Carl und Karl, die zweite

Hier nochmal ein Wort zu Carl Schurz, der mir, wie ich neulich schrieb, als Revolutionär lieber ist als die große Nummer Karl Marx. Dass auch dieser Carl mit „C“ nicht ohne Sünde ist, hat Achse-Gast-Autor Wolfgang Mayr (Wehe, wenn Revolutionäre an die Macht kommen!) zu Recht beschrieben. Ich erlaube mir allerdings ein paar ergänzende Bemerkungen. Sicher, Schurz hat als Innenminister die Enteignung der amerikanischen Indianerverbände vorangetrieben. Allerdings hat er das nicht in einem revolutionären Alleingang getan sondern eingebettet in einen Zeitgeist, der ganz Amerika beherrschte und dem auch er verfiel.

Carl Schurz handelte im Auftrag und im Sinne seines Präsidenten Rutherford Hayes. Ja, selbst Abraham Lincoln, der große Sklavenbefreier, den Schurz bewunderte, hatte über das Schicksal der Indianer keine schlaflosen Nächte verloren. In der Zeit vor Schurz war die „Indianerfrage“ hauptsächlich ein Thema des Militärs. Wo sie den europäischen Siedlern im Weg waren, wurden sie mit Gewalt vertrieben, im Zweifel niedergeschossen. Schurz versuchte sich dann an einer immerhin unblutigen Fortsetzung der Indianerkriege mit bürokratischen Mitteln. Wirklich umgesetzt wurden seine Ideen allerdings erst, als er schon lange nicht mehr Innenminister war, von Senator Henry Dawes, der keinerlei revolutionärer Gedanken verdächtig war. 

Der Dawes General Allotment Act, um den es hier geht, war ein Produkt des Zeitgeistes, der die Indianer zu sesshaften Landwirten und Staatsbürgern nach Art der Weißen machen sollte. Dass diese Zwangsassimilierung die weitgehende Vernichtung der Indianerkultur bedeutete, war gewollt. Die Indianer sollten „zivilisiert“ werden. Gleichzeitig glaubte man an ein „manifest destiny“, das die europäische Besiedlung ganz Amerikas ideologisch begründete. 

Zwangseuropäisierung, Kulturvernichtung, Dezimierung

Diese Hybris europäischer Siedler gegenüber traditionellen Kulturen war kein spezielles amerikanisches Phänomen. Wo immer Europäer auf Kulturen trafen, die sie als primitiv betrachteten, haben sie ähnlich gehandelt: Zwangseuropäisierung, Kulturvernichtung, Dezimierung. In Australien war das nicht anders. In Tasmanien hat man die Ureinwohner fast ganz vernichtet. Afrika bietet eine Variante des europäischen Größenwahns. In Südamerika ging es den Indianern nicht besser als im nördlichen Teil des Kontinents.

Zwar gab es auch seinerzeit Stimmen gegen den Zeitgeist. Aber die erhoben sich vorzugsweise aus der bequemen Distanz. Ich möchte hier einen weiteren Karl einführen, diesmal wieder einen mit „K“. Ein gewisser Karl May ist ein Exponent der Schwärmer, die den „edlen Wilden“ als Vorbild für den dekadenten Europäer präsentierten. Aber auch dieser Karl, obgleich er sich als Reiseschriftsteller gab, hat das Land seines Winnetou erst mit großer Verspätung und noch größerer Enttäuschung besucht. Er ist einer der Erfinder der speziell deutschen Indianer-Romantik. Es war und ist eine Romantik der Daheimgebliebenen.

Die Deutschen, die auswanderten, verhielten sich weniger romantisch. Vor allem sie ließen sich in den Weiten der Prärie nieder, die einst den Indianern gehörten, und verwandelten das unendliche Grasland in ein unendliches Ackerland. Lauter kleine Carl Schurze mit deutschen Namen, die nicht nur glaubten, im Recht zu sein, sondern überzeugt waren, ein als ungenutzt empfundenes Land nutzbar zu machen und zu zivilisieren.

Es hat bis weit ins 20. Jahrhundert gedauert, ehe wir in der Beurteilung dieser Ereignisse die moralischen Höhen erreicht haben, die uns heute so schön auszeichnen. Diese moralischen Höhen sind dank ihrer Verspätung angenehm leicht zu erklimmen. Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen ist und die Moral kostet nicht mehr viel. 

Damals sind die Leute aus teils höllischen Verhältnissen in Europa entflohen und haben in der neuen Welt versucht, ein besseres Leben für sich zu finden. Dass sie damit den ursprünglichen Einwohnern eine neue Hölle schufen, haben sie verdrängt. Aus Not, aus Gleichgültigkeit und aus zivilisatorischer Überheblichkeit. Das war so und dazu brauchten sie keinen Revolutionär namens Carl Schurz. 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (3)
H. Störk / 08.05.2018

> “Vor allem sie ließen sich in den Weiten der Prärie nieder, die einst den Indianern gehörten, > und verwandelten das unendliche Grasland in ein unendliches Ackerland.” Damals hat man die Bibel auch noch ernst genommen. Der Auftrag “Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht” richtet sich an alle Menschen, jedoch versagen Jäger- und Sammler-Kulturen regelmäßig bei seiner Umsetzung. In der endlosen weite der Prärie mit Pfeil und Bogen hinter Bisons her rennen ist keine Naturbeherrschung. Vom Pferd aus eine Herde Longhorns auf eine eingezäunte Ranch treiben dagegen schon. Das endlose Ackerland Nordamerikas ernährt heute ca. 300 Millionen Menschen. Darunter auch eine Menge Native Americans, vormals Indianer genannt. Mit Jagen und Sammeln alleine wäre das nie möglich gewesen. Marx hatte irgendwie Recht, der Kapitalismus reißt die Menschen mit brutaler Gewalt heraus aus den vertrauten Zusammenhängen von Armut, Hunger, Elend, Not, Seuchen, Stammeskriegen und frühem Tod…

Rainer Nicolaisen / 08.05.2018

Beschreibung ja. Doch bitte keinen Relativismus. Zwar hatte man die Sklaverei abgeschafft, und damit die Neger als, zumindest prinzipiell, Menschen anerkannt, doch behandelte man die Indianer nach wie vor als Untermenschen. Diesen Bruch nicht zu erkennen, d.h. nicht wahrhaben zu wollen, muß man allen vorwerfen, gerade auch Schurz. (Auch heute kann man in den USA noch das ” Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.” finden.) Fakt war, ist und bleibt: Die USA gründen sich auf einen Völkermord.

Andreas Horn / 08.05.2018

Genauso ist es. Leider werden wir nicht erfahren, wie der moralische Zeitgeist in hundert Jahren über unsere Zeit richtet…, falls es dann noch was zu richten gibt !

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Rainer Bonhorst / 13.06.2018 / 17:00 / 5

Ein Einkaufsgespräch in Herne

Schulleiter: Guten Tag, bin ich hier richtig bei den Bademoden? Verkäuferin: Jawohl. Soll es etwas für Sie sein, mein Herr? Boxershorts?  Schulleiter: Nein, nein, ich…/ mehr

Rainer Bonhorst / 07.06.2018 / 11:30 / 13

Die armen rechten Linken

Nach Sahra Wagenknecht ist nun auch Andrea Nahles von ihren linken Freunden ins rechte Lager verschoben worden. Die offizielle Linke Wagenknecht hatte schon vor längerer…/ mehr

Rainer Bonhorst / 04.06.2018 / 12:00 / 19

Politik der schönen Männer

Während Caesar wohlbeleibte Männer um sich haben wollte, zieht es die europäischen Wähler immer mehr zu schlanken, smarten, jungen und möglichst schönen Männern hin. Die…/ mehr

Rainer Bonhorst / 25.05.2018 / 10:00 / 6

Demnächst: Die Mündigkeitsanhebungsverordnung

Jetzt, da wir die Datenschutzgrundverblödung (DSGVÖ) haben, wird es Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Ich bin zwar in den kommenden Wochen noch damit beschäftigt,…/ mehr

Rainer Bonhorst / 20.05.2018 / 06:15 / 30

Eine Insel der Fröhlichen

Am besten, ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Wer sich die Hochzeit von Harry und Meghan angeschaut hat, erlebte auch als republikanisch gefestigter Kontinentaleuropäer,…/ mehr

Rainer Bonhorst / 18.05.2018 / 06:25 / 11

Israels Mode-Niederlage: Kufiya gegen Kippa

Eine der großen politischen Fragen unserer Tage geht so: Warum ist die übliche Linke immer auf Seiten der Palästinenser und warum kann Israel immer nur…/ mehr

Rainer Bonhorst / 15.05.2018 / 17:00 / 13

Rassismus beim Bäcker

Eine wunderbare Rassismus-Debatte ist über dem FDP-Chef Christian Lindner hernieder gefahren ist. Der Mann hat unfreiwillig eine ganz neue Form des Rassismus kreiert: den Bäcker-Rassismus.…/ mehr

Rainer Bonhorst / 04.05.2018 / 14:30 / 6

Revolutionäre namens Karl und Carl

Der Karl mit „K“ war etwas älter als der Carl mit „C“. Dessen 200. Geburtstag kann erst in elf Jahren gefeiert werden. Und wenn er…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com