Archi W. Bechlenberg / 14.08.2016 / 06:25 / Foto: Umberto Salvagnin / 17 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: 100 Stellungen, keine Freundin

Vor wenigen Tagen sah ich ein Video im Internet. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth erzählt darin, wie sie zur Politik kam. In der taz, so kann der fassungslose Zuschauer erfahren, sei eine Anzeige der „Grünen“ erschienen, die eine Pressesprecherin suchten. Claudia Roth, zu dieser Zeit als Totengräberin der Band "Ton, Steine, Scherben" aktiv, habe am Küchentisch den anderen Anwesenden zu erkennen gegeben, dass sie an dem Job interessiert sei. Nur, es gab noch Zweifel, ob sie dafür die Richtige sei, und diese Zweifel galt es leider nicht, aus vollem Herzen zu bestätigen, sondern zu zerstreuen, und so habe ein Freund mittels eines über der Zeitung kreisenden Pendels erkundet, ob Claudias Weg in die Politik das Wahre wäre. Wir alle kennen das Ergebnis. Nicht immer geht die Geschichte „Vom Tellerfallenlasser zum Millionär“ gut aus.

Bei Frau Roth – und das ist das eigentlich Erschreckende – zweifelt man nicht eine Sekunde daran, dass dieser Schwank aus ihrem Leben wahr ist und keine launige Erfindung von einer, die sich bloß einen Spaß macht. Ob Wünschelrute oder Tarotkarten oder eine Engelserscheinung in einem angebrannten Spiegelei oder ein Rettich in Form eines Dinges oder grün leuchtender Kaffeesatz in einem WG-Spülbecken: alles wäre genau so denkbar für den ersten Impuls auf dem Weg zur Bundestagsvizepräsidentin wie das Pendel.

Ich erinnere mich an einen Spruch aus der Kinderzeit: „Gestern wusste ich noch nicht, wie Ingenieur geschrieben wird. Heute bin ich einer.“ Wir fanden das als Jungs ziemlich lustig, und wenn man es in ein Heft oder auf die Tafel oder die Wand im Klo schrieb, zeichnete man gerne noch ein so debil wie möglich guckendes Gesicht dazu.

Experten sind Leute, die 100 Stellungen kennen, aber keine Freundin haben

Heute finde ich das nicht mehr lustig. Heute weiß ich: wir sind allenthalben von eben solchen Leuten umgeben. Der Sammelbegriff für diese Spezies lautet „Experten“. Experten, so ein Bonmot, sind Leute, die 100 Stellungen kennen, aber keine Freundin haben. Oder keinen Freund. Was früher „amerikanische Wissenschaftler“ waren, sind heute „Experten“. Experten versorgen uns mit allem, was wir ohne sie niemals zu wissen und zu verstehen in der Lage wären.

Es gibt Nahost-Experten, Fernost-Experten, Mittlerer-Osten-Experten,  Terror-Experten, Terrorismus-Experten, Terroristen-Experten, Klimawandel-Experten, Energie-Experten, außerdem Experten für sämtliche Länder rings um das Mittelmeer sowie Frankreich-, England-, Russland- und Europaexperten, Experten für Migration, Experten für Militär, Experten für Ein- und Ausweisungen und ziemlich sicher auch Experten für Experten. Manche Experten sind zugleich Forscher und betätigen sich auf wissenschaftlichem Terrain als Parteienforscher, Extremismusforscher, Genderforscher oder Klimawandelforscher. Je forscher, desto wichtiger.

Experten, die nicht forschen, sondern nur Geräusche machen, sind vor allem bekannt von Funk und Fernsehen. Sie kommentieren gerne brandaktuelle Themen wie Terrorakte oder und Tsunamis. Diese Experten sind unverzichtbarer Bestandteil von „Sondersendungen“ und „Brennpunkten“ und bei entsprechenden Anlässen  in TV-Studios „zu Gast“, wo sie zunächst begrüßt werden und dann mit tremolierenden Stimmen kund tun, dass man nichts weiß über die bisherigen Ereignisse und dass man nun erst einmal die weiteren Ermittlungen abwarten muss. Wenn ein Experte so etwas verkündet, ist das natürlich von immenser Tragweite, weshalb Studiogespräche mit ihnen auf Sendern wie Phoenix im Halbstundenturnus wiederholt werden. Wir, die wir keine Experten sind, staunen der Mattscheibe entgegen und sind froh, dass es Experten gibt, die uns die Welt erklären: „Wir wissen noch nichts genaues.“

Es ist gar nicht so einfach, seine Worte in Gedanken zu fassen

Experten dieses Kalibers sitzen nicht nur in TV- und Hörfunkstudios, sondern auch an den Schaltstellen der Macht. Nehmen wir die stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts und Initiatorin des Arbeitskreises Muslime in der SPD, Sawsan Chebli, mit Betonung auf „Sprecherin“. Wer schon einmal eine Kostprobe ihres hilf- und ahnungslosen Gestammels gehört hat, fragt sich zwangsläufig, wie Frau Chebli wohl an diesen Job gekommen ist. Man glaubt beinahe, die Kanzlerin zu hören, deren Fähigkeit zur freien Rede ja auch stark eingeschränkt ist. Frau Chebli beweist eindrucksvoll: Es ist gar nicht so einfach, seine Worte in Gedanken zu fassen.

Ein etwas anderes Kaliber ist die seit Wochen unfair geschmähte, mit „kampagnenhafter Bösartigkeit“  verfolgte Anetta Kahane, die zur Putztruppe von Justizminister Maas gehört und deren Aufgabe es ist, „Hatespeech“ im Internet aufzuspüren und auszuschalten, „egal ob strafbar oder nicht.“ (wie es das Bundesministerium des Inneren twitterte). Egal. Dass Frau Kahane als frühere Mitarbeiterin der Staatssicherheit zum Aufspüren besonders befähigt ist, könnte nicht ganz unwesentlich für ihre Berufung in die Abteilung Find&Sperr gewesen sein, wenngleich auch auf ihr ein unschöner Makel liegt: Sie habe während ihrer achtjährigen IM-Tätigkeit, so kann man der Expertise eines Stasi-Experten entnehmen , „Dritten keinerlei Nachteile zugefügt“. Das soll eine Empfehlung sein? Wer für die Stasi aktiv war und dabei  Dritten keinerlei Nachteile zufügte, hat sich doch höchstens bemüht, der Aufgabe gerecht zu werden.  Dritten Nachteile zuzufügen war aber nun einmal die Hauptaufgabe von Erich „Ich-liebe-euch-alle“ Mielkes Truppe. Da mitarbeiten und  Dritten keinerlei Nachteile zuzufügen – das muss man geschlagene acht Jahre lang erst einmal hinbekommen.

Über Kahanes Adlatin Julia Schramm, auch sie Hatespeech Expertin („Deutschland darf getötet werden“, „Arschloch“, „Arschloch“, „Arschloch“, „Wichser“, „Fascho“ …) wurde bereits alles gesagt, nur nicht von mir. In ihr erreicht das neue, deutsche Expertentum fraglos einen vorläufigen Höhepunkt. Was Schramms Befähigung zur Buchautorin betrifft, gibt es allerdings einige Zweifel. Die „Privilegienmuschi" (Julia Schramm über Julia Schramm) mit der Gucci-Tasche und der vehementen Abneigung gegen Konsumterror wurde für ihre selbstverfasste Hagiographie „Klick mich“  böse geschmäht. Der Inhalt der 150 Seiten hätte locker in einen Tweet von 140 Zeichen gepasst, so ein Kritiker auf golem.de über das „Geplapper einer Internet-Exhibitionistin“.

„Wo bleibt die Kultur?“ höre ich Sie vielstimmig rufen, liebe Leser

Und Spiegel Online sah die Autorin gar „Verloren im Faselmorast“, aus dem „sie eine Aneinanderreihung weitgehend zusammenhangloser Episoden, dahingestammelt in einem Schwall aus Plattitüden und Referenzen“ ablaicht. Der Spiegel-Rezensent blieb angesichts des Schülerzeitungsniveaus von „Klick mich“ am Ende ratlos und schloss nicht aus, dass es sich bei dem Buch um einen Witz oder „ein Dada-Experiment, bei dem es letztlich egal ist, ob nun Stichworte von Bibi Blocksberg, Hitler oder Hegel hereingereicht werden.“ handelt. Ihm konnte allerdings zur Zeit seiner Rezension noch nicht das von der Expertin selber neulich ins Internet gestellte Selfie-Video bekannt sein; dieses beantwortet erschöpfend alle offenen Fragen zu ihr.

„Wo bleibt die Kultur?“ höre ich Sie vielstimmig rufen, liebe Leser. „Gibt es denn im kulturellen Bereich etwa keine Experten?“ Aber ja doch, Sie haben Recht! Gleich zwei überzeugende Beispiel habe ich Ihnen mitgebracht; Beispiele von Stimmkünstlern aus der allerersten Liga. Beginnen möchte ich mit einer zu Recht vergessenen Sängerin namens Leona Anderson. Es gibt derer zwei, die eine singt „Schlager im Balkanstil“ und wird auch „Das Goldkehlchen vom Sonntagberg“ genannt. Doch nicht sie will ich Ihnen hier an Herz und Ohr legen, sondern die von 1888 bis 1973 auf Erden weilende, aus St. Louis, Missouri stammende frühere Stummfilmdarstellerin Leona Anderson, die 1956 einen verhängnisvollen Schritt tat.

Sie nahm ein Plattenalbum auf, das unter dem Titel „Music to Suffer By“ notorisch wurde. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich eventuell noch an meinen hier vor einigen Monaten erschienenen Text über den Engel der Hölle, Florence Foster Jenkins. Was diese der klassischen Musik, vor allem Mozart antat, hat Leona Anderson mit der leichten Muse veranstaltet. Music to Suffer By ist ein einzigartiges Massaker, bei dem schöne alte Schlager und Musicalmelodien wie „I love Paris“  oder der "Indian Love Call" gnadenlos dahin gemetzelt wurden. Andersons Repertoire umfasst zwar auch den einen und anderen populären Hit aus Oper und Operette, als Beispiel sei hier die „Habanera“ aus Bizets Carmen vorgestellt. Doch vor allem Schlager und Musical galt Andersons ganze Liebe, und niemand wird bestreiten können, dass sie eine wahre Expertin auf ihrem Gebiet war. Mein unumstößlicher Favorit aus der ohnehin empfehlenswerten, 2011 wiederveröffentlichten Platte ist das boleroeske „Rats in My Room“ . Wer immer auch Ratten im Zimmer hat – nach Abspielen des Songs sind sie weg. Versprochen!

 Nur mit absolut dichter Gummihose zu ertragen

Wir kommen zum heutigen Höhepunkt. Unter dem Bandnamen „Five4Refugees“ (manche verstehen auch „Pfeifen4Refugees“) nahmen fünf Herren aus Politik und Gesellschaft im letzten Herbst einen Song des seit Jahrzehnten tätigen Experten für Schlagerkost Christian Bruhn auf. Die Namen tun nichts zu Sache, tätig sind die Sängerknaben ansonsten unter anderem für Bündnis 90/Die Grünen, Die LINKE oder auch Die Piraten. Der Text stammt von einem Kleinkunstbühnenkünstler namens Donato Plögert, ein Mann, der, wie das Video eindrucksvoll beweist, ein wahrer Experte in den mimischen Disziplinen Overacting und Knallcharging ist. Der  immerhin 04:22 Minuten lange Sodbrenner ist, wie mein Freund Ronald einmal in einem seiner Bücher schrieb, „nur mit absolut dichter Gummihose“ zu ertragen, seien Sie also gewarnt. Sollten Sie nicht bis zum Ende durchhalten – schämen sie sich nicht, Sie gehören zur Mehrheit. So groß auch das Fremdschämpotenzial der Five4Refugees sein mag – das Ganze hat eine durchaus tiefernste Dimension. Hier erlebt man die blauäugige Realitätsferne der „Guten“ in diesem Lande so drastisch wie nur selten vor Augen geführt. Finanziert haben angeblich Mitglieder aller Bundestagsparteien dieses Grauen. Seien Sie nachsichtig und halten Sie wenigstens eine Minute durch. Plögert, der Mann im blauen Polohemd, dabei zuzusehen, wie er sich im Fernstenlieberausch stimmlich und körperlich völlig schafft, ist schon ein Erlebnis der besonderen Art. Ein wahrer Experte, für was auch immer.

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Leserpost (17)
Archi W. Bechlenberg / 15.08.2016

Liebe Leser, verbindlichen Dank für Ihre Anmerkungen zum Spruch mit dem “Inschenör”. In der Tat muss es “selber einen” heißen! Hinzu kam dann noch, wie einige von Ihnen erwähnen, eine recht kreative Schreibweise für den ehrenwerten Beruf. Offenbar hat sich mein Unterbewusstsein dermaßen dagegen gesperrt, dass ich es weder beim Schreiben, noch beim Korrekturlesen bemerkt habe. Schön, dass sich auch andere daran erinnert haben! Der von Herrn Schmied zitierte Spruch “Dem Ingeniör ist nichts zu schwör” stammt übrigens von der großartigen Frau Dr. Erika Fuchs, die früher einmal Disney-Comics ins Deutsche übertrug und dabei allerlei klassische Zitate einschmuggelte beziehungsweise neue Wort- und Versschöpfungen erfand. Er galt natürlich Daniel Düsentrieb (Gyro Gearloose), einem besonders genialen Vertreter dieses Metiers. Erinnert sei nur an seine Implosionsbombe, die statt “BUMS” “SMUB” macht. Herzlich, awb

Andreas Rochow / 15.08.2016

Unvermeidlich werden die Achse-Klicks jetzt von den fünf Flüchtlingsjublern als Zustimmung gewertet. Ganz mutig sage ich mal voraus, dass diese Mucke das Zeug für ein Sonder-Bamby hat. Passt prima in die televisionäre Parallelwelt. Gruselig. - Dabei drängen sich mir immer wieder zwei Fragen auf: Was haben die 5 Herren gemacht, bevor die Migranten kamen? Und: Wer soll das alles bezahlen?

Michael Scheffler / 15.08.2016

Es muss heißen: “... und heute bin ich selbst EINEN.”  Lieber Archi, sonst wäre der Spruch ähnlich humorfrei wie C. Roth.

Andreas Gneupel / 14.08.2016

Mhh… was hat der Ingenieur mit Ihrem durchaus gerechtfertigten bashing der PSEUDOexperten zu tun? Die medienpresenten PSEUDOexperten kommen meist aus dem geschwätzwissenschaftlichen Bereich und reden viel wenn der Tag lang ist. Das tut der durchschnittliche Ingenieur eher nicht und bekommt daher auch selten öffentliche Aufmerksamkeit. Allerdings macht ihm das Bewusstsein, eine der wesentlichen tragenden Säulen des deutschen Wohlstandes zu sein, die Sache leicht erträglich. Mfg Dipl.-Ing. A. Gneupel

Simon Templar / 14.08.2016

Ich habe genau 36 Sekunden durchgehalten und bin dann schreiend zu meiner Frau gerannt, weil ich mit jemandem reden musste.

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