Erik Lommatzsch, Gastautor / 29.05.2018 / 15:00 / 5 / Seite ausdrucken

Banalitäten, Botschaften und ein bisschen Barock

Lotti Huber, Tänzerin mit abenteuerlichem Leben, Höhen, Tiefen und exaltierter Erscheinung, kokettierte gern mit folgender Geschichte: Das Telefon habe geklingelt, eine ihr Unbekannte habe gefragt, wo denn die Würde des Alters bliebe. Darauf die schlagfertige Huber: „Die wohnt hier nicht!“

Was haben wir gelacht.

Grenzen überschreiten, die Dinge ein wenig ankratzen, es den Spießern mal zeigen. Und überhaupt alles mal ein bisschen locker sehen. Das geht und hat seine Reize, der Hofnarr hat Unterhaltungswert und ist zugleich wichtiges Korrektiv. Allerdings funktioniert es nur, wenn die Dinge – eben so etwas wie „Würde“, Regeln, Stil, Tradition und wie der ganze alte Kram sonst noch so heißt – im allgemeinen Gesellschaftskonsens, doch irgendwie fest und formgebend dastehen.

Viele Symptome machen bekanntlich ein Syndrom aus. Der diesjährige Händel-Preis der Stadt Halle/Saale wurde am vergangenen Sonnabend, wie üblich im Rahmen der jährlichen Händel-Festspiele, an die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato vergeben. Deren herausragende sängerische Leistung steht insgesamt außer Frage, ebenso die musikalische Seite ihres der Preisverleihung vorangehenden Festkonzerts, dem Anlass entsprechend Händel- und anderweitig barockgeprägt. Als begleitendes Orchester spielte „Il pomo d‘oro“.

Allerdings: Es gibt auch ein „Drumherum“: Ort, Publikum und Präsentation der Vorstellung. Das Auge isst bekanntlich mit, und sofern derartige Konzerte durch nichtgesungenes Wort abgerundet werden, kann Letzteres gelungene Ergänzung sein. Oder Fehlanzeige.

Händel am Tellerrand

Der von der Hallenser Händelhalle ausgehende Charme eines CDU-Parteitagsgeländes wird von locker bekleidetem Publikum gut gespiegelt. Den Ansprüchen hochklassig dargebotener Barockmusik folgend, verschwitzt man da schon mal sein „Original & Authentic… Denim Brand“-Camping-Hemd.

Da die Zuhörerschaft für den Genuss der bloßen Musik von vornherein offenbar für zu blöd gehalten wird, gibt es konzertandauernd eine „Bühnenshow“ (Originalton des Regisseurs), bestehend aus neckischen bunten Lichtern, die schnelle Wechselfarben in den ziemlich abgedunkelten Saal bringen. Der sich sehr sparsam bewegende, oberkörperfreie Mann (Tänzer?), fällt da kaum auf.

Als Laudator der anschließend ausgezeichneten Joyce DiDonato wirkt ein Mann mit Basecap, gesichts- und kragenfüllendem Vollbart und etwas zu kurzen Hosen. Süß. Es ist Ralf Pleger, der Regisseur des Ganzen („Bühnenshow“). Natürlich ist keine Rede vorbereitet, locker! Er changiert zwischen Englisch und Deutsch, übersetzt sich jeweils selbst, manchmal vergisst er es auch.

Eine große Sängerin sei sie, die Joyce, aber darauf ruhe sie sich nicht aus. Nein! „Sie geht hinaus in die Welt“. Woher die „Vibrations“ (er sagt im deutschen Part tatsächlich „Vibrations“) zwischen Joyce und Händel kämen, wird sie gefragt. Händel habe ja auch „über den Tellerrand“ geschaut. Höhepunkt: „Joyce and Händel… you make the world a better place!“ Das Publikum ist lieb, es klatscht an dieser Stelle. Zum Glück weder frenetisch noch vollständig, es scheint also noch Hoffnung zu geben.

Bunte Aktionskärtchen mit Botschaften

Applausbedachter Flachsinn, Binsenweisheiten, umgebende Stillosigkeit – all dies auf dem Rücken einer Kunst, für deren Tiefen und durchaus vorhandene Leichtigkeit hier jegliches Verständnis nicht nur fehlt, wahrscheinlich ist nicht einmal die Idee vorhanden, dass es ein solches Verständnis geben könnte. Am Ende ist man froh, dass es der sichtlich termingedrückte Hallenser Oberbürgermeister (über den geraunt wird, seine innige Liebe zur Barockmusiktradition seiner Stadt sei bereits Legende) ist, der den Preis überreicht, und nicht Bugs Bunny.

Da wären wir wieder bei der „Würde“, der man doch ab und an das Wohnrecht belassen sollte. Und bei dem üblen Verdacht, dass die hier geschilderten Eindrücke eben nur ein Symptom sind.

Warum geht es nicht mit Stil? Dafür aber mit Botschaft: Das musikalische Programm des Abends stand unter dem Titel „In Krieg und Frieden – Harmonie durch Musik.“ Deshalb gab es auch bunte Aktionskärtchen im Eingangsbereich („A message from Joyce…“ – da ließ sich auch die Sängerin nicht lumpen), mit entsprechend tiefgründigen Aussagen: „Art unifies, trancends borders, connects the disconnected, eliminates status…“.  Und die Händelfestspiele 2018 sind überschrieben mit „Fremde Welten“. Nur böse Schelme hören hier die Nachtigall trapsen.

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Leserpost (5)
alma Ruth / 29.05.2018

“... die kargen Reste der Hochkultur werden von Gauklern, Hochstaplern und Durchgeknallten der Lächerlichkeit preisgegeben ... “, auch die “angeblich Entlarvenden.” (Zitate von Andreas Röhl, s.o.). Genau so ist es leider. Zwar nicht immer, aber viel zu oft. Viel zu viele Menschen haben leider keine Ahnung, was die sogenannte Hochkultur bedeutet. Ich würde “Hoch” weglassen und “nur” Kultur” sagen. Denn die Bezeichnung “Hoch” erzeugt auch heute noch Angst oder Mißachtung (“wozu brauch ich das!”). Dabei gewinnt man sooooo viel, wenn man sich damit beschäftigt. Als ehemalige Musiklehrerin kann ich nur sagen, wenn man Menschen so hinführt als wäre Kunst etwas Selbstverständliches, gibt es kaum einen, der es nicht annimmt. Über 40 Jahre Arbeit mit Menschen ist dies meine Erfahrung. lg alma Ruth

Wolf Köbele / 29.05.2018

Mit Beuys in die Oper! Allerdings: mit Maas möchte ich auch nicht. Keine Klage! Jetzt nicht mehr! nach dem Niedergang der Werte Anstand, Rücksicht, Redlichkeit, Würde, der dem Abbau der sog. Sekundärtugenden folgte, brauchen wir den der Kultur nicht mehr zu beklagen. Mir scheint, daß schon nicht mehr auf die Sprache unserer selbsternannten “Eliten” geachet wird. Und Menschen wie Böhmermann, Yücel und Konsorten haben eine Sprache akzeptabel gemacht, vor der jeden Anständigen graut. Nicht mehr unterbietbare Primitivität und Menschenverachtung! Bemerkenswert, daß mittlerweile immer öfter zu lesen ist: “Tolleranz”.

Gabriele Klein / 29.05.2018

... ja so ist das heute,  der “Andere” hat verfügbar zu sein und wird eingefordert, ohne Achtung und ohne Wenn und Aber.  Selbst ob er mit Du oder Sie angeredet werden möchte entscheidet nicht er sondern jene, die ihm ihr “Selfie” verpassen, ob er es haben möchte oder auch nicht…. Es fehlt die Goldene Regel, Mutter des Kantschen Imperativs, die die Konsequenz ist von jener Empathie oder Vorstellungskraft dahingehend, dass bei der Kommunikation JEDER,  nicht nur die Rolle des “Senders”  einnimmt sondern auch die des “Empfangenden” . Gleiches gilt für den selbstherrlich Urteilenden der sich blitzschnell in der Rolle des “Beurteilten” finden könnte…

Andreas Rühl / 29.05.2018

Vermutlich hätte Bugs Bunny mehr Stil in die Veranstaltung gebracht. Der ist immerhin bisweilen cool und will nicht mehr sein, als er ist. Die Aufgedrehten und Abgedrehten, von denen Sie da schreiben, gehören eindeutig einer niedrigeren Gattung an - von Sängerin bis Bürgermeister. Tja, der Schwachsinn erobert zunehmend auch den öffentlichen Bühnenraum und die kargen Reste der Hochkultur werden von Gauklern, Hochstaplern und Durchgeknallten der Lächerlichkeit preisgegeben - aber eben durch die Lächerlichkeit der angeblich Entlarvenden selbst. Bei den Maifestspielen in Wiesbaden lief an Pfingstmontag - bei sehr gutem Wetter allerdings - eine Götterdämmerung vor halbleerem Hause. Zwei Besucher wurden von uns eindeutig unter Dreißig identifiziert, der Rest deutlich drüber. Es waren vermutlich Spanier oder Lateinamerikaner, jedenfalls keine Deutschen. Wir schmieren ab.

Ingo Richter / 29.05.2018

Letzten Samstag war ich in der Staatsoperette Dresden, Fledermaus. Die Aufführung wunderbar, leider sind einige Zuschauer mit Camp David Hemd und dreiviertel-Länge-Hosen erschienen. Null Stil in der Kleidungswahl, hauptsache mann fühlt sich wohl, ich finde es respektlos und prollig. Armes Deutschland.

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