Gastautor / 11.08.2017 / 06:25 / Foto: Antje Naumann / 16 / Seite ausdrucken

Betroffenheit rockt

Von Marei Bestek.

Zur Zeit etabliert sich in Europa eine neue Betroffenheitskultur, die immer befremdlichere Züge annimmt. Einer der Höhepunkt dieses neuen Trauerkults war sicherlich das Benefizkonzert "One Love" zum Gedenken an die Opfer des Konzert-Anschlags von Manchester. Hier traten nicht nur die Popsängerin Ariana Grande auf, sondern auch weitere hochkarätige britische und amerikanische Musikstars. Die Absurdität dieses Konzerts zeigte sich spätestens, als nur 24 Stunden vor Beginn der Show ein weiterer Terroranschlag verübt wurde: In einem belebten Londoner Kneipenviertel töteten drei Attentäter binnen weniger Minuten sieben Menschen, rund 50 wurden verletzt. Während man also in Manchester für den Frieden trällern wollte, rangen schon die nächsten Opfer mit dem Tod.

Die Veranstalter des Benefizkonzerts lösten diesen Konflikt allerdings schnell, indem sie verkündeten, man gedenke einfach der neuen Opfer mit. Diese werden bei solchen Events sowieso schnell zur Nebensache, sind höchstens noch der Anstoß, der eine PR-Aktion ins Rollen bringt. Der Fokus liegt dann auf dem Line-up, der Show und den Künstlern, die sich für ihre Übermoral beklatschen lassen. Man ist froh, die tragischen Ereignisse überlagern zu können und im Namen der guten Sache in einen Sinnestaumel abzugleiten. Mit wirklicher Trauer hat das allerdings nur noch wenig zu tun - oder wird sich einer der Hinterbliebenen von Geldspenden getröstet oder gar zum Tanzen und Singen motiviert fühlen? Ist der Anblick einer ausgelassenen und Zusammenhalt suggerierenden Masse nicht ein weiterer Stich für die Seele?

Es ist ein merkwürdiges Zeichen, wenn sich ein Großteil der Bevölkerung trotz der brutalen Terrorattacken nicht erlaubt, so etwas wie Zorn oder Gegenwehr zu empfinden, sondern sich lieber drogenkompatibel betäubt. Mit der Abkopplung von authentischen Gefühlen und Gedanken kann der Feind nicht erkannt, geschweige denn bekämpft werden. Zwar möchte man ein moralisches Zeichen setzen, in Wirklichkeit aber ist das Benefizkonzert ein Event jenseits von Anstand und Vernunft und das Gegenteil von Anteilnahme und Respekt. Ariana Grande, die damals unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen wie mutig und selbstlos vor die jubelnden Zuschauer des Benefizkonzertes trat und diese therapeutisch mit Liedern wie „Where is the love?“ und „Don´t look back in anger“ beschallte, wurde vor einiger Zeit sogar zur Ehrenbürgerin der Stadt Manchester erklärt. Schließlich habe sie „mit Liebe und Mut anstatt Hass und Angst“ reagiert.

Wie viel spendest Du, wenn niemand hinschaut?

Die Idee, für die „gute Sache“ zu musizieren, ist natürlich nicht neu. Gäbe es Künstler wie Bob Geldof nicht, wir wüssten wahrscheinlich bis heute nichts von dem großen Elend der Menschen in Afrika. Seit mehr als 30 Jahren trommelt Geldof nun schon das ‚Who is Who‘ der Musikbranche zusammen und erwirtschaftet mit seinen Benefizkonzerten und -liedern dreistellige Millionenbeträge. Dabei ist mittlerweile nachweislich bekannt, dass nicht immer alles dort ankommt, wo es hin soll. Doch wer ausreichend Betroffenheit suggeriert, kann nicht nur alle Mittel rechtfertigen, sondern sich auch gegen Kritik immunisieren. Am Ende ungefragt bleiben die Afrikaner, ob sie als Projektionsfläche für unseren Moral-Haushalt herhalten wollen. Dass ihr Leid zur Schaustellung unseres Mitgefühls und Gutseins benutzt wird, hat mit dem sorgsam propagierten Humanitätsgedanken nur noch wenig gemein.

Spätestens, als Bob Geldof vor einigen Jahren die Popsängerin Adele öffentlich an den Pranger stellte, nachdem diese ihm die Teilnahme an einem Charity-Projekt verweigerte, kämpft Geldof gegen den Verlust seiner Glaubwürdigkeit an: Seine Arbeit sei nicht nur unreflektiert, es fehle ihr vor allem an Nachhaltigkeit, sagen Kritiker. Vielen der teilnehmenden Künstler gehe es außerdem um den garantierten Medienrummel, schließlich fördert soziales Engagement nicht nur das eigene Ansehen, sondern auch die Verkaufszahlen. Die Tatsache, dass der millionenschwere Geldof (der offenbar ganz Afrika retten möchte, nur eben nicht mit seinem eigenen Geld) das soziale Engagement anderer Künstler kritisiert, hinterließ selbst bei hartgesottenen Moralin-Junkies einen bitteren Beigeschmack. Und am Ende bleibt die Frage bestehen: Wie viel spendest Du, wenn niemand hinschaut?

Wie die meisten amerikanischen Trends schwappt nun auch die Idee des Benefizkonzerts nach Europa. Erst vor drei Jahren gab es einen deutschen Ableger des berühmten Benefizliedes „Do you know it´s Christmas?“ – vorgetragen von Deutschlands Musikelite, angeführt von ‚Toten Hosen‘-Frontmann Campino. Offiziell galt das Band Aid-Projekt der Ebola-Hilfe, besonders gefreut haben sich wohl eher die PR-Abteilungen der Künstler. Eine Selbstvermarktung, getarnt als künstlerisch wertvolles Engagement. Um die Ergriffenheit der Zuschauer sicherzustellen und zielbewusst ihr Helfersyndrom herauszufordern, wurde das Musikstück mit den schockierenden Bildern einer an Ebola erkrankten Frau untermalt. Sich mit Hilfe des Leids anderer zu profilieren und zu bereichern gilt normalerweise als verwerflich, es darf in diesem Bereich aber offenbar auf gesellschaftliche Akzeptanz hoffen (aber immerhin stieß die Instrumentalisierung der kranken Frau auf so viel Protest, dass man sie schließlich wieder herausschnitt).

Der Trieb der Menschen, sich im eigenen Mitleid zu ergehen, öffnet auch allerlei neuen Geschäftsmodellen die Tür. „Hier, im tiefen Afrika, habt ihr die Möglichkeit, den Europäer hinter euch zu lassen“, wirbt beispielsweise ein Reiseveranstalter um Kunden und trifft damit den Nerv des Deutschen. Immer mehr solcher Agenturen bieten mittlerweile "Social-Quickies" an, bei denen man für 2-8 Wochen ein Ehrenamt in Afrika bekleiden kann. Die lockende Anerkennung und nicht zuletzt ein Eintrag im Lebenslauf sind wohl große Motivationsstützen, größer jedenfalls als die fachliche Qualifikation, die Welt tatsächlich ein bisschen besser zu machen. Um für wenige Wochen das Helfersyndrom ausleben zu können, werden oft mehrere tausend Euro gezahlt. Die Afrikaner müssen schließlich die Gewissensberuhigung der Helfer ehrenhalber über sich ergehen lassen. Die nehmen offenbar an, man könne nur in Afrika Menschen helfen.

Mit Performance überspielen wir unsere Untätigkeit

Es ist die Empfänglichkeit der Menschen für den schnellen Moral-Kick, der am Ende oft so gründlich schief läuft. Die wohlige Beruhigung des eigenen Gewissens lockte selbst die Bundesregierung auf einen Irrpfad der Fehlentscheidungen, mit dem Resultat einer völlig verfehlten Migrationspolitik, die zwar das Gute propagiert, jedoch das Schlechte provoziert. Weitreichende Entscheidungen werden heute nicht mehr rational getroffen. Stattdessen wird wie beim Showtanz um die Akzeptanz der Bevölkerung geworben, indem man an ihre Betroffenheits-Bereitschaft appelliert. Man denke an das Bild des an den Strand gespülten toten Jungen, das zur Rechtfertigung der Grenzöffnung herangezogen wurde.

Es ist Aufgabe des Staates  (und solte auch unser intuitives Bestreben sein), die Sicherheit der Bürger zu garantieren und für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen – auch und gerade in Migrationsfragen und den damit verbundenen Gefahren, etwa seitens des Islamismus. Doch davon kann keine Rede sein. Statt dessen gibt es immer merkwürdigere Ersatzhandlungen. Ein besonders absurdes Beispiel hierfür ist das Eye Contact Experiment, das sich mittlerweile in ganz Europa großer Beliebtheit erfreut. Unter dem Slogan „Where has the human connection gone?“ schauen sich wildfremde (und möglichst unterschiedliche) Menschen minutenlang in die Augen, um dadurch quasi im Alleingang die friedliche Zusammenführung der Völker sicherzustellen.

Unsere neue Trauerkultur entspringt einer hilflosen Reaktion auf die Grausamkeit, die wir nicht begreifen und noch weniger ertragen können. Wenn drei Terroristen gemeinsam auf eine junge Frau einstechen, wenn mitten in London Menschen die Kehle durchgeschnitten wird: Vor diesen Realitäten flüchten wir – bewusst oder unbewusst – und errichten uns Scheinwelten, die uns Sicherheit suggerieren und die Reinheit der Welt erhalten sollen. Weil Terroristen keine Moral kennen, wird sie in diesen Kunstwelten ekstatisch und kompensierend gelebt, obwohl diese Art der Moral in der Wirklichkeit keinerlei Wert hat und folgenlos bleibt.

Mit Performance und Ersatzhandlungen überspielen wir unsere Untätigkeit und Wehrlosigkeit – lachen, tanzen, singen - und ergötzen uns an unserer Tugendhaftigkeit, bis der Rausch uns schließlich die Sicht vernebelt und der Blick auf die Realität verzerrt wird. Mit gutem Gewissen glauben diese Menschen irgendwann, dass ihre konstruierten Welten real und sie selbst nicht feige sind, sondern das einzig Richtige tun, nämlich Mut und Moral verkörpern. Im Grunde aber stehen sie nur toleranzbesoffen und widerstandslos in ihrer infantilen Käseglocken-Welt, was sie aber auch nicht weiter stört, solange sie nur gut unterhalten werden. 

Während sich der Islamismus in Europa ausbreitet, schauen wir wie gelähmt zu. Statt wehrhaft zu sein und etwas zu tun, stellen wir spektakuläre Mahnmale auf. Im Fall von Paris nun großzügig gestiftet von dem US-amerikanischen Künstler Jeff Koons. Hierbei handelt es sich aber nicht um eine Gedenktafel oder einen Stolperstein. Schließlich würde so etwas Schlichtes dem heutigen Zeitgeist nicht ansatzweise gerecht werden. Jeff Koons Kunstwerk ist ein 3,5 Millionen teurer, 30 Tonnen schwerer und 11 Meter hoher, bunter Strauß Tulpen („Bouquet of Tulips“). Die luftballonartigen Blumen werden aus Bronze, Edelstahl und Aluminium angefertigt und von einer Hand gehalten, die an die Faust der Freiheitsstatue erinnern soll.

„It was a gift the city could hardly refuse“, wird das glitzernde Kunstwerk eher weniger euphorisch empfangen. Kein Wunder, mussten die Franzosen es auch noch selbst bezahlen. Ein gelungener Coup des Künstlers, der die tragischen Terroranschläge nun für seine eigenen Belange nutzt. Das Werk, das übrigens nach Koons Plänen in Deutschland konstruiert wird, bereitet den Franzosen ohnehin Kopfzerbrechen. Aufgrund der Größe und des Gewichts konnte nur schwer ein geeigneter Stellplatz gefunden werden. Weniger Gedanken scheint man sich in Paris zu machen, ob ein kitschiger Hochglanz-Blumenstrauß zur Ehrung und Erinnerung der Terroropfer überhaupt angebracht ist. Für Koons ist die Bedeutung seines Werkes allerdings klar. „They are a symbol that life goes forward“, äußert sich der Künstler in Bezug auf die Blumen. „I hope the work is life-changing to people.“ Laut Ratgebern zur Symbolik und Bedeutung von Blumen sagt die Tulpe unter anderem: „Du bist zu keinen echten Gefühlen fähig.“

Marei Bestek (25) wohnt in Köln und hat Medienkommunikation und Journalismus studiert.

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Leserpost (16)
Michael Myles / 11.08.2017

Marei, this is one of the best analysis of Europe’s response to Islamic terror that I have read. The West’s reaction has been, with few exceptions, disguised cowardice. Your wisdom and prescient observations belie your young years. Stay beautiful

Wilfried Cremer / 11.08.2017

An all die Ahnungslosen: Wir haben es hier mit FRAU Bestek zu tun. Außerdem: Wo bleibt mein Kommentar?

klaus blankenhagel / 11.08.2017

Einfach eine exzellente Darstellung der Situationen, Herr Bestek.

Manfred Gimmler / 11.08.2017

Die im Volk nachlassende Meinungsvielfalt ist dem Nebel einer Medienlandschaft geschuldet. Demokratische Prozesse werden simuliert und die Anpassung des Denkens an “gesellschaftliche Standards” (natürlich fern der Wirklichkeit) wird durch penetrant sich wiederholende Belehrungen und Nebelkerzen erreicht. Marketingkampagnen sorgen für den modischen Schick des eingeforderten Weltbildes, womit man zumindest schon die vielen Modebewußten am Kanthaken hat. Der langsame Zerfall der aufgeklärten Bürgergesellschaft ist schließlich das Ergebnis eines der Mode unterworfenen Wettbewerbes unter den “guten Menschen” um die ersehnte Aufnahme in den Kreis der wenigen “Bestmenschen” (Margot Käßmann; Katrin Göring-Eckhardt, Heinrich Bedford-Strohm, Reinhard Marx, Anja Reschke, Claus Kleber, Jakob Augstein, Heribert Prantl und unzählige andere) ; denn sie können sich in einer noch stabilen, solidarischen Demokratie im Gegensatz zu nachfolgenden Generationen Spinnereien leisten wie etwa “Je suis Charly”. In einer von wenig Selbstbehauptungswillen getragenen Spaßgesellschaft unterscheidet sich eben eine Nikolaus-Party von einer Party zum Karneval ebensowenig wie ein Rockfestival von einem Benefizkonzert. Der zunehmende Hang zum Spaß verhindert zwangsläufig echtes Mitgefühl für seine Mitmenschen.

Gabriele Schulze / 11.08.2017

Hrvorragend! Dazu paßt das gemütvolle Kölner “et hätt noch immer jot jejange”, was mich regelmäßig aufregt - weil: für wen? Ich konstatiere aber, daß die Käseglocke nicht ganz abdichtet und sich sehr wohl Bedrückung und Beunruhigung einschleichen. Nur gibt es auch aus den von Ihnen beschriebenen Gründen keine Idee, damit umzugehen. Kein affektives Verhältnis zum Staat/Land als Voraussetzung.

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