Maxeiner & Miersch / 02.12.2012 / 11:12 / 0 / Seite ausdrucken

Blutige Realität

Die Lebensmittelkette „Kaufland“ gab bekannt, künftig in ihren Fischabteilungen keine lebenden Fische mehr in Bassins zu halten. Die Entscheidung fiel auf Druck der Tierrechtsorganisation Peta. „Viele Kunden werden es begrüßen,“ erklärte eine Peta-Sprecherin, „beim Einkauf keinen Tieren mehr zu begegnen, die in den nächsten Tagen getötet werden.“

Warum hat Peta das getan, fragen wir uns. Die Truppe verfügt doch über ziemlich clevere PR-Profis. Lebende Fische, die womöglich noch vor den Augen der Käufer erschlagen oder geköpft werden: Eine bessere Werbung für veganes Leben kann man sich kaum ausdenken. Kabeljaufilets, Fischstäbchen oder Lachs in Scheiben erwecken kaum Mitleid. Im Sinne der eigenen Mission hätte sich Peta besser für mehr die Bassins in den Läden einsetzen sollen.

Seltsam: Einerseits fordern Verbraucherverbände unentwegt völlige Transparenz bei der Herkunft von Lebensmitteln. Jeder Inhaltsstoff und jeder Produktionsschritt soll für den Kunden erkennbar und nachvollziehbar sein, damit er sich über die Herkunft seines Essens hundertprozentig im Klaren ist.

Andererseits möchte niemand daran erinnert werden, dass Wurst und Schnitzel mal Bestandteile eines lebenden Tieres waren. Viele Metzgereien haben damit aufgehört, Kalbsköpfe, abgezogene Kaninchen oder komplette Spanferkel in ihren Auslagen zu zeigen, wie das in unserer Kindheit noch üblich war. Hausschlachtung ist längst verboten. Nur bei Reisen in südliche Länder sieht ein Deutscher noch Fleischmärkte, wo Tierkörper öffentlich zerteilt werden.

Ist das ein Fortschritt? Einerseits dokumentiert dieses Verbergen des Todes, dass viele Menschen, ein schlechtes Gewissen beim Fleischessen haben. Immerhin ein erster Schritt, sich mal Gedanken über die Zustände in der Stalltierhaltung und auf den Schlachthöfen zu machen. Andererseits ist Nicht-Wissen-Wollen ein Kennzeichen der modernen Heuchelei, die Tiere idealisiert und verniedlicht, doch gleichzeitig stillschweigend akzeptiert, dass mache wie Sachen behandelt zu werden. Wir finden: Wer kein Blut sehen kann, soll Gemüse essen.

Glasnost beim Metzger und Fischhändler würde die Zahl der Vegetarier sprunghaft ansteigen lassen. Zur immer wieder geforderten Reduktion des Fleischkonsums käme es dann ganz von selbst.

Erschienen in DIE WELT am 30.11.2012

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