Archi W. Bechlenberg / 12.03.2017 / 06:20 / 1 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Lachen mit Zucker und Abrahams

Ölkrise Mitte der 1970er Jahre. Ich erinnere mich gut; für einen der vier daraus resultierenden autofreien Sonntage hatte ich Wochen zuvor einen Umzug organisiert. Umsonst. Keiner der dafür engagierten Helfer hatte Lust, meine Kisten und Möbel zur neuen Bleibe zu tragen. Und auch den Kleintransporter hatte ich vergeblich gemietet. So etwas bleibt im Gedächtnis hängen.

In anderen Ländern wurde in Folge dieser dramatischen Ereignisse darüber aktiv nachgedacht, wie man der Knappheit an Öl entgegen wirken könne. In den USA erreichte die Firma Argon schöne Erfolge, indem sie in landesweit eigens dafür eingerichteten Sammelstellen täglich 2,5 Millionen Liter Rohöl von Teenagergesichtern absaugte. In Italien sammelte man weggeworfene Plastikkämme, aus deren Fettrückständen täglich 64.000 Liter Rohöl zurückgewonnen wurden. Weitere Quellen wie aufbereitete Schnellimbissverpackungen lieferten ebenfalls erhebliche Mengen, die zur Überwindung der gravierendsten Ölknappheitsfolgen beitrugen.

Nicht nur Öl kann knapp werden. Welche Folgen zum Beispiel ein Mangel an Zinkoxid selbst in einer durchschnittlichen Küche haben kann, erläuterte ein 1977 entstandener Lehrfilm, der auf anschauliche Weise aufzeigt, wie diese so unscheinbare chemische Verbindung den Alltag erleichtert, wenn nicht gar überhaupt ermöglicht. Man sieht eine Hausfrau, der eine Stimme aus dem Off erklärt, wie es wohl ohne Zinkoxid in ihrem kleinen Reich zugehen würde. Um es besonders anschaulich zu machen, verschwinden nach und nach Produkte, bei deren Herstellung Zinkoxid eine Rolle spielt. Da wären die Seife und das Geschirrtuch, aber auch der Toaster, ihr Büstenhalter, das Waschbecken, die Gardinenhaken, die Kühlschrankregale, Wandhaken, das Drosselventil im Gasherd, der Feuerlöscher, die Autobremsen des Nachbarn, der Herzschrittmacher ihres Mannes und sogar ihre Beinprothese...

Ein Paar beginnt vor laufendem Fernsehgerät sexuelle Handlungen vorzunehmen

Filmfans wissen längst – ich zitiere zwei Sketche aus einem der fraglos albernsten Streifen der Filmgeschichte: „Kentucky Fried Movie“, geschrieben und gedreht von Jim Abrahams, Jerry Zucker und David Zucker, drei schrägen Vögeln, die seit nunmehr 40 Jahren weltweit Abermillionen von Kinobesuchern zur Hyperventilation treiben.

Kentucky Fried Movie war ihr erster Streich; er besteht aus einer Folge von Sketchen, in denen so ziemlich jedes Genre aus Film, Funk und Fernsehen auf die Schippe genommen wird. Nachrichten, Werbespots, Fernsehserien, Pornofilme, Gerichtsdokumentationen, Kung Fu Streifen, Bildungsfernsehen – nichts entgeht dem Spott der drei Autoren, die in einigen der Sketche auch selber agieren.

So in einem Clip, der etwas voraus nimmt, dass inzwischen Realität geworden ist. Ein Paar beginnt vor laufendem Fernsehgerät, sexuelle Handlungen vorzunehmen und wird plötzlich von dem Nachrichtensprecher sowie nach und nach weiteren Männern aus dem Fernsehstudio, die sich im kleinen Bildschirm drängen, beobachtet und angefeuert. Wer denkt da nicht gleich an die aktuellen Berichte über heutige elektronische Haushaltsgeräte, aus denen heraus es möglich ist, die Geschehnisse in einem Raum zu überwachen und mitzuverfolgen?

Überhaupt waren viele Übertreibungen des schrillen Films visionär. „Mehr als 20 Jahre nach der Entstehung ist freilich das Grauen schlechthin Wirklichkeit geworden: Vieles von dem, was heute mit absolutem Bierernst als TV-Unterhaltung angepriesen wird, übertrifft die Parodie an Absurdität und Geschmacklosigkeit um ein Vielfaches,“ schrieb Prisma Online dereinst über Kentucky Fried Movie, und was bis dahin noch nicht Realität war, ist es inzwischen geworden.

Mit KFM, für wenig Geld produziert, begann eine beispiellose Erfolgsgeschichte des amerikanischen Kinos, eine Geschichte, die inzwischen auf eine ordentliche Liste von Klassikern des komischen Films verweisen kann. Vor allem in den 1980er und 1990er Jahren waren die Filme von Zucker, Abrahams und Zucker das Maß aller Dinge, wenn es um die höchste Gagdichte in Komödien ging.

Kaum mehr als ein paar Sekunden bis zur nächsten Albernheit

So ließ die auf KFM folgende Katastrophenfilmparodie  „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ dem Zuschauer kaum einmal mehr als ein paar Sekunden, bevor die nächste Albernheit zum nächsten Lachanfall führte. In diesem Film wird alles verulkt, was in populären, actionreichen Flugzeugdramen wie Airport, Flug in Gefahr und Giganten am Himmel ganz und gar ernst gemeint war. Man muss Die unglaubliche Reise mehrmals sehen, um möglichst viele der Gags mitzubekommen. Und natürlich ist es sehr hilfreich, die „Originale“ zu kennen, weil ansonsten viele der Anspielungen darauf nicht erkannt werden. Das gilt auch für weitere Parodien der Truppe, deren bekannteste ohne Zweifel die drei Filme der „Nackte Kanone“ Reihe sind, durch die Leslie Nielsen, bis dahin eher in der zweiten Darstellerliga Hollywoods zuhause, zum Weltstar wurde.

Der Produktivste im Bunde ist David Zucker (*1947), dessen Filmografie bis heute mehr als 20 Werke aufweist, an denen er als Autor, Regisseur und Produzent beteiligt war; sein Bruder Jerry (*1950) und Jim Abrahams (*1943) stehen ihm aber wenig nach. Jerrys wohl größter Erfolg als Regisseur ist „Ghost – Nachricht von Sam“, ein mit komischen Elementen aufgepimpter Tränenzieher mit Patrick Swayze und Demi Moore.

Eine weitere Regiearbeit Jerry Zuckers ist der ebenfalls sehr erfolgreiche „Rat Race“ mit einer erstklassigen Darstellerriege, darunter Rowan Atkinson, John Cleese und Cuba Gooding jr.  Unter Jim Abrahams Filmen sind wohl die beiden Kriegs- und Fliegerfilmparodien „Hot Shot! Die Mutter aller Filme“ und „Hot Shots! Der zweite Versuch!“ die bekanntesten Arbeiten.  Verulkt nicht weniger als 18 Hollywoodfilme unterschiedlichster Genres, darunter „Top Gun“, „Der mit dem Wolf tanzt“ und „9 ½ Wochen“, man muss sich also als Zuschauer in allerlei Filmwelten auskennen, um die Anspielungen zu verstehen.

Das Z-A-Z Kino erreicht ein heterogenes Publikum, was wesentlich zum Erfolg beitrug, vor allem natürlich finanziell. Da wären die Parodien auf gängige Genres wie Horrorfilme („Scary Movie“ 1 – 5), welche vor allem das junge Publikum ansprechen; Kinogänger also, die sich bei Cola und Popcorn zuerst in den zugrunde liegenden Originalen gegruselt haben, um dann in den Persiflagen bei Cola und Popcorn vor Lachen keine Luft mehr zu bekommen.

Älteres Publikum konnte sich 1986 blendend in „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone“ amüsieren, in dem Danny de Vito und Bette Midler als sich hassendes Ehepaar ganz großes Darstellerkino bieten. Die bereits erwähnte „Nackte Kanone“ Reihe spricht jedes Alter zwischen 12 und 120 an und ist in ihrer Komik ohne Frage zeitlos (außer für einen der Darsteller, die frühere Sportkanone O. J. Simpson, dem das Lachen vergangen ist, aber das ist eine andere Geschichte). Nicht alles ist immer gelungen, manche Filme aus dem Z-A-Z Universum fanden kein Wohlwollen, wurden als kitschig, langweilig und unlustig kritisiert. Wahrscheinlich zu Recht, die Latte lag nun einmal hoch, und an dieser Höhe mussten sich die Drei stets messen lassen.

Eine gefälschte Kuh mit Gummistiefeln

Mein Lieblingsfilm von Zucker, Abrahams, Zucker stammt aus dem Jahre 1984. Es ist „Top Secret“, eine unglaublich alberne Kömodie, die Agentenfilme und Teenagerfilme (eine wahrlich gewagte Kombination) aufs Korn nimmt. Top Secret spielt in der DDR, in der es wie in Nazideutschland aussieht und zugeht. Ein amerikanischer Schlagersänger namens Nick Rivers wird dorthin zu einem Kulturfestival eingeladen, mit dieser Veranstaltung will die schurkische Staatsführung von einer geplanten U-Boot Aktion gegen die NATO ablenken. Rivers gerät umgehend  in eine konspirative Verschwörung, die ihn in eine Vielzahl von gefährlichen Situationen bringt. Situationen, die für David, Jim und Jerry als Kulissen eines geradezu überquellenden Gagfeuerwerks dienen, bei denen kein Auge trocken bleibt.

Dabei wird insbesondere mit Wortspielen und visuellen Späßen gearbeitet. So sieht man in einer Szene im Vordergrund ein riesiges Telefon (was von der Perspektive her plausibel erscheint), das Telefon, so erkennt man beim Abheben des Hörers, ist dann aber tatsächlich so groß. In einer anderen Szene sieht man durch eine Lupe das grotesk vergrößerte Auge eines lesenden Buchhändlers, und als der die Lupe wegnimmt, ist das Auge tatsächlich so groß. Auch akustische Gags kommen vor, so schleicht eine Truppe von Verschwörern laut raschelnd über trockenes Laub, dann gibt der Anführer den Anderen ein Zeichen, man solle sich still verhalten, und als sie dann weiter gehen, hört man das Rascheln nicht mehr.

Die Gagdichte ist in Top Secret besonders hoch, kaum eine Minute, in der nicht etwas Neues auftaucht. Da gibt es den „Verdienten Wein des Volkes“, bei dessen Einschenken sich das Glas zischend auflöst, die erfolgreiche russische Damen-Olympiamannschaft, bestehend aus grotesk geschminkten Bodybuildern, eine gefälschte Kuh mit Gummistiefeln, einen Stromschalter mit der Aufschrift „Das Fencen switchen“ und vieles, vieles, sehr vieles mehr. Die Tageszeitung heißt „The Daily Oppressor“, es gibt einen Stempel „Findet und tötet ihn!“, und auf dem staatlichen Briefpapier liest man die Kopfzeile „EAST GERMANY – Better Government through Intimidation“.

Manche der Gags sind leider in der deutschen Synchronisation verloren gegangen, was unvermeidlich war. So heißt es in einem Dialog „I’m sorry. I really don’t know any German.“ – „That’s all right. I know a little German. He’s sitting over there.“ Wobei dann derjenige, der „a little German“ kennt, auf einen kleinwüchsigen Menschen zeigt. Das Wortspiel um „a little German“, was sowohl „ein wenig Deutsch“, als auch ein „kleiner Deutscher“ bedeuten kann, musste bei der Synchronisation durch einen weniger komischen Dialog ersetzt werden. Dennoch, auch wer den Film nicht im Original sieht, hat immer noch reichlich Spaß beim Betrachten, vor allem mit jedem weiteren Anschauen, denn auch in Top Secret ist vieles nicht offensichtlich und erschließt sich erst nach mehrfachem Sehen.

Roger Ebert, einer der gnadenlosesten Filmkritiker, gab Top Secret bei der Premiere 3,5 von 4 Punkten, und das hat er nicht oft getan. Ich stimme ihm voll und ganz zu und bin versucht, den fehlenden halben Punkt zu stiften. Heute Abend werde ich den Spaß zum x-ten Mal anschauen.

Links:

Die Welt und Zinkoxid

Kentucky Fried Movie : Gefühlskino

United Appeal For The Dead

Top Secret: die falsche Kuh

Top Secret: Telefonszene

Top Secret: die ersten drei Minuten (mit Omar Sharif!)

Lesen Sie auch Archi W.Bechlenbergs Blog Herrenzimmer

Leserpost (1)
Andreas Spors / 12.03.2017

Wenn “Nackte Kanone” das Standardwerk für die Ewigkeit ist dann ist “Top Secret” der Geheimtipp für die Ewigkeit. Im Original und synchronisiert mir bis heute über 20 Mal über den Schirm gelaufen und natürlich im guten alten DVD-Regal mit Ehrenplatz. Ganz sicher entdecke ich auch beim nächsten Anschauen wieder “neue” Gags.

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