BENTO – der hippe Beton für junge Köpfe

Von Roger Letsch

Wohnen als Provokation, Leben aus Protest

Es gibt Häuser, die stehen im Weg. Oder wenigstens ihre Bewohner. Besonders diese. Wenn zum Beispiel eine große Energietrasse geplant ist, von der die Stromversorgung einer Stadt abhängt, wenn eine Landebahn errichtet, ein Kanal gegraben oder eine Umgehungsstraße gebaut werden soll, stehen oft Häuser im Weg. Der Fortschritt ruft dann empört aus „was macht das Haus da, das Haus muss weg“ und die Bauherren sorgen mit Geld, Geduld oder Gewalt dafür, dass das Haus dem Fortschritt nicht länger im Weg steht. Nun hört man aber immer häufiger, dass Häuser und deren Bewohner nicht dem Fortschritt, sondern sogar dem Frieden im Weg stehen sollen – und zwar in Israel.

Bento, der hippe SPON-Ableger für Mobile-First-Kunden schickt Jennifer Bligh ins Besatzerland und die hat sich eine junge Besatzerin ausgesucht, um ihr fest gefügtes Weltbild aus „militanten Siedlern“, „Besatzungsmacht“ und „hilflosen Palästinensern“ von der Realität benetzen zu lassen.

Jennifer Bligh schreibt: „Chaya kann entscheiden, wo sie lebt, die Einwohner der palästinensischen Gebiete können das nicht. Und natürlich könnte Chaya woanders wohnen, eben nicht genau in dieser israelischen Siedlung, militärisch besetzt von Israel. Eben nicht genau da, wo sie provoziert und Frieden verhindert.“

Leider schreibt Frau Bligh wirres Zeug, denn auch Palästinenser können prinzipiell woanders leben. Man hat schon von welchen gehört, die in Dschidda oder Riad leben. Orte, die Israelis nie zu Gesicht bekommen. Eine Einschränkung gibt es allerdings schon: Bei Chaya Tal im Wohncontainer können sie es nicht. Schon weil es dort viel zu eng ist. Da Chaya aber keinem Palästinenser Platz oder Land weggenommen hat, ist das irrelevant. Oft hört man dann Argumente der Art „könnte sie aber…denn das Land kann jetzt kein Araber mehr kaufen“. Wer sowas für schlüssig hält, der versuche morgen, eine Million Euro von seinem Konto abzuheben und der Bank zu erklären, dass die ja in Zukunft dort sein könnte. Soweit ich weiß hat Präsident Abbas noch keine Residenzpflicht ausgerufen. Der spricht nur immer von Märtyrern und Messern. Dass es also ausgerechnet der Flecken Land ist, auf dem Chayas Wohncontainer steht, der provoziert und den Frieden verhindert, halte ich für ein Hirngespinst.

„Aber die Siedler behindern die Friedensverhandlungen. Chaya lacht unschön auf. „Ich soll ein Friedenshindernis sein?“ Die meisten Siedler seien doch überhaupt nicht militant, einzelne Gruppen würden einfach nur herausgenommen und falsch dargestellt. Was sie dabei ignoriert: Es geht gar nicht darum, wie manche Siedler sich verhalten. Sie alle, egal ob freundlich oder militant, verstoßen mit ihren Siedlungen gegen internationales Recht.“

Eine Volksgruppe, die mitten im "Genozid" wächst

Schon wieder miserabel recherchiert. Das internationale Recht verbietet, dass eine Besatzungsmacht Menschen in den besetzten Gebieten aktiv ansiedelt und die einheimische Bevölkerung dadurch verdrängt. Wie man das richtig macht kann man an den Beispielen Nordzypern und Tibet sehr schön sehen. Die Palästinenser sind lustigerweise die einzige Volksgruppe auf diesem Planeten, die es trotz „Vertreibung“ und „Genozid“ geschafft hat, kräftig zu wachsen. Selbst da, wo sie vertrieben wurden. Die Armenier und die Juden müssen irgendetwas falsch gemacht haben.

Wenn also Israelis Land in der Westbank kaufen, weil es dort um ein Vielfaches günstiger ist als anderswo und dort „militant siedeln“, nötigen sie die IDF gewissermaßen, für deren Schutz zu sorgen. Denn merke: Die IDF beschützt die Siedler vor den Palästinensern. Wer ist hier also militant und wer gefährdet? Muss man Kölner beschützen, weil sie in Düsseldorf Häuser bauen oder deutsche Studienräte in der Toscana? Was die israelische Regierung nicht kann, ist ihren Bürgern vorzuschreiben, an welchen Orten sie sich aufhalten dürfen und an welchen nicht. Diese Aufgabe hatten zuletzt die Judenräte im Warschauer Ghetto. An dem Tag, an dem ein israelischer Ministerpräsident solche Aufenthaltsgebote verkündet, jagt ihm sicher jemand eine Kugel durch den Kopf. Was haben also die Aussagen „Islam bedeutet Frieden“ und „Die jüdischen Siedler sind ein Friedenshindernis“ gemeinsam? Beide sind verkürzt und werden auch durch permanente Wiederholung nicht wahrer.

„Und was ist mit den Menschen in Gaza? Sei ja geräumt worden. „Die Anschläge in Judäa und Samaria sind doch durch extremistischen Islam motiviert, es ruft doch keiner ‘Allah Akbar’, der sich für einen palästinensischen Staat einsetzt, sondern jemand, der sich von Gott legitimiert sieht.“ Chaya hat selbst eine Idee, die Frieden bringen könnte: „Ich würde kein Problem darin sehen, den Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft zu geben, wenn dadurch der Terror beendet würde.“ Damit würden die Palästinenser zu Israelis. Das ist, vereinfacht gesagt, ziemlich unrealistisch.“

Wenn der Konjunktiv verrutscht

Zu Ihrer Information, Frau Bligh… Ihnen ist da ein Konjunktiv verrutscht, sieht nicht schön aus. Ich mach das mal für Sie weg. Gaza wurde geräumt! Und zwar auf die denkbar brutalste und gründlichste Weise. Alle Juden raus! Nicht einer mehr da. Nicht mal die Juden, die in Israel leben und für internationale NGO’s an der Vernichtung Israels arbeiten, trauen sich dort hin. Auch nicht nach Nazareth, Ramallah, Bethlehem oder weite Teile Hebrons. Alles Orte, an denen seit Jahrhunderten Juden lebten, und so schon durch ihre bloße Existenz dem Frieden im Weg standen. Nun nicht mehr. Denn glaubt man Hamas und Fatah, kann es wahren Frieden für Palästina nur geben, wenn es keine Juden mehr gibt. Frieden wie im Gaza-Streifen, den die Hamas von Anfang an als nichts anderes als einen Brückenkopf für ihren Kampf gegen Israel betrachtete. Ähnlich wie in Deutschland die Ausländerfeindlichkeit am besten dort gedeiht, wo es möglichst wenige Ausländer gibt, nimmt der Judenhass unter den Palästinensern durch die Abwesenheit von Juden eher zu als ab.

Zu Chayas Idee verkürzt nur so viel: Sie ist nicht unrealistisch, sondern Realität! Schon wieder schlampig recherchiert, Frau Bligh. Etwas mehr als 20% der israelischen Bevölkerung sind Araber, größtenteils Muslime. Im Gespräch mit Palästinensern und europäischen Journalisten bezeichnen diese sich dennoch oft selbst als Palästinenser. Verwirrend, was? Fragen sie doch mal den von mir sehr geschätzten Ahmad Mansour zu diesem Thema. Der hat da einiges zu erzählen.

Ich hätte aber auch noch eine Idee, wie „das Problem“ zu lösen ist. Leider gibt es eine Grundbedingung für das Funktionieren meines Plans. Wir müssten die UN-Charta um einen Artikel ergänzen der es untersagt, Menschen aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Herkunft die Daseinsberechtigung oder die Schutzwürdigkeit zu entziehen. Der Papst, der Oberrabiner von Israel, Ayatollah Khamenei und ein hoher geistiger Vertreter aus Mekka könnten sich auf einen Tee in der Kaaba treffen um das zu feiern.  Ziemlich unrealistisch, stimmt’s? Was meinen Sie, wer würde die Teilnahme verweigern?

Der relativ bedrohte Frieden

In mancher Weltgegend muss man Atomwaffen testen, um als Bedrohung für den Frieden zu gelten, in anderen hingegen reicht es nicht aus, seine kurdischen Mitbürger zu bombardieren, um bei Friedensplänen eine konstruktive Rolle spielen zu dürfen. Im Nahen Osten und speziell für einen Juden genügt es aber bereits, ein Stück Land zu kaufen und ein Haus darauf zu bauen, um unwidersprochen als Friedenshindernis zu gelten. Wohl gemerkt: Der Jude muss dafür keinen Araber vertreiben oder wie Juden das ja sonst gern tun dessen Brunnen vergiften und kleine Kinder zu Matzen verarbeiten. Land kaufen und Haus darauf bauen reicht schon. Gut, das sowas in Deutschland komplett verboten ist! Was genau stellt eigentlich dieses „Friedenshindernis“ dar? Ist es der israelische Pass, oder die jüdische Religion? Dürfen israelische Muslime Häuser im Westjordanland bauen, israelische Juden hingegen nicht? Und was ist eigentlich mit einem Beduinen, der in der Negev einen schönen Hügel sieht, sein Zelt auf dem Hügel aufschlägt „3-2-1-meins“ ruft und vor Gericht zieht, wenn dies jemand anzweifelt? Bedroht der auch den Friedensprozess? Zumindest dann, wenn er dies in den „Grenzen von 1967“ tut? Warum regt sich eigentlich niemand darüber auf, dass Ägypten seine Grenze zum Gaza-Streifen geschlossen hält, obwohl die Hamas die Ägypter nicht mit Raketen beschießt? Und warum beschießt die Hamas eigentlich nicht Ägypten mit Raketen, um die ungerechte Blockade zu beenden? Fragen über Fragen…

BENTO – der hippe Beton für junge Köpfe

Wer in Deutschland für Toleranz, religiöse Freiheit und gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße geht oder in den Medien dagegen wettert, verliert erheblich an Glaubwürdigkeit, wenn er im Nahen Osten ausgerechnet denen seine Stimme leiht, die in Palästina einen intoleranten, undemokratischen Scharia-Staat errichten wollen und denen jedes Mittel recht ist, zu diesem Zweck den toleranten, demokratischen Staat Israel zu vernichten. Es ist nicht das erste Mal, das SPON und sein Ableger BENTO in dieser Weise tätig werden.

In einer russischen Geschichte geht ein Bauer die Straße entlang und begegnet einer Fee. „Du hast einen Wunsch frei“ sagt sie. „Aber bedenke, alles was Dir widerfährt, bekommt dein Nachbar doppelt“. Der Bauer überlegt eine Weile und sagt seinen Wunsch. „Stich mir ein Auge aus“.

Wenn der Preis der Vernichtung Israels wäre, selbst nie einen eigenen Staat zu haben, würde die palästinensische Führung sich leider noch immer für die Vernichtung Israels entscheiden. Die Muslime haben ja noch eine Reihe anderer Staaten, die sie in die Seife reiten können. Die Juden nicht. Chaya Tal weiß das, Jennifer Bligh leider nicht.

Zuerst erschienen auf unbesorgt.de hier.

Leserpost (3)
Andreas Horn / 26.02.2016

Aus meiner Sicht alles korrekt, bis auf den klischeehaften Vergleich mit “Ostdeutschland”, auch wenn er durch die Blume gesagt wird. Man sollte seine Verbündeten nicht tadeln, oder ist Ihnen nicht aufgefallen, wieviele Israelfahnen auch in Dresden flattern?

Herwig Mankovsky / 26.02.2016

Antisemitismus der linken Art: Tote Juden scheinheilig betrauern und lebende ihren Feinden ausliefern - aber:mit viel hochmoralischem Geschwätz!

Ben Wilmes / 26.02.2016

Tja, wenn der Artikel auf BENTO Propaganda gegen Chaya Tal sein sollte, bei mir hat er jedenfalls das Gegenteil bewirkt. Die junge Frau ist mir noch sympathischer geworden und die Fotos sind wirklich ausgezeichnet, zeigen eine liebenswerte, kluge und attraktive Frau und keine trotzige tumbe “Besatzerin”. Weiter so, Frau Tal. Und dem Verfasser des Artikels ein herzliches Schalom B.W.

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