Archi W. Bechlenberg / 29.01.2017 / 06:24 / 1 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Die Ferguson

Als Dirk Maxeiner neulich hier von seinem Andersen Kaminofen erzählte, fiel mir prompt ein ähnlich unverzichtbares Kulturgut von elementarer Bedeutung ein. Die Ferguson. Sollte es bei diesem Namen nicht gleich bei Ihnen klingeln – macht nichts, ich erzähle Ihnen gerne mehr davon. „Ferguson“ lässt bereits durch den Namen erkennen, dass es sich dabei um etwas Grundsolides handelt. Fergusson, das bedeutet soviel wie „der Sohn des Fergus“ und Fergus ist ein populärer schottischer und irischer Name keltischen Ursprungs, in dem die keltischen Begriffe für Mann,vital, kräftig und nachdrücklich enthalten sind. Hört man den Namen Fergus(on), tun sich vor dem geistigen Auge wie von selbst imposante Gestalten auf, schottische Schwarzbrenner, irische Dorfschmiede, shetlandische Zuchthengste oder, als eher seltenes, aber dennoch vorkommendes weibliches Pendant eine frühere Schwiegertochter der amtierenden britischen Königin.

Man darf zu Recht annehmen, dass auch ein Produkt namens Ferguson mit dem Anspruch des Unverwüstlichen aufwarten muss. Landwirten dürfte Massey-Ferguson als zuverlässiger Hersteller von Landmaschinen ein Begriff sein, Landmaschinen, die leicht mehr als 340 PS zu bieten haben und über Haspelhorizontalverstellung, Pendelausgleich, Crackerwalzen  und automatischer Verlustmessung verfügen.  Das kanadische Fergus Scottish Festival and Highland Games findet seit 70 Jahren statt, dort dreht sich vier Tage lang alles um Wettbewerbe, bei denen sich die Teilnehmer in Stärke, Ausdauer und Ehrbarkeit messen können. Ferguson heißt auch der größte Hersteller und Händler für kommerziellen und privaten Installateurbedarf in den USA. Rohre, Ventile und Befestigungen, die tagtäglich ihre eiserne Stärke beweisen sollen, stammen von Ferguson. Bis hin in die Karibik, ja selbst in Mexiko findet man die Produkte dieses Herstellers; zumindest derzeit noch. Wie es nach dem Bau des antimexikanischen Schutzwalls (Trump Mower) sein wird, muss sich noch zeigen.

Ferguson ist, was wenig verwundern dürfte, auch als Personennamen mit dem Nimbus von Kraft und Durchsetzungsvermögen verbunden. Unter den Wikipedia-würdigen Träger dieses Namens findet man folglich unter anderem einen schottischer Fußballtrainer, ein US-amerikanisches Poker-As, einen kanadischen Eishockeyspieler, einen Generalgouverneur Australiens, einen schottischen Waffenschmied sowie einen Verschwörer gleicher Provenienz.

Sein Name: Al Bundy. Seine Ferguson: kein Flakgeschütz

Doch kommen wir zum zentralen Gegenstand der heutigen Kolumne, zu der Ferguson. Weltweit unsterblich gemacht wurde sie ausgerechnet von einem alles andere als heldischen Schuhverkäufer aus Chicago. Sein Name: Al Bundy. Seine Ferguson: kein Flakgeschütz, keine Dampframme, ja nicht einmal ein trittfestes Suspensorium. Bundys Ferguson ist eine Toilette. Über die Grenzen Nordamerikas bekannt wurde sie im Jahre 1992, da nämlich verwirklicht Al Bundy einen seit Kindheit in ihm nagenden Traum - er erwirbt eine veritable Ferguson, und jeder TV Zuschauer, der die Serie um Bundy und seine nichtsnutzige Familie damals verfolgt, erlebt mit, wie die massiv verpackte Schüssel angeliefert und von Bundy ausgepackt wird.

„Sie ist die Stradivari unter den Toiletten und mein Vater konnte auf ihr spielen wie kein Zweiter!“ erklärt er den Seinen mit vollmundig glänzenden Tränen in den Augen. Was sein ignoranter Sohn mit den Worten „Ich glaube, diesmal kommt er nicht mehr zurück!“ kommentiert, worauf hin Als Frau Peggy den Kindern einschärft, sie sollten sich alles gut merken, damit sie die Lieferung der Ferguson „später vor Gericht“ lückenlos zu Protokoll geben können.

Toiletten – hier sei ein Einschub erlaubt – spielen in Film und Fernsehen eine dem wahren Leben unangemessen geringe Rolle. Wenn sie nicht gerade dramaturgisch unverzichtbar sind, scheinen Klos gar nicht zu existieren. Man sieht die Akteure über Stunden, wenn nicht Tage oder noch länger nicht ein einziges Mal zur Toilette gehen, dabei weiß doch jeder Zuschauer (vor allem viele Männer über 60), dass ein regelmäßiger, wenn nicht häufiger Gang zur Toilette ebenso unverzichtbar ist wie andere Tätigkeiten. Zwar sieht man die Leute essen und trinken und sich in Schlafzimmern vergnügen, sie fahren mal eben durch Wüsten und Dschungel und sitzen auf Langstreckenflügen geduldig an ihrem Platz, doch keiner muss müssen, wie es scheint.

„Oh ja, Sir, nach fünf Jahren geben sie mir eine Bürste.“

Dies dürfte an einer immer noch vorhandenen Tabuisierung des Geschäftemachens liegen, eine Tabuisierung, die sich vor allem im Kinofilm und etwas weniger im TV Seriengenre widerspiegelt. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber  eben nicht, weil die Erleichterung natürliche Folge metabolischer Prozesse ist, sondern nur dann, wenn sie dramaturgisch erforderlich ist. Beispiele sind die Toilettenszene in Pulp Fiction, in der Bruce de Willis und John Travolta sich nicht begegnen, da Travolta auf der Toilette sitzt und beide Todfeinde nicht ahnen, dass der Andere in der Wohnung ist. In Erinnerung bleibt manchem Zuschauer auch die reinigungsbedürftige Toilette in Train Spotting. Zu meinen Lieblingszenen rund um den Komplex Stuhlgang gehört ein Monty Python Sketch, in der ein gewisser Ken Shabby seinen zukünftigen Schwiegereltern erzählt, was er beruflich macht: „Ich reinige öffentliche Toiletten!“ „Aha, und haben Sie da Aufstiegschancen?“ „Oh ja, Sir, nach fünf Jahren geben sie mir eine Bürste.“

Als ich Schüler war und meine ersten Impulse zum Widerstand gegen Autoritäten erwachten, waren Toiletten als Vehikel zur Stärkung des Selbstbewusstseins geradezu unverzichtbar. Nicht nur, weil ich dort die ersten öffentlichen Raucherfahrungen machte, nein, wer immer sich aus der Pädagogenschaft durch besonders abgehobenes Auftreten den Schülern gegenüber als gottgleich gerierte, wurde umgehend zum Gegenstand  meiner subversiven Fantasien. Und die waren ebenso simpel wie durchschlagend: Ich stellte mir die betreffende Person einfach auf der Toilette vor, und das – meine Fantasie war schon damals sehr ausgeprägt, bis in Details hinein, die ich Ihnen hier und heute gerne erspare.

Als dezent angedeutetes Beispiel sei ein Lehrer erwähnt, der aus dem Zweiten Weltkrieg nicht nur seine stramme Gesinnung, sondern auch eine lederne Ersatzhand mitgebracht hatte. Ich malte mir, wenn er wieder einmal im Unterricht den Feldwebel gab, aus, wie er wohl, von einem plötzlich auftretenden Verlangen nach Erleichterung getrieben, im Kampf Hosenträger gegen Lederhand den Kürzeren zog, und sogleich waren alle von ihm verbreiteten Schrecken fort geweht.

Das verständnislose Erstaunen der Familie

Dies klappte bei anderen Pädagogen ebenfalls vortrefflich, so bei einer besonders drachen- und fräuleinhaften Lehrerin, einem aufdringlichen Religionspädagogen und nahezu täglich beim Klassenlehrer, den wir wegen seiner Frisur und dem, was darunter steckte, nur Glitschkopf nannten. Ich kann garantieren, dass diese Strategie eine der Erfolgreichsten ist, um aufgeblasene Figuren zu erden und ihnen gegenüber gelassener zu bleiben. Zugleich muss ich allerdings auch eingestehen, dass ich es heute nicht mehr wage, mir gewisse Akteure des aktuellen Zeitgeschehens auf diese Weise zurecht zu stutzen. Ich denke, Sie wissen, was ich damit meine. Alles hat Grenzen.

Doch zurück zur Ferguson des Al Bundy. Stabil in eine Holzkiste gepackt wird sie ins Haus geliefert, und vor den Augen von Gattin Peggy und den beiden Kindern legt Al sie frei. Das verständnislose Erstaunen der Familie ist unverhohlen, und so sieht der glückliche Neubesitzer sich veranlasst, die Geschichte der Ferguson zu erzählen.

„Das ist nicht nur eine Toilette“ sagt er mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme. „Das ist eine Ferguson!“ Und weiter: „Sie werden in der Fergusonfabrik in Maine produziert. Die heutigen Toiletten verdienen nicht mal den Namen. Sie kommen in Designerfarben daher und sind zu niedrig. Wenn man spült, machen sie einen kleinen, fast um Verzeihung bittenden Ton. Aber nicht die Ferguson. Die gibt's nur weiß. Und bei der Spülung: Baahh-Wuusch!" 

Dass die Familie alles andere als angetan von dieser unnötigen Ausgabe ist – man hat schon eine Toilette, dafür aber meist kein Geld für einen gefüllten Kühlschrank – stört Al Bundy ganz und gar nicht, sie ist „eine männliche Toilette“ und für ihn alleine gedacht. Folglich gibt er sich daran, in der Garage einen eigens für die Ferguson gedachten Raum zu installieren, wo er fortan die kontemplative Ruhe zu finden gedenkt, um den Anspruch der Ferguson zu erfüllen:  „Setz dich, und gib mir deinen besten Schuss!“

Ich möchte das Thema mit einem Nachttopf abschließen

Eine Zeit lang kann Bundy seinen spartanischen Ferguson-Schrein alleine und ungestört genießen, doch dann kommt Gattin Peggy auf die Idee, den Raum ein wenig zu schmücken... Was zu einer lebensgefährlichen Krise führt. Ich kann Al voll und ganz verstehen; würde man mir einen Duftbäumchen an den Rückspiegel meines Minis hängen oder eine gehäkelte Klorollenhülle auf die Hutablage stellen, oder ein Deutschlandfähnchen an die Seitenscheibe klemmen, wenn mal wieder Fußball ist - mein Entsetzen könnte nicht geringer sein.

Nicht mit einer Toilette, sondern ihrem mobilen kleinen Bruder, dem Nachtopf, möchte ich das Thema abschließen, und das im literarischen Kontext. Der kubanische Autor Guillermo Cabrera Infante schrieb, auf seiner Heimatinsel begonnen und im Londoner Exil beendet, den Erzählband „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“, knappe Geschichten von Ereignissen und Momenten, die das tragische Gesicht der Insel hinter der Maske tropischer Lebensfröhlichkeit geprägt haben.

Eine dieser Miniaturen, nicht einmal eine Seite umfassend, hat mich vor vielen Jahren beim ersten Mal ganz besonders beeindruckt, ihn ihr kommt das ganze Elend der Menschen zum Tragen, die dem Castroregime, koste es auch das Leben, entkommen wollten. Sie erzählt die Geschichte eines Chinesen, der bei der Ankunft im Exil wie ein Held gefeiert wird, hat er es doch geschafft, in einem Waschzuber das gefährliche, haiverseuchte Meer zu überqueren. Doch er wehrt sich gegen die Ehrung und sagt immer wieder: „Waltet, del Held ist del andele, del bald kommt!“ Und schließlich kommt der Andere an, und die Menschen am Ufer sind sprachlos, denn dieser Mann hat kein Boot und kein Floß und keinen Zuber unter sich. Nein, er sitzt auf einem Nachttopf.

Die Ferguson kommt an: Hier

Die Spülkraft der Ferguson: Hier

Der Toilettenschrein wird geschändet: Hier

Noch mehr zum Thema Geist, Genuss und Gelassenheit finden Sie auf Archi W.Bechlenbergs Blog Herrenzimmer

Leserpost (1)
H.Baumann / 67 / Rentier / 29.01.2017

Sehr geehrter Herr Bechlenberg, den Witz mit der Bürste darf ich sofort weitererzählen ?  Mein Spaß daran zeigt meiner entfernten Familie, dass es mir gutgeht. Schönen Sonntag, Ihr

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