Hansjörg Müller / 02.02.2016 / 06:30 / 1 / Seite ausdrucken

Dänemark: Behagen im Kleinstaat

Die Dänen fühlen sich ausgesprochen wohl in ihrem Land. Ausländische Kritik an der Ausländerpolitik ihres Landes kann daran nur wenig ändern

Dunkel, kalt und regnerisch ist es in Kopenhagen, doch unwirtlich wirkt Dänemarks Hauptstadt nicht: Aus fast jedem Wohnzimmer strahlt jetzt die charakteristische dänische Pendelleuchte, gut einsehbar für den Passanten durch die grossen Fenster, durch die sich die Backsteinwohnblocks dänischer Städte auszeichnen. Gleichheit, Transparenz und Geborgenheit, das ist Dänemark. Eine Nation, die sich wider die Unbill des Wetters ebenso gewappnet hat wie gegen die des Lebens.

In Kopenhagens moderner U-Bahn, wo die Züge führerlos dahingleiten, trennt eine Glaswand aus automatischen Schiebetüren den Perron von den Gleisen. Vor den Zug stürzen könnte sich hier niemand. Beinahe scheint es, als hätten die Dänen jegliche Tragik aus ihrem Alltag verbannt. Wollte man ihr Lebensgefühl beschreiben, man könnte von Behagen im Kleinstaat sprechen.

Manche Schweizer oder Deutsche, vor allem solche auf der rechten Seite des politischen Spektrums, schauen neidisch nach Norden: Seit Jahren verfolge Dänemark eine restriktive Ausländerpolitik und werde dennoch kaum einmal kritisiert, glauben sie. Es sei wohl, so wird dann gern gemutmasst, eine Art Skandinavien-Bonus, der hier spiele: das Klischee von den nordischen Nationen als Heimat des sozialen Fortschritts, das stärker sei als die Realität.

In Wahrheit hat Dänemark seit einiger Zeit eine ausgesprochen schlechte Presse: Eben erst hat der britische Guardian Premierminister Lars Løkke Rasmussen im Braunhemd und mit Armbinde karikiert. Die ach so freundlichen Dänen, so will die Weltpresse nun auf einmal wissen, wollten Flüchtlingen ihr Zahngold nehmen wie einst die Nazis den Insassen der Konzentrationslager. «Løkke, rette unser Image!», fordert Berlingske Tidende, Dänemarks bürgerliches Intelligenzblatt, in einem Anfall von Panik auf seiner Frontseite.

Falls wirklich etwas faul ist im Staate Dänemark, müsste Anton Geist es zuerst wissen. Ein schmaler Mann mit feiner Hornbrille und Maxim-Biller-hafter Glatze, gleicht er einem linken Intellektuellen im Berlin der Zwanzigerjahre. Geist ist leitender politischer Redaktor bei Information, einer Zeitung, deren Gründer Børge Outze nach dem Ende der deutschen Besatzung im Mai 1945 ankündigte, «die Wahrheit zu erzählen, morgens, mittags und abends». Outzes Nachfolger liessen seine Worte in Stein meisseln, sie hängen jetzt neben dem Eingang der Redaktion. Drinnen erzählt Geist mir seine Version der Wahrheit.

Das neue Gesetz, das mit dem Schmuck, sei doch in erster Linie Symbolpolitik. «Da geht es um Kleingeld, aber man hofft, Flüchtlinge dadurch abzuschrecken.» Schlimmer findet Geist den Plan der bürgerlichen Regierung, Asylbewerbern, die nicht individuell verfolgt würden, den Familiennachzug zu untersagen, ein Vorhaben, das auch von den oppositionellen Sozialdemokraten unterstützt werde.

Was Geist sieht, kann ihm nicht gefallen: Zwischen den Sozialdemokraten und der Dänischen Volkspartei, die von deutschsprachigen Medien gern als rechtspopulistisch charakterisiert wird, gebe es heute allenfalls noch «kosmetische Unterschiede».

«Ihr werdet niemals stubenrein werden!», habe Poul Nyrup Rasmussen, der sozialdemokratische Premierminister der Neunzigerjahre, die Volkspartei noch abgekanzelt. Doch nun glaubten die Sozialdemokraten, die letzte Wahl wegen ihrer Asylpolitik verloren zu haben, und näherten sich der Volkspartei immer mehr an. «Die Achsen in der dänischen Politik haben sich verschoben. Keine zehn Jahre und es wird eine Koalition geben», prophezeit Geist.

Immerhin, eines hält auch er der Volkspartei und ihren Anhängern zugute: Im Gegensatz zu Deutschland oder Schweden habe es in Dänemark keine Anschläge auf Asylheime gegeben, wahrscheinlich auch, weil man seine Kritik an der Ausländerpolitik hier von jeher offen habe äussern können.

Vielleicht ist die Sprache als Metapher unwiderstehlich: Im Vergleich zum Dänischen kommt das Schwedische in einer Art Herrenreiter-Duktus daher, wenn auch einem melodiösen. Dänen dagegen nuscheln aus sich heraus, in einem von lang gezogenen Umlauten geprägten Tonfall, der auf ausländische Besucher leicht infantil wirkt. Passt das Schwedische zum Nobelpreisbankett, ist das Dänische eher eine Sprache fürs Ferienhaus. Möglich, dass es auf Dänisch leichter ist, so zu reden, wie es einem behagt.

Im Moment steht es nicht gut um die gegenseitigen Beziehungen. Premierminister Lars Løkke Rasmussen sei wütend auf seinen schwedischen Amtskollegen Stefan Löfven, wird in Regierungskreisen und darüber hinaus geraunt, auch wenn er das nicht offen sage: Erst habe Stockholm Hunderttausende Flüchtlinge angelockt und dann praktisch über Nacht Grenzkontrollen eingeführt. Dabei hat Schweden die Geografie auf seiner Seite: Erreicht ein Flüchtling Dänemarks Südgrenze, braucht er nur Asyl zu verlangen, und Dänemark muss sein Anliegen prüfen. Schweden dagegen muss nur eine Brücke sperren, und schon erreicht kein Flüchtling mehr seine Grenze.

Im Café der Königlichen Bibliothek treffe ich den Historiker Jes Fabricius Møller. Bei dünnlichem Filterkaffee, dem offiziösen Nationalgetränk des skandinavischen Egalitarismus, erklärt mir Møller, was Dänen und Schweden trennt. Anders als Dänemark sei Schweden im Zweiten Weltkrieg nicht von den Deutschen besetzt gewesen. Also hätten sich die Schweden eine grundlegende Frage nie stellen müssen: «Wie verteidige ich die Demokratie?» Auch nach dem Krieg sei Schweden neutral geblieben, während sich Dänemark als Nato-Mitglied willig in die Phalanx des Westens eingereiht habe, bis hin zur Teilnahme an George W. Bushs Irakkrieg.

Was nun die Diskussion über Ausländer betreffe, unterschieden sich beide Länder fundamental: «In Dänemark spricht man unglaublich viel vom Schweigen», sagt Møller und wartet einen Moment ab, ob das Paradox im Gehirn seines Gegenübers ankommt. Fortwährend werde über Probleme bei der Integration geklagt, gleichzeitig behaupteten manche, man dürfe nicht darüber reden. In Schweden dagegen habe es diese Art der Political Correctness tatsächlich gegeben, wenigstens bis zu der Massenvergewaltigung in Köln, die den Blick der Schweden endlich auf ähnliche Vorfälle im eigenen Land gelenkt habe.

Habe es in Schweden Probleme mit Immigranten gegeben, hätten Medien und Politiker bisher stets darauf verwiesen, die eigentliche Ursache sei der schwedische Rassismus. Wenn er mit schwedischen Historikerkollegen darüber diskutiert und darauf hingewiesen habe, dass es in Schweden doch nur sehr wenige Rassisten gebe und diese von der Gesellschaft geächtet seien, hätten ihm seine Kollegen entgegengehalten, hier gehe es eben um einen «strukturellen Rassismus».

Die Dänen, so behaupten mehr oder weniger wissenschaftliche Untersuchungen alle paar Jahre einmal, seien das glücklichste Volk der Welt. Stimmt das, oder hat hier einfach ein Kleinstaat sein Alleinstellungsmerkmal gefunden?, frage ich Møller zum Abschluss. Der Historiker lacht: «Es ist auch ein Übersetzungsfehler: Für das deutsche ‹Glück› gibt es im Dänischen zwei Wörter»: «Held» sei das Glück im Spiel oder jenes, einen schweren Autounfall unverletzt zu überstehen. «Lykke» dagegen stehe für ein Gefühl der Zufriedenheit. Und über dieses verfügten die Dänen.

«Dänemark als Staat ist einfach unglaublich gelungen», sagt Møller und lächelt. Der Nationalstaat sei ja eine Utopie des 19. Jahrhunderts, die kaum irgendwo erfolgreich verwirklicht worden sei, ausser eben in Skandinavien. «Wir glauben tatsächlich daran, dass wir eine Gemeinschaft sind.» Die Dänen hätten es geschafft, eine egalitäre Gesellschaft aufzubauen, in der alle einander und alle dem Staat vertrauten. «Wenn ich mich mit einem Dänen verabrede, weiss ich, dass er zum fraglichen Zeitpunkt da sein wird, auch wenn ich ihn nicht persönlich kenne.»

Die Globalisierung, aber auch der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1973 sowie die Ankunft türkischer Gastarbeiter hätten die Dänen in ihrem Selbstverständnis erschüttert, glaubt Møller. «In meiner Kindheit und Jugend, in den Sechziger- und Siebzigerjahren, gab es keinen Nationalismus, weil ja klar war, dass wir alle Dänen waren. Doch das, womit meine Generation aufwuchs, gibt es nicht mehr.» In diese Lücke stosse die Volkspartei vor, eine Partei für Nostalgiker, die im Grunde so sein wolle wie die Sozialdemokraten der Vierzigerjahre.

Die Dänische Volkspartei ist seit 1973 im Parlament vertreten. Damals hiess sie noch Fortschrittspartei und sorgte sich vor allem ums Geld: Ihr Vorsitzender Mogens Glistrup weigerte sich, Steuern zu zahlen, und schlug vor, anstatt sich eine teure Armee zu halten, solle Dänemark lieber einen Anrufbeantworter installieren, der den Russen im Kriegsfall sage: «Wir ergeben uns.»

Ernst wurde Glistrup nicht genommen. Erst mit seiner Nachfolgerin Pia Kjærsgaard begann die Partei, sich zu professionalisieren und zu ihrem grossen Thema zu finden, der Ausländerpolitik. Seit 2001 hat die Volkspartei bei jeder Wahl Stimmen hinzugewonnen; seit 2015 ist sie die zweitstärkste Kraft im Land und toleriert eine bürgerliche Minderheitsregierung.

In einem Seitenflügel von Schloss Christiansborg, dem Sitz von Parlament und Regierung, haben die Abgeordneten der Volkspartei ihre Büros. Vor der Tür steht ein Kleinbus, darauf abgebildet sind Parteichef Kristian Thulesen Dahl, ein blonder, adretter Mittvierziger und – warum auch immer – ein Hundewelpe. «Mehr Dänemark, weniger EU. Es ist möglich», steht auf dem Gefährt.

Kenneth Kristensen Berth sieht aus wie der weniger fotogene Bruder von Thulesen Dahl. In seinem Regal stehen eine Fox-News-Tasse und zahlreiche Bücher über amerikanische Politik und Geschichte, deren bunte Rücken ihre Herkunft aus dem populärwissenschaftlichen Segment verraten.

Dass mir ausgerechnet das einzige deutsche Buch auffällt, «Gute Nacht, Deutschland» von einem gewissen Wolfgang Diebold, ist Kristensen sichtlich peinlich. «Eine aufrüttelnde und zornige Streitschrift über die Fehler der antinationalen Politikerkaste», verspricht der Klappentext. «Diebold ist mir persönlich zu rechts», beeilt sich mein Gastgeber zu versichern. Es scheint so, als seien er und seine Partei eifrig darum bemüht, sich durch Distanzierungen der politischen Stubenreinheit anzunähern.

Gerade hat Kristensen einen Reporter von Le Monde empfangen. Der habe ihn gefragt, ob seine Partei dem Front National gleiche. «Natürlich nicht», habe seine Antwort gelautet. Jean-Marie Le Pen, der Gründer der französischen Rechtspartei, habe die Gaskammern einmal als «Detail der Geschichte» bezeichnet. «Eine Aussage, die auch von irgendeinem verrückten Imam kommen könnte», sagt Kristensen. Vorbild seiner Partei sei die SVP, die er «Schweiziske Volkspartei» nennt.

Allzu weit möchte es der Abgeordnete aber auch nicht treiben mit seinen Bemühungen um das Verständnis des Auslands: Dass die Leser des Guardian nun von Dänemark enttäuscht seien, wie der Korrespondent des dänischen Fernsehens eben aus London berichtet habe, bekümmere ihn kein bisschen. «Die legen an Dänemark härtere Massstäbe an als an Grossbritannien», ärgert er sich. «Sie erwarten, dass wir uns in der Ausländerpolitik wie Vollidioten verhalten, nur um ihrem Skandinavien-Klischee zu entsprechen.»

Kristensens Rhetorik verrät die Prägung durch amerikanische Talkshows: ein Polemiker, der beim Debattieren keine Gefangenen macht. «Seit dem Zweiten Weltkrieg hat kein europäischer Politiker so verrückt gehandelt wie Angela Merkel», sagt er. Alle in Europa hätten die Entscheidung der deutschen Kanzlerin abgenickt. «Aber Politik ist kein Ort für Mutter Teresa. Merkel hätte besser Nonne werden sollen», ätzt Kristensen und blickt mich an, als wolle er die Wirkung seiner Worte testen. Ähnlich schlecht ist er auf Schweden zu sprechen: «Ein Land, das immer einen starken Adel hatte. Die Schweden sind es gewohnt, geknechtet zu werden.» Das wirke bis heute nach.

Düsterer noch als ein Kopenhagener Wintertag ist das Bild, das Kristensen von der Lage der Immigranten in Dänemark zeichnet: Nordafrikaner und Zuwanderer aus dem Nahen Osten seien vier- bis fünfmal so kriminell wie der Durchschnitt; aus der ersten und zweiten Generation arbeite gerade einmal ein Drittel. Dort, wo er herkomme, in einem Vorort von Kopenhagen, verteilten radikale Islamisten ihre Broschüren am Bahnhof. «Es ist das Ende Europas», sagt er. «Mit anderen Bewohnern wird der Kontinent ein anderer sein.»

Mag Kristensen auch gern harte Worte wählen, die landesübliche Höflichkeit vergisst er darüber nicht. «Es tut mir leid, dass ich den Doomsday an die Wand malen muss», entschuldigt er sich am Ende unseres Gesprächs.

Sein Lächeln deutet allerdings darauf hin, dass er sich dabei gar nicht unbehaglich fühlt. Wie könnte er auch, der Mann ist schliesslich Däne.

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung

Kleine Ergänzung: Die Dänen haben auch einen ziemlich guten Humor wie man hier sehen kann.

Leserpost (1)
Markus Tessmer / 02.02.2016

Mir scheint, die Dänen machen momentan alles richtig! Ein Staat und eine Regierung (und sogar eine Opposition!) sind zunächst einmal verantwortlich für die Menschen, die dort zuhause sind. Das gilt in Deutschland eigentlich leider schon seit Jahrzehnten nicht mehr - oder hat es hier vielleicht noch nie gegolten? Diese größenwahnsinnigen Weltbeglückungsprogramme hierzulande (von Klima über Euro bis Asyl) sind nur noch abstoßend und gehen ausnahmslos zu unseren Lasten.

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