkeit noch nicht, die er durch seine bloße Erscheinung erregte. Und so trug er stets eine Pistole mit sich, mit deren Hilfe er Fahrtrichtungsänderungen ankündigte. Abbiegen nach rechts? Schießen nach rechts. Abbiegen nach links? Schießen nach links. Verständlich, dass Passanten und sonstige Verkehrsteilnehmer das nicht wirklich zu schätzen wussten. „Nachher treffen Sie noch eins meiner Kinder!“ empörte sich eine Dame, doch Jarry wusste sie zu beruhigen: „Sollte das wirklich passieren, wäre es mir eine Ehre, Ihnen ein Neues zu machen.“

Exzentrik kennt man meist in Verbindung mit Personen aus dem britischen Kulturkreis, und der von mir hoch geschätzte Dave Allen, ein Ire, hat einmal eine wunderbare TV Dokumentation über Exzentriker präsentiert, in der unter anderem der hierzulande kaum bekannte Dichter, Songwriter und Komiker Ivor Cutter (1923 – 2006) portraitiert wird, eine Gestalt, wie sie in Deutschland ganz und gar unvorstellbar wäre. Das perfide Albion hingegen schüttelt seit Jahrhunderten solche Leute lässig aus sämtlichen Ärmeln und Kanälen; nur wenige von diesen gelangten auch diesseits des Kanals zu einiger Bekanntheit. Die meisten von ihnen waren zu bizarr und zu intelligent, um in Deutschland verstanden zu werden.

Auch in Frankreich tat und tut man sich schwer, was das Ausleben souveräner Exzentrik betrifft. Im musikalischen Gewerk war ohne Frage der erst spät als Genie erkannte Erik Satie ein begnadeter Exzentriker, was er nicht nur durch für ihre Zeit ungewöhnliche, stilistisch oft weit voraus greifende Kompositionen bewies, sondern auch durch manche Titel, die er den Werken gab. So heißt ein nur knapp zwei Minuten langes Stück „Quälereien“ – es muss 840 mal hintereinander gespielt werden, zuvor muss der Interpret eine Phase völliger Bewegungslosigkeit durchlaufen. Musikkenner werden wissend lächeln, wenn ich ergänze, dass John Cage, zusammen mit 19 weiteren Pianisten, dieses Stück erstmals vollständig zur Aufführung brachte, im Jahre 1963, da war Satie bereits seit 38 Jahren unter der Erde.

„Schlaffes Präludium für einen Hund“

Ganz im Sinn Alfred Jarrys dürften von Satie ersonnene, ausgesprochen schräge Titel wie „Unappetitlicher Choral“, „Schlaffes Präludium für einen Hund“, „Bürokratische Sonatine“ oder „Drei Stücke in Form einer Birne“ sein. Wer denkt beim Stichwort Birne nicht gleich an die Darstellung Ubus, so wie sein Erfinder ihn sah?

Während Satie einen Monolith in der Musikgeschichte bildet, hat Alfred Jarry es sogar geschafft, einer wichtigen Schule der Exzentrik Vorschub zu leisten, zu deren Adepten namhafte Künstler, Literaten, Wissenschaftler und Intellektuelle gehörten und gehören, darunter der Ingenieur, Poet, Autor und Musiker Boris Vian (1920 – 1959), die bildenden Künstler Max Ernst und Joan Miró, die Dramatiker Eugène Ionesco und Jean Genet oder der Semiotiker Umberto Eco.

Doch wollen wir nicht vorgreifen und kehren zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Alfred Jarry stammte aus der Bretagne, ging dort sowie in Paris zur Schule, versuchte sich als Philosophiestudent und gehörte bald zur schreibenden  Pariser Bohème. Mit 20 bekam er eine Stelle als Sekretär an einem Theater. Da ihn seine dortige Tätigkeit – Verwaltungsaufgaben, Öffentlichkeitsarbeit und Programmgestaltung – nicht sonderlich ausfüllte, schrieb der junge Mann ein Theaterstück. Dieses wurde dann tatsächlich an ebendiesem Theater (ich vermute, Jarry ließ hier seine Beziehungen spielen, knick knack) aufgeführt. Und es ist bis heute nicht vergessen.

„Père Ubu“, so der Titel des Stückes, der auf deutsch meist als „König Ubu“ übersetzt wird, beginnt mit dem laut ausgerufenen Schrei „MERDRE!“ und wurde bei der Uraufführung an dieser Stelle sogleich für etliche Minuten unterbrochen. Tumulte im Publikum ließen die Darsteller nicht weiter agieren, „MERDRE!“ hatte seine volle Wirkung erzielt. „Merde“, das ist die französische Fassung von „Scheiße“, was zu der damaligen Zeit als Reizwort in einem Theaterstück schon reichte, um eventuell im Publikum anwesendes Weibsvolk zu den Riechfläschchen und die Herren zum wankenden Weibsvolk greifen zu lassen. Jarry hatte aber noch einen draufgesetzt und mit „MerdRe“ aus dem Pfuiwort „SchReiße“ gemacht. Was noch eine ganze Umdrehung ordinärer klingt. Der Skandal war da, Presse und Kritik hyperventilierten, Jarry wurde über Nacht bekannt und konnte sich ein Fahrrad und eine Pistole kaufen.

„Brevier des schwarzen Humors“

Nicht ohne Stolz halte ich den kleinen Band „Alfred Jarry – König Ubu – Ein Drama in fünf Akten“, verlegt beim Verlag der Arche, Zürich“ in der Hand. Laut meinem Exlibris habe ich ihn 1970 gekauft, so lange schätze ich den Meister also schon. Einige Zeit zuvor war mir Alfred Jarry in einem „Brevier des schwarzen Humors“ von dtv aufgefallen, darin war ein Auszug des Ubu abgedruckt, spaßigerweise nicht der erste, also mit „Schreiße!“ beginnende Akt, sondern der dritte. Offenbar wollte der Deutsche Taschenbuch Verlag seine Leser damals nicht überfordern, schließlich waren seit der Uraufführung des Ubu gerade erst 70 Jahre vergangen.

An dieser Stelle MUSS ich erzählen: Im „Brevier des schwarzen Humors“ finden sich unter anderem Dada-Gedichte von Hans Arp („Ich bin der großer Derdiedas / das rigorose Regiment...“). Es war mir gelungen, meinen damaligen Deutschlehrer dazu zu bringen, im Unterricht doch mal etwas anderes als Goethe, Mörike oder Rölke zu interpretieren, und so zog ich auf dem Geha Matrizendrucker für meine Mitschüler, den Lehrer und mich eins der Gedichte ab, so dass wir in der nächsten Stunde Arps Dada-Poesie besprechen konnten. Ich hatte allerdings beim Abtippen von Arps Lyrik eine weitere Strophe hinzugefügt und zwischen die übrigen geschmuggelt. Was niemandem auffiel, insbesondere dem Lehrer nicht, der, da die Unterprimaner offensichtlich von Arps Poesie („Ich bin der lange Lebenslang / der zwölfte Sinn im Eierstock“) überfordert waren, die Interpretation weitgehend alleine vollzog. Ich fühlte mich, da unentdeckt, hoch geehrt, und der Lehrer fühlte sich, als ich am Ende der Stunde meine Freveltat gestand, böse gefoppt, er nahm es aber sportlich.

Hans Arp war einer der frühen Dadaisten, eine literarische und bildnerisch gestaltende Bewegung, aus der später die Surrealisten hervorgingen, und weiter vorne in der Tradition dieser Kunstform steht Alfred Jarry mit seiner jegliche Konventionen sprengenden Respektlosigkeit, die Erhabenes der Lächerlichkeit preisgibt. Eine Haltung, die beim DADA nicht alleine aus Lust an der Provokation entstand. Ihr schwarzer Humor, ihr Nihilismus sind eine Reaktion auf den Zusammenbruch der europäischen Kultur durch die Barbarei des Ersten Weltkriegs.

So auf das Grauen zu reagieren ist keine Erfindung der Dadaisten um Hugo Ball, Tristan Tzara und Hans Arp, und auch Jarry steht in einer Tradition des schwarzen Humors, wie er zum Beispiel im Puppenthater gepflegt wurde. Einer seiner früheren Exponenten, der Autor Thomas de Quincey (1785 – 1859) schreibt in seinem Essay „Der Mord als schöne Kunst betrachtet“:

„Die Forcierung des Absurden ist das sicherste Mittel, wirkliches Grauen fernzuhalten, denn sie hält ihm den Unernst der Betrachtung immer gegenwärtig.“

Forcierung des Absurden – damit kann man gerade heute in der erneut sich vollziehenden Vernichtung der europäischen Kultur etwas anfangen. Wenn Michael Klonowsky in seinem Blog die Idee zu einer Farce mit dem Titel „Erwin Rommel und Erich von Manstein inspizieren die Bundeswehr“ entwirft, steht dahinter der gleiche Gedanke, wie ihn de Quincey einst formulierte. Eben die Forcierung des Absurden. Für mich sieht das dann so aus: Rommel und von Manstein verlassen eine Kaserne, im Hintergrund winkt Uschi. „Und, hat sie noch etwas gesagt?“ fragt von Manstein. „Ja“, antwortet Rommel, „wir sollen nächstes Mal nicht so viel Sand mit reinbringen.“

‘ Pataphysik für den Rest des Tages

Jarrys König Ubu, ein Prolet mit schlechten Manieren, übte trotz aller Widerwärtigkeit eine gewisse Anziehungskraft aus, so wie Schurken es ja oft tun. Vor allem auf den Autor selber, der sich im Laufe der wenigen ihm verbleibenden Lebensjahre immer provokativer mit Ubu identifizierte, bis hin zur Verwendung der Unterschrift „Père Ubu“. Doch da niemand (?) auf Dauer ein Ubu sein möchte, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem eine Idee Jarrys zu einem ernst zu nehmenden Leitmotiv in Literatur, bildender Kunst und Musik. Diese Idee heißt ' Pataphysik.

Mir gefiel Ubu auch deshalb von Anfang an, weil ich gelesen hatte, Jarrys Grundidee zu der despotischen, feigen, hinterhältigen und machtbesessenen Figur des Ubu sei zu seiner Schulzeit durch die Begegnung mit einem Physiklehrer entstanden. Von dieser Sorte kannte ich auch den einen und anderen, und der Gedanke, mit diesen, wenn man ihnen erst einmal dank Abitur oder Schulverweis von der Schippe gesprungen war, literarisch abzurechnen, war bestechend. Als ich dann die Schule hinter mir hatte, waren mir diese Gestalten aber nicht mehr wichtig genug, als dass ich mich mit ihnen hätte aufhalten wollen.

Physik am Vormittag, die ' Pataphysik den Rest des Tages – so ließ ich es mir zur Zeit meiner Jarry-Verehrung ergehen. Während ich mir mit dem Ausdenken und -leben von ' pataphysischen Prinzipien bloß den Schulalltag erträglicher machte, stellt diese Disziplin für gebildetere Köpfe seit ihrer theoretischen und praktischen Etablierung durch Alfred Jarry im Jahre 1893 eine kreativitätsfördernde Herausforderung dar. Kein Wunder also, dass die ' Pataphysik bis heute von immensem Einfluss auf das Kultur- und Geistesleben, vor allem in Frankreich, ist.

Vielleicht fragt gerade der Eine oder Andere unter Ihnen, von was die ' Pataphysik denn eigentlich handele. Knapp und präzise ausgedrückt hat es der französischer Philosoph Gilles Deleuze (dessen „Kleine Schriften“, die Spinoza-Interpretationen sowie sein artifizielles, hochkomplexes und assoziatives Schreibverfahren Ihnen natürlich geläufig sind):

„Die ’ Pataphysik (epi meta ta physika) hat präzise und ausdrücklich folgenden Gegenstand: die große Kehre, die Überwindung der Metaphysik […]. So dass man das Werk Heideggers als eine Entfaltung der ’ Pataphysik begreifen kann, und zwar in Übereinstimmung mit den Prinzipien von Sophrotatos dem Armenier und seinem ersten Schüler Alfred Jarry.“

Jarry selber erwähnt die ' Pataphysik erstmals 1893 in seinem Roman „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, ' Pataphysiker“, der in seiner fragmentarischen Gesamtheit erst vier Jahre nach dem Tod des Autors erschien: „' Pataphysik“, so Jarry,  „ist die Wissenschaft des Partikulären, also des Einzelfalls, im Gegensatz zu Aristoteles’ wirkungsreicher Definition, nach der sich Wissenschaft immer nur mit dem Allgemeinen beschäftigen könne.“ Der „Faustroll“ gilt den Anhängern der ' Pataphysik als ihr Gründungsdokument. (Nebenbei: Die imaginäre Bibliothek des Dr. Faustroll enthält neben Werken von Rabelais, Verlaine, Rimbaud und Jules Verne eine Ausgabe von Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“!)

Manchmal als beliebiger Nonsens missverstanden

Angesichts der Tatsache, dass Alfred Jarry beim Verfassen des Dr. Faustroll gerade einmal 17 Jahre alt war, wird die ' Pataphysik „manchmal als fäkaler Pennälerscherz oder beliebiger Nonsens missverstanden“ (Wikipedia). „’ Pataphysikalischer Humor ist jedoch anspielungsreich, grausam und philosophisch begründet“. In der Tat: Ihr Grundprinzip liefert zuhauf Stoff für seriöse philosophische, physikalische, literarische, ja sogar theologische Thesen und Erkenntnisse. Mit Hilfe der ' Pataphysik berechnet Dr. Faustroll Gott mathematisch und weist in einer ausführlichen Gleichung nach, dass Gott der tangierende Punkt zwischen Null und Betrag von Unendlich und seiner Struktur nach ein doppeltes Dreieck in der Äthernitas ist.

Bis im Jahre 1949 das „Collège de ' Pataphysique“ in Paris gegründet wurde, war die ' Pataphysik eher ein literarisches Sujet, das viele Künstler und Literaten inspirierte. Zu den Gründern des Collège gehörten der bereits erwähnte Boris Vian sowie der „Vater“ der Göre Zazie, Raymond Queneau. Weitere prominente Mitglieder waren unter anderem Marcel Duchamp, Max Ernst, Eugène Ionesco, sowie Groucho, Harpo und Chico Marx. 

Der Name des französischen ' Pataphysikers Raymond Queneau, unter anderem Lektor und Herausgeber der Encyclopedie de la Pléiade im Pariser Verlag Gallimard, ist wohl für immer mit seinem erfolgreichsten Roman „Zazie in der Metro“ verbunden, dabei hat der Autor (1903 – 1976) insgesamt fünfzehn Romane verfasst. „Zazie“, die Geschichte eines kleinen Mädchens, das für ein Wochenende vom Land nach Paris reist, um dort mit seinem Onkel zunehmend ' pataphysischere Erlebnisse zu teilen, war von Anfang an ein Riesenerfolg in Frankreich, wurde von Louis Malle verfilmt und erschien bereits ein Jahr nach der französischen Originalausgabe 1960 auch auf deutsch. Ein wunderliches, wunderbares, auch heute noch lesbares Buch, doch ist Queneau weitaus mehr als der Papa von Zazie. „Unter den freien Geistern ist Queneau einer der originellsten und eigenwilligsten, auch phantasiereichsten, freilich auch einer der hermetischsten.“ schrieb die ZEIT 1964 über Queneau.

Die Geschichte der ' Pataphysik ist zugleich eine Geschichte der Missverständnisse. Wer nach dem Stichwort ' Pataphysik im Internet sucht, findet, zum Beispiel im Videoportal Youtube, vor allem eines: Klamauk. Das mag zu einem geringen Teil berechtigt sein, greift doch Jarrys Theaterwerk in seinen wesentlichen Elementen auf das Grand Guignol, das Kasperle-Theater voller grotesk-trivialer Grusel- und Horrorstücke zurück. Die ' Pataphysik aber auf weniger oder mehr enthirnten Ulk zu reduzieren, bedeutet, ihr in keiner Weise gerecht zu werden; kurz: sie als ' pataphysisch misszuverstehen.

Was angesichts honoriger Anhänger der ' Pataphysik wie René Clair, Jacques Prévert, Harald Szeemann, Marcel Duchamp, Umberto Eco, Jean Baudrillard oder Max Ernst einen eklatanten Irrtum darstellt. Ähnlich ergeht es übrigens in Deutschland den Donaldisten, die sich in ihrer seit mehr als 40 Jahren bestehenden Organisation D.O.N.A.L.D. wissenschaftlich seriös und fundiert mit Fragen rund um das von Carl Barks geschaffene Entenhausen-Universum befassen. Wer die Arbeit der Donaldisten („Woher kommen die Zähne bei Enten, wenn sie wütend sind?“) für Ulk hält, glaubt wahrscheinlich auch, dass Entenhausen gar nicht existiert und die Donald Duck Geschichten von Barks für Kinder geschrieben wurden. 

Wie man seine Haare grün färbt

Zu den bescheidenen „Schätzen“ in meiner Bibliothek gehört ein kleiner, arg vergilbter französischer Band mit dem Titel „Tout Ubu“. Er ist im Internet antiquarisch für kleines, aber auch großes Geld erhältlich, ich rate bei Interesse zu ersterer Variante. Ich erinnere mich nicht, woher ich ihn habe, das Exlibris sagt, er ist seit 1970 in meinem Besitz. „Tout Ubu“ enthält nicht nur Jarrys Ubu-Dramen, zu denen neben „König Ubu“ auch „Ubu Hahnrei“ und „Ubu in Ketten“ gehören. Enthalten ist auch Jarrys wunderbarer „Almanach du Père Ubu, illustriert, für Januar, Februar und März“, in dem auf wahnhaft ' pataphysische Weise durch das erste Quartal des Jahres 1899 geführt wird.

Wir finden darin wichtige Daten (Jahre seit der Gründung Roms laut Varron: 2.651; seit der Geburt Jesus Christus: 1.899; seit Beginn der Regentschaft von König Ubu: 8.374), wichtige Ereignisse (Teilweise Finsternisse Père Ubus: am 29., 30. und 31. Februar), man erfährt, wie man ein Hochwasser von einer gewöhnlichen Flut rechnerisch unterscheidet (indem man den normalen Höchststand multipliziert), wie man seine Haare grün färbt (mit Haarwasser aus destillierten Kapern), wie man seine Zähne schmerzlos zum Ausfallen bringt und wie man Gold mit Salamandern veredelt. Und im Almanach für den Januar 1901 verrät das Kalendarium, wann legendäre Heilige wie Ste. Girafe, Ste. Asperge, Ste. Bourboule, Ste. Marmelade und St. Copulation gefeiert werden, und auch der Diakon St. Gorgonzola (22. Juni) wird nicht vergessen, so wie St. Omnibus (17. Oktober), St. Tabac (19. Oktober) und St. Hurluberlu (3. November).

Lese-Empfehlungen:

Shattuck, Roger: The banquet years: the arts in France, 1885-1918: Alfred Jarry, Henri Rousseau, Erik Satie, Guillaume Apollinaire (antiquarisch oder über archive.org auszuleihen)

Ben Fisher: The Pataphysician's Library: An Exploration of Alfred Jarry's Livres Pairs, Liverpool University Press o. J.

Alfred Jarry: Ein pataphysisches Leben (KapitaleBibliothek) von Alastair Brotchie, Piet Meyer Verlag 2014

Andrew Hugill: 'Pataphysics: A Useless Guide (2015, The MIT Press)

Klaus Ferentschick Pataphysik: Versuchung des Geistes (2006, Matthes & Seitz )

Bücher von Raymond Queneau (leider in den Helmlé Übersetzungen arg verhunzt)

Jean Baudrillard: Pataphysik

Guck-Empfehlungen:

Dave Allen – In Search of the Great English Eccentric

Ausschnitt aus Zazie in der Metro (Louis Malle)

Trailer zu Zazie in der Metro (Louis Malle)

Hör-Empfehlungen:

Ausschnitt (1 Stunde, 9 Minuten) aus „Quälereien“ von Erik Satie

Olga Scheps spielt Erik Satie Gymnopedie 1 & 2 

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Leserpost (9)
T. Gerber / 29.04.2018

Lieber Herr Bechlenberg, danke für den guten Mut, den Sie mir heute gemacht haben, Kostbarer Treibstoff für die nächsten Tage, Es reicht (s. Video) ein kleiner grüner Verschlag mit Extension für die Füße beim Nächtigen, wenn der Kopf stimmt! Herzlich T. Gerber

Gabriele Schulze / 29.04.2018

Danke! Satie sowieso! “Roi Ubu” wird erneut gelesen, Dave Allen angeguckt.. schöne Anekdote von Jarry. Ob man die im Hashtag-Zeitalter noch in froher Runde erzählen darf?

Quentin Quencher / 29.04.2018

Danke lieber Archi, köstlich. Ich glaube einen Bruder im Geiste erkannt zu haben.

Ulla Smielowski / 29.04.2018

Danke für die Ausführlichkeit. Wie gewöhnlich haben Sie sich den Exentrikern zugewandt, die etwas mit Musik zu tun haben. Ich hingegen kenne lebende Exentriker mit Stil, natürlich nicht persönlich. 1. Lisa Eckhart, ein aufstrebender Stern am Himmel der Kabarettistinen, jung und gutaussehend. Schreibt tolle Texte.. 2. Baronin Beatrix Monti della Corte lädt jedes Jahr ein Dutzend wichtiger Autoren der Welt ein. Einzige Gegenleistung fordert die hellwache, sehr gebildete Dame, beim Lunch von ihren Gästen geistreich unterhalten zu werden… So würde ich auch gerne meinen Lebensabend verbringen wie diese Baronin. 3. David Copper (1931-1986), 1962 Anstaltsleitung einer Psychiatrie. Zeithistoriker Oisin Wall vom Kings College in London hat die weitgehend vergessene Episode für das Fachmagazin “History of Psychiatry” rekonstruriert - unter großen Mühen. Vier Jahre lang durften die Bewohner der Villa ihrem Wahn freien Lauf lassen, bis die Kommune der Irren im völligen Chaos versank. Z.B. pinkelten die Bewohner überall hin, wo es ihnen gerade passte. Das Personal hatte strikte Anweisungen die Irren als Besucher anzureden nicht als Patient, Pfleger mussten den weißen Kittel ausziehen, um die Bewohner nicht zu verschrecken. Die Unzurechnugsfähigen bestimmten wann und ob sie überhaupt Medikamente einnahmen. Pfleger waren von den Patienten eingeschüchtert. Cooper selbst ließ sich eine lange Matte wachsen, trat in seiner Praxis in London mit ausbeulten Cordhosen auf, trank Whisky, rauchte Kette, nahm LSD-Trips und bekam 40ig-jährig einen Herzinfarkt.. Unterlagen über dieses Haus wurde vernichtet und die Hausnummer ca. 20 x geändert..

Dr. Armin Schmid / 29.04.2018

Das Leben imitiert die Kunst. Auch wenn man es hier nicht gerne hören wird: Der Donald erscheint mir momentan als beste Besetzung für die Rolle von Vater Ubu.

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