Gastautor / 19.09.2016 / 15:00 / Foto: Sonia Sevilla / 6 / Seite ausdrucken

Das invasive Wir - Vom Bringen und Nehmen

Von Elisa Brandt.

Als ich kürzlich die Überschrift des Beitrages in der „Welt“ von Lamya Kaddor „Wir müssen über unsere Bringschuld sprechen“ gelesen hatte, war mein erster Gedanke: na, wenn sogar die Kaddor, ein Drittel meines persönlichen Trio Infernale der Berufsmigrantinnen, bestehend aus ihr, Mely Kiyak (Sarrazin = Menschenkarikatur) und der Kopftuchpropagandistin Kübra Gümüsay, diese Selbstverständlichkeit kapiert, dann gibt es womöglich doch einen Silberstreif am Horizont. Aber schon die nächsten Sätze zerstörten diese – zugegebenermaßen - naive Illusion.

Die Religionslehrerin, deren Schüler sich sogleich nach dem bei ihr genossenen Islam-Unterricht hoffnungsfroh in den Dschihad absentierten, woran selbstverständlich nicht sie, sondern die Gesellschaft Schuld sei, meint – natürlich! – ganz genau das Gegenteil. Die Deutschen haben eine Bringschuld und müssten zugunsten der ungebeten und ungewollt sich in ihre Heimat quetschenden Nafris  und illegalen Wirtschaftsmigranten sowie zugunsten der eigentlich nur temporär schutzberechtigten Bürgerkriegsflüchtlinge ihre Identität verändern und sich von diesen eine neue aufdrängen lassen – die letztlich im Wesentlichen von der Identität der Zugewanderten bestimmt werden wird.

Kaddor macht zwar viel Brimborium um diese Tatsache, verwendet die bekannten Worthülsen und Sprachpuzzleteile, ohne die sie nicht in den sich als seriös verstehenden Medien auftreten kann und spricht verschleiernd von „unseren“ Werten und der Selbstverständlichkeit, sich an „unsere“ Gesetze zu halten. Da aber unsere Werte und unsere Gesetze Ausfluss unserer Identität sind, ist das natürlich ein logischer Querschuss.

„Wir“ ist in letzter Zeit zu einem Transportvehikel mehr oder weniger subtiler Manipulation geworden

Das harmlose Personalpronomen „Wir“ ist in letzter Zeit zu einem Transportvehikel mehr oder weniger subtiler Manipulation geworden. Man kennt das „Krankenschwester-Wir“ („Wir nehmen jetzt diese Tablette“ = „Schluck’s endlich runter, ich muss weiter“) und das exkludierende Wir („Wir schaffen das“ = „Seht zu, wie Ihr das schafft“ bzw. „Wir müssen das aushalten“ = „Ihr habt das gefälligst auszuhalten“). Das Wir in Kaddors Satz „Wir haben eine Bringschuld“ ist jedoch ein invasives Wir. Es suggeriert, dass die gebürtige Syrerin, die nicht die Bohne daran denkt, sich ehrlich, neugierig und offen mit deutscher Kultur, Geschichte und Tradition zu befassen und in diese Stück für Stück hineinzuwachsen, wie selbstverständlich dazu gehört.

Das invasive Wir suggeriert, dass Menschen, die für sich beschlossen haben, dass man in Deutschland besser leben kann als in der Heimat - die man gleichwohl in Gestalt der kulturellen Prägung stets mit sich trägt und auch in der 4. Generation nicht aufgeben will - und die sich ohne zustimmendes Mehrheitsvotum der Ursprungsdeutschen in das Land gedrängt haben, dasselbe Grundrecht auf dieses Land haben wie Menschen, die ihre Vorfahren hier seit 500 Jahren zurückverfolgen können und die dieses Land in einem jahrhundertelangen Prozess zu dem gemacht haben, was es ist.

Nein, nach der Kaddorschen Denkweise haben die Zuwanderer nicht dasselbe Recht auf Deutschland wie die Deutschen, sondern gar ein größeres Recht; die Deutschen haben ihre Identität anzupassen und nicht etwa die Zuwanderer. An diese stellt sie nur die Minimalforderung, Deutsch zu lernen und sich an die Gesetze zu halten. Die orientalische, afrikanische, asiatische und ganz überwiegend muslimische Identität und Kulturprägung der Migranten wird von ihr an keiner Stelle in Frage gestellt. Die deutsche Identität aber wird  im Kaddor-Artikel infolge der normativen Kraft des Faktischen zum Abbruch freigegeben.

Das ist natürlich nur möglich, wenn diese Identität auch von der eigenen Seite aus verwirrtem Selbsthass entweder in ihrer Existenz angezweifelt oder – bis auf Formalia („Verfassungspatriotismus“) - negativ bewertet wird. Ich konnte neulich in einer Flüchtlingsdebatte wieder einmal ein typisches Beispiel für diese Verwirrtheit beobachten. Eine Lehrerin, die mit ihren 15 bis 16 jährigen Schülern eine Wahlveranstaltung besuchte, gab das Statement ab: Sie habe sich niemals in ihrem Leben gern als Deutsche gefühlt und sei erst recht nie stolz auf dieses Land gewesen, aber als Merkel die Grenzen öffnete, da habe sie zum ersten Mal in ihrem Leben Stolz auf Deutschland empfunden und glaube jetzt, dass es gerade wir Deutschen seien, die diese Lage bewältigen werden. „Uff“, dachte ich mir, „von der Scham, eine Deutsche zu sein" bis zu „Wer, wenn nicht wir?“ in nur einem einzigen Satz – das ist auch eine Art von Leistung!

Für mich ist dieses Land einfach wie eine Familie

Jetzt könnte man sicher aus dieser einen Äußerung ein ganzes Psychogramm von der – übrigens ganz typisch aussehenden Lehrerin an einem Gymnasium in einem sehr gutbürgerlichen Winkel Berlins – häkeln. Allein der Unterschied zu meinen Lehrern (zugegeben aus einem anderen Jahrtausend), die z.T. stark von den 68ern geprägt waren, aber immer noch Diskussionen zuließen und vor allem nicht auf der moralischen Erpressertour unterwegs waren, zu diesem emotional aufgeladenen, unerwachsenem Quengeltyp, spricht dafür, dass in den letzten Jahrzehnten ganz gewaltig etwas schief gelaufen sein muss und zwar gerade dort, wo der Wohlstand sich wie eine alles erstickende Sahnesoße breit gemacht hat.

Ich, die ich nie Probleme mit meiner deutschen Identität hatte, würde übrigens niemals sagen „Ich bin eine stolze Deutsche“. Für mich ist dieses Land einfach wie eine Familie, in die man ohne Zutun und damit ohne Schuld oder Verdienst, hineingeboren wurde. In der man aber von klein auf mit jedem Wort und jeder Geste der Eltern, Geschwister und Verwandten aufgesaugt hat, was diese Familie ausmacht. Natürlich weiß man, dass die eigene Familie nach objektiven Maßstäben nicht mehr „wert“ ist als andere oder mehr Rechte hat. Aber es ist – ganz einfach – die eigene Familie, die einem so vertraut ist wie der eigene Arm. Anders herum weiß ich selbstverständlich, dass meine eigenen Kinder nicht mehr Menschenrechte beanspruchen können als andere, es sind aber die einzigen Kinder, für die ich mich ohne Zögern vor einen Zug werfen würde, wenn ich sie damit retten könnte. Das klingt banal, ist es aber nicht, denn jede tiefe Wahrheit ist eigentlich ganz einfach.

Und der „erfolgreichen“ Religionslehrerin Kaddor sage ich: Jemand mit so einer dreisten Aufdringlichkeit wie Sie, der sich mit dem Hintern in die Buttertorte setzt und anschließend sagt, die Buttertorte habe sich zu verändern, werde ich in hundert Jahren nicht als eine von uns anerkennen. Ich bin sicher, da stimmen mir viele zu. Übrigens auch die Menschen, die nicht deutscher Herkunft sind, aber eine wirkliche Bereicherung für dieses Land ausmachen. Solche Menschen habe ich in meiner eigenen Familie und sie sind mir, um im Bild zu bleiben, so vertraut geworden wie mein anderer Arm. Es wäre also möglich, dazu zu gehören, aber Sie, Frau Kaddor, sind nicht in der Lage dazu. Sie haben nicht einmal das Rüstzeug, um überhaupt den Unterschied zu erkennen. Leider verbindet Sie das, stellvertretend für viele andere Willkommensbesoffene, mit dem armen Hascherl von Gymnasiallehrerin – und das ist die eigentliche Tragik dieses Landes.

Elisa Brandt ist Historikerin und lebt in Berlin.

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Leserpost (6)
Karla Malz / 21.09.2016

„Wir müssen über unsere Bringschuld sprechen“  oder “Wir schaffen das” sind Versuche einer geistigen Bevormundung durch die Verallgemeinerung einer subjektiven Aussage. WIR müssen überhaupt nichts, vor allem uns nicht von Menschen geistig entmündigen lassen, die meinen eine allgemeingültige Wahrheit definieren und verbreiten zu müssen. Frau Kaddor meint ebenso wenig WIR wie die Kanzlerin. Sie meinen IHR, also die Anderen aber nicht sie selbst. Mit der Bringschuld wird die Gesellschaft in WIR, also die autochtonen Deutschen als Integrationsdienstleister und ewigen Erben einer Naziphobie, und die ANDEREN, also diejenigen die zu uns kommen, gespalten. Frau Kaddor, ich und meine Mitbürger müssen überhaupt nichts. Wir können wenn wir wollen und andere auch wollen, um damit gemeinsam etwas sinnvolles zu tun, statt einen Part in die Passivität zu verbannen. Wenn ich mich heute entschließe 2018 auszuwandern, dann fange ich morgen an die Sprache des Ziellandes zu erlernen und mich mit dessen Kultur, Geschichte, Menschen, Gesetze, Regeln und Mentalitäten zu beschäftigen, damit ich die Konsequenzen für mich beurteilen kann. So tun es viele Menschen jedes Jahr. Bedauerlicherweise gibt es auch Menschen, die dies nicht tun, trotzdem auswandern und einen Full Service erwarten. Sie nennen das Bringschuld. Ich nicht.

Klaus Peter / 20.09.2016

Werte Fr. Brandt, Ihr persönliches Trio der “Berufsmigrantinnen” sollten Sie auf ein Quartett erweitern: Die (noch) aktuelle “Sprecherin” (eher stammelt sie ja in den Pressekonferenzen) des auswertigen Amtes, Fr. Sawsan Chebli, haben Sie vergessen. Das ist die, die mal auf ihrem Facebook-Profil geschrieben hat, dass ihr palestinensischer, mit 13 Kindern (Allah sei Dank!) gesegneter und nach 46 Jahren (!!) Aufenthalt in Deutschland kaum deutsch sprechender Analphabeten-Vater wesentlich besser in Deutschland integriert ist, als viele Funktionäre der AFD. Ansonsten stimme ich Ihrem Artikel zu 100% zu.

Klaus Ziegler / 20.09.2016

Werte Frau Brandt, mit ihrem Artikel treffen sie bei mir einen Nerv. Ich bin, glaube ich, ein gerne hilfsbereiter Mensch. Und gleichzeitig ist das forderne Auftreten mancher Gäste und deren Vertreter eine absolute Zumutung, unter der dann auch mein Mitgefühl in Ärger oder Wut umschlägt. Sicherlich ein Gefühl, welches mir nicht gerade angenehm ist,  das darf man ja auch nicht, ist nicht gesellschaftsfähig. Und ich glaube ich bin damit nicht alleine.

Herwig Mankovsky / 20.09.2016

Einmal, wenigstens einmal möchte ich in einer TV-Quasselshow erleben, dass ein Deutscher sagt: ,,Wir müssen garnichts.”

Rolf Rattay / 20.09.2016

Und genau das ist das Problem der Deutschen. Fuer andere Laender und Voelker ist es selbstverstaendlich, stolz auf sein Land zu sein.

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