Archi W. Bechlenberg / 19.03.2017 / 06:25 / Foto: Ralf Roletschek / 4 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Die Martin Schulz-Diät

Haben Sie es diese Woche auch bemerkt? Gut, man musste dafür etwas genauer hinschauen, aber das tun Achse-Leser ja immer und überall. Also, was war's? Richtig, es gab so gar nichts von Martin Schulz zu hören und sehen. Offenbar rief selbst nach eindringlicher Aufforderung kaum jemand „Martin, Martin!“

Allerdings dürfte Schulzens auf die kommende Bundestagswahl zielenden Variationen über das Thema „Wir schaffen das!“ noch nicht wirklich verklungen sein. Wenn nicht nur seine Partei, sondern sogar der kleine Wähler auf der Straße durch Schulz' Proklamation zum Kanzlerkandidat dermaßen in einen kollektiven Rausch verfällt, dass man ihm, dem langjährigen EU-Funktionär, fraglos die Nummer „Ich bin einer von Euch!“ abnimmt, dann besitzt das schon eine gewisse Nachhaltigkeit. Kumpel Schulz, der Blaumann unter den Boss-Trägern, dürfte schon bis September durchhalten, womöglich darüber hinaus.

Und so lag es auch nicht an ihm, dass er in der vergangenen Woche die Schlagzeilen nicht dominierte. Die waren fest in der Hand des Wirren vom Bosporus, des GröMipraZ (Größter Ministerpräsident aller Zeiten), der nun voll und ganz in seiner Rolle als neurotisches Rümpülstölzgün zur Höchstform aufläuft. Was hat der Mann aus Ankara aber auch alles vom Stapel gelassen! Gelassenheit und Geduld der europäischen Regierenden – die Deutschen voran – wurden auf eine mehr als harte Probe gestellt.

Nazivergleiche! Was kann es schlimmeres als Nazivergleiche geben? Kein seriöser Mensch, ob in der Politik, ob im Volk, würde jemals in Deutschland einen Nazivergleich ziehen, nur weil jemand anders eine kritische, abweichende oder gar ablehnende Meinung äußert. Oder kennen Sie etwa Beispiele? Andere „Nazis“ zu nennen, weil sie konservative, regierungskritische und islamkritische Positionen vertreten, würde sich in Deutschland gewiss niemand entblöden, zudem das nichts anderes wäre als eine ungeheuerliche Verharmlosung des Hitlerregimes und dessen Verbrechen. Also Erdogan, mäßige dich! Du magst ja mit einer europäischen Energiewende durch massive Einspeisung von Flüchtlingsstrom in die sozialen Netze der demokratischen Länder drohen, du magst für deine geplante Alleinherrschaft auch in Bottrop, Duisburg und Berlin werben, ja du magst sogar niederländische Kühe deines Landes verweisen: Nazivergleiche gehen zu weit.

Keine Fruchtzwerge und keine Milchschnitten

Als ich klein war hatten die echten Nazis gerade erst ein paar Jahre abgewirtschaftet, aber auch in den 1950er Jahren gab es noch allenthalben Spuren ihres allzu realen Spuks. Es gab keine Fruchtzwerge und keine Milchschnitten und kein Kinder Pingui, und auch Knoppers, Hanuta und Nimm2 waren noch nicht erfunden. Wir hatten ja nichts damals, überhaupt nichts. Nur in der Sowjetisch Besetzten Zone war es noch schlimmer, wie man mir immer dann vor Augen führte, wenn ich die Meinung äußerte, ich hätte gerne mal zwei Kugel Eis im Hörnchen, oder wenigstens noch 'nen Klecks Sahne oben drauf.

Wenn ich sage „Wir hatten ja nichts damals“ übertreibe ich wie gewöhnlich. Wir hatten unsere Hände oder zumindest Händchen, und damit ließ sich eine ganze Menge anfangen.

Ich muss vier oder fünf gewesen sein, da bekam ich ein Dreirad zum Geburtstag, und das vergrößerte meinen Wirkungsradius schlagartig und enorm. Zwar durfte ich damit offiziell nur auf dem Bürgersteig unmittelbar vor dem Haus hin und her radeln, aber das war schon einen Tag nach dem Geburtstag langweilig, öde, unspannend. Ich bewegte mich also etwas außerhalb des Beobachtungsradius' meiner Mutter und stellte rasch fest: sie merkte nichts, denn die Kücher der elterlichen Wohnung lag zum Innenhof. Perfekt.

Einen mehr als lohnenden Grund für einen größeren Ausflug gab es ohnehin. Etwa dreihundert Meter weiter befand sich an einer Straßenkreuzung ein Büdchen, das einem gewissen Sittard gehörte (das Büdchen steht heute noch und ist seit langem eine Dönerschmiede). Sittard war ein älterer, knubbeliger Mensch, der immer einen langen weißen Kittel trug, was vielleicht dem schmuddeligen Büdchen einen hygienischen Touch verleihen sollte. Manchmal nahm mein Großvater mich mit zu Sittard, wo er seine Nil Zigaretten zu kaufen pflegte, und dort gab es dann für mich ein Sahnehörnchen zu zehn Pfennig.

Der Schlüssel meiner Weltspartagspardose 

Das war lecker, doch längst nicht alles, was Sittard im Sortiment führte. Vor der Theke, in Kinderaugenhöhe, leuchteten auf einem Brett in Reih und Glied etliche Glastöpfe, in denen die wunderbarsten Dinge wohlfeil ausgestellt waren: Gummibärchen, Pfefferminzkissen in rosa und weiß, Salmiakpastillen, Lakritzschnecken, Himbeerbonbons, Honigmuscheln, Kaugummikugeln, Salinos. All dies gab es stückweise und, bis auf die Lakritzschnecken und die Honigmuscheln, die fünf Pfennig kosteten, für einheitlich einen Pfennig, so dass man für zehn Pfennig eine kleine Papiertüte voller Köstlichkeiten nach Hause schaffen konnte. Leider war mein Opa der Meinung, dies sei keine geeignete Kost für mich. Damit lag er natürlich ganz und gar falsch.

Ein Fahrzeug, das Dreirad, besaß ich ja jetzt, nun musste ich nur noch an zehn Pfennig kommen, was gar nicht so leicht war, da der Schlüssel meiner Weltspartagspardose von meiner Mutter verwaltet wurde. Daher war ich gezwungen, mich als Wegelagerer betätigen: knapp außer Sichtweite stellte ich mich mit meinem Dreirad quer auf den Bürgersteig und hielt die Passanten mit der Bitte auf, mir ein paar Pfennige zu schenken. Wer konnte schon einem kleinen Jungen mit Lederhose und Seppelhütchen und großen braunen Augen eine solche Bitte abschlagen? Im Nullkommanichts hatte ich für etliche der von Sittard feilgebotenen Köstlichkeiten jeweils zehn Pfennig zusammen, und so radelte ich zügig in Richtung Büdchen, wo ich mir überglücklich zwei Hände voll kleiner Papiertüten aushändigen ließ.

Draußen an meinem Gefährt wurde ich mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Dreirad keinen Kofferraum, ja noch nicht einmal einen Handschuhkasten besitzt. Das wusste ich auch schon vorher, hatte den Mangel aber bisher nicht als Makel angesehen. Was um alles in der Welt machte ich jetzt mit meinen Tütchen? In die Hände passten sie ja noch perfekt, aber ich hätte den Lenker nicht mehr betätigen können. Eine Lösung war auf die Schnelle nicht zu finden, und so tat ich das, was getan werden musste: ich setzte mich auf die Stufen vor Sittards Büdchen und aß alles an Ort und Stelle auf. Eine ganze Woche lag ich mit verdorbenem Magen im Bett, und mein altes Muttchen wusste zeitlebens nicht, wo ich mir das geholt habe.

"Für fünf Pfennig Puttes bitte!"

Es stand damals fast an jeder Straßenecke ein Büdchen, meine Tante Trudi besaß sogar selber eines, aber es gab irgend einen Krach innerhalb der Familie, so dass Tante Trudi - sehr zu meinem Bedauern, denn sie hatte das Zeug, meine Lieblingstante zu sein - weitgehend gemieden wurde. Als ich ins schulpflichtige Alter kam, zogen wir in einen anderen Teil der Stadt, wo es natürlich auch wieder, keine zweihundert Meter entfernt, ein Büdchen gab, dessen Besitzer "Der Kerkhoff" genannt wurde.

Rechts neben dem Kerkhoff befand sich ein Friseursalon, den ich einmal im Monat besuchen musste, um mir dort für 2,- DM einen „Fassonschnitt“ verpassen zu lassen, was ich für völlig sinnlos ausgegebenes Geld hielt, doch auf mich hörte ja keiner. Der Kerkhoff betrieb zugleich einen kleinen Papierwarenhandel, in dem man unter anderem auch Schulhefte kaufen konnte. Diese machte ich meiner Mutter gegenüber um zehn Pfennig teurer, so dass regelmäßig eine extra Portion Süßkram für mich abfiel, wenn ich ein neues Heft holte. Und auf dem Schulweg kam ich an zwei weiteren Büdchen vorbei, das eine gehörte einem Wassenberg (der auch Zigarren verkaufte, aber das ist eine andere Geschichte), das andere einem Schaakx, und überall gab es die wunderbaren Gläser, aus denen man sich versorgen lassen konnte, auch wenn es dann später für zehn Pfennig nur noch fünf Gummibärchen gab.

Noch lieber als an all die Büdchen erinnere ich mich an die nebeneinander liegenden Geschäfte von Bäcker Kistermann und Fleischer Hellebrandt, die ich ebenfalls täglich auf meinem Schulweg passierte. Ich weiß nicht mehr, wann und wie es begonnen hat, aber älter als sieben kann ich da noch nicht gewesen sein, als ich zum ersten Mal bei Kistermann für zwei Pfennig ein Brötchen kaufte und dann bei Hellebrandt einkehrte, um mir zu dem Brötchen etwas passendes zu holen: "Für fünf Pfennig Puttes bitte!" Puttes! Das war nicht die langweilige Schinkenwurst, die man immer beim Metzger im Form einer rosa glänzenden Scheibe geschenkt bekam; nein, das war ein ordentliches Stück geräucherte Blutwurst.

Joscho ist vor allem als virtuoser Gipsy Swing Gitarrist

Und so hielt ich es dann für lange, lange Zeit. Der Metzger oder eine seiner Bedienungen fragte jedes Mal freundlich, ob ich es eingepackt haben wolle, und ich wedelte dann immer mit meinem Brötchen und sagte ebenso freundlich: „Nein danke, ich nehme es auf die Hand.“ Und so ging ich dann weiter Richtung Schule, in der einen Hand das Brötchen und in der anderen den Puttes, und ich biss abwechselnd hinein und tat damit etwas für meinen Ranzen und hatte zudem einen genussvollen Schulweg. Ja, so war das damals, als wir so gar nichts hatten, außer für auf die Hand.

Damit auch diese Woche die Kultur an dieser Stelle nicht zu kurz kommt – der großartige Joscho Stephan hat vor kurzem ein neues Album veröffentlicht. Joscho ist vor allem als virtuoser Gipsy Swing Gitarrist bekannt. Zum zweiten Mal hat er nun zusammen mit Klezmer Klarinettist Helmut Eisel ein Album eingespielt; es heißt  „Bei dir war es immer so schön“ und enthält 12 Titel, darunter einige Standards wie das titelgebende Stück von Theo Mackeben (1897 – 1953) , den Vaudeville-Hit „China Boy“ von 1922, das von Django Reinhardt komponierte und oft gespielte „Daphne“ sowie den Musical Welthit „If I were a Rich Man“ aus Anatevka.

Das Joscho Stephan / Helmut Eisel Quartett entstand rein zufällig, da Joscho Stephans Trio aus Mönchengladbach (NRW) vor Jahren eingeladen war, das Saarland in der Reihe „Jazz in den Ministergärten“ in Berlin zu vertreten. Kurzerhand wurde Helmut Eisel als „Quotensaarländer“ dazu gepackt - geplant war nur dieses einzige Konzert. Doch der vitale Mix aus Gypsy Swing und Klezmer begeisterte die Zuhörer so sehr, dass bereits nach dem Auftritt spontan drei neue Engagements entstanden.

Es folgte 2012 das Album „Gypsy Meets the Klezmer“, und nun also mit "Bei dir war es immer so schön" die zweite gemeinsame Platte. Joscho Stephan, der „Mozart des Gypsy Swing“, und Helmut Eisel mit seiner „sprechenden Klarinette“ bilden mit Joschos Vater Günter an der Rhythmusgitarre und Volker Kamp am Kontrabass eine furiose Band, die Geschichten aus dem Leben erzählt. Wer Gypsy Swing, die einst von Django Reinhardt und Stephane Grappelli aus Musette- und jazzelementen entwickelte Musik schätzt, wird sich ebenso an der CD erfreuen wie Klezmer-Liebhaber. Zudem die Interpreten allesamt Meister ihrer Fächer sind. Ich empfehle Ihnen also diese wunderbare Platte, die überzeugend zeigt, wie gut sich die beiden zugrunde liegenden Musikrichtungen kombinieren lassen.

Links:

Joscho Stephan & Helmut Eisel Quartett live: Bei mir bist Du schön

Joscho Stephan und Helmut Eisel Quartett live: Minor Swing

Hörproben aus dem Album „Bei dir war es immer so schön“

Tour-Termine von Joscho Stephan

Leserpost (4)
Hans Meier / 19.03.2017

Danke für die schöne Schilderung, das erinnert mich an eine schöne Begebenheit. Da wohnte ich in der Fußgängerzone und es gab gegenüber ein Gemüse-Geschäft und viele Läden, u. a. auch eine Apotheke. Die Jüngste der Familie, die den Gemüseladen betrieben, war ein helles freches Mädel. Die lief oft frei mit dem Familienhund herum, und einmal habe ich erlebt, da wollte sie von ihrer Mutter Geld für ein Eis haben, da hat sie sich vor die anstehenden Kunden gedrängelt und der ablehnenden Mutter gedroht, ich mach jetzt hier Randale. Da haben wir über die resolute Kleine herzlich gelacht. Dann ist die in die Apotheke, und hat sich einen Stapel Prospekte geschnappt und stand dann den Passanten im Weg, und verkaufte diese Prospekte, für 50 Pfennig pro Stück, dass hat mir sehr gefallen. Was die Musik betrifft, der 01.04.2017 ist auch interessant, denn da spielt der Dennis Hormes mit. Dazu empfehle ich noch Martin Engelien mit seiner go music mal anzuhören, denn der ist viel wichtiger, als der Schulz` Martin. MfG

Volker Kleinophorst / 19.03.2017

Lieber Herr Bechlenberg, ein sehr schöner Text, fast ein wenig sentimental. Ich ging als Kind immer für meine Großeltern an deren Büdchen Zigaretten holen und konnte mir dafür ein bißchen Schnuppes holen. Anfangs konnte man die Zigaretten noch einzeln kaufen. Die Preise erscheinen heute fast absurd. Ja, dieses furchtbare Deutschland unserer Kindheit. Einfach unerträglich. ;)

Ernst-Fr. Siebert / 19.03.2017

Ist “Gypsy” eigentlich politisch korrekt?

Andreas Rochow / 19.03.2017

Danke für das wieder sehr effektives und schönes Antidepressivum. Das könnte man auch dreimal (all)täglich vertragen.

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