Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Wunschbullshit im Universum

Vor gut zehn Jahren bemerkte ich am Kleinlaster eines Freundes, der mir beim Transport eines Sofas half, ein auffälliges KFZ Kennzeichen, und ich fragte ihn nach der Bedeutung. Soweit ich mich erinnere, bestand es aus mehreren X und einer 7. Meist haben Leute ja als Kennzeichen ihre Initialen oder die ihrer Kinder und als Zahl ein bestimmtes Datum, vielleicht des Jahres, in dem Bambis Mutter erschossen wurde, aber der Kumpel heißt weder Xaver noch seine Frau Xantia. Und seine Erklärung ging so: mit dieser Nummer würde er immer einen Parkplatz finden, und zuvor würde er noch einen Wunsch ans Universum schicken, denn zwischen dem Kennzeichen und dem Universum gebe es eine geheimnisvolle, mächtige Verbindung.

Natürlich hielt ich das für einen Scherz und machte eine entsprechende Bemerkung, aber mein Freund meinte es  vollkommen ernst. Was mich ratlos zurück ließ, hatte ich den Freund doch bis dahin ganz und gar nicht für psychisch derangiert gehalten; er war beruflich mit viel Erfolg im kaufmännisch-technischen Gewerk aktiv und ließ auch ansonsten nicht erkennen, dass er einen am Sträußchen haben könnte. Weiteres Nachfragen verkniff ich mir, ich wollte nicht riskieren, mitsamt meinem Sofa an einer Straßenecke ausgesetzt zu werden.

Wenig später wurde ich auf ein Buch aufmerksam, das Wunschbullshit im Universumhieß, und der Titel ließ mich sofort wieder an die Nummer mit der  Nummer denken. Ging es im Buch wohl um den gleichen Sachverhalt, um Wunsch und Universum? Es ging. Der wichtigste Begriff im Titel war allerdings „Bullshit“, ein Begriff, den der Philosophieprofessor Harry G. Frankfurt 1986 in seinem einflussreiches Essay “Bullshit” seriös-wissenschaftlich definierte.

Frankfurt bezeichnet damit den opportunistischen Umgang mit der Wahrheit, um eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Der Bullshitter wird lügen oder zugleich die Wahrheit sagen. Es ist ihm gleichgültig. Hauptsache, er erreicht sein Ziel. Inzwischen ist “Bullshit” zu einem gebräuchlichen Fachbegriff geworden, ein Fachbegriff, der in zahlreichen Kontexten angebracht ist, man denke an die Themen Klimawechsel, Energiewende oder Deutschland wird bunt.

Plastikchips mit  „bioelektrisch aufgeladenen“ Rezepturen

„Wunschbullshit im Universum“ befasste sich gleichermaßen ironisch wie ernsthaft mit einer esoterischen Mode, die damals enormen Zulauf fand. Deren Botschaft war:

„Du kannst alles haben, Geld ohne Arbeit, Jobs ohne Suchen und Parkplätze ohne Mühe. Und vieles, vieles mehr. Das Universum gibt es dir. Garantiert. Du musst es dir einfach nur wünschen.“

Apologeten dieses Bullshits waren Autoren wie die Amerikanerin Rhonda Byrne, der deutsche Mime Pierre Franckh sowie weitere Experten im „Bullshit Departement“ (George Carlin) namens Bärbel Mohr, Esther Hicks und ein Herr Kurt Tepperwein, der bis heutezu allerlei Firlefanz wie Plastikchips mit verschiedenen „bioelektrisch aufgeladenen“ Rezepturen anbietet und eventuell sogar verkauft bekommt.

Bei den Adepten der Wünschelwichtelei kam das Buch erwartungsgemäß nicht gut an. „Der Neid war die Triebfeder der Autoren“ konnte man in Kritiken lesen, „Der größte Scheiß des Jahrhunderts“, „,zwei verzweifelte Autoren,die bei ihren eigenen Wünschen-die sich nicht erfüllten,mit angeblich lustigen Humor ihr eigenes Versagen überdecken versuchen“. Eine Leserin berichtet, sie habe das Buch gleich wieder verkauft, denn es sei eine „derart platte und emotionale Hetzjagd auf alles zum weitläufigem Thema "Wünschen" und "positiv denken".

Zugegeben, die Dame handelte positiv, indem sie sich in finanzieller Hinsicht schadlos hielt und einem Simpel die Hetzjagd verscherbelte. Korrekt hätte sie es besser so gehandhabt wie ein anderer Empörter: „Das Buch habe ich in unserem 0fen verbrannt. Da gehört es auch hinein.“  Ach ja. Es ist immer wieder erheiternd zu sehen, wie Bullshitter und Esoteriker, doch eigentlich der vergeistigten Gelassenheit verpflichtet, aus der Kurve geraten, wenn man ihre Gläubigkeit anzweifelt. Diskutieren Sie mal mit einem Anhänger der Homöopathie, dann merken Sie, was ich meine.

Als Profis erkennen wir Bullshit oft schneller als andere

Die Autoren von „Wunschbullshit im Universum“ sind der von Funk und Fernsehen bekannte Hugo Egon Balder sowie sein langjähriger Freund, der Autor, Musiker, Texter, Verleger und Produzent Jacky Dreksler, der Schöpfer des unsterblichen Karl Ranseier.  Was mochte ausgerechnet zwei, die sich der leichten bis seichten Muse verschrieben hatten, dazu gebracht haben, sich die Esoterik vorzuknöpfen? Jacky Dreksler erklärte es mit heftigem Augenzwinkern so:

„In unserem Business gilt: Wirkung und Quote ist wichtiger als Wahrheit und Wirklichkeit. Wir schneiden Lacher in unlustige Comedy-Acts, reduzieren differenzierte Experten-Aussagen auf Ein-Satz-Statements, lassen arme Würstchen von Schlagerstars zusammenscheißen, zeigen Ärsche, Titten und Tränen unter dem Vorwand einer Model-Show oder werfen dem Publikum in Nachmittags-Freakshows fernsehgeile Debile zum Fraß vor. Mit anderen Worten: Wir Fernsehmacher produzieren Bullshit und sind daher sowas wie Bullshit-Experten. Als Profis erkennen wir Bullshit oft schneller als andere. Wir vermuten: Auch die Extrem-Wünscher wollen Kohle verdienen und arbeiten daher mit ähnlichen Mitteln wie wir.“

Seit nun gut zehn Jahren kenne ich Jacky Dreksler, und es hat nicht lange gedauert, bis ich in dem Produzenten von TV Highlights wie Peng! Die Westernshow, Holldriöh! Die Alpenshow, Schlotter! Die Gruselshow oder auch Aloha! Die Südseeshow einen hochgebildeten, allseits, vor allem philosophisch, interessierten und informierten Menschen entdeckte. Vor einigen Jahren habe ich ein längeres Gespräch für meinen damaligen Blog mit ihm geführt, das ich am Ende dieses Textes angefügt habe, denn es ist noch immer gut.

2016 erschien ein ganz und gar anderes Buch von Jacky Dreksler: „Ich wünsch dir ein glückliches Leben – Das Leid meiner Mutter und ihr Geschenk an mich“. Ein ernstes, ergreifendes, teils erschütterndes Buch. Es erzählt die Geschichte der polnischen Jüdin  Fela Dreksler, die nach zwei Ghettos und zwei Konzentrationslagern durch eine perfide Denunziation ins Gefängnis kommt, wo 1946 ihr Sohn Jacky geboren wird. Als er 9 ist, stirbt die Mutter, zu deren Ratschlägen („Die meisten habe ich nicht befolgt“) auch dieser gehörte: „Jankele, du musst immer ehrlich sein. Aber du darfst auch nicht bleed sein.“

„Geboren bin ich im Gefängnis. In einem gelbgrauen Steinkasten in den südlichen banlieues von Paris, 1946, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Meine Mutter war eine polnische Jüdin, mein Vater ein französischer Jude. Ihn habe ich nie kennengelernt. Ein Jahr lang war ich hinter Gittern, die nächsten drei in deutschen und französischen Kinderheimen.“

So beginnt „Ich wünsch dir ein glückliches Leben“ und man ahnt, das ist keine leichte Kost. Jacky schickte mir vor dem Lesen diese Botschaft: „Ich hoffe, die ersten 100 Seiten deprimieren Dich nicht allzu sehr. Ich darf verraten, das Buch hat ein Happy End. Also, Mut.“ Eine Botschaft, die ich nur allzu gerne weiter gebe, denn  ich möchte, dass Sie dieses schöne, ergreifende wie erheiternde Buch lesen.

Selbstironie bis zu Melancholie, verpackt in schwärzesten Humor

Thematisch ist es in drei Teile gegliedert, und die entwickeln sich stimmungsmäßig von ganz unten nach hoch oben. Im ersten Teil des Buches geht es um die Geschichte von Drekslers jüdischer Mutter Fela. Der zweite handelt von der Geschichte seiner christlichen Pflegemutter, eine Geschichte, die wie ein Werk von Jorge Louis Borges auch „Die Universalgeschichte der Niedertracht“ überschrieben sein könnte, und Teil 3 handelt von dem, was der Autor so beschreibt:

„Die Geschichte eines Jungen, der schon mit fünf bei Kakao und Marmeladenbrötchen von seiner Mutter lernte, wie lange Juden in der Gaskammer nach Luft schnappen, eines Jungen, an dem zwei Religionen zerrten und der von seiner Pflegemutter eingesperrt und ausgebeutet wurde, der von seiner Mutter auf dem Sterbebett den Auftrag erhielt, glücklich zu werden – meine Geschichte.“

Dass dieses Buch geschrieben wurde, geht nicht auf Jacky Drekslers eigene Intention zurück (er fand die Geschichte zu privat und eine größere Öffentlichkeit nicht interessierend ) sondern war eine Idee seines Verlegers, der vom Werdegang des vielseitigen und erfolgreichen Multi-Kreativen wusste und anregte, er solle das doch unbedingt zu Papier bringen. Schließlich sei es nicht einfach eine beliebige Biografie, sondern viel mehr eine sehr deutsche Nachkriegs-Geschichte von ungewöhnlicher Aussagekraft.

Und so ist ein Buch entstanden, das alle Qualitäten des Autors, vor allem die seiner sehr jüdisch geprägten Selbstironie bis hin zur Melancholie, verpackt in schwärzesten Humor, zum Tragen bringt. Und das dem Leser über den Verlauf seiner 400 Seiten einer Botschaft näher bringt, eine Botschaft von Jacky Drekslers Mutter an den kleinen Jungen vor mehr als 60 Jahren: „Du musst versuchen, glücklich zu sein. Egal, was kommt. Du musst es wollen. Mehr als alles andere.“ Er hat es beherzigt, und er hat es geschafft.

Und hier ein Auszug aus „Ich wünsch dir ein glückliches Leben – Das Leid meiner Mutter und ihr Geschenk an mich“

Meinen Freund Hugo Egon Balder lernte ich 1983 beim Radio kennen, sieben Jahre vor Beginn seiner Fernsehkarriere. Wir waren Gag-Autoren und sollten Witziges zu aktuellen News basteln. Meine Begrüßung überraschte Hugo: "Hi, ich bin Jacky … Sag mal, bist du etwa Jude?"

In den Augen des Berliners glitzert Adrenalin. Aber der Schillertheater-Schauspieler hat sich im Griff: gepflegtes Zusammenzucken, entspanntes Lächeln, ein Zug an der Reyno: "Ja, ick bin Jude. Haste wat jejen Juden?"

Ich halte ihm mein Feuerzeug ans Ohr – zisschhh: "Ja, Gas."

"Na, dann Schalömchen", lacht Hugo und highfived mich, "noch ’n Judenbengel!"

Woran haben wir uns erkannt? Der alte SS-Kalauer war für Hugo ein untrügliches Kennzeichen: Nur Nazis machen solche geschmacklosen Witze – und Juden. Öffentlich nur Juden. Und nur Nazis und Juden würden – wie ich – die beiden winzigen Silberwinkel, die am Ende eines Kettchens aus Hugos T-Shirt lugten, sofort zu einem vollständigen Davidstern ergänzen. Nazis und Juden können Juden "riechen".

Hugo lächelt: "Der Führer hätte seine Freude an dir gehabt. Meine Mutter war in Theresienstadt. Und deine?"

"Auschwitz."

"Auch nicht schlecht", sagt Hugo anerkennend nickend, "und wie hat’s ihr gefallen?"

"Na ja, sie haben halt viel gelacht."

Jacky Dreksler: Ich wünsch dir ein glückliches Leben – Das Leid meiner Mutter und ihr Geschenk an mich. ca. 400 Seiten, Hardcover, EUR 22,99

Ein Gespräch mit Jacky Dreksler (2010)

Wenn dem geschätzten Leser der Beitrag oben gefallen hat, dann gibts hier jetzt die volle Dröhnung. Das Gespräch ist schon ein paar Jahre her und ziemlich lang. Es lohnt sich aber noch immer. Außerdem ist heute Sonntag!

Archi: Die Uncyclopedia schreibt über dich: “Jacky Dreksler ist jemand, über den man keinen übersichtlichen Lexikoneintrag kreieren kann, denn niemand weiß so recht, wo der Kerl schon überall seine Pfoten drin hatte” – siehst du dich damit irgendwie zutreffend beschrieben?

Jacky: Ja. Da hätte man aber noch härter draufkloppen können. Ich wäre mit mir nicht so milde umgegangen.

Archi: Du hast zuerst einmal etwas “Anständiges” gelernt …

Jacky: War eher der einzige Ausweg. Wegen dauernden Schwänzens warf man mich zu Recht aus dem Gymnasium. Ich begann dann bei Bayer in Leverkusen als Jugendlicher Hilfsarbeiter – schrecklich: Ich landete im ältesten Labor des Werkes, dem A-Labor, wo man im 19. Jahrhundert Anilinfarben zusammengebastelt hat, und musste die Reagenzgläser der Laboranten spülen. Ohne Mittlere Reife stand mir als sozialer Aufstieg nur eine zweijährige Anlernzeit als Chemiefachwerker offen. Deren graue Knitter-Anzüge gefielen mir aber nicht. Und so ging ich zum Werkspsychologen und bestand auf Intelligenz- und sonstigen Tests. Aufgrund der Ergebnisse machte man eine Ausnahme und ich durfte eine dreieinhalbjährige Lehre als Chemielaborant machen. Endlich ein Lichtblick. Laboranten waren Angestellte und durften weiße Kittel tragen. Die Zeit  als Hilfsarbeiter im Chemiegestank war heilsam. Ich wurde süchtig nach Bildung, kaufte Literatur, las Gedichte und schrieb mich an einer Privaten Höheren Abendschule ein. Die kostete Geld und so sah mein Leben über zwei Jahre lang so aus: Tagsüber Bayer, abends Abendschule, samstags Aushilfe in einem Kaufhaus, sonntags Spüler bei einer Sinalco-Abfüllung.

Archi: Sinalco – das durfte ich höchstens mal im Österreichurlaub trinken, davon bekam man laut meiner Mutter Läuse im Bauch. Den Job hätte ich auch gerne gemacht … Aber du hattest noch höhere Ziele – ab 1968 hast du Pädagogik, Philosophie und Soziologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn; das sind klassische 68er Fächer, warst du ein einer?

Jacky: Ja, ich hab mich im Sozialdemokratischen Hochschulbund politisch betätigt. Im Asta war ich Sozialreferent. Als ich die Adressen der einzigen drei Kölner Ärzte ans Schwarze Brett hing, die die Pille ohne hochnotpeinliches Verhör verschrieben, nannte mich der RCDS „Pillen-Sexler“.  Das waren Zeiten: Beim Besetzen von Hörsälen haben wir während des Gruppensexes Joints geraucht, Bob–Dylan-Lieder gesungen und zwischen den Strophen über antiautoritäre Erziehung diskutiert …

Archi: Okay, okay – ich hab diesen schwachen Gag mit meiner Frage provoziert. Im Ernst: Warst Du ein typischer 68er oder hast Du ordentlich studiert?

Jacky: Ich war fast ein hauptberuflicher Studentenpolitiker, war Präsident des Studentenparlamentes und hab Hörsäle meist nur bei Vollversammlungen von innen gesehen.  Mein eigentlicher Hochschullehrer war Paul Otto. Er war 15 Jahre älter als ich, sah aus wie eine Kreuzung aus Schiller und Chopin, hatte nie was zu Ende studiert und schrieb für reiche Idioten Doktorarbeiten von Medizin und Wirtschaftswissenschaften bis Soziologie und Philosophie. Wir verbrachten die Nächte in den Kölner Kneipen und diskutierten mit Nutten und Zuhältern über Politik, Freiheit und Wissenschaftstheorie. Paul Otto brachte mir die Philosophie des Kritischen Rationalismus Karl Poppers nahe. Und ihr fühle ich mich bis heute verwandt.

Archi: Nutten und Popper – da fielen mir blöde Witze ein, aber die lasse ich lieber, im Beisein des Meisters… Du hast dann an einem Gymnasium Soziologie und Pädagogik  unterrichtet, später als Fester Freier für den Kölner Stadtanzeiger geschrieben, du warst Segellehrer, Comic-Autor –  hab ich was vergessen? Ja, die Musikschule!  War das eine Station in Richtung Showbusiness?

Jacky: Daran hab ich damals noch nicht gedacht. Es war eine der vielen Möglichkeiten, ein bisschen Kohle zu verdienen. Es war eine schöne Zeit mit meinem Partner Mike Eulner. Wir gaben Unterricht in allen Gitarrenstilarten und in Musikalischer Früherziehung. Mike und ich haben dann auch ein paar recht erfolgreiche Song- und Lehrbücher geschrieben. Das war ein großer Spaß.

Archi: Wieso hast du eigentlich deinen Lehrerjob an den Nagel gehangen und wieder studiert?

Jacky: Da spielte auch wieder der Zufall eine Rolle. Eine meiner Schülerinnen und ich hatten uns beim Musikmachen verliebt … ich weiß, ich weiß: ist einer der schwarzen Flecken auf meiner Seele. Als sie dann Abitur machte und mit dem Medizinstudium begann, hielt es mich nicht am Gymnasium. Ich hatte Angst, dass wir uns auseinanderleben. Ich bemühte mich um ein Doktorandenstipendium, bekam es, und konnte endlich wieder wie ein Student leben. Ich denke übrigens oft und gern an diese verbotene Liebe zurück – vor allem, weil wir beide seit 36 Jahren immer noch zusammen sind und zwei süße Töchter haben.

Archi: Gehen wir einige Disziplinen durch, in denen du dich bewährt hast: Musik – du hast Musik gelehrt und arrangiert. Und du hast Liedtexte geschrieben. Für Charles Aznavour, aber auch für Roland Kaiser, Mike Krüger, Costa Cordalis, Heino und die Flippers – eine etwas bizarre Bandbreite …

Jacky: Archi, „bewährt“ ist ein großes Wort. Sagen wir mal, ich hab in vielen Bereichen viel herumdilettiert. Ich bin das menschgewordene Schweizer Taschenmesser: Ein Werkzeuglein für jeden Scheiß, aber nichts wirklich Professionelles. Übrigens: Wenn ich meine Songs für die Flippers, Heino oder Roland Kaiser handwerklich werten müsste, stünden viele dieser Lieder qualitativ über den Chansons für Aznavour. Es ist viel schwerer, gute volkstümliche Songs oder deutschen Schlager zu schreiben, als intellektuelle Chansons. In einem meiner ersten hab ich mal geschrieben: „Hörst du die Farben der Angst auf samtmattfeuchter Haut“. Der Künstler war begeistert. Aber es war leider nur an den Haaren herbeigezogener mehrfacher Schwachsinn. Farben kann man nicht hören, schon gar nicht auf der Haut, und Angst hat keine Farben. Intellektuelle nehmen Dir fast alles ab, wenn sie das Gefühl haben, mit gehobener Kost bedient zu werden. Heinos Publikum hingegen spürt genau, wenn sich falsche Zungenschläge einschleichen. Goethe hat dazu ein klares Wort gesagt: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Und Goethe muss es wissen, schließlich war er nicht nur ein ausgezeichneter Dichter, sondern auch einer größten Wortscharlatane, die je gelebt haben. Ich liebe ihn.

Archi: Goethe ein Wortscharlatan? Ist dir was zu Kopf gestiegen?

Jacky: Wieso? Schau mal, im Faust 1 schrieb er Zeilen, für die er sehr gelobt wurde. Zeilen, die sich bewusst an den Wertekanon des Kleinbürgertums anbiedern. Da weist Faust den Wagner zurecht:

Such Er den redlichen Gewinn!
Sei Er kein schellenlauter Tor!
Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor;
Und wenn’s euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist’s nötig, Worten nachzujagen?

Das ist opportunistisches Geschwätz, Archi. Goethe war ein brillantes, funkelndes Genie, der Wörter zu Worten wand und sich einen Scheißdreck um Bescheidenheit und andere bürgerliche Tugenden kümmerte. Der Filou war einer der größten Selbstdarsteller aller Zeiten.

Archi: Now to something completely different, wie’s bei Monty Python hieß: Radio – wie war die Arbeit dort? Ist das ein Medium, an dem du auch heute noch hängst?

Jacky: Ja, ich liebe Radio. Mit Hugo Egon Balder habe ich Sketche und Songs bei RTL in Luxembourg gemacht. Du kannst mit einfachen Mitteln Atmosphäre zaubern. Ein bisschen Vogelgezwitscher und du bist im Wald. Ein paar Käuzchenschreie und Kettengerassel im Hall und du bist in einem Gruselschloss. Hugo und ich haben im nebeligen Park des Senders trockene Zweige gesucht, um für einen Arztsketch brechende Knochen zu simulieren …

Archi: Wie kamst Du zum Radio?

Jacky: Meine Süße und ich waren mal wieder pleite. Wir studierten ja beide. Sie war Medizin- und ich Langzeitstudent, dessen Doktorarbeit über kritisch-rationale Pädagogik seit Jahren halbfertig herumlag. Sie bekam Bafög und ich hielt uns mit Gitarrenunterricht, Comicschreiben und als Fester Freier beim Kölner Stadt-Anzeiger über Wasser. Da hörten wir im Bett sonntags die Sketchsendung Radio-Flohmarkt vom Südwestfunk. Sie meinte: Solche mittelmäßigen Sketche kannst Du doch auch. Wenn einer weiß, wo ich medioker bin, dann sie. Und so schrieb ich einige und schickte sie ein. Nichts passierte. Nach ein paar Wochen rief ich dort an und erkundigte mich nach meinen Werken. Ich erwischte Norbert Diener, einen meiner damaligen Lieblingsmoderatoren, den ich übrigens gerade auf Facebook wiedergetroffen habe. Der meinte, er wisse nicht, wo mein Kram sei, aber er könne sich eine Radio-Comic-Figur vorstellen, die als „Alternativer“ die Moderatoren, das Programm und die Welt kritisiert. Ich schickte ihm zwei Radio-Comicals. Zwei Tage später rief er an: Das nehmen wir jetzt gleich am Telefon auf. – Was? Ich dachte, dass das einer eurer Profischauspieler … – Quatsch! Wir spielen ein Telefonklingeln ein, Du isst laut ne Möhre, und dann fängst Du an zu meckern. –  Und so entstand mit Norberts Hilfe meine erste Radio-Comic-Figur Matthias Müsli, ein grün-alternativer Ökosponti. Ich war damals 38 und spielte einen 19-jährigen Studenten – so was geht nur im Radio.

Archi: Dann der Sprung vom Radio zum Fernsehen – wie groß ist der? Sind das ganz verschiedene Welten?

Jacky: Und ob! Ein Freund von Hugo Egon Balder brachte mich eines Tages mit Wolfgang Penk, dem Unterhaltungschef des Zweiten Deutschen Fernsehens, zusammen. Der fragte höflich, was ich mache und ich sagte höflich: Comics, Journalismus, Radio, Gitarrenunterricht. Ob ich denn auch schon mal eine Fernsehshow geschrieben habe? Nein. Na, dann schicken Sie doch mal zur Probe was Lustiges. Ich schickte und wurde prompt eingeladen – nach Saarbrücken als Studioautor der brandneuen Show des Nordlichts Carlo von Tiedemann. Zur gleichen Zeit hatte ich aber mit Hugo Nachtgagdienst bei RTL in Luxembourg. Ich konnte die Fernseh-Chance nicht sausen lassen, brauchte aber auch die Kohle vom Radio. Und so machte ich von Mitternacht bis morgens platte Gags für die Frühstückssendung „Guten Morgen Deutschland“, fuhr ins Hotel, schlief eine Stunde, duschte mich, düste eine Stunde lang nach Saarbrücken, begann dort meinen Dienst als Autor um zehn Uhr, autorte bis nachts um neun oder zehn und fuhr zurück zum Nachtgaggen nach Luxembourg – eine Woche lang! Tja, und dabei habe ich mich dann wohl nicht ganz ungeschickt angestellt. Kurz darauf wurde ich – auch durch die Hilfe meines berühmten Kollegen Thomas Woitkewitsch, der unter anderem „Wetten dass“ betreute  – zu einem der meistbeschäftigten Fernsehautoren. Anfangs habe ich Radio noch weiter gemacht, aber da ich rund um die Uhr Fernsehshows schrieb, hörte ich irgendwann auf.

Archi: Wann und wie bist du mit Hugo Egon Balder zusammen gekommen?

Jacky: Wir haben uns 1983 bei Radio Luxembourg kennen gelernt und waren sofort Freunde fürs Leben. Später haben wir viel spätpubertären Blödsinn gemacht – zum Beispiel haben wir die Tonleiter bei der Gema angemeldet. Wurde akzeptiert. Erst als wir übermütig wurden und auch die Pause anmelden wollten, wurden sie aufmerksam.

Archi: War das die Zeit, als du zu allem Überfluss auch noch Schlagersänger geworden bist?

Jacky: Ja, meine Babs und ich waren bei Hugo in Berlin zu Besuch. In einer durchsoffenen Nacht machten wir das schöne Lied „Oh Grenada“. Ein englisches Lied über die Insel in der Karibik, wo Babs und ich ein paar Jahre vorher ein halbes Jahr lang rumhingen. Hugo überredete den Starproduzenten Jack White, dass ich das Lied vor Ort singen müsse. Und so fuhren Hugo und ich auf Jacks Kosten nach Grenada, tranken viel Rum, schminkten mich bis zum Hals braun, setzten mir eine Perücke mit Perlen auf und drehten ein Video mit Adjah Lion – das war mein Rasta-Name. Auf die Plattenhülle schrieben wir: Adjah Lion. Seine Stimme ist so rau wie die Kokosnüsse seiner Heimat.

Archi: Wie gruselig – Abgründe tun sich da auf! Wie viele Platten hast du bei deiner Karriere als Rasta-Weltstar verkauft?

Jacky: Mindestens hundert, vielleicht sogar zweihundert. Tony Marshall nahm dann die deutsche Version von „Oh Grenada“ auf.

Archi: Hugo und du – eine richtige Männerfreundschaft. Wie kam das? Ihr seht so unterschiedlich aus. Hugo ist schlank, du bist …

Jacky: Vorsicht, Archi. Ich kann in meinem Alter zwar nicht mehr töten, aber ich kann noch sehr, sehr weh tun!  Nun, Hugo gefiel mir sofort: frech, faul, laut, lustig, versoffen, vögelfrei, völlig ungebildet, aber hochintelligent. Wir waren uns sehr ähnlich: Konnten beide nichts. Und wer nichts kann, muss auch nicht umgeschult werden und kann jeden Mist machen. Hugo hat Grafik studiert, war Drummer bei der Deutschrocktruppe Birth Control, sieben Jahre Gesichtsverleiher beim Berliner Schiller-Theater, Pianist, Hunde-Handpuppen-Sidekick bei Frank Zanders ZDF-Sendung „Vorsicht Musik“, erfolgloser Sänger, erfolgreicher Radiomoderator, erfolgloser Fernsehmoderator, erfolgreicher Unterhalter in spätnächtlichen Saufrunden und ein genialer Musiker … Und all das hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist – ein riesengroßes Arschloch!

Archi: Er wird es sicher gerne lesen… Nun mal sachlich, Jacky. Einige deiner Projekte queerbeet: „Alles nichts oder?“ mit Frau von Sinnen und Herrn Balder, „Schreinemakers Live“ mit der lebendigen Margarethe, „Karls Kneipe“ mit Karl Dall, die „RTL Nachtshow“ mit Thomas Koschwitz, „Talk im Tudio/Der heiße Brei“ mit Jochen Busse und natürlich „RTL Samstag Nacht“  – an welche Produktion denkst du besonders gerne zurück oder bist sogar stolz darauf?

Jacky: Natürlich an RTL Samstag Nacht. Möchtest Du wissen, wie ich vom Fernsehautor zum Fernsehproduzenten wurde?

Archi: Ich brenne darauf …

Jacky: Was bleibt dir auch übrig? Anfang der Neunziger rief Studio Hamburg, die Produktionsschwester des NDR, an, man habe da ein amerikanisches Quizformat, sehr erfolgreich und suche nun nach einem Regisseur. Und da ich ja bekanntlich einer der besten und erfolgreichsten Regisseure wäre … Zuviel der Ehre, das stimme nicht … Nein, nein ich sei zu bescheiden, ob ich nicht mal vorbeikommen wolle. In Hamburg sagte man mir, meine Aufgabe wäre eine Kombination von Regie und Line-Producer. Ich überzeugte sie, dass Produzent eine so verantwortungsvolle Aufgabe sei, dass ich mich darauf beschränken wolle, und ich wisse da auch einen guten Regisseur.

Archi: Und das hat geklappt?

Jacky: Ja. Wir haben mit Mike Krüger dann 130 Folgen von „Punkt. Punkt. Punkt.“ Aufgezeichnet. Zum Glück war ich nicht so vermessen, den Regiejob anzunehmen, denn aus meiner Autorentätigkeit bei Hunderten von Fernsehshows wusste ich, dass man alle in diesem Geschäft bescheißen konnte, aber nicht die alten erfahren Kamerajungs. Ich hatte nämlich noch nie in meinem Leben Regie geführt, und das hätten die gerochen während ich zum ersten Mal durch die schwere Studiotür gegangen wäre.

Archi: Und meine eigentliche Frage – welches war Deine Lieblings-Fernsehsendung?

Jacky: RTL Samstag Nacht. Hugo Egon Balder erhielt vom damaligen RTL-Programmdirektor Marc Conrad den Auftrag, die US-Erfolgsserie „Saturday Night Live“ … ähm … kreativ zu adaptieren. Hugo sagte zu, obwohl er keine Ahnung hatte, was für eine Sendung das war. Hugo war also der Beauftragte des Senders und fragte mich, ob ich nicht der Produzent sein wolle. Ich sagte gleich zu, denn ich kannte die Sendung und wusste: Genau so was wollten Hugo und ich schon immer tun. Und dann haben wir es fünf Jahre gemacht. Mit einer großartigen kreativen Truppe brillanter junger Comedians, die noch keine Sau kannte. Esther Schweins, Olli Dittrich, Wigald Boning, Stefan Jürgens, Tanja Schumann, Tommy Krappweis …

Archi: Wie gut die waren – und sind – kann man ja daran erkennen, dass sie allesamt auch heute noch wichtige Rollen in der Unterhaltung spielen. Aber dir mal ganz nah auf die Pelle gerückt: Wie weit muss man sich aus dem Fenster seines Verstandes lehnen, um für Heino “Glocken am Rhein” oder für die Flippers: “Nachts am Wolgastrand” zu texten?

Jacky: „Nachts am Wolgastrand, wir gehen Hand in Hand, und der Mond scheint so süß auf die Taiga …“ Hehe, ich hab geahnt, dass Du noch einmal im Sumpf stochern möchtest. Archie, was soll die Naserümpferei? Was hast Du gegen den Wolgastrand? Oder den Rhein? Oder gegen Mondstrahlen, die süß auf die Taiga fallen? Ist dir „’n halber Mond versinkt vor mir/war der eben noch bei dir?“ von Tokio Hotel lieber? Bedeutungsvoller? Tiefgründiger? Oder was ist mit Matthias Claudius’:  „Seht ihr den Mond dort stehen/Er ist bloß halb zu sehen/Und ist doch rund und schön“. Heino oder die Flippers machen vielen Menschen Freude mit ihren Songs. Und sie schaden niemanden. Sie singen keinen zynischen menschenverachtenden Mist, sondern einfach nur einfache Lieder für Menschen, die einfach einfache Lieder mögen. Punkt. Und ich reime nah und ferne/Schlagerliedchen einfach gerne.

Archi: Ich frag’ zu dem Thema nichts mehr, nachher fange ich noch an, Heino zu hören…Dann greife ich deine Inkarnation als Produzent wieder auf. Mit welchen Kollegen hast du besonders gerne zusammen gearbeitet?

Jacky: Zum Beispiel mit Mike Krüger, Hugo Egon Balder, Carolin Reiber, Hella von Sinnen, mit dem Team von RTL Samstag Nacht, mit Markus Maria Profitlich, Hans-Jürgen Bäumler, Petra Schürmann und Dirk Bach, mit dem großartigen Team der Sketchsendung „Happiness“, mit Max Schautzer und Dagmar Berghoff, mit Karl Dall, dem Team der RTL Comedy Nacht, Carlo von Tiedemann, Sascha Wirtz, Sabine Sauer  … unterbrich mich, sonst hört das nicht auf.

Archi: Wenn ich hier mal unterbrechen darf  –  ein weiterer Punkt in deiner Biografie, um den ich dich beneide: Ab 1998 nanntest du dich “Privatier”, eines meiner Lieblingswörter – waren dir da die Niederungen des Showgeschäfts zu platt geworden?

Jacky: Ach, Quatsch! Ich hab viel plattes Zeug gemacht. Platte Witze, platte Lieder, platte Sendungen, plattes Land. Aber ich habe mich nie dafür geschämt. Ich mache halt nüchtern Dinge, für die sich andere erst besaufen müssen. Dr. Thoma, der Ex-Chef von RTL, sagte mir mal, er erwarte von mir, dass ich mehr Tiefe ins Programm bringe. Diese Bitte konnte ich nicht ausschlagen. So viele Tiefpunkte hatte Thoma danach noch nie im Programm. Archi, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Hohe Kultur auch. Dem Reinen, sagte Robert Gernhardt einmal, dem Reinen ist alles Reim. Nein, ich wollte mal wieder das tun, was ich seit meinem Rausschmiss aus dem Gymnasium immer tun wollte – wie ein Student leben. Das heißt vor allem: viel lesen. Zudem stand da meine geliebte Gitarre und nicht zuletzt waren da eine Frau und zwei kleine Mädchen, von denen ich vor lauter Karriere wenig gehabt habe. Wir hatten damals das Gefühl, dass wir uns mit etwas Glück, bei bescheidener Lebensweise – und ein bisschen Zubrot hier und da – auch ohne Arbeit über Wasser halten könnten – eine Fehleinschätzung!

Archi: 2004 bist du ins Business zurückgekehrt – war dein Golf Handicap nicht mehr zu verbessern?

Jacky: Genau – ich hatte keine Chance mehr, das Handicap zu verbessern. Nicht, weil ich so gut war. Sondern weil ich auch nach vielen Unterrichtsstunden immer noch aussichtslos miserabel war. Ich konnte mich krumm legen, mein Handicap blieb peinlich. Zum Wiedereinstieg ins Biz wurde ich von meinem Freund Hugo und von meinem Freund Wolfgang Jenke, dem Geschäftsführer unserer Firmen Mint und Pacific Productions, und mit guten Argumenten überzeugt: Wolfgang hatte einen Partner aufgetrieben, der Geld in die Firma schießen wollte und umschmeichelte mich mit süßen Worten: Jacky, die Branche braucht Dich, sie wollen Dich … Das war gelogen, ich wusste das, niemand braucht mich, alle kamen sechs Jahre prima ohne mich aus. Aber Eitelkeit und ein immer leerer werdender Geldspeicher haben mir dann den letzten Schubs gegeben. Das hätte ich bleiben lassen sollen. Ich habe da mehr schlechte als gute Erfahrungen gemacht.

Archi: Die RTL Comedy Nacht, die du 2005 für RTL produziertest, hat dann nicht mehr funktioniert – woran lag es? Zuwenig Freiheiten, die falschen Leute, veränderte Sehgewohnheiten beim Publikum?

Jacky: Ich habe keine Ahnung. Wirklich nicht. Sonst hätte ich es ja anders gemacht. Die Comedians waren große Klasse. Wundervolle lustige Persönlichkeiten. Wir hatten nicht viel Geld zur Verfügung – aber genug. Unser Chefautor war ein erfahrener brillanter Schreiber. Der Sendeplatz okay. Und RTL war schließlich ein erfolgreicher Sender, bei dem ich mich zu Hause fühlte. Als sie mit der Idee an mich herantraten, eine Neuauflage von RTL Samstag Nacht zu produzieren, hab ich darum begeistert ja gesagt – trotz der Warnungen von Hugo, der auch wegen eines Exklusiv-Vertrags bei SAT.1 nicht mitmachen durfte. Ich habe RTL auch klar gesagt, dass wir eine ganze Staffel mit rund 20 Sendungen brauchen würden, um mit Unbekannten den Durchbruch zu schaffen. So war das auch bei RTL Samstag Nacht, das entgegen der Legende kein Übernachterfolg war. Ob denn dazu die Geduld reiche? Ja ja, natürlich. Und dann, nach dem Casting und dem Zusammenstellen des Teams, da hatte sich die Welt halt mal wieder gedreht und die Stimmung im Sender auch. Vielleicht solle man doch erst einmal drei Piloten machen, oder einen. Mit anderen Worten: Der mir seit Jahren wohlbekannte säuerliche Angstgeruch wehte aus den Redaktionsbüros.

Archi: Wie kommst du mit so was klar?

Jacky: Dazu mal ein offenes Wort: So blöd die Angst vor Misserfolg und die daraus resultierende Unentschlossenheit und Wankelmütigkeit der Sender für uns Produzenten ist – Recht hat so ein Sender mit seiner Vorsicht. Schließlich ist er ein Wirtschaftsbetrieb, der Gewinn machen muss und kein Auftragsgarant für geldgierige Produzenten oder ein Mäzen für Man-müsste-mal-Ideen. Bei Samstag Nacht, Anfang der Neunziger war jede Menge Geld da: Aufbruchstimmung, Goldgräberzeiten. Heute sind die Ressourcen knapp geworden. Der Werbemarkt bricht ein, immer mehr Klein- und Kleinstsender machen auf. Zwanzig Sender, die ein halbes Prozent Einschaltquote haben, sind in der Summe schon 10 Prozent mehr Konkurrenz für die Großen Acht. Das Internet schnappt sich immer mehr vom Werbekuchen. Keiner kann sich noch Misserfolge leisten. Kurz: Die Sender handeln nicht aus Böswilligkeit so, sondern weil ihnen ihre Besitzer in der konkreten Konkurrenzsituation keine andere Wahl lassen.

Archi: Aber RTL entschloss sich dann doch zu einer Staffel.

Jacky: Anke Schäferkordt, die RTL-Chefin, kam gerade von Vox zu RTL. Sie wiegte ihren Kopf und gab zu Bedenken, dass die Zeiten sich seit RTL Samstag Nacht geändert haben, dass der Zuschauergeschmack ein anderer sei, die Sehgewohnheiten … ich wollte das damals alles nicht hören und habe wie ein Tier für eine Staffel mit über 20 Folgen gekämpft, schilderte die Situation allen Beteiligten bis hinauf zum zuständigen Bertelsmann-Vorstand Gerhardt Zeiler humorvoll aber hart in einem vielseitigen Comic, schrieb, dass man einen Abgrund nicht in zwei Schritten überqueren könne – und schließlich fingen wir tatsächlich an. Nur neun Sendungen hatte man uns gewährt. Egal, ich würde diese Chance nutzen und ihnen zeigen, was eine Harke … Aber Anke Schäferkordt hatte leider völlig Recht:  Die erste Show versendete sich mit lausigen 14 Prozent – weit unter dem erwarteten Senderschnitt von rund 18 Prozent. Wie konnte das sein, wo wir doch alle so brillant waren? Analyse: Es war nicht wie sonst bei erfolglosen Erstsendungen üblich, dass die Zuschauer vor der Kiste saßen, alles schrecklich fanden und dann vor lauter Panik geflüchtet sind. Nein, sie schalteten erst gar nicht ein! Offensichtlich wollte keine Sau eine Sendung mit dem Titel “RTL Comedy Nacht” zu diesem Zeitpunkt an diesem Tag sehen – ohne Ansehen des Inhalts. Und das, obwohl der Beginn der ersten vier Sendungen identisch war und nichts mit uns zu tun hatte.

Vor lauter Angst zwang uns der Sender nämlich zu diesem fulminanten Showstart: Unsere Comedians kamen auf die Bühne, sagten kurz Hallo und kündigten dann einen der bedeutenden deutschen Stand-Upper an, großartige Stars wie Mario Barth, Atze Schröder, Michael Mittermeier, die dann erst einmal rund 6 Minuten lang ihr Programm machten. Nutzte alles nichts. Holger Andersen, der zuständige Chef, war ein erfahrener, brillanter und erfolgsverwöhnter Programmmacher, ungewöhnlich kreativ, aber er wusste so wenig wie ich, was die Sendung erfolgreich machen könnte. Wir haben dann neun Shows produziert. Alle mit unterirdischen Einschaltquoten, die sogar unter die 10 Prozent rutschten.

Archi: Wie reagiert ein Sender auf solche Misserfolge?

Jacky: Die Zusammenarbeit mit dem Sender wurde mit jedem neuen Absinken der Quote frostiger, und schließlich behandelte man mich mit dem Eishauch kalter Verachtung, als wäre der Misserfolg meine persönliche Schuld. Aber jemand, der sich, wie ich, auch oft in unverdientem Erfolg gesonnt hat, darf da nicht meckern. So ist das halt in unserer Branche, so sind die gnadenlosen Regeln: Erfolg ist alles. Es nutzt nichts, dass Du gestern, früher oder damals ein Riese warst. Es ist wie bei einem Brückenbauer: Du bist immer nur so gut wie Deine letzte Brücke. Und wenn die einstürzt …

RTL gab der Sendung schließlich den Gnadenschuss – und handelte dabei völlig korrekt: Neun erfolglose Shows und keine Aussicht auf Besserung – da muss man sogar die Langmut eines erfolgsverwöhnten Senders bewundern. Ich hätte auf die Intuition meines Freundes Hugo hören sollen. Vielleicht wäre aber auch alles anders gekommen, wenn er hätte mitmachen wollen und können. Hugo hat ein unglaublich gutes Gespür für Dinge, die ankommen. Ich bewundere ihn dafür.

Archi: Da muss doch auch ein alter Fahrensmann wie Jacky Dreksler emotional ganz schön in den Seilen hängen, wenn ein Projekt so floppt – wie hast du das weggesteckt?

Jacky: Ich hab da zum Glück eine ganz einfache Einstellung zum Mann-Sein. Geprägt durch eine unschöne Jugend bei einem gnadenlosen Vormund und in Kinderheimen, geprägt durch Superhelden-Comics, die ich für den Bastei-Verlag geschrieben habe: Der Mann, „der Held“ jammert nicht. Ein Indianer zeigt keinen Schmerz. Im Triumph bleibt der Mann bescheiden, in der Niederlage gelassen. Er haut den Mächtigen in die Fresse, aber erst nachdem er dreimal provoziert wurde. Und er beschützt die Armen und Entrechteten.  Kitschig? Natürlich … aber ich bin abgeschwiffen … wie war nochmal die Frage?

Archi: Vergiss sie! Jacky, du hast mit Hugo Egon Balder ein Buch verfasst “Wunschbullshit im Universum”. Es ist eine Ernst gemeinte, aber ironisch formulierte Abrechnung mit verstrahlten Esoterikern wie Rhonda Byrne, Bärbel Mohr oder Pierre Franckh. Warum machst du so was?

Jacky: Auch so eine Kitschecke von mir. Ich verabscheue jede Form von Scharlatanerie. Diese Autoren bevölkern seit Jahren die Bestsellerlisten mit Büchern, die allen Ernstes behaupten, wer sich etwas mit der richtigen Technik wünsche, bekomme es. Sofort. Und garantiert. Angesichts von 2 Milliarden hungernden Menschen, die nichts besitzen und hilflos schrecklichen Krankheiten ausgesetzt sind, ohne Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse, ist das eine unfassbare Unverschämtheit. Hugo und ich haben eine beißende Kritik geschrieben. Wissenschaftlich gemeint, aber leicht in Stil und Tonfall. Wir haben den Wünschelwichten Lug, Beschiss und Betrug nachgewiesen. Passiert ist nichts.

Mundus vult decipi … die Welt will betrogen werden, und sie bestaunt aufs Neue des Kaisers neue Kleider. Und so verhökern uns andere Betrüger für viel Geld Halbedelsteine, die seltsamerweise nur wirken, wenn man sie am Leib trägt und nicht, wenn sie in der Erde liegen. Und sie verkaufen uns Substanzen ohne ein einziges Atom Wirkstoff. Und erzählen uns, dass sich das Lösungsmittel Wasser daran erinnern könne, dass früher mal eine Wirksubstanz drin gewesen wäre. Seltsam, das sich das Wasser nicht an die Kloake erinnert, in dem es mal geflossen ist. Und wenn man sie kritisiert, faseln sie etwas vom Placebo-Effekt. Natürlich existiert der. Aber wenn sie so stark daran glauben, sollen sie sich doch mal mit homöopathischer Narkose am Herzen operieren lassen.

Archi: Du meinst natürlich die Homöopathie. Du nennst Homöopathen Scharlatane?

Jacky: Nein, das wäre eine Beleidigung für jeden anständigen Scharlatan. Johannes B. Kerner hat Hugo und mich sowie Bärbel Mohr und Pierre Franckh zu einem Streitgespräch eingeladen. Keiner von denen hat den Mut gehabt zu kommen. Dennoch: Die Esoteriker sind Menschen, die mich faszinieren. Viele sind zwar intelligent und gebildet, aber sie glauben an unfassbaren Schwachsinn! Diese Diskrepanz ist doch interessant. Archi, wir leben in einer Welt voller Maschinen, voller Elektronik, voller Computer, voller großartiger Schulmedizin. Und nichts, absolut nichts davon stammt aus esoterischen Forschungen, aus esoterischen Theorien. Nichts! Der brillante Bühnenzauberer und Entlarver von Scharlatanen, James Randi, hat sei vielen Jahren eine Million Dollar ausgesetzt für denjenigen, der außersinnlichen Fähigkeiten beweisen kann. Randi musste sie bisher nicht bezahlen. Im Internet gibt es von ihm übrigens zahlreiche wundervolle Clips, unter anderem wie er Uri Geller entlarvt, der sich jetzt geschickter Weise nur noch „Mystifier“ nennt. Ist dir übrigens schon mal aufgefallen, dass die in den Vierzigern und Fünfzigern des letzten Jahrhunderts so beliebten Ufosichtungen fast auf Null zurückgegangen sind? Ob das wohl daran liegt, dass alle Menschen Handys haben, die Fotos machen können?

Archi: Ach, hier in Belgien wurden noch in den Neunzigern Ufos gesehen…

Jacky: ARCHI!

Archi: Ja, schon gut, war nur ein Gag. Zurück zu den Wünschelwichten. In Eurem Buch steht: “In unserem Business gilt: Wirkung und Quote ist wichtiger als Wahrheit und Wirklichkeit. Wir schneiden Lacher in unlustige Comedy-Acts, reduzieren differenzierte Experten-Aussagen auf Ein-Satz-Statements, lassen arme Würstchen von Schlagerstars zusammenscheißen, zeigen Ärsche, Titten und Tränen unter dem Vorwand einer Model-Show oder werfen dem Publikum in Nachmittags-Freakshows fernsehgeile Debile zum Fraß vor. Mit anderen Worten: Wir Fernsehmacher produzieren Bullshit und sind daher so was wie Bullshit-Experten.” Dann mal Klartext: was sagt der alte Hase Jacky Dreksler zur heutigen Fernsehlandschaft in Deutschland?

Jacky: Sie ist anders als früher. Mehr nicht. Nicht besser als vor 10, 20 Jahren – nicht schlechter. Geldgier und Eitelkeit, Ruhmsucht und Opportunismus waren und sind im Showgeschäft immer schon starke Antriebsfaktoren gewesen. Ohne sie gäbe es wohl keines. Schau Dir an, welche Bücher unsere feingeistigen Feuilleton-Redakteure hochjubeln: Masturbation, Drogen, Arschrasur, geklaute Textpassagen – wer wollte da vom Fernsehen Besseres erwarten. Okay, peinliche Dokusoaps, Dieter Bohlens Rumprügelei auf armen, ruhmsüchtigen Menschen, schamloses Zurschaustellen der Schwächen von Schwachen – das ist fürchterlich, gibt es aber nicht erst seit heute. Am Ende des Tages: Fernsehen ist trotz aller Schattenseiten ein großartiges Medium, geil trotz aller Schattenseiten. Ich liebe es.

Archi: Leute aus der TV Branche, die ich persönlich kenne, jammern viel. Kaum Geld, kaum Aufträge, insgesamt miese Stimmung – kann ein Urgestein wie du in diesen Chor mit einstimmen, oder schwebt ein Jacky Dreksler über diesen Niederungen und kann weiter machen, was er will?

Jacky: Ich bin kein Urgestein, Archi, das ist die falsche Metapher. Ich hatte das Glück, in einem reißenden Fluss zwei, drei Jahrzehnte lang ab und zu mal eine kleine Sandbank zu bilden. Aber richtig ist: Heute wird es für freie Produzenten immer schwieriger an Aufträge zu kommen.

Archi: Mal konkret, Jacky. Woran liegt das? Und gib mir bitte nicht das übliche Produzentengewäsch.

Jacky: Komplex, aber ich versuch’s kurz zu machen. Wird aber nur mit Zahlen ein gutes Argument, Archi!

Archi: …die du gewiss in der Hosentasche beim Klimpergeld hast…

Jacky: Nehmen wir Bertelsmann. Der Konzern hat durch einen Aktienrückkauf über 2 Milliarden Schulden – wenn stimmt, was Wikipedia schreibt. Die eigene RTL-Group, zu der auch RTL gehört, besitzt 45 Fernseh- und 32 Radiosendern in 11 Ländern. Zudem gehören dazu eigene Film- und Fernsehproduktionsgesellschaften, die weltweit agieren und meist unter „Fremantle“, „Grundy“ oder „Ufa“ firmieren.

Archi: Schön – und?

Jacky: Allein die Fremantle Media produziert 260 Formate in 45 Ländern. Beide Sparten produzieren jährlich 10.000 Stunden TV-Programme für täglich 170 Millionen Zuschauer.  Die bekanntesten Bertelsmann-Produktionsfirmen in Deutschland sind Teamworks, Grundy Light Entertainment, Grundy Ufa, Ufa Entertainment, Ufa Fernsehproduktion, Phoenix Film und Ufa Cinema. Ob Stauffenberg, Bauer sucht Frau, Deutschland sucht den Superstar, Gute Zeiten – Schlechte Zeiten, Rosamunde Pilcher, Das Papst Attentat oder Der Medicus. Bertelsmann-Sender bekommen ihre erfolgreichsten Sendung zum großen Teil von –Bertelsmann-Produktionsfirmen.

Archi: Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Daran ist ja nichts grundsätzlich Schlechtes.

Jacky: Natürlich nicht. Wir leben schließlich in einem kapitalistischen System. Und das sehr gut. Die Öffentlichkeit interessiert sich verständlicherweise nicht für diese Verflechtungen. Bertelsmann hält sie zwar nicht geheim, posaunt sie aber auch nicht ohne Not hinaus. Die Gütersloher machen sich lieber viel kleiner als sie sind. Bertelsmann ist der sechstgrößte Medienkonzern der Welt mit rund 20 Milliarden Umsatz.

Die RTL-Group bringt rund 50 Prozent des Reingewinns von Bertelsmann. Privatfernsehen und –Radio lebt hauptsächlich von der Werbung. Weitere 14 Prozent verdient der hauseigene Gruner & Jahr Verlag, zu dem Stern, Schöner Wohnen und auch 25 Prozent vom Spiegel gehören. Auch die leben hauptsächlich von Werbung. Kurz:  Rund zwei Drittel des Bertelsmannkonzerns lebt vornehmlich von Werbeeinnahmen. Und wenn die mal um 10 oder 20 Prozent zurückgehen, ist die allmächtige Bertelsmannbesitzerin Liz Mohn überhaupt nicht amüsiert. Ich stelle mir vor, dass Liz ihren Vorstrandsvorsitzenden Hartmut Ostrowski zum Tee bittet und nebenbei sagt: „Hartmut, diese unschönen Gewinneinbrüche … Und Hartmut bittet den zuständigen  Vorstand Gerhard Zeiler zum Kaffee: Gerhard, wie können wir mehr Gewinn machen. Und Gerhard bittet die RTL-Chefin Anke Schäferkordt auf ein Gläschen Cointreau: Anke, könnten wir nicht die Programmkosten senken? Das wiederum bedeutet: weniger Sendungen für Außenstehende, mehr Sendungen im eigenen Haus produzieren und weniger Geld für alle Produzenten – die eigenen und die fremden. Verständlich, denn  Liz möchte nicht ständig weniger Geld im Geldspeicher haben. Da ist Lizzy wie wir alle.

Archi: Bei ProSiebenSat.1 sind – wie man liest – die Schulden noch höher und die Sparzwänge noch stärker. Da sind ja momentan wohl die vielzitierten Heuschrecken beim Leerfressen. Wie kann so was passieren?

Jacky: Nach der Kirchpleite 2002 erstand Haim Saban den Konzern für, ich glaube, 525 Millionen Euro. Dann verhökerte er ihn mit Gewinn für 3 Milliarden an die Beteiligungsfonds KKR und Permira – etwa 6-facher Gewinn für olle Haim. Natürlich wollten die neuen Besitzer auch ein bisschen Gewinn machen.

Archi: Aber wie? Die besaßen doch schon die hochverschuldete Senderkette SBS Broadcasting.

Jacky: Yep! Die hatten sie im Jahr zuvor für rund 2 Milliarden gekauft. Und nun wird’s spannend. Wenn stimmt, was Manager-Magazin, Spiegel oder andere berichtet haben, „überzeugten“ die neuen Besitzer von ProSiebenSat.1 ihre Firma, ihnen die SBS für 3,3 Milliarden abzukaufen. Das Geld dazu musste sich ProSiebenSat.1 von den Banken leihen.

Archi: Moment, das bedeutet, wenn ich richtig rechne, dass die Heuschrecken schon mal 1,3 Milliarden Gewinn gemacht haben.

Jacky: Wäre möglich. ProSiebenSat.1 ist nun seit 2007 mit über 3 Milliarden verschuldet. Der Senderverbund müsste – wie das Manager-Magazin mal ausgerechnet hat – jährlich um die 240 Milliönchen an Zinsen bezahlen und – jährlich! – so etwa 400 Millionen zurücklegen, um die 2015 mit einem Schlag fälligen Milliardenschulden zurückzahlen zu können. Bis jetzt ist da – wie man liest – nichts geschehen.

Archi: Mit anderen Worten: Auch hier wird wie blöd gespart – darf ich raten? Womöglich am Programm?

Jacky: Wo sonst. Auch dieser Konzern verlagert immer mehr Produktionen in eigene Produktionsfirmen.

Archi: Du hast für beide Sender Programme produziert. Spürst du so etwas wie Mitleid?

Jacky: Sender sind Konstrukte. Da sind Gefühle wie Mitleid unangebracht. Aber ich habe in beiden Sendern  viele Menschen kennen gelernt – von Senderchefs über Sekretärinnen bis zum Produktionsmanager.  Darunter sehr viele richtig gute, hoch motivierte Leute, mit denen es Spaß gemacht hat zu arbeiten. Menschen, die sich bemüht haben – oder sich immer noch bemühen – aus den gnadenlosen Bedingungen das Beste herauszuholen. Menschen, die ihren Job nicht allein für Kohle machen, sondern Herzblut hineinlegen. Um die tut es mir Leid.

Archi: Klare, deutliche Worte, die nur jemand sprechen kann, der seit Jahrzehnten das Geschehen miterlebt und werten kann – gerne würde ich zuletzt noch etwas über deine privaten Vorlieben wissen. Reist du gerne? Hast du zu deiner Geburtsstadt Paris oder zu Frankreich noch besondere Beziehungen? Welche Länder interessieren dich ansonsten?

Jacky: Paris hat nichts von mir gehabt und ich nichts von Paris. Ich liebe vor allem die USA und neuerdings auch Kanada. Die USA faszinieren mich, seitdem ich dort als Zehnjähriger in Buffalo in die Schule gegangen bin. In den Neunzigern war ich viele Jahre lang jeweils zwei Monate in Hawaii und habe besonders die windward side von Oahu liebgewonnen und Freunde gefunden. Zuweilen ärgere ich mich über arrogantes Gefasel über die Kulturlosigkeit der Amis. Da erzählt man mir, in den USA habe man nur schlecht gegessen, weil es außer McDonald’s und Burger King keine Restaurants gab. So einen Schwachsinn kann nur jemand erzählen, der durch Hauptstraßen brettert und dabei Spezialitätenrestaurants entdecken will. Da höre ich, Schulen und Hochschulen hätten kein Niveau. Wer so was sagt, hat sich noch nie mit einer engagierten Lehrerin unterhalten wie meine hawaiianische Freundin Anna Lee es ist. Und er vergisst, dass Harvard, Yale, Brown und andere Ivie-League-Unis zu den besten der Welt gehören – vielleicht, weil sie das in Deutschland schon lange verratene und vergessene Humboldtsche Bildungsideal aufrechterhalten. Die amerikanische Politik finde ich seit Jahrzehnten beklagenswert, aber ich liebe das Land und die Leute.

Archi: Wie steht es mit dem Musikmachen? Weiterhin eine Leidenschaft von dir?

Jacky: Und wie! Ich liebe die Musik seit ich mit zwölf die ersten Akkorde auf meiner Gitarre schrammelte. Damals hatte ich keinen Zugang zu Liederbüchern. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für ein Glücksgefühl es in einem Anfänger erzeugt, wenn er nach einigem Rumwursteln den richtigen Akkord zu einer Liedstelle findet…

Archi: Doch, kann ich, bei mir war es Hang on Sloopy…

Jacky: … Sloopy, hang on … The McCoys … G-Dur, D-Dur und C-Dur … muss Mitte der Sechziger oder so gewesen sein. Das liebe ich bis heute am US-Pop: Einfach, schön und mehrstimmiger Gesang und ein starker Backbeat. Mit 12 war ich zurück in Deutschland und in einem Kinderheim in Bad Honnef. Im Radio spielten sie Tom Dooley und einen Song der Everly Brothers, der mich wegen des süßlichen zweistimmigen Gesangs ansprach – All I Have To Do Is Dream“. Mein Gott, die Stimmen der beiden verschmolzen zu einem perfekten unwiderstehlichen Klangsirup; der Text Honig auf die wunde Seele eines Frischpubertierenden … „whenever I want you all I have to do is dreaaaam …“

Der Song gehörte zu meinen ersten “Perfomances” auf dem Zeltplatz am Bodensee: Als es dunkel wurde, saßen am Lagerfeuer tatsächlich Camper um mich herum und hörten zu, wie ich Volkslieder und Songs von Elvis, den Everly Brothers und Freddy sang. Und der Glanz in den Augen der süßen Mädchen. Sollte ich wirklich so gut sein? Oder war es nur der Widerschein des Lagerfeuers? Damals spürte ich, welche Kraft in Melodien und Texten lag: Ich konnte die hübsche Christel mit Songs der erfolgreichsten Komponisten und besten Texter ansingen, konnte diese für mich um einen Kuss von diesem engelsgleichen Wesen bitten lassen: „When I want you in my arms, when I want you and all your charms, whenever I want you all I have to do is dream.“

Archi: Wie viel Instrumente spielst du?

Jacky: Gut? Keins. Leidlich? Gitarre. Schlecht? Piano. In meinem Zimmer stehen fünf, sechs Gitarren, zwei Keyboards, eine Pedal-Steel-Gitarre und ein Bass. Ich hatte vor Jahrzehnten mal eine private Musikschule und habe Gitarren- und Keyboard-Lehrbücher geschrieben. Das hat großen Spaß gemacht. Heute nehme ich mir die Zeit und arbeite an neuen Werken. Zudem bastele ich mit einem jungen kanadischen Freund an einem Gitarren-App für Apples neues iPad. Ich bin ein ganz guter Musikpädagoge, leider nur ein miserabler Spieler. Ist aber nicht schlimm, denn wenn ich was Professionelles brauche, gehe ich zu meinem Freund Martin Ernst – übrigens mein Partner bei der iPad-Produktion. Martin war damals der Chef der RTL- Samstag-Nacht-Live-Band “RTL-Allstars”, einer brillanten Combo, die heute noch besteht. Martin hat ein technisch perfekt eingerichtetes Studio, ist selber ein ausgezeichneter Musiker und besorgt ansonsten die besten Künstler auf jedem beliebigen Instrument. Wer sich mal anschauen und anhören möchte, was Martin und seine Band kann, findet alles auf seiner Website www.allstars.biz.

Archi: Noch mal kurz zum Thema Fernsehen – wird man als Profi nicht häufig mit Zuschauern konfrontiert, die meinen: was die können kann ich auch, und zwar besser? Die einen mit Ideen und Konzepten bombardieren, die noch bizarrer sind als das, was man selber macht?

Jacky: Ja, das ist so. Aber ich kann die verstehen. Zumal sie ja Recht haben. Bitte erinnere dich. Auch mein Impuls war, dass ich ebenso gut schlechte Sketche schreiben konnte wie die Leute, die sie beim Südwestfunk gespielt bekamen. Ich habe dann festgestellt, dass ich Recht hatte: Mein Kram war genauso miserabel. Und so hab ich einen wichtigen Unterschied gelernt: Es gibt Mist, der gespielt wird und Mist, der nicht gespielt wird. Du musst verflucht professionell werden, damit du dauerhaft zu denen gehörst, deren Mist gespielt wird. Und wenn du hart arbeitest, schaffst du ab und zu mal etwas Brillantes. Und die Sonne dieses Glanzes überstrahlt golden die andere Scheiße und du fühlst dich großartig. Es gibt noch einen Unterschied zwischen draußen und drinnen: Die drin sind, wissen, welcher Mist gerade en vogue ist. Wer draußen ist, kommt häufig zu früh oder ist zu spät dran. Manchmal muss man auch einfach nur Glück haben. Als wir mit RTL Samstag Nacht anfingen, übergab man uns einen Stapel von Konzepten, die unserem sehr ähnlich waren. Da, vielleicht findet ihr noch was. Die das eingesandt hatten, waren draußen, wir waren drinnen – und das nicht, weil wir so unfassbar gut waren.

Archi: Und noch eine Nachfrage – stehen die grundsätzlich alle auf verlorenem Posten, oder hat es auch schon mal jemand “geschafft”? Vorsicht, du musst nicht antworten, wenn du jetzt sagst “Ja”, dann hat das nicht gerade eine abschreckende Wirkung für diese Leute.

Jacky: Natürlich kann man es schaffen – ich bin ein gutes Beispiel dafür. Was ich geschafft habe, hätte jedes andere brillante Genie auch geschafft – hey, war nur’n Scherz. Ich bin nicht begabter als andere. Für den Aufstieg brauchst du ein paar Stufen Glück. Aber meist reicht das nicht, und du musst ein paar Stufen durchwachte Nächte, ein paar Stufen Wegstecken von Misserfolg und ein paar Stufen Perseverationsvermögen hochklettern, um im Keller des Showgeschäfts anzukommen.

Archi: Hey, cooles Wort, das merke ich mir. Man lernt nie aus, drum gleich die Frage: Hast Du für junge unerfahrene Leute, die in das Showbusiness einsteigen wollen, einen Rat?

Jacky: Geh nie zu einem Pistolenduell, wenn du nur ein stumpfes Messer in der Tasche hast.

Archi: Das ist ein schönes Schlusswort, Jacky  – aber eine allerletzte Frage habe ich noch: wie geht es Karl Ranseier?

Jacky: Danke, dass du fragst, es gibt da nämlich eine kleine Sensation zu berichten – er ist immer noch tot!

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (3)
Inra von Wangenheim / 22.10.2017

Vielen Dank, Sie haben mir mit Ihrem Antidepressivum mal wieder den Sonntag versüßt! Habe mindestens dreimal laut wiehernd gelacht! Das Buch von Herrn Dreksler kaufe ich mir. Was für ein leiser Mensch, man muss ihn liebhaben.

Georg Dobler / 22.10.2017

Verehrter Herr Bechlenberg, Sie lassen uns Leser sehr im Regen stehen mit der nicht geklärten Frage, wie es kommt dass Ihr Freund immer einen Parkplatz findet obwohl das alles doch Bullshit ist und wie es sich damit verträgt dass er doch trotz alle dem erfolgreich beruflich “und auch ansonsten” im Leben steht. Sie hatten ja 10 Jahre Zeit dem auf den Grund zu gehen. Erlauben Sie mir bitte zwei Hinweise für Leser die ernsthaft an dem Thema interessiert sind, sich aber von Spinnern und Scharlatanen, die es ohne Zweifel genug gibt, fern halten wollen.  Da ist zum einen die Autorin Penny McLean die sich seit über 50 Jahren mit diesen Lehren befasst, Und es gibt das nur noch gebraucht zu erhaltende Buch “Die Quantengötter”  (Jeff Love) aus den 1970ern. Das letztere ist wirklich sehr schwer zu lesen, es enthält jedoch das Kapitel “Das schöpferische Gesetz” in dem, leider etwas ausschweifend, aber genau das erklärt wird um was es im Kern geht. Danke für die Aufmerksamkeit.

Hjalmar Kreutzer / 22.10.2017

Vielen Dank für Ihren wie immer mit Spannung erwarteten sonntäglichen Text. Ich habe mich gerade an der Leseprobe von: „Ich wünsch‘ dir ein schönes Leben“ festgelesen.

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