Gastautor / 10.09.2017 / 14:06 / Foto: Bryan Ledgard / 2 / Seite ausdrucken

Überlebenstraining fürs Autofahren in Kuba

Von Klaus Leciejewski.

Der kubanische Mann ist autoverrückt. Er ist damit wohl einer der letzten seiner Spezies. Begonnen hat alles mit der zweiten amerikanischen Besetzung der Insel von 1906 bis 1909. Auf alten einfachen Schwarz-Weiß-Filmen aus den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts werden entlang prachtvoller Straßen Havannas schon voller Stolz dahingleitende Automobile vorgeführt. Wenn es einen Gegenstand gäbe, an dem festgemacht werden kann, wie sehr die Kubaner Nordamerikaner und keine Latinos sind, dann wäre dies zweifelsohne ihre Liebe zum Auto. 1958 verfügte Kuba in beiden Amerikas nach den USA über die höchste pro Kopf Anzahl von PKWs. Danach schnitt sie die Revolution, die im allgemeinen Verständnis etwas mit Fortschritt zu tun haben soll, von jeglicher technischen Entwicklung des Automobils ab. Selbst heute sind Autos des letzten technischen Schreis auf den kubanischen Straßen eine Rarität. Infolge ihrer langen Isolation sowie damit einhergehender Abhängigkeit von uralt Automobilen, wenngleich zuweilen prachtvoll ausschauend, und gleichfalls infolge ihrer Prägung durch eine spezielle Form ihres sozialistischen Gesellschaftssystems, haben sie im alltäglichen Straßenverkehr eine Mentalität entwickelt, die den deutschen Autofahrer gehörig verwirrt und zuweilen in tiefe Verzweiflung stürzt.

Blinken ist total uncool: Die uralten amerikanischen Schlitten haben anstelle eines Blinkers nur schwache Leuchtzeichen. Die russischen Ladas, allesamt mit mehr als dreißig Jahre auf dem Chassis, waren bereits veraltet, als Fiat in einem genialen Coup den Russen diese Technik verkaufte. Auch deren Blinkanlage erfordert geübte Augen. Zudem sind für beide Fahrzeuge die Glühbirnen der Blinkanlagen teuer, was noch weitaus mehr für die wenigen etwas moderneren Kias oder Peugeot gilt. Der kubanische Autofahrer vermeidet so gut es nur geht, die Betätigung des Blinkers, gleich ob er anhalten, anfahren oder abbiegen will. Das muss der unerfahrene deutsche Autofahrer wissen, um sich darüber nicht grundlos aufzuregen. Schwieriger wird es bei gelegentlichen Blinken, wenn dies rechts erfolgt, aber damit links gemeint ist. Das muss gar nicht ein Versehen sein, denn wahrscheinlich funktionierte gerade nur ein Blinker, und wenigstens hat er ein Abbiegen angezeigt.

 Indessen gibt es eine andere Form, das Abbiegen anzuzeigen. Wird der Arm gerade aus dem Fenster herausgestreckt, heißt dies nach links; wird er im rechten Winkel nach oben gehalten, heißt dies nach rechts; wird mit der Hand am ausgestreckten Arm nach unten getippt, heißt dies nicht vorbeifahren; wedelt die Hand nach vorn, heißt dies vorbeifahren. Das ist schnell zu erlernen!

Reißverschluß ist unmännlich: Der kubanische Autofahrer ist ganz Mann! In seinem Leben hat er vor allem eines gelernt: zu kämpfen! In der Schlange vor der Bodega bei der Verteilung gefrorener Hühnerkeulen; im Unternehmen bei der Abwehr zusätzlicher Arbeit durch den Chef; beim Arzt um rare Medikamente verordnet zu erhalten; im Auto, um dort mit seiner Geliebten nicht von der Ehefrau gesehen zu werden. Warum um alles in der Welt, soll er jetzt einen anderen Autofahrer eine Lücke lassen. Soll der doch selber kämpfen! Und die Logik? Die Logik heißt für einen Kubaner zuerst: Ich! Die Welt geht sowieso erst später unter.

Ölspur ersetzt Orientierung an Spurlinien: Weiße Farbe ist teuer auf Kuba. Selten können Spurlinien nachgezogen werden. Das wäre zudem auch nur für wenige Situationen erforderlich. Auf der normalen Straße heißt die Spurlinie Ölspur. Mit großer Zuverlässigkeit hinterlassen die uralten Straßenkreuzer und die Ladas - LKWs sowieso - eine Ölspur, schließlich muss nicht gleich jedes klitzekleine Leck in der Ölwanne oder in der Hydraulik geflickt werden. Die Besonderheit einer derartigen Spurlinie besteht darin, dass sie weder rechts noch links vom Auto verläuft, sondern genau in der Mitte zwischen den Reifen. Wer dies nicht kennt, wird sich schnell von der praktischen Seite einer solchen Spur überzeugen.

Vollbremsung bedeutet Lebensgefahr: Fehlende Spurlinien und Blinkanlagen veranlassen den Autofahrer, stets gleichzeitig nach vorn, nach rechts und nach links zu schauen. Deshalb fällt es ihm nicht allzu schwer, sich auch noch nach hinten zu orientieren. Das könnte nämlich entscheidend sein, wenn er bremsen muss. Eine Vollbremsung ist fast immer ausgeschlossen, sie kann Lebensgefahr bedeuten. Es ist absolut verständlich, dass zum einen beim Hintermann infolge seines erforderlichen Rundblicks immer mit einer Bremsverzögerung gerechnet werden muss, zum anderen ist jedoch auch der technische Zustand der Bremsanlagen in den alten Autos zu berücksichtigen. Zudem verfügen weder die alten amerikanischen Schlitten, noch die alten russischen Pseudo-PKWs - und auch nicht die neueren chinesischen LKWs - über eine kräftig ansprechende Bremsanlage. Deshalb wäre es besser, leicht auf den Vordermann zu prallen, und dabei vorsichtig zu versuchen, etwas nach rechts oder links auszuweichen, als in die Eisen zu gehen, und den Motorblock des Hintermannes im Nacken zu spüren.

Der erste an der Ampel kann schlafen: Im Konjunktiv würde diese Aussage heißen, dass der zweite Mann an der Ampel davon ausgeht, dass der erste schläft, weil er nämlich immer und auch wirklich immer in genau derselben Sekunde, in der die Ampel auf Grün schaltet, seine Hupe ertönen lässt. Das ist als ein besonderer Service der hilfsbereiten kubanischen Autofahrer zu verstehen. Selbst wenn in der letzten Sekunde der Rotphase der erste vor der Ampel schon anfährt, hupt der zweite, mal rein so zur Sicherheit!

Baumäste ersetzen Warndreiecke: Der täglich durch Havanna fahrende Automobilist, wird kaum einen Tag erleben, ohne wenigstens um zwei liegengebliebene Autos herumkurven zu müssen. Warndreiecke sind viel zu winzig, deshalb hat jeder kubanische Autofahrer eine Machete im Wagen, nein, nicht zur Selbstverteidigung, sondern um von einem Baum einen Ast abzuschlagen und diesen hinter dem Auto quer zur Straße zu platzieren. Bäume gibt es in Havanna überall, und im Vergleich zu den Warndreiecken kosten deren Äste nichts. Warum bleiben so oft Autos liegen? Reifenpanne, Radbruch, Achsenbruch, Bremsscheibe gerissen, Motorausfall, Getriebeschaden, Elektrikausfall – fahren Sie selber mal einen 50er-Jahre-Schlitten oder eine 35 Jahre alte Lada-Schrottkiste oder eine fliegende Untertasse aus China!

Straßen eignen sich hervorragend zur Autoreparatur: Liegengebliebene Autos werden nicht erst umständlich in eine Werkstatt abgeschleppt. Der kubanische Autofahrer ist selbst der Mann! Er begibt sich unter seinen Wagen und beginnt zu schrauben. Das kann dauern. Für ihn ist dies kein Problem, für einen ungeübten deutschen Autofahrer allerdings durchaus, denn der könnte nämlich die quer zur Straße aus dem Auto herausschauenden Beine des Reparaturgenies leicht übersehen, was unangenehm für ihn wäre, währenddessen der Reparaturtyp zu keiner Zeit an Ungemach denkt.

Links fahren - rechts überholen: Einige internationale Regeln haben die Kubaner aus rein praktischen Gründen außer Kraft gesetzt. Dazu gehört auch das Rechtsfahrgebot. Links weisen die Straßen weniger Schlaglöcher auf als rechts. Rechts stehen an den Straßenrändern nicht nur liegengebliebene Autos, Abfallbehälter, Straßenkehrer oder fliegende Händler, sondern vor allem zahlreiche Menschen. Havanna beherbergt 2 Mio. Menschen, ohne eine Untergrundbahn oder Straßenbahnen. In den Hauptverkehrszeiten fahren auf den wichtigsten Straßen, fast nur dann und dort, zahlreiche Autobusse. Sie vermögen nur einen geringen Teil der wartenden Menschen zu transportieren. Die Mehrheit hofft auf eine Mitfahrgelegenheit, und um sich sichtbar zu machen, steht sie vom rechten Rand der rechten Spur bis zu ihrer Mitte. Immer wieder schaffen es einige Autofahrer jedoch, auch rechts zu überholen. Tauchen sie dann urplötzlich direkt rechts neben dem deutschen Autofahrer auf, sollte dieser das Lenkrad ordentlich festhalten und stur geradeaus blicken, hupen oder gar Handbewegungen könnten den Überholer eventuell irritieren.

Dosen und Flaschen stören im Auto: Der Kubaner mag es nicht, wenn leere Dosen oder Flaschen in seinem Auto hin - und her rollen. Es ist warm, die Fenster sind offen, die Straße leer – bis auf den Typen hinter ihm – die Entsorgung gestaltet sich einfach. Da der dahinter fahrende Automobilist sowieso gehalten ist, sich nach vorn zu orientieren, kann er diesen Wurfgeschossen ausweichen, in der Regel, zumeist und hoffentlich. Umweltbewusstsein? Auf Kuba gibt es zuerst nur das Bewusstsein von einer permanenten Revolution, danach kommt lange nichts. Im Auto ist sich jeder selbst der Nächste, raus mit dem Abfall, und zwar so schnell wie möglich!

Motorradfahrer sind potentielle Selbstmörder: Sehr selten verfügt ein junger Mann über ein eigenes Auto, schließlich kostet sogar ein 40 Jahre altes Lada-Phantom noch grandiose 10.000 Euro. Demgegenüber ist eine 35 Jahre alte DDR-MZ (für die jüngeren Leser: das war die Motorradmarke der DDR) bereits für schlappe 3.000 Euros zu haben. Für die meisten ist selbst dies noch viel zu viel, aber deren Besitzer sind stolzer als die Besitzer der alten Autos, und sie sind schneller und sie sind weniger. Das alles wollen sie alltäglich sich und den harmlosen Autofahrern beweisen. Sie fahren allein, oder zu zweit, oder mit einem Kind zu dritt, oder mit zwei Kindern zu viert, aber immer mit Helm, Marke kubanischer Eigenbau; sie sind mutig und verwegen, kennen und fürchten keine Gefahr; ihre Reifen sind abgefahren und die Bremsbelege dünn; die US-Schlitten sind riesig und schwer, die Ladas nicht wendig und unaufmerksam; die Blüte der kubanischen Jugend zerschmilzt mit ihren Motos.

Fußgänger: Zuerst stören Fußgänger den Autoverkehr, außerdem sind sie selber daran Schuld, wenn sie kein Auto haben. Und dann? Dann kommt nichts mehr! Allerdings soll es auch noch andere Länder geben, wo ähnlich verfahren wird.

Keine Verkehrsunfälle: Auf Kuba gibt es keine Verkehrsunfälle, offiziell! Selbst allerschwerste Unfälle kommen nicht vor, offiziell! Nur wenn Ausländer an einem Unfall beteiligt sind und sich dabei verletzt haben, existiert ein solcher Unfall auch für die Öffentlichkeit. Ausländer, die schwerste Unfälle mit kubanischen Toten gesehen haben wollen, müssen sich getäuscht haben. Der Hinweis, dass ohne eine Öffentlichkeit auch kein Bewusstsein für Gefahren im Straßenverkehr und ein entsprechendes Verhalten erreicht werden kann, dass also eine Regierung meint, ohne Unfallstatistik mehr an Ansehen zu gewinnen, obgleich sie mit dem Verschweigen dem Volk Schaden zufügt, geht fehl, denn eine Diktatur kennt eine solche Logik nicht.

Übrigens: Kuba ist ein sozialistisches Land, in dem in einigen wenigen Sphären marktwirtschaftliche Verhältnisse existieren. Eine solche Sphäre ist der Erwerb des Führerscheines, mit Konsequenzen für das Verhalten zahlreicher Autofahrer.

Epilog in der Provinz

Der Straßenverkehr in der kubanischen Provinz unterscheidet sich in dreierlei Hinsicht von dem in Havanna. Erstens sind weniger Autos auf den Straßen, deshalb wird generell alles aus dem Auto geworfen, was dort nicht hineingehört. Zweitens wird der Nahverkehr weitgehend von Pferdekutschen übernommen, die deshalb absolute Vorfahrt genießen, denn sie zuckeln nur. Drittens ist das wichtigste private Verkehrsmittel das Fahrrad, weshalb ihre Benutzer selbstverständlich zu zweit oder sogar zu dritt nebeneinander fahren, denn ihnen gehört schließlich die Straße. Zumeist verfügen weder die Pferdekutschen und noch gar die Fahrräder über eine Beleuchtung, so dass sich der Autofahrer nachts eines besonders ruhigen Tempos befleißigen sollte. 

Klaus D. Leciejewski hat an verschiedenen deutschen Hochschulen Wirtschaft gelehrt, ist Autor mehrerer Sachbücher und Publizist. Er ist mit einer Kubanerin verheiratet und lebt einen großen Teil des Jahres auf Kuba

Leserpost (2)
Walter Schwarz / 10.09.2017

Danke für die interessanten Berichte.

Marcel Seiler / 10.09.2017

Absolut glaubwürdig. Ich war einmal in meinem Leben in Caracas, Venezuela, und dort war es, jedenfalls damals, so ähnlich. Der Verkehr dort war, wie würde Frau Käßmann das ausdrücken, “einfach näher am Menschen”, und zwar in jeder Beziehung.

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