Gastautor / 18.07.2017 / 16:00 / Foto: Schlaier / 16 / Seite ausdrucken

„Bayernplan“: Seehofer und die Simulanten

Von Erik Lommatzsch

Mit dem Lernen oder Auffrischen des einst erworbenen Wissens soll man ja bekanntlich erst aufhören, wenn der Typ mit dem Kapuzenmantel und der Sense anklopft (und vielleicht nicht einmal dann). Da trifft es sich gut, dass man ab und an Dinge hört und sieht, die einen spontan ins eigene Hinterkopfarchiv treiben, weil sich soeben Vernommenes an ein – möglicherweise – punktgenau charakterisierendes Fremdwort krallt.

Bei dem erwähnten Fremdwort handelt es sich um „absurd“. Der gute alte Duden lässt uns wissen: Aus dem Lateinischen stammt es und bedeutet „sinnwidrig, sinnlos“. Als Beispiel für die Verwendung des Wortes wird „absurdes Drama“ angeführt. Und da geht es weiter: „Drama“ wiederum stammt, ebenfalls laut Duden, aus dem Griechischen und bezeichnet ein „Schauspiel; erregendes oder trauriges Geschehen“. Und in exakt dieser prägnanten Kürze – als „absurdes Drama“ – lässt sich der schon angemeldete und nun verkündete „Bayernplan“  überschreiben. 

CDU und CSU verabschieden ein gemeinsames Programm für die anstehende Bundestagswahl. Wohlwissend, dass es in beiden Unionsparteien (ja, es sind zwei Parteien!) rumort, verkündet die CSU in einem gesonderten Papier abweichende Positionen. Genannt wird in den Medien vor allem der in der Ausarbeitung auf Seite 16 ausformulierte Punkt: „Für Ordnung und Begrenzung bei der Zuwanderung ist eine Obergrenze unabdingbar“. „Familien zuerst“, „Sicherheit durch Stärke“, „Damit Deutschland Deutschland bleibt“ und andere Leckerli für lästige, aber als Wähler benötigte Unlinke werden offeriert.

Vorsichtig ausgedrückt heißt so etwas „Stimmenfang“. Der Konservative (oder, Himmel, gar der sich bislang mittig verortende Längerhierlebende) wird für mehr als etwas beschränkt gehalten. Denn er ist meist (oder pessimistischer: hoffentlich) durchaus in der Lage zu erkennen, ob die hübsch beschrifteten Geschenkboxen wenigstens etwas klappern. Wenn sie leer sind, tun sie es nicht.

Unverbindliches Angebot an die Wähler

Offensichtlicher geht es kaum. Die CSU war nicht in der Lage, eine große Anzahl von politischen Zielen in das gemeinsame Unionswahlprogramm einzubringen. Ob diese Positionen ernsthaft eingebracht werden sollten, steht in den Sternen. Aber das ist auch unwichtig. Jeder weiß: Diese Ziele werden im Falle der Bildung einer unionsgeführten nächsten Bundesregierung höchstens als „Forderungen“ noch einmal laut vorgetragen – ohne jegliche praktische Auswirkung. Jeder weiß: Die CSU hat gesagt (und zwar laut!), wo sie steht. Sieht man die Dinge genauso, kann man also, bitteschön, guten Gewissens sein Kreuz bei der Union machen. Es gibt ja die kämpferische CSU. Immerhin ist der „Bayernplan“ mit „Klar für unser Land“ untertitelt. Unwillkürlich denkt man hier an die „klare Kante“, die in letzter Zeit so gern gezeigt wird.

Oben steht es schon einmal: Es sind zwei Parteien. CDU und CSU. Im Bund hat man sich von Anfang an auf eine Koexistenz geeinigt, die Christsozialen bleiben in Bayern, die Christdemokraten geben sich mit einer Existenz in den anderen Ländern zufrieden. Im Bundestag lebt man in Fraktionsgemeinschaft. Nur einmal war bisher, für wenige Tage, Ende des Jahres 1976, die Möglichkeit im Raum, diese Vereinbarungen aufzulösen. Ginge es der CSU um die Sache, liegt sie bei Positionen, die in der gegenwärtigen Situation in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen sind, deutlich quer zur CDU – sie könnte bundesweit als CSU antreten und um Stimmen werben, die sie im Verwirklichen eben dieser Positionen unterstützen. Aber nein, man bleibt verbunden.

Bühnenreif, leider auf der falschen Bühne

Laut Horst Seehofer handelt es sich beim „Bayernplan“ um „unser Angebot an die Wähler“. Was genau beinhaltet das „Angebot“? Dass man nachlesen kann, was die CSU verwirklichen würde, wenn sie könnte – wobei sie deutlich zu erkennen gibt, dass sie nicht können wird? An der Zeit, derartiges zu diskutieren, ist es momentan nicht. In Fortführung des Satzes vom „Angebot an die Wähler“ sagte Seehofer, „alles andere“ stehe „nach dem Wahltag an. Jetzt wollen wir erstmal die Wahl gewinnen.“ Schlichte Gemüter fragen sich nach solchen Sätzen, ob sie nicht noch ein nachgesetztes „Prost!“ gehört haben.

Bühnenreif, wenn auch sicher den Spannungsbogen nicht allzu stark strapazierend, ist die „Bayernplan“-Sache in jedem Fall. Wäre es wirklich nur ein absurdes Drama für einen abendlichen Kulturhöhepunkt, könnte man sich zurücklehnen und genießen. Das einzige Unwohlsein wäre dann lediglich durch die in Zuschauerräumen stets anwesende Gattung schwergewichtig- schnaufender, bonbonpapierknisternder Theaterbesucherinnen verursacht.

Bedauerlicherweise findet das absurde CSU-Drama jedoch auf der Bühne statt, auf der die Weichen für die Zukunft unseres Landes nachhaltig und vor allem größtenteils irreversibel gestellt werden. Leider ist es eben nicht nur eine bayerische Posse („derb-komisches Bühnenstück“, natürlich noch einmal Duden), sondern ein absurdes Drama, symptomatisch für die – sollen wir hier schon wieder das Wort „absurde“ einflechten? –  Politik der „Alternativlosigkeit“. Aber nun ist es wirklich genug mit den Fremdworten.

Erik Lommatzsch ist Historiker und lebt in Leipzig.

Leserpost (16)
Wilfried Cremer / 18.07.2017

Das kippt aber schon langsam ins Komödiantische. Seehofer erinnert mich immer mehr an die Wasserspritze der Feuerwehr bei Loriot.

Hans-Peter Kimmerle / 18.07.2017

Sehr geehrter Herr Lommatzsch ! Sie schreiben u.a. “Bedauerlicherweise findet das absurde CSU-Drama jedoch auf der Bühne statt, auf der die Weichen für die Zukunft unseres Landes nachhaltig und vor allem größtenteils irreversibel gestellt werden.” Genau deswegen werde ich als schon länger in Bayern lebender CSU-Wähler diese Partei nicht mehr wählen.

Matthias Braun / 18.07.2017

Wenn Merkel (mit Seehofer)wieder das “Rennen” macht,sind die, welche sie gewählt haben,entweder dumm oder masochistisch. Die Umfragen lassen Schlimmes befürchten!

Frank Stricker / 18.07.2017

Horst Seehofer wird Franz Beckenbauer immer ähnlicher, frei nach dem Motto, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Wahrscheinlich wird er am Tag der Bundestagswahl im September auf die Bühne treten und dem johlenden Volk verkünden, “Niemand hat die Absicht eine Obergrenze einzuführen”.

Volker Schmidt / 18.07.2017

Mein Arbeitskollege, der im Büro direkt nebenan sitzt, hat die Möglichkeit im September die CSU zu wählen. Ich kann das nicht. Dabei wohnen wir auch nicht weit voneinander entfernt. Wir wohnen nur in zwei verschiedenen Bundesländern. Früher war mir das egal aber seit dem die CDU unter Merkel einen erheblichen Linksruck begangen hat, habe ich mit der Situation meine Probleme. Hinzu kommt, dass die CSU die einzige im Bundestag vertretene Partei ist, die in einer sehr zentralen, wichtigen und zukunftsentscheidenden Frage eine andere Position vertritt, als alle anderen im Parlament vertretenen Parteien. Da ich also nicht in der Lage bin die einzige Partei zu wählen, die meine Position vertritt, fühle ich mich massiv benachteiligt. Im Grundgesetzt steht (Artikel 38 Absatz 1): “Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.” Wenn ich meinen Wahlzettel mit dem meines Arbeitskollegen vergleiche, dann habe ich nicht das Gefühl, dass es sich wirklich um eine gleiche Wahl handelt. Aber diese Frage ist sicher juristisch schon hinreichend geklärt. Dennoch sollte es aus meiner Sicht bei einer Bundestagswahl möglich sein jede Partei die antritt bundesweit zu wählen. Die aktuelle Situation empfinde ich als diskriminierend aufgrund des Wohnortes. Noch ein letzter Punkt: Im zweiten Satz steht “Sie sind Vertreter des ganzen Volkes” warum dann diese regionale Ausrichtung mit den Landeslisten? Ich lasse mich lieber von einem Bayern vertreten, der meine Meinung teilt, als durch einen Hessen, der eine andere Meinung hat als ich.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Gastautor / 23.10.2017 / 10:59 / 0

Großvater und das Europa der Kriegsgräber

Von Jesko Matthes. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, deren langjähriges Mitglied ich bin, engagiert sich unter seinem neuen Schirmherren, Dr. Frank-Walter Steinmeier, für Europa. Der Volksbund…/ mehr

Gastautor / 21.10.2017 / 16:59 / 5

Die Angst der EU vor der Demokratie

Von Alexander Horn Die wortgewaltigsten Verteidiger der Demokratie entpuppen sich bei genauerem Hinsehen nicht selten als deren Totengräber. Siehe etwa den Wirtschafts- und Währungskommissar der…/ mehr

Gastautor / 21.10.2017 / 06:20 / 6

Ein Migrantenschreck, den Migranten schätzen

Von Julian Tumasewitsch Baranyan. Mit 31,5% gewann die konservative ÖVP mit ihrem Spitzenkandidaten Sebastian Kurz am 15. Oktober 2017 die Nationalratswahlen in Österreich. Um sich…/ mehr

Gastautor / 21.10.2017 / 06:05 / 11

Drei Todesfälle, viele Gutachter und kein Knast

Von Steffen Meltzer. Ein verpfuschtes Leben. Am 28. Februar 2017 läutete der unter anderem wegen Drogen, Körperverletzung, Diebstählen und Raub mehrfach vorbestrafte Jan G., 24 Jahre…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com