Gastautor / 11.09.2017 / 16:56 / Foto: Voskos / 7 / Seite ausdrucken

Zeitschriften: Nach Cicero jetzt Cato

Von Erik Lommatzsch.

Variatio delectat. Das wusste schon ein Lateiner, also ein richtig alter, der unbekannte Schöpfer dieses Satzes. Zu Deutsch, etwas länger, etwas frei, dafür prosaischer: Abwechslung ist die Seele des Vergnügens. (Apropos, Frau Özoğuz, gleich was für Sie: Deutsche Sprache ist doch nur umständlich, nix da Leitkultur, da waren, wie man sieht, schon die alten Römer weiter. Für diesen Argumentationsstrang haben Sie doch sicher Verwendung?)

Die Möglichkeiten der Abwechslung werden nun durch eine neue Politik-Kultur-Zweimonatszeitschrift bereichert (Bereicherung – ein ehemals schönes Wort, bei dessen Gebrauch man neuerdings negativ-konnotiert zusammenzuckt).  Als „Magazin für neue Sachlichkeit“ versteht sich die Zeitschrift, das Ganze firmiert unter dem Titel „Cato“. Da wären wir schon wieder in der Antike: Ein altrömischer, nerviger Meckersack war er, dieser namensgebende  Cato (davon gab es zwei, gemeint ist hier das jüngere Exemplar, 95-46 v. Chr. hat er gelebt). Man hätte ihn seinerzeit allerdings mal nicht nur reden lassen, sondern ihm auch zuhören sollen. Zum republikanischen Gemeinwesen und dessen Verfall hatte er das eine oder andere zu sagen, angekommen ist es nicht so recht. Einiges an Wissen über diesen Altrömer kann man gleich im ersten Beitrag der Zeitschrift auffrischen – im Licht der Gegenwart.

Die politische Verortung des Heftes – mit Andreas Lombard als Chefredakteur und „unter ständiger Mitarbeit von Dr. Karlheinz Weißmann“  – dürfte nicht schwer fallen. Im Vergleich zu einem seit 2004 existierenden „Magazin für politische Kultur“, welches ebenfalls nach einem Altrömer (Rom kommt in Mode!) und Cato-Zeitgenossen benannt ist, dem Herrn Cicero, sind die Konturen etwas klarer.

Die frisch erschienene erste „Cato“-Ausgabe lässt mittels einer Art Comic (diese Form der Präsentation mag Geschmacksache sein) eine betont nikotinkonsumierende Hannah Arendt ihre möglicherweise nicht ganz unaktuelle Feststellung verkünden, dass die größte Gefahr der Moderne nicht von der Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Ideologien ausgehe, sondern vom Verlust der Wirklichkeit. Zudem war sie der Meinung, dass „prinzipiell alles möglich“ werde, wenn „der Widerstand durch die Realität fehlt“.

Dem Wort „Vielfalt“ wieder zu seiner ursprünglichen Bedeutung zu verhelfen

Ansonsten geht es in „Cato“ um Dinge wie Konservatismus in Theorie und Praxis, um Identität sowie um die Frage „Was ist deutsch?“. Im Untertitel dieses Beitrags wird auch gleich die Linie vorgeben: „Kultur hat eine Heimat“. Werk und Thesen des oberbösen Rolf Peter Sieferle werden noch einmal ausführlich gewürdigt und diskutiert. Instruktives über Architektur und die Zukunft des Bauens erfährt man aus der Feder des Philosophen Roger Scruton. Martin van Creveld äußert sich zu seinem ureigenen Gebiet, dem Krieg, hier demjenigen im Nahen Osten. Walter Rathenau und der konservative Revolutionär Edgar Julius Jung, der bereits 1934 den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, werden mittels Aufsatz bzw. Rezension ins Gedächtnis gerufen. Ausführlich bedacht wird die EKD anlässlich des Reformationsjubiläums, die „neue Form der Kreuzesabnahme“ eingeschlossen. Auf dem entsprechenden, bekannten Bild sieht man Heinrich Bedford-Strohm und seinen Quasi-Kollegen Reinhard Marx auf dem Jerusalemer Tempelberg, selbstbefreit von den belastenden Symbolen ihres Brötchen- und Sinngebers. In der Sprache der alten Römer: O tempora, o mores! Die Worte stammen nicht von Cato, auch wenn sie zu ihm passen würden, sondern von Cicero – womit ein Bogen zum Konkurrenzheft geschlagen wäre.

Laut Eigendarstellung tritt das Magazin „Cato“ für „den vergessenen Wert des Bewahrens“ ein. Braucht man eine solche Zeitschrift? Mehr denn je. Schon allein, um neben dem Wort „Bereicherung“ vielleicht auch dem Wort „Vielfalt“ wieder zu seiner ursprünglichen Bedeutung zu verhelfen.

Ergo: Reinschauen. Das Format der Druckausgabe ist etwas unhandlich, aber das mag Bahnhofskioskblickfangzwecke haben. Ansonsten ist die Gestaltung äußerst ansprechend. 

Leserpost (7)
Stephan Schwarz / 12.09.2017

Michael Klonovsky weist darauf hin, dass die Qualitätspresse erwartungsgemäß übers Stöckchen springt und “Cato” einhellig negativ bewertet - “Römisches Rechtsaußen” (Die Zeit); “trübe Suppe”, “Ineinssetzung von Geschichtsinteresse und rechter Paranoia” (Süddeutsche Zeitung); “der Ton des Heftes ist umweht von Zukunftsangst” (Tagesspiegel). Alleine dieser Umstand stellt schon eine klare Kaufempfehlung dar. Da die genannten Gazetten und einige mehr schon für “Finis Germania” unfreiwillig die Werbetrommel gerührt und einen spektakulären Beststeller generiert haben, ist nur zu hoffen, dass ihre Bemühungen diesmal einen ähnlichen Erfolg zeitigen.

Matthias Kube / 12.09.2017

Danke für die Rezension. Ich habe ebenfalls vor, mir eine Ausgabe besagten Magazins zu kaufen, allerdings bekam ich meine (eindringliche) Leseempfehlung von ZEIT-Online. Dort wird das Magazin im besten Fall als rechtskonservativ und - ganz im üblichen ZON-Narrativ - natürlich als rechtsaußen betitelt, da sich böse Publizisten der “Neuen Rechten” daran beteiligen (sollen). Gibt es in heutigen Tagen eine bessere Leseempfehlung? ;-) Auf Rolf Peter Sieferle hat mich SPON aufmerksam gemacht, auch hier ein Dankeschön in die Ferne.

Anders Dairie / 12.09.2017

Natürlich ist auch CATO nützlich.  Nicht,  dass der Schreck noch zunimmt, den ich kürzlich erlebte:  Einer meiner rüpeligen Neffen, typisch in verlängerter Pubertät,  liest nun regelmäßig   “Mein Kampf”.  Er sieht das Hier und Heute offenbar wie den letzten Teil der Weimarer Republik,  am mutmaßlichen Übergang zu einem “Germanenstaat Deutscher Nation”.  Er hat das Bereicherungs-Versprechen der Merkel-ianer wohl nie geglaubt und sucht nach einer saftigen Gegenbegründung.  Die “Lückenpresse” wird abgelehnt, obwohl ich meine, nie eine Qualitätszeitung in seiner Nähe gesehen zu haben. Eine von mir angezettelte Debatte blieb im Versuchsstadium, ich wurde auf seine Freiheiten nach dem GG hingewiesen. Punkt !  Das Misstrauen der Jugend bezgl. der Gesundheit des Landes ist offenbar tiefer als viele Alte glauben.  Achgut. com und Cato sollten sich auch mit diesem Thema befassen.

Günter Schaumburg / 12.09.2017

Bin gerade beim Lesen und Blättern - vorzüglich!

Michael Bassin / 11.09.2017

Sehr guter, objektiver Artikel! Da können sich die Schreiberlinge von der einstmaligen Qualitätspresse, die nur die erwartbaren Reaktionen verlautbaren ließen, ein Beispiel nehmen, was fairen Journalismus ausmacht. Bravo!

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