Chaim Noll, Gastautor / 16.05.2017 / 16:50 / Foto: Ra Boe / 5 / Seite ausdrucken

Berliner Flughafen für Taschendiebe. Auch für Terroristen?

Ich bin bestohlen worden. Auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Dem alten. Denn der neue wird, wie alle Welt mit Heiterkeit zur Kenntnis nimmt, seit sieben Jahren nicht fertig. Der alte DDR-Flughafen, von dem derzeit die Flüge nach Israel abgehen, ist kaum bewacht, man sieht, außer neben den Schaltern mit der israelischen Flüge, nirgendwo Polizei. Jeder kann ungehindert, unkontrolliert durch die offenen Türen in die Abfertigungsgebäude eintreten, jeder, der lustig ist, auch organisierte Diebesbanden, Räuber, Terroristen.

Festzustellen, dass es solche Menschen gibt, ist bereits ein gewagter Schritt. Die Verantwortlichen für die Sicherheit des Flughafens – falls es sie gibt – scheinen solche düsteren Phantasien zu scheuen. In der coolen Party-Stadt denkt man nicht gern an das Böse. Auch mich treibt nur der Mut der Verzweiflung zu einem solchen Generalverdacht: Mir wurde die Tasche gestohlen, mitten im Abfertigungsgebäude, meine Tasche mit Laptop, allen Papieren, Kreditkarten, Geld, obwohl ich neben ihr stand, um am Zoll-Schalter ein Formular auszufüllen, und obwohl mehrere deutsche Beamte anwesend waren, in Uniform, im Dienst. Deshalb fühlte ich mich dort sicher – ein kulturelles Missverständnis.

Das Büro der Polizei, zu dem man mich schickte, befand sich am anderen Ende des Gebäudes und in einem anderen Stockwerk – man kann einen Flughafen kaum chaotischer organisieren. Bis ich dort angekommen war, vom Treppensteigen außer Atem, bis ich den beiden Beamten erzählt hatte, was geschehen war, hatte der Dieb das Flughafengebäude längst verlassen. Ein Foto der Überwachungskamera zeigte einen jungen Mann mit meiner Tasche auf dem Weg zum Ausgang, der sich geschickt durch Wollmütze, Schal oder ähnlich verhüllende Kleidungsstücke jeder Erkennbarkeit entzog. Das Foto traf irgendwann ein, während ich die bürokratischen Prozeduren hinter mich brachte, so dass ich nun wenigstens Gewissheit habe, dass meine Tasche wirklich gestohlen wurde. Ich war lange im Polizei-Büro, fast hätte ich meinen Flug verpasst. Auch wenn die deutsche Polizei sonst auf dem Flughafengelände nicht in Erscheinung tritt, muss alles seine Ordnung haben, ein Diebstahl korrekt angezeigt, eine Reihe Formulare ausgefüllt werden.

Die Diebe warten beim Zollschalter

Die Beamten waren freundlich und zeigten unerwartetes Entgegenkommen. Sie ließen mich nach Israel telefonieren, um die Sperrung meiner Kreditkarten möglich zu machen. Sie schwindelten nicht, verhehlten nicht die traurige Wahrheit, dass ich keineswegs das erste Opfer geschickter Diebe war, die neben dem Zoll-Schalter, in unmittelbarer Nähe der uniformierten Staatsbeamten, ihrem Geschäft nachgehen. Erst in der vergangenen Woche sei dort einem Mann die Laptop-Tasche gestohlen worden. Die Diebe nutzten den Augenblick der Abgelenktheit, wenn sich das Opfer in das Ausfüllen des Formulars vertiefte, das die Zoll-Beamten fordern. Direkt hinter dem Zoll-Schalter ist ein Café, wo sie in aller Ruhe warten können, bis sie jemanden erspähen, der allein reist und dessen Geistesgegenwart ganz von den bürokratischen Abläufen in Anspruch genommen ist.

Warum man dann nicht, fragte ich naiv, wenn der Zoll-Schalter als Falle für ahnungslose Reisende bekannt sei, einen Polizisten in der Nähe postiere, der das Geschehen im Auge behält? Darauf antworteten die Beamten mit einer vagen Geste. Auch meine nächste Frage schien sie in Verlegenheit zu bringen: Warum niemand die Eingänge bewache – in diesem Fall hätte man den Dieb auf seiner Flucht vielleicht fassen können. Und sei es nicht denkbar, fügte ich wagemutig hinzu, dass noch andere Leute auf die Idee kämen, den offenen Flughafen zum Schauplatz ihrer Aktivitäten zu machen, etwa, indem sie dort – wie kürzlich in Brüssel – eine Bombe ins Publikum werfen? Die Gesichter der Beamten zeigten ungläubiges Entsetzen, offenbar wirkten meine Fragen schockierend. Ich bin nicht mehr wirklich vertraut mit den Mentalitäten meiner Geburtsstadt Berlin. Denn ich lebe seit gut zwei Jahrzehnten in einem Land, wo man die Flughäfen bewacht.

Leserpost (5)
Frank Müller / 17.05.2017

Ein Tip für Sie, Herr Noll: Wenn ich in solchen Situationen gezwungen bin, Tasche oder Rucksack abzusetzen, dann ziehe ich alle Reißverschlüsse zu, stelle das Behältnis zwischen meine Beine und einen Fuß in die Trageschlaufe. Bis jetzt mußte ich dies vor allem beherzigen wenn ich, sagen wir es diplomatisch, in den etwas wilderen Gegenden des Erdballs unterwegs war.

Belo Zibé / 17.05.2017

Dafür kann man in der Provinz Aufführungen der Theater AG des Gemeindevollzugsdienst ansehen oder erleben-Streets of San Francisco :Mit wichtigen Mienen , in gelbe Westen gekleidet und mit echter Kelle ausgestattet, lauern sie zu fünft am Ende einer Strasse, deren Durchfahrt nur Zubringern gestattet ist, auf Verbrecher.

Ulrich Bohl / 17.05.2017

In anderen Ländern geschieht das auch. In Argentinien wurde ich wenigstens darauf hingewiesen meinen Koffer zwischen die Beine zu klemmen. Offensichtlich sieht man es im heutigen Deutschland als normal oder als eine Art Entwicklungshilfe für häufg in Erscheinung tretende ausländische Diebe an. Deutschland hilft.

R. Bunkus / 16.05.2017

Vielen Dank, Herr Noll. Deutschland ist auch nur noch ein Schatten seiner selbst. Gut zu wissen, dass ich nächste Woche, wenn ich jemanden in Schönefeld abhole, auf Räuber und Taschendiebe achten muss und auch den Gast darauf hinweisen sollte. Das war eigentlich nicht der Satz, mit dem ich ausländische Gäste in der Hauptstadt empfangen wollte. Auch ich fühlte mich bisher sicher. Es scheint, dass uniformierte Beamte zu potemkinschen Pappkameraden degradiert werden. Und als Beamte können sie noch nicht mal aufbegehren. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Bis wir Bürger es so sehr merken, dass sich das wirklich in auch für den (Wasser)Kopf spürbaren Unmut und deutlichen Wahlergebnissen niederschlägt, wird der Fisch wohl schon verfault sein. Traurige Aussichten.

H.T. Bicking / 16.05.2017

Solche Staatsdiener reagieren nur auf Schmerz. Demzufolge dienstlich niemals. Diese Bürokratie kreist nur noch um sich selbst. Der Bürger erarbeite, was der Bürokrat verbraucht, ohne Gegenleistung.

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