Thilo Schneider / 05.05.2018 / 16:00 / Foto: Timo Raab / 10 / Seite ausdrucken

„Bürgerservicebüro“ Nummer 32-1

Wie es meine Bürgerpflicht ist, bin ich brav aufgestanden, als im Vorraum des städtischen „Bürgerservicebüros“ die Nummer 32-1 aufleuchtete. Das bedeutete, dass ich mich als 32. Bürger heute zum Schalter 1 begeben musste, an dem ein freundlicher Mitarbeiter der Stadt mein Anliegen, meine Adressänderung zu melden und ordentlich auf dem Personalausweis zu vermerken, bearbeiten würde.

Herr Bernhart mit T, so verrät mir sein Namensschild, trägt heute sein bestes blaues Kaufhofhemd, in dessen Brusttasche zwei Kugelschreiber stecken. Ganz rebellisch lugt ein Tattoo am Hals hervor. Ich schätze ihn auf etwa 35 Jahre, und er trägt überall Haare. Hinten am Kopf zu einem losen Zopf geknotet, vorne im Gesicht als etwas wilder Bart. Er räumt gerade zwei anachronistische Stempel neben seinen Apfel und seine Mineralwasserflasche, als ich Platz nehme. „Guten Tag“, sage ich, „ich möchte mich ummelden. Ich bin von der Badstraße in die Schlossallee gezogen.“ Dann lege ich den Personalausweis mit dem Bild nach unten und meinen Mietvertrag, den ich ordentlich in einer Klarsichtfolie dabei habe, auf den hoheitlichen Tisch meines Servicebüros.

Herr Bernhart nimmt die Mappe und blättert im Mietvertrag. „Wo ist die Vermieterbestätigung?“, will er wissen. Ich sehe ihn verblüfft an. „Na da, Sie haben doch den Mietvertrag“, sage ich und klopfe auf die Folie. Herr Bernhart seufzt. „Das genügt nicht. Sie brauchen eine spezielle Vermieterbestätigung, sonst kann ich Sie nicht ummelden.“ Ich überlege: „Wenn ich doch einen Mietvertrag habe, auf dem der Vermieter und ich unterschrieben haben, warum wollen Sie dann noch eine Bestätigung, dass ich der Mieter meines Vermieters in der Schlossallee bin? Was bitte ist besser als ein Mietvertrag?“ „Sie könnten den Mietvertrag auch selbst geschrieben und unterschrieben haben, und wir wissen ja gar nicht, ob es die Adresse auch gibt“, erklärt er mir. Ich bemerke eine gewisse Ungeduld in mir aufsteigen. „Gucken Sie doch in Google-Maps oder Google-Earth oder mit Street-View oder in der Datei des Katasteramts, ob es die Adresse gibt. Das geht ganz einfach. Kann ich sogar auf dem Handy“, schlage ich ihm vor. Herr Bernhart schaut mich mitleidig an. „Das könnte ich tun“, gibt er zu, „aber das ist immer noch kein Nachweis. Den brauche ich.“ 

Ich werde hektisch: „Hören Sie: Sie können den Vermieter und sein Objekt anhand des Grundbuchauszugs in Ihrer Datei feststellen und mich anhand meines Personalausweises identifizieren. Wer sagt Ihnen denn, dass ich, wenn ich schon so schlau bin, den Mietvertrag zu fälschen, nicht auch die Vermieterbestätigung fälsche?“ Herr Bernhart denkt nach, aber das Ergebnis scheint ihm nicht zu gefallen. „Ich brauche die Vermieterbestätigung, sonst kann ich Sie nicht ummelden“, beharrt er stattdessen stur.

Der „den-Scheiß-hab-ich-schon-hundert-mal-gehört-Ton“

„Okay, dann anders…“, schnauze ich ihn an. „Ich bin aus Ghana geflohen, weil ich dort verfolgt werde und beantrage Asyl!“ Er verzieht das Gesicht. „Sie sind doch Deutscher, das geht nicht…“, sagt er in diesem gelangweilten den-Scheiß-hab-ich-schon-hundert-mal-gehört-Ton. Ich schnappe mir den Personalausweis und haue ihn in den Papierschredder unter seinem Schreibtisch, in dem das Dokument mit hässlichem Knirschen verschwindet, bevor der Beamte reagieren kann. Herr Bernhart ist entsetzt. „WAS MACHEN SIE DA?“, ruft er so laut, dass die anderen Herr Bernharts ihre Köpfe drehen. „Wie gesagt: Ich beantrage hiermit Asyl in der Bundesrepublik Deutschland“, antworte ich fröhlich. „Noch einmal: Das geht nicht“, sagt Herr Bernhart geduldig, „Sie sind Deutscher…“ „Und das wissen Sie woher?“, frage ich, „ich habe keinen Ausweis mehr. Ich bin Ghanaese.“

Herr Bernhart wird ungeduldig. „Wenn Sie frech werden, lasse ich Sie entfernen, ich habe noch etwas anderes zu tun“, sagt er in gereiztem Ton. „Ja, mir einen Asylantrag geben“, schlage ich vor. „Den habe ich nicht da“, behauptet er. „Außerdem sind Sie kein Ghanaese“, behauptet er auch. „Das können Sie nicht beweisen“, kontere ich, „ich bin Ghanaese und wünsche Asyl.“ Herr Bernhart rollt die Augen. „Ich schmeiße Sie jetzt raus“, sagt er trocken. „Das glaube ich nicht“, antworte ich feucht, „nicht, wenn Sie nicht morgen in der Zeitung einen kleinen Artikel über die Behandlung ghanaesischer Flüchtlinge im Bürgerbüro unter voller Nennung Ihres Namens lesen wollen.“ „Aber Sie sind kein Ghanaese“, beharrt er, „Sie sind ja nicht einmal schwarz!“ „Oh, also auch noch Rassist? Als ob alle Ghanaesen schwarz wären. Das ist, als würden Sie behaupten, alle Deutschen seien weiß. Mein Artikel morgen wird immer besser!“

Herr Bernhart rudert hilflos mit den Armen. „Aber SIE SIND KEIN GHANAESE. SIE SPRECHEN JA NICHT EINMAL GHANAESISCH!“, ruft er laut. „DAS KÖNNEN SIE NICHT BEWEISEN!“, rufe ich zurück, „meine Vorfahren sind 1906 nach Ghana ausgewandert, deswegen spreche ich so gut Deutsch und jetzt beantrage ich Asyl, weil mir aufgrund meiner Hautfarbe in Ghana Verfolgung droht.“ „Auf dem Mietvertrag steht aber Herr Schneider in der Schlossallee“, sagt er listig und tippt mit dem Finger auf die Folie. „Das bedeutet gar nichts“, gebe ich zurück, „da fehlt die Vermieterbestätigung. Das kann sonst irgendwer geschrieben haben. Kriege ich jetzt meinen Asylantrag, oder wollen Sie sich nächstens in Rundfunk und Presse erleben? Was sagt wohl Ihr Chef dazu? Meinen Sie, der hat viel Lust, ein erklärendes Statement zu schreiben? Glauben Sie, der Bürgermeister hat Bock auf eine klärende Pressekonferenz wegen Ihnen?“, frage ich ihn weiter.

Herr Bernhart sackt gespielt resignierend in sich zusammen. „Okay“, sagt er, „Sie haben mich.“ Er setzt sich vor den Rechner, tippt ein bisschen hier und klickt ein wenig da, und schon rauschen zwei Formulare aus dem Drucker. „Was mache ich damit?“, will ich wissen.

„Das erste ist die Verlusterklärung des Personalausweises, das zweite der Antrag auf einen neuen Personalausweis. Sie gehen jetzt nach Hause, suchen Ihr Stammbuch, lassen ein Foto machen und stellen sich morgen wieder hier an. Bitte dann bei einem anderen Kollegen“, erklärt er. „Und mein Asylantrag?“ „Den holen Sie sich beim Auskunftsamt des Migrationsministeriums, die untersuchen Sie dann medizinisch und weisen Sie einem Erstaufnahmelager (er sagt tatsächlich „Lager“) zu, das garantiert nicht in der Schlossallee ist“, beendet er seine Ausführungen. 

Und so kam es, dass ich mir einen neuen Personalausweis und eine Vermieterbestätigung ausstellen ließ. Denn unter lauter Ausländern in einem Lager – das wollte ich dann lieber doch nicht. Da hätte ich auch in der Badstraße wohnen bleiben können. Bürokratie hin und Rechthaberei her.

Foto: Timo Raab

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Leserpost (10)
Michael Eduard / 05.05.2018

Ich brauchte einen „Anwohnerparkausweis“, betrat das „Bürgerbüro“, fand im Wartebereich einen Computer, der ungefähr so viele Tasten hatte, wie das Bedienfeld von Mr. Spock. Ich gab mir ehrlich Mühe, die Taste „Anwohnerparkausweis beantragen“ zu finden, fand sie aber nicht. Auch nichts, was irgendwie in diese Richtung ging. Also wählte ich „sonstige Anliegen“. Als endlich meine Nummer aufgerufen wurde und ich der Sachbearbeiterin meinen Wunsch sagte, traute ich meinen Ohren nicht: „Ich kann Ihnen nicht helfen. Sie haben die falsche Auswahl am Terminal gewählt. Sie müssen nochmal raus und die richtige Auswahl treffen. Dann erhalten sie eine neue Nummer.“ Damit war ich natürlich absolut nicht einverstanden. Nochmal raus und hinten anstellen, nur weil ich eine falsche Taste gedrückt hatte? Die Sachbearbeiterin und ich sprachen immerhin die gleiche Sprache. Und sie verstand mein Anliegen offensichtlich. Aber sie war nicht in der Lage, oder nicht willens, mir einen Anwohnerparkausweis zu geben. Nur weil ich vermutlich diesen sch… Computer falsch bedient hatte??  Auch ihre Abteilungsleiterin, die ich zu sprechen verlangte, weigerte sich! Ich war stocksauer und hilflos. Das ist nun schon ein paar Jahre her und ich habe nie wieder ein „Bürgerbüro“ betreten und werde das auch nicht mehr tun. Es hat sich gelohnt! Meine Nerven wurden geschont und der Gesamtbetrag aller Knollen belief sich bis jetzt weit unterhalb der Gebühren, die für die nicht beantragten „Anwohnerparkausweise“ angefallen wären. Das ist wirklich so passiert. Und nicht in Schilda, sondern in Düsseldorf!

Emmanuel Precht / 05.05.2018

Ein Freund meiner Nichte aus Argentinien wollte nach dem schweren Erdbeben dort hierher nach Buntland kommen, da seine Familie das Haus verloren hatte, um hier sein Studium fortzusetzen. Die Einreise ist ihm verwehrt worden. Ich gab ihm den Rat als Asylant einzureisen. Hat geklappt. War möglicherweise die einzige asylantische Fachkraft seinerzeit. Wohlan…

Dr. Roland Mock / 05.05.2018

Einfach nur herrlich, dieser Artikel

Winfried Sautter / 05.05.2018

In bester Tradition von Kishon !

Matthias Braun / 05.05.2018

Da wiehert der “Amtsschimmel” und ich klopf mir auf die Schenkel,beim lachen. Danke Herr Schneider.

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