Archi W. Bechlenberg / 19.02.2017 / 06:10 / 5 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Nervenkitzel und Landesverrat

Eine Woche der Ödnis und Langeweile liegt hinter uns. Haben sich die vergangenen Tage für Sie auch so zäh dahin gezogen? Gut, man darf sich nicht wirklich wundern, nach der womöglich spannendsten Wahl der letzten 30 Jahre auf deutschem Boden. Was die uns alle Nerven und Blutdruck gekostet hat! Das war Suspense pur, da kommen keine noch so sozial engagierten Totort-Folgen mit, in denen es weniger Mörder gibt als Leute, die gewaltig einen an der Murmel haben. Es kam, was kommen musste. Seit Sonntagnachmittag waren unser aller körpereigenen Vorräte an Adrenalin und sonstigen Stresshormonen aufgebraucht, und da braucht es seine Zeit zum regenerieren.

Dabei war die Überraschung gar keine mehr, jedenfalls nicht für die Leser einer Zeitschrift, bekannt für Funk und Fernsehen. Denn was konnte man in „TV direkt“ unter dem Datum 12.2.2017 lesen? „11.35 Wahl des Bundespräsidenten. Bericht. Außenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier (Foto) wird heute zum Bundespräsident gewählt.“

Wie konnte das passieren? Wie konnte eine Postille dieses gewiss streng gehütete Geheimnis nicht nur in Erfahrung bringen, sondern auch noch schwarz auf weiß ausplaudern? Liegt hier nicht wieder ein Abgrund von Landesverrat vor? So einen hatten wir ja schon mal, die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht erinnern; es geschah 1962 und erregte die gesamte Republik und deren Medienlandschaft, insbesondere ein bekanntes Print-Produkt. Sie ahnen, von welchem spektakulären Ereignis die Rede ist? Richtig, um einen, wenn nicht den eklatanten Fall, ausgelöst von einem „Vaterlandsverräter“ (BILD Zeitung).

Ein entsetzter Aufschrei zwischen Niebüll und Nebelhorn

Was war geschehen? Wie aus dem Nichts gelangten am 16. Januar 1962 hoch geheime Insiderinformationen an die Öffentlichkeit. Gedruckt und jedermann zugänglich. Die nationale Sicherheit geriet in Gefahr; immerhin betrafen diese Informationen (heute würde man sagen „Leaks“) den überwiegenden Teil der bundesdeutschen Öffentlichkeit, nämlich 89 Prozent aller Fernsehgerätebesitzer. Als Whistleblower tat sich ein gewisser Wolfgang Neuss hervor, seines Zeichens Schauspieler und Kabarettist. Dieses verantwortungslose Subjekt ließ in der Berliner Zeitung „Der Abend“ eine Anzeige schalten, in der folgendes stand: „Ratschlag für morgen (Mittwochabend): Nicht zu Hause bleiben, denn was soll’s: Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche“.

Ein entsetzter Aufschrei erhob sich zwischen Niebüll und Nebelhorn, in Feld und Flur, auf Gipfel und Grat,  durch Hag und Heide, durch Moor, Modder und Morast! Seit zwei Wochen war die komplette BRD mit der fieberhaften Fahndung nach einem perfiden Mordbuben befasst, und das Land war darüber nicht mehr das, was es vorher war. Nicht, dass man nun seinen Nachbarn, Arbeitskollegen, Kartoffelhändler oder besten Freund misstrauisch beäugt hätte – es war klar, dass es sich bei dem Meuchler um einen perfiden Albion handeln musste – aber dennoch wurde der Alltag im Lande massiv von dem Geschehen auf der damals noch konkurrenzlosen Mattscheibe bestimmt.

Kneipen blieben auf einmal so leer, jegliche kulturellen Angebote wie Theater und Kino litten Not, weil die Menschen zu Hause saßen und „Das Halstuch“ schauten; ja, schlimmer noch: auch politische Veranstaltungen wurden an den sechs Sendeabenden der Serie schnöde ignoriert. Die Bundesrepublik stand weitgehend im Bann des Würgers von Littleshaw. Bewährte Mimen wie Heinz Drache, Albert Lieven, Horst Tappert und Helmut Lange spielten nach einem Drehbuch von Francis Durbridge, und da zu dieser Zeit noch kaum jemand (von einigen Luftwaffenveteranen abgesehen) in Deutschland wusste, wie es in England aussah, drehte man die Außenaufnahmen in Nordrhein-Westfalen.

Der Stinkstiefel Wolfgang Neuss betätigte sich als Landesverräter

Und dann kam der Stinkstiefel Wolfgang Neuss und betätigte sich als Landesverräter. Er tat das nicht aus reiner Boshaftigkeit (auch wenn man das dem notorischen Spitzbuben durchaus hätte zutrauen können). Sein Film „Genosse Münchhausen“ hatte Kinopremiere, und das am gleichen Tag wie die Ausstrahlung der letzten Halstuch-Folge. Neuss wollte mit dieser Aktion Werbung für das Lichtspiel machen. Was zu einem heute als „Shitstorm“ bekannten Phänomen führte. Der Zentralrat der Durbridgefans war empört, und Neuss erlebte das, was auch heute das Schicksal von Spitzeln, Denunzianten und ähnlichen Hanseln ist: Er erhielt Morddrohungen, damals wahrscheinlich noch in Form von Kabeldepeschen und Blitzgesprächen.

Lange ist es her. Wolfgang Neuss, der in seinem späteren Leben wie eine Indianer Squaw aussah, die wie ein Kiffer aussah, der wie eine  Indianer Squaw aussah, ruht seit 1989 in den ewigen Jagdgründen, die Zeitung „Der Abend“ sogar schon ein paar Jahre länger, und auch Dieter Borsche würgt seit 1982 keine Revue Girls mehr. Wenn man sich heute „Das Halstuch“ anschaut, kann man die Hysterie rund um Durbridges behäbigen und leicht zu durchschauenden TV Krimi nicht mehr nachvollziehen. Aber das gilt ja für so vieles, das mittlerweile mehr als 50 Jahre her ist. Und mehr noch für vieles, das heute angesagt ist. Bei Youtube können Sie sich selber ein Bild vom Halstuch machen.

Zurück ins Hier und Heute. Ich bin vom deutschen Fernsehen längst entwöhnt; als ich neulich einen Film live ansah, erwischte ich mich dabei, wie ich mit der Fernbedienung versuchte, vor- und zurück zu zappen. Nein, TV nur noch in D30 Verdünnung. Meine Eltern wären begeistert, prophezeiten sie mir doch früher viereckige Augen. Wenn nicht schlimmeres.

Früher, als alles besser war, wollte das Fernsehen dies natürlich auch sein, und so gab es manches, das bis heute unvergessen ist. Oder wieder entdeckt werden sollte. Mit Entzücken fand ich vor einigen Tagen auf Youtube einen Fernsehfilm, den ich seit seiner Ausstrahlung im Jahr 1971 an einer besonders gegen Datenverlust geschützten Stelle meines Gedächtnisses aufbewahre. „Das falsche Gewicht“, verfilmt von Bernhard Wicki mit Helmut Qualtinger in der Rolle des Eichmeisters Anselm Eibenschütz nach der gleichnamigen Novelle von Josef Roth. Warum mir gerade dieser Film – der zwei Jahre später noch in die Kinos kam -  seit damals so in Erinnerung blieb? Der Kritiker Joachim Kaiser fasst es nach der Fernsehausstrahlung so zusammen: Das falsche Gewicht ist „ein „dramatisch-visuelles Ereignis von so großer Fülle, von so farbiger Energie, dass wir es uns schwerlich leisten können, diesen Film in Deutschland nicht auch als Film zu sehen.“ Hier können Sie sich davon überzeugen.

Heute und bei Heute bleibt die Glotze längst kalt. Was früher um 19 und 20 Uhr und dann nochmal später am Abend zum täglichen Ritual gehörte, kommt mir gar nicht mehr in den Sinn. „Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht!“ Danke, die habe ich ohne klebrige Hofberichterstattung eher. Und während draußen die Kirchturmuhr 8 schlägt, liege ich auf der Couch und lese ein Buch und höre Musik. My world is my oyster.

Nicht zur Gänze natürlich; man muss schon gewappnet sein für die Zeitläufte, also liest und schaut man Online und tauscht sich mit Freund - manchmal auch Feind - aus. In den letzten Tagen, damit komme ich für heute zum Schulz, war jedoch nach dem „Best Of Reichstagsbande“ die Luft raus, und weder Trump noch Schulz konnten entscheidend ins Tagesgeschehen eingreifen. Dass Trump nicht ganz dicht ist, dürfte inzwischen deutlich geworden sein; eventuelle neue Enthüllungen seines Friseurs, des Müllmannes, der Babysitterin oder einer Praktikantin werden da auch nicht viel dran ändern. Und was Würselen angeht: die so abrupt ausgebrochene Schulzophrenie hat bereits wieder deutlich an Fahrt verloren, und das dürfte außerhalb des Berliner Luftschulzbunkers (früher: Willy Brandt Haus) niemanden wirklich überraschen. Denn seien wir realistisch. Der Mann ist ja nicht wirklich beliebter als Merkel. Merkel ist bloß unbeliebter als Schulz.

Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Sonntag. Das Wetter.

Lesen Sie auch Archi W.Bechlenbergs Blog Herrenzimmer

Leserpost (5)
Elmar Schlürscheid / 20.02.2017

Tja, der gute Wolfgang, es gibt Verräter die muss man einfach lieben. Wer kann sich noch an sein Gespräch über Humor mit dem Präsidenten des Kölner Festkomitee erinnern.

Heinz Thomas / 19.02.2017

Köstlich, einfach köstlich, Herr Bechlenberg… und es regnet, aber nur draussen.

Sabine Barth / 19.02.2017

Ganz wunderbar! Und danke für die dollen Links zu den leider vergessenen Filmschätzen….

Karla Kuhn / 19.02.2017

“Denn seien wir realistisch. Der Mann ist ja nicht wirklich beliebter als Merkel. Merkel ist bloß unbeliebter als Schulz.”  Herrlich, ich lach mich schief. Mit seiner “Angeberei” als “einfacher Mann ohne Abitur” hat Schulz auch noch ein Eigentor geschossen.  Das klingt ja so, sch…... auf Abi oder Studium,  die Politik nimmt alle. Ein verheerendes Statement. Obwohl, wenn ich mir die Lebensläufe einiger Grüner/innen anschaue, dann könnte es wohl doch stimmen ??

Andreas Rochow / 19.02.2017

Köstlich! Kein Sonntag ohne Anti-Depressivum! Das Beispiel des genialen Wolfgang Neuss zeigt eindrucksvoll, wie schwer es mittlerweile ist, Landesverräter zu werden. Der Euphemismus “Whistlewblower” dient heute dazu, den passend Unangepassten zum mutigen Aktivisten zu heroisieren. Und die individuelle Formel, mit der der Fernsehmoderator seine Zuschauer grüßt, muss als Beweis für die Freiheit und Unbefangenheit des ö.-r. Journalismus genügen.

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