Archi W. Bechlenberg / 06.03.2016 / 06:31 / Foto: ChildofMidnight / 4 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag (12)

Das Radio berichtete begeistert, nach jahrelangen Bemühungen sei es gelungen, im Münsterland den Fischotter wieder heimisch zu machen. Der putzige kleine Schwimmer war hierzulande schon lange ausgestorben. Doch strenger Natur- und Gewässerschutz hätten dazu geführt, dass er sich nun selbst in NRW wieder willkommen fühlt. Selbst im Stadtgebiet von Münster sei er bereits gesehen worden, oder doch zumindest sein Kot. Es wird also wohl  nicht mehr lange dauern, bis dort der erste pelzige Freund unters Fahrrad kommt.

Auf dem platten Land ringsum tollt der Otternachwuchs seit gut drei Jahren munter herum, mit einer bewegungsgesteuerten Kamera schossen die Welpen des öfteren nachts Selfies, wenn sie die unter einer Brücke raffiniert versteckte Fotofalle beschnupperten. In allerlei Gewässern rund um Münster spielt sich das nun ab, pittoreske Namen wie Heubach, Mühlenbach, Dinkel, Stever und Aa haben das Tier offenbar von weither dorthin gelockt. Man sagt, sie seien, wie auch andere Räuber, aus dem Osten eingewandert; warum der Otter das getan hat, ist noch nicht ganz raus, eventuell liegt es aber weniger am sauber gewordenen Wasser, als eher daran, dass das Tragen von Pelzen in Deutschland deutlich verpönter ist als östlich von Oder und Neiße.

“Mensch, wo ist dein Bruder Otter?”

Es dichtete einst Robert Gernhardt eine Ode, die mit den Worten “Mensch, wo ist dein Bruder Otter?” beginnt. Ja, wo mag er sein?” denkt der Lyrikfreund und fragt zu Recht, ob es denn so schlimm wäre, darauf keine Antwort zu haben. Was aber trieb den großen Dichter zu seinem Poem? Lag Gernhardt der Otter besonders am Herzen? Wäre er, so er noch unter uns weilen würde, heute hoch erfreut, den haarigen Meisterschwimmer im Münsterländischen zu wissen? Würde er der Region deswegen eine eigene Ode widmen? Mitnichten. Der Otter ist für Gernhardt nur ein Bruder unter vielen; das Werk des vor bald zehn Jahren verstorbenen Schriftstellers, Zeichners und Malers wird von einer nennenswerten Artenvielfalt bevölkert, darunter Wildschwein, Werwolf und Brandmaus sowie dem wieselschnellen Jagdgepard, dem Tapir, dem munteren Kragenbär und dem Mantelpavian, nicht zu vergessen einem Schnuffi. Sogar eine brennende Giraffe findet sich. Und die will ganz sicher niemand unter einer Brücke bei Dülmen wissen.

Neben Land- und Wasserbewohnern flattern Kiebitz, Haselhuhn und Wiedehopf durchs Gernhardt’sche Bestiarium. Auch die einheimische Vogelwelt war ihm nicht ganz gleichgültig, selbst dem Schreitvogel Reiher widmete der Dichter einige Zeilen, in denen es heißt:

Wenn mit großen Feuerwerken
Bürger froh das Dunkel feiern
Sich mit Bier und Fleischwurst stärken
Und in die Rabatten reihern

Auch wenn er Buchfink, Marabu und Pelikan ebenfalls nicht unerwähnt lässt: eine besondere Affinität, gar Zuneigung zu Federvieh hat Gernhardt dennoch nie erkennen lassen. Wie eben auch nicht zu Bruder Otter. Otter hier, Otter da –  Gernhardt konnte, darauf möchte ich wetten, durchaus gut auf den nassen Säuger verzichten. Er sah die Tierwelt als universellen Bestandteil des uns Umgebenden und Ernährenden. Nicht ganz von Ungefähr wird ihm daher auch fälschlich ein Zweizeiler seines Freundes und Mitstreiters F.W. Bernstein zugeschrieben, der einst für alle Ewigkeit verbindlich konstatierte:

Nach dem zehnten Biere
ähneln sich alle Tiere

Robert Gernhardt hat mir einmal eine Maus gezeichnet; ich hüte sie NABUesk und hoffe, dass das Buch, dessen Schmutztitel sie seither ziert, der Menschheit noch etwas erhalten bleibt. Ganz im Gegensatz zu den Wölfen in Sachsen und Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Baden-Württemberg und dem Raum Cuxhaven, von den Bären ganz zu schweigen, die den Schafzüchtern in Frankreich und der Schweiz das Leben noch zusätzlich schwer machen. Selbst Bayern hatte bereits seinen Problembär. Da lasse ich eher noch die weniger bissigen Otter und Biber durchgehen, auch wenn Fisch- und Landwirte deren Treiben nicht so gelassen sehen. Hätten wir jedoch Isegrim und Honigesser nicht bereits vor langer Zeit den Garaus gemacht, dann hätten die es mit uns getan. Man mag darüber streiten, ob dafür nicht einiges spräche, aber das ist ein anderes Thema.

“An allem nagt der Zahn der Zeit”

Schon vor gut 20 Jahren sang der Biologe Midas Dekkers in seinem Buch “An allem nagt der Zahn der Zeit” das Hohe Lied vom Verwelken, Verrotten, Vermodern und Verschwinden von Menschen, Tieren und Dingen. Dekkers amüsiert sich darin über all jene, die versuchen, die Zeit anzuhalten. Wer Bruder Otter und Gevatter Bär wieder durch Wasser und Gehölz huschen sehen möchte – und sei es auch nur auf unscharfen Infrarotbildern - will die Zeit zurück drehen. Nur warum? Weil Otterbabys niedliche kleine Knopfaugen haben? So wie kleine Bären und Wolfswelpen? Aber die haben auch die kleinen Lämmchen und Kälbchen, die der Bär frisst. Ganz zu schweigen von der Vorliebe des Wolfes für kleine, kulleräugige Schweinchen.

Ich persönlich bin froh, dass unsere Vorfahren mit großen Räubern samt weiteren unserer natürlichen Feinde wie den Mammuts und den Säbelzahntigern aufgeräumt haben. (Letzteres ist allerdings nicht so ganz sicher, wahrscheinlicher ist, dass diese Räuber mangels Nahrung durch den nacheiszeitlichen Mangel an großen Beutetieren schlicht und einfach ausstarben). Wie übrigens ganz ohne Zutun des Menschen bereits mehr als 90 Prozent aller bisher auf der Erde lebenden Arten. Will man auch die wieder im Münsterländischen aufpäppeln?

Bruder Otter, Gevatter Bär und Ede Wolf sind hierzulande Jurassic Quark. Spielzeuge für Naturromantiker, die nicht wahrhaben wollen, dass, will man den Dingen ihren angemessenen Lauf lassen, nun einmal alles im Fluss ist. Ein Kommen und Gehen, oder mit Heraklit und Platon gesprochen: „Pánta chorei kaì oudèn ménei”  - „Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.“ Ja, auch der Otter. Der Zahn der Zeit nagt, ob am Pelztier, ob an uns. Selbst an unseren Smartphones, Autos, Eigenheimen, Fußballmannschaften, Formel 1-Champions, Kulturstätten und Trutzburgen. Und Regierungen.

Machen wir uns nichts vor: Mögen wir uns noch so sehr als etwas Besonderes unter den Erdbewohnern aufspielen, wir sind, so hat Dekkers einst errechnet, letztendlich nichts anderes als “genug Wasser für 60 Kannen Kaffee, Phosphor für 50 Schachteln Streichhölzer, ausreichend Kalium für eine Rolle Zündplättchen, und so viel Kalk, um einen Hühnerstall zu streichen.”

Linktipps:

Interpretation von „Bruder Otter“

Das Tier im Werk von Robert Gernhardt

Lesetipp:

Midas Dekkers: An allem nagt der Zahn der Zeit. Vom Reiz der Vergänglichkeit (antiquarisch z. B. bei Amazon erhältlich)

Robert Gernhardt: Reim und Zeit (sowie auch alles andere von ihm)

Noch viel mehr Kultur und Gedanken gibts in Archi W.Bechlenbergs Herrenzimmer.

 

Leserpost (4)
Wieland Schmied / 07.03.2016

Ein bißchen einfach daher geplaudert, werter Herr Bechlenberg. Wozu braucht’s Isegrim, Meister Petz oder Otti den Otter? Unnützes Getier in den Weiten der Erde. Mach(t)en ohne in der Krönung der Schöpfung seit jeher das leben nur schwer. Gut das die Vorfahren in Jahrtausenden diese Abscheulichkeiten nach und nach vom Planeten getilgt haben, heutzutage geht es mit den noch verbliebenen 10 Prozent effektiv schneller. Auf das Platz ist für den homo sapiens sapiens und all die paar Nutztierarten, die er für sein ‘genüßliches Leben’ benötigt. Ach wie schön ist doch diese Welt, wenn sich alles bewegt, und nichts bleibt. Und alles so einfach gestrickt werden kann. Na dann, gute Nacht Freunde.

Manfred Knake / 06.03.2016

Welche Tierart, Herr Bechlenberg, darf denn Ihrer Meinung nach wieder bei uns vorkommen? Wer trifft die Auswahl? Der Otter z.B. wurde als “Fischräuber” (soll er Pommes fressen?) gezielt ausgerottet oder scheiterte an verbauten und betonierten Flüssen. Nun kehrt er zurück, genau wie der Wolf, den Sie vermutlich nie in “freier Wildbahn” erleben werden. Und mit dem armen Bruno, dem “Problembären” wurde kurzer Prozess gemacht. Da gehen andere Länder viel lockerer mit solchen Mitbewohnern um. Derzeit ist jedoch “Kommen” angesagt. Dagegen wirken allenfalls versteckte Phobien. Lebendige Natur muss ja grauenhaft für manche sesselpupenden Lifestyler sein. Merke: Wir leben nicht allein auf diesem Planeten

Gerhard Wellner / 06.03.2016

Auch wenn mir die ironisch-philosophische Betrachtungsweise zum Thema Otter gefallen hat, so ist die Realität besonders hier bei uns in Niedersachsen längst viel weiter. Mir geht dieses Ottergequatsche und scheinheilig-gutmenschliche Wolfsgeheul langsam auf den Zeiger. Haben in diesem Land nur noch Bekloppte das Sagen? Pseudo-Naturschützer fordern und fördern die Wiederansiedlung von Fischottern und Wölfen in Niedersachsen. Unterstützt werden sie dabei gerne von anderen Gutmenschen, deren gesunder Menschenverstand in der Pubertät hängengeblieben ist, wie dem niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel.  Weil sie die Natur lieben, sagen sie. Natur? Es gibt in Deutschland seit Jahrhunderten so gut wie keine echte Natur mehr. Deutschland und vor allem Niedersachsen ist Kulturland. Generationen vor uns haben die Natur urbar gemacht. Und weil Ottilein und Isegrim den Menschen geschadet haben, wurden sie verjagt. Jetzt sollen sie wieder eingebürgert werden. Warum? Die Fischotter sind keine bedrohte Art. Allein in Skandinavien gibt es so viele, dass sie auf den Straßen überfahren werden, wie bei uns die Hasen. Jedes Tier frisst durchschnittlich ein Kilogramm Fisch täglich. Das sind drei Portionsforellen oder über eintausend Stück im Wert von dreitausend Euro pro Jahr. Schlimmer noch: Die Fischotter gehören zur Familie der Marder und diese Art hat die sehr unangenehme Angewohnheit beim Fressen in einen Blutrausch zu verfallen. Dabei töten sie wahllos alles, was sie erwischen können - ohne es zu fressen. Obwohl im vorletzten Jahrhundert fast ausgerottet, vermehren sie sich Dank unserer Natur liebenden Gutmenschen wieder rasant. Es gibt weltweit etwa 200.000 Wölfe. In den menschenleeren Gegenden Skandinaviens, Nordamerikas und Russlands ist Platz genug. Aber Dank Wenzel und Konsorten sind sie jetzt auch bei uns wieder auf dem Vormarsch. Kaum sind die ersten Wölfe in Niedersachsen angekommen, haben sie schon die ersten großen Schäden angerichtet. Allein in den Landkreisen Vechta und Diepholz sind bereits von einem einzigen Tier über 150 Schafe gerissen worden. Auch in anderen Gegenden Niedersachsens nimmt die Zahl der tot gebissenen Tiere, proportional zur Vermehrung der Wölfe, explosionsartig zu. Und was sagt Wolfsfreund Wenzel? „Wir müssen versuchen die Tiere mit einem Sender auszustatten, um ihr Verhalten zu beobachten!“ Hat der Mann noch alle Tassen im Schrank? Haben die Politiker nicht versprochen Schaden vom Volk abzuhalten? Die Otter und die Wölfe sind einst aus guten Gründen vertrieben worden. Aus denselben Gründen wurde auch der gefräßige Kartoffelkäfer ausgerottet. Aber wenn die Wenzelisierung der Fauna so weitergeht, wird das gelb-schwarze Krabbeltierchen bestimmt bald wieder angesiedelt. Und falls nicht, sollte Herr Wenzel mal den ethischen Unterschied zum Wolf erklären. Gerhard Wellner, Buchholz

Burkhard Miersch / 06.03.2016

Vince Ebert hat das schon mal kürzer und viel lustiger gebracht: https://www.youtube.com/watch?v=gU-at0SOLWM Burkhard Miersch

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