Archi W. Bechlenberg / 15.01.2017 / 06:10 / 3 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: 3 x täglich Blues aural

Ich schreibe hier, um Sie ein wenig abzulenken von den grauenhaften Ereignissen der Woche. Das Dschungelcamp hat wieder begonnen, kuschelige Hüttenschuhe werden angesichts der Klimaerwärmung knapp, ein gewisser Schnee-Dieter beschert Deutschland einen knackigen Wintereinbruch, ein noch gewissenloserer Chaos-Egon tritt nach - was gleich zwei Striche auf der Liste von Einbrechern und Körperverletzern, die schon länger hier leben, ergibt. Und, als sei das nicht genug: in Köln (sic!) fand der Einmarsch des neuen Dreigestirns der Narrenzunft statt, was exakt elf Minuten dauerte, also etliche Sekunden länger als der Applaus für die Regentin aller bundesdeutschen Narren neulich in Essen.

Die wenigen guten Nachrichten können dagegen nicht anstinken. Dass es gar keine Nafris waren, die in Köln (sic!) zu Silvester antanzten, sondern Syriafghanirakis, war gerade mal einen Dreizeiler in der Rubrik Kurz&Uninteressant wert; dass die Eröffnung der Elbphilharmonie trotz einer weiteren Verzögerung durch die Rede des Bundespräsidenten am Ende doch noch eröffnet werden konnte und diese Verzögerung nicht zu weiteren Millionenkosten geführt hat – wer außer mir findet dafür lobende Worte? Und dass der künftige US-Finanzminister sich eine lesbare Unterschrift beibringen lässt und damit ein Hoffnung machendes Zeichen dafür setzt, dass die Trump-Regierung vielleicht doch bereit ist, sich zivilisierten Gebahrens zu befleißigen, macht den Braten auch nicht wirklich fett. Fazit von all dem: Da soll man nicht den Blues bekommen!

Blues, Sie wissen schon. Das ist die Musik, in der – meist – stimmgewaltige Männer und Frauen darüber klagen, dass ihr Baby sie verlassen hat, dass der Schnaps alle und der Zug vor der Nase weggefahren ist oder ihnen ein anderes, nicht weniger dramatisches Erlebnis widerfuhr. „How unlucky can one man be?“,  „Woke up this morning, with a suitcase in my hand“ … wer kann nicht nachvollziehen, dass jemand dann seine Klampfe zur Hand nimmt und den Grundgütigen anklagt, der für dieses Schicksal eindeutig verantwortlich ist?

Aus Depression wird im Blues Melancholie

Damit kein Missverständnis aufkommt – ich albere hier nicht etwa respektlos über den Blues herum, im Gegenteil, ich singe ihm das Hohe Lied. Denn so traurig und niederschmetternd auch die Geschichten sein mögen, die in „The Bluest Blues“, „Everyday I Have The Blues" oder „Cut Off My Right Arm – Blues“ erzählt werden, der gesungene und gespielte Blues ist zugleich eine musikalische Verarbeitung dessen, was das Schicksal an Niederträchtigem zu bieten hatte, und das hat eindeutig antidepressiven Charakter. Hans-Jürgen Schaal, Deutschlands wohl profiliertester Jazz-Journalist, drückt diesen Gedanken so aus: „Wer den Blues hat, ist schwermütig, aber wer ihn singt und seiner Schwermut Stimme gibt, befreit sich auch ein Stück weit von ihm. Der Blues ist Bewältigung durch Expressivität.“

Aus Depression wird im Blues Melancholie. Das ist eine großartige, Mut machende Erkenntnis. Die Melancholie ist eine positive Traurigkeit, eine Traurigkeit, aus der in der kulturellen Geschichte der Menschheit geniale künstlerische Leistungen entstanden und entstehen. Der Melancholiker ist nicht, wie der Depressive, ganz und gar gelähmt und ohne jeden Antrieb („Die Depression ist schlimmer als der Tod. Sie ist der Tod bei vollem Bewusstsein“ Hermann Burger), es treibt ihn statt dessen dazu, den Zustand der Traurigkeit durch ein Sichaufbäumen zu beenden und so das Schöpferische, das Lebenerhaltende in sich wieder aktiv werden zu lassen.

Wohl niemand hat diesen Zustand der Melancholie als eine dem Schöpferischen innewohnende Phase so eindrücklich und tiefgründig dargestellt wie Albrecht Dürer mit seinem Stich Melencolia I aus dem Jahre 1514, ein nur 18 x 24 cm kleines Bild, in dem der Kunsthistoriker Erwin Panofsky den vollkommenen Ausdruck für die „Melancholia artificialis“ sah, also der Künstlermelancholie, die nicht depressiv und unfruchtbar, sondern Zeichen des Genies ist.

"Ländliche Einfachheit, Folklore, Soul Food, Familie, das Bodenständige"

Von Panowsky zu B. B. King ist zugegeben ein weiter Bogen (wenn auch keineswegs ein überspannter), aber ich will dann doch hier wieder zur Musik zurück kehren. Um noch einmal Hans-Jürgen Schaal zu zitieren:

„Die Vorformen des Blues finden sich in den Spirituals, Field Hollers und Worksongs der schwarzen Plantagen-Arbeiter. Nach der Abschaffung der Sklaverei entwickelte sich der gesungene Blues als individuelle Stimme der Emanzipation. Einer alten Sklaven-Tradition zufolge braucht man, um den Blues zu singen, „ein volles Herz und einen gequälten Geist“.

Dass der Blues zu den Vätern des Jazz gehört, ist leicht nachvollziehbar, nicht alleine durch seine Harmonien (die auch andere Varianten als den langsamen, melancholischen Blues ermöglichen), sondern aus durch seinen Geist:  „Der Blues symbolisierte im Jazz ein Stück „good old home“: ländliche Einfachheit, Folklore, Soul Food, Familie, das Bodenständige. Viele frühe Jazzstücke mit „Blues“ im Titel kombinieren ihn mit Städtenamen aus dem Süden,“ erläutert Hans-Jürgen Schaal, dessen lesenswerten Text über Blues und dessen prägenden Einfluss auf die populäre Musik des 20. Jahrhunderts, insbesondere auf den Jazz, Sie hier finden.

Ich kam mit dem Blues in den 1960er Jahren in Berührung; nicht mit einer seiner zahlreichen US-amerikanischen, regional unterschiedlichen  Ausprägungen, sondern mit dem, was britische Bands daraus machten. Auf der Insel hatte sich der Blues über den Jazz kommend etabliert, und zahlreiche Jazzmusiker nahmen ihn mit, als sie sich ab der ersten Hälfte der 60er Jahre einer eher Rock orientierten Musik zuwandten. Dass die Rolling Stones ursprünglich eine Bluesband waren, dass Musiker wie Eric Clapton, Alvin Lee, Rory Gallagher, Peter Green, Mick Fleetwood, Jimmy Page, Chris Farlowe, Eric Burdon und Gary Moore, um nur einige wenige zu nennen, dem Blues ihre musikalischen Anfänge widmeten, darf keineswegs vergessen werden. Bands wie Fleetwood Mac, Ten Years After und The Yard Birds spielten Blues in den englischen Clubs und auf den immer populärer werdenden Festivals und gaben so in der britischen Musikszene über eine Reihe von Jahren den Ton an.

Bis heute hat der Blues auch eine solide Heimat in England

Eine, wenn nicht die zentrale Figur der Szene war ohne Frage John Mayall, in dessen Formation The Bluesbreakers  ziemlich jeder Musiker des Bluesrock – so wurde das neue Genre bald genannt -  spielte oder spielen wollte.  Auch Mayall kam nicht aus dem Nichts, ihn hatte Alexis Korner, die Schlüsselfigur der britischen Bluesrockszene  entdeckt, bei dem unter anderen Mick Jagger, Ginger Baker, Dick Heckstall-Smith, Charlie Watts, Jack Bruce und Brian Jones mitspielten. Zu meinen schönsten Erinnerungen an früher gehört eine spontane Jamsession mit der holländischen Bluesband Livin' Blues, die nach einem Konzert in einem verräucherten Kellergewölbe vor einigen wenigen Dutzend Anwesenden stattfand; als ich morgens gegen fünf Uhr nach draußen kam, ging gerade die Sonne auf, ein paar verstreute Amseln machten Lockerungsübungen, es war noch eisig kalt, und die Atemwege schöpften wieder Hoffnung. Unvergesslich.

Die Bluesaffinität der britischen Musiker wurde bald auch in seiner eigentlichen Heimat bekannt, und etliche amerikanische Bluesgrößen kamen nach Europa, um hier aufzutreten und mit den überwiegend weißen Bands – denen die schwarzen Legenden wie Otis Spann, Muddy Waters oder Howlin’ Wolf  damit ihre Anerkennung zeigten – Alben aufzunehmen. Ein gutes, zeitloses Beispiel für das Zusammenspiel von Veteranen und Jungen ist die Platte „The London Howlin’ Wolf Sessions“ von 1971, auf dem unter zahlreichen weiteren Stars Eric Clapton, Steve Winwood, Bill Wyman, Charlie Watts, Ringo Starr und Klaus Voormann zu hören sind. Bis heute hat der Blues eine solide Heimat in England, erst vor kurzem brachten die Rolling Stones ein Bluesalbum auf den Markt, das klingt, als sei es vor 50 Jahren in einem kleinen Studio aufgenommen worden.

Wäre der Blues eine deprimierende Musik, er wäre wahrscheinlich nicht einmal eine Fußnote in der Geschichte der populären Musik wert gewesen, aber er hat entscheidenden Anteil an deren Entwicklung bis heute und, das darf man  durchaus vermuten, weit über heute hinaus. Ihn auch nur im Ansatz zu würdigen überstiege den Rahmen meiner kleinen Kolumne; wenn ich einen Ihrer Lieblings-Bluesmusiker nicht erwähnt habe, sehen Sie es mir bitte nach. Eine so weltumspannend erfolgreiche Musik hat nun einmal eine unüberschaubare Zahl an Protagonisten. Wenn ich Sie auch nur anregen kann, sich dieser so gefühlvollen Musik, in der Stimmungen stecken, die wir alle kennen, wieder einmal zu öffnen, ist mein „Auftrag“ für diese Woche erfüllt.

Melancholie, Weltschmerz, Traurigkeit, aber eben mit einem zumindest angedeuteten Ausweg, das wollen wir hören, um nicht ganz und gar der Depression zu unterliegen. Botschaften wie „If trouble was money, I would be a millionaire“ klingen zwar im ersten Moment nicht wirklich aufbauend, aber – mal ganz unter uns und hinter vorgehaltener Hand: hat es nicht auch etwas tröstliches, wenn es jemand Anderem noch schlechter geht, als einem selber?

Video-Tipp: Martin Scorcese und andere: The Blues - Collector's Box-Edition (7 DVDs). Ein einzigartiges Dokument zur Geschichte des Blues.

Links zu Youtube

Albert Collins – If trouble was money

JJ Cale & Eric Clapton – Sporting Life Blues

Muddy Waters – The London Sessions

Fleetwood Mac – Everyday I Have The Blues

Mother Earth - Memphis Slim

Sister Rosetta Tharpe – That's All

Muddy Waters & The Rolling Stones – Baby Please Don't Go

BB King  und Eric Clapton – The Thrill Is Gone

Slow Blues Compilation

Noch mehr zum Thema Geist, Genuss und Gelassenheit finden Sie auf Archi W.Bechlenbergs Blog Herrenzimmer

Leserpost (3)
Rolf Menzen / 15.01.2017

Was ist mit Robert Johnson? Bei dem haben sie doch alle abgekupfert. Ich sage nur: “Come on in my kitchen”

Hans Meier / 15.01.2017

Alles große Klasse und gut, soweit die Vergangenheit. Mein aktueller Tip, ist sich mal “go music” life reintun und im hier und jetzt bei der Akustik und den Profis “unvorhersehbare” Begeisterung schöpfen.

Ulla Smielowski, Hannover-Limmer / 15.01.2017

Danke für diesen Beitrag… Als Christin mit den gelebten Werten, die in der Bergpredigt so schön verwortlicht sind, kenne ich Depressionen nur für 10 Min bis 1 Stunde… Ich habe Zuversicht und viele Vorteile: ICH BIN GESUND… HABE EINE TROCKENE UND SCHÖNE NEUBAUWOHNUNG… MUSS MIR ÜBER RECHNUNGEN KEINE GEDANKEN MACHEN… ESSE GESUNDE LEBENSMITTEL… TRINKE SAUBERES WASSER; GEFILTERT…  Natürlich gibt es einige Dinge die verbesserungswürdig sind….  Warum sollte ich mir da wünschen ein Millionär zu sein…  Sobald man mehr Geld hat, kreisen die Geier über einem: RECHTSANWÄLTE, FINANZAMT oder irgendwelche Kacknasen, die einen abzocken wollen…  Diese Erfahrungen muss jeder machen, der irgendwie zu Geld gekommen ist…

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