Henryk M. Broder / 08.10.2008 / 20:06 / 0 / Seite ausdrucken

Aus südbadischen Augen in die Welt geschaut

Die Badische Zeitung in Freiburg gehört zu den Großen unter den Kleinen: ein Regionalblatt mit 21 verschiedenen Lokalausgaben und 155.000 Auflage. Für viele Leser im Verbreitungsgebiet die einzige oder bevorzugte Informationsquelle. http://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Zeitung Deswegen muss die Badische Zeitung auf die Befindlichkeiten ihrer Leser Rücksicht nehmen. Man will sie nicht mit schlechten Nachrichten in den Trübsinn treiben, dafür sorgt schon das Wetter in Freiburg und Umgebung. Deswegen hat die Badische Zeitung extrem zurückhaltend über den letzten Auftritt des iranischen Präsidenten bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen berichtet, während sie die Aktionen der “Tochter” umfassend würdigt. Warum das so ist, wollte eine Leserin der Badischen Zeitung wissen:

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist bereits länger als eine Woche her, dass der iranische Präsident Ahmadinejad seine mit antisemitischen Statements gefüllte Rede vor der UNO-Generalversammlung hielt (http://www.haaretz.com/hasen/spages/1024097.html), und dennoch konnte man in der Badischen Zeitung bisher kein Wort darüber lesen. Allenfalls die folgenden dehnbar formulierten dpa-Sätze wurden den Lesern am 25.09.2008 präsentiert:

„Zuvor hatte der iranische Präsident Ahmadinedschad das Atomprogramm seines Landes vor der Vollversammlung mit scharfen Worten verteidigt. Einige schikanöse Mächte versuchten mit politischem und wirtschaftlichem Druck, Teheran das Recht auf friedliche Nutzung der Kernenergie zu nehmen, sagte er. Den USA und Israel prophezeite der Präsident den baldigen Untergang. Israel forderte gestern eine Verschärfung der internationalen Sanktionen gegen Teheran.“

Nicht einmal der Vorwurf von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Ahmadinejad habe in seiner Rede „blanken Antisemitismus“ geäußert (http://nachrichten.rp-online.de/article/politik/Steinmeier-geisselt-Iran/15254), wurde in der Badischen Zeitung erwähnt.

Wie kommt das? Hatte nicht kürzlich erst der Rechtsstreit zwischen Evelyn Hecht-Galinski und Henryk M. Broder zu diesem Thema die Gemüter der BZ-Redakteure und der Leserbriefschreiber erhitzt und letztere zu teils seltsamen Verbal-Angriffen (um es milde auszudrücken) auf Herrn Broder veranlasst, obwohl Frau Hecht-Galinski laut Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ der EUMC bzw. FRA (http://www.european-forum-on-antisemitism.org/working-definition-of-antisemitism/deutsch-german/) in der Tat bereits antisemitische Äußerungen von sich gegeben hat?

Um nur ein Beispiel zu nennen: In einem Brief vom 29.04.2008 an Herrn Arendt, den Betreiber des „Palästina Portal“, schrieb Frau Hecht-Galinski u. a. folgende Worte:
„Das sieht man auch an der Unterwanderung der Bundeszentrale für Politische Bildung. Auch dort versuchen schon seit längeren – leider auch mit Erfolg – jüdische Organisationen aus dem In- und Ausland gezielt Einfluss zu nehmen.“

Die o. g. Arbeitsdefinition sagt zu solch einer Äußerung unter o. g. Link:
„Aktuelle Beispiele von Antisemitismus (...) können (…) folgende Verhaltensformen einschließen (…): Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Juden oder die Macht der Juden als Kollektiv – insbesondere die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Juden.“ (siehe hierzu auch den Bericht von Alex Feuerherdt „Was ist Antisemitismus?“ im „Tagesspiegel“ vom 03.09.2008, http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Antisemitismus;art15532,2606329)

Und nun also auf Seiten der Badischen Zeitung Stillschweigen zu einer Rede von Präsident Ahmadinejad, die lt. o. g. Arbeitsdefinition antisemitische Äußerungen enthielt, und Stillschweigen auch zur Reaktion von Außenminister Steinmeier auf diese antisemitischen Äußerungen, zu der Herr Broder folgerichtig sagte:

„Der deutsche Außenmninister F.-W. Steinmeier hat dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad “blanken Antisemitismus” vorgeworfen - ohne diese Behauptung zu begründen! Dabei weiss doch jeder Rentner und jede Hausfrau, dass Ahmadinejad kein Antisemit, sondern nur ein Antizionist ist, dass er nichts gegen Juden, sondern nur was gegen Zionisten hat, ebenso wie seine deutschen Freunde, die Israel entzionisieren möchten. Jetzt können sie beweisen, was wahre Freundschaft ist. Sie könnten einen auf antizionistische Bruchpiloten spezialisierten Anwalt beauftragen, eine Einstweilige Verfügung gegen Steinmeier zu erwirken, am besten beim LG Köln, in der Steinmeier untersagt wird, den iranischen Präsidenten einen “Antisemiten” zu nennen, ohne diese Behauptung zu begründen. Ja, das wird lustig. Und Kollege Bahners schreibt dazu in der FAZ, warum es für die Meinungsfreiheit von Vorteil wäre, wenn Steinmeier das Verfahren verlieren würde.“ (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/steinmeier_laesst_es_krachen/)

Man kann sich als Leser nur wieder einmal wundern über die nicht nachvollziehbaren Entscheidungen der BZ-Redakteure, die eine Sache groß an die Glocke zu hängen während die andere Sache unter den Teppich gekehrt wird. Woran liegt das? An fehlender Zivilcourage, die ansonsten so sehr von der Badischen Zeitung propagiert wird? Oder hat vielleicht doch eher der Politikwissenschaftler Dr. Matthias Küntzel Recht, wenn er u. a. sagt:

„Hat sich Deutschland mit der Vernichtungsabsicht gegenüber Israel arrangiert? Die Reaktionen der Medien auf Ahmadinejads jüngsten UN-Auftritt legen diesen Eindruck nah: Dessen Antisemitismus wurde entweder nicht erkannt oder nicht benannt.“ (http://www.matthiaskuentzel.de/contents/adolf-ahmadinejad-vor-den-un) bzw.: „In Deutschland wird über den islamischen Antisemitismus mit seiner genozidalen Tendenz nicht diskutiert, weil man eine Sichtweise, die hauptsächlich Juden, sprich: Israel, für die Probleme dieser Erde verantwortlich macht, teilt.“ (http://www.matthiaskuentzel.de/contents/radio-zeesen-bruder-mahmoud-und-schwester-evelyn)

Mit nachdenklichen Grüßen,
Andrea Lauser

Worauf sie diese Antwort von Chefredakteur Thomas Hauser bekam:

Sehr geehrte Frau Lauser,
auch wenn ich wenig Hoffnung habe, dass Sie mir oder der Badischen Zeitung guten Willen unterstellen könnten, auch wenn ich kaum eine Chance sehe, Ihren Paravent an Vorurteilen zu durchbrechen, will ich versuchen, Ihnen die durchaus banalen Hintergründe für die Tatsache zu erklären, dass die Rede des iranischen Präsidenten vor der Uno bei uns nicht im Blatt war.

Wir haben für die gesamte Außenpolitik, also für die ganze Welt eine Seite pro Tag, manchmal auch wegen einer Anzeige etwas weniger. Auf diese Seite passen in der Regel drei ausführlichere Themen und mehrere Meldungen. Zurzeit ist ziemlich viel los in der Welt. Da fällt beim Auswählen einiges hintenrunter was durchaus hätte veröffentlicht werden müssen. Die letzte Rede von US-Präsident George W. Bush vor der UNO war uns zum Beispiel auch keine Zeile wert. Und bei Herrn Achmadinedschad war nichts aber auch gar nichts neu, was es nicht weniger abstoßend macht. Für jemand der unvoreingenommen auf die ganze Welt blickt, war dieser Auftritt deshalb an diesem Tag – in Abwägung der Alternativen – kein sehr relevantes Ereignis. Für jemand, der aus der jüdisch-israelischen Perspektive in die Welt sieht natürlich ein unstreitig relevantes Ereignis. Wir aber schauen aus südbadischen Augen in die Welt. Deshalb hat auch der Streit zwischen Frau Hecht-Galinski und Herrn Broder für uns eine gewisse Relevanz. Auch wenn man beide handelnden Personen nicht unbedingt mögen muss.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Hauser

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