Alexander Wendt / 28.05.2016 / 09:00 / 0 / Seite ausdrucken

Aufstand in der Hölle

„Warum haben sich die Menschen nicht gewehrt? Warum geht man sehenden Auges zur Schlachtbank?“ Das fragte der Fernsehtalker Markus Lanz die greise Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano in seiner Sendung, als sie ihm das Leben und vor allem das Sterben in dem Vernichtungslager schilderte. „Es hat ganze Aufstände gegeben“, antwortete Bejarano ihrem offenbar konsternierten Gastgeber.

Obwohl sich tausende Filme und Bücher mit der Judenverfolgung beschäftigten, blieb ein kleines, hoch bedeutendes Detail in Deutschland bisher nahezu unbekannt: der Auschwitz-Aufstand am 7. Oktober 1944. Wie sollten sich ausgemergelte Häftlinge auch gegen schwer bewaffnete SS-Männer erheben? Die israelische Historiker Gideon Greif und Itamar Levin rekonstruieren in ihrem Buch „Der Aufstand in Auschwitz“ die Geschichte der Rebellion, die gegen jede Wahrscheinlich  doch stattfand. Eben deshalb, weil Häftlinge sich nicht zur Schlachtbank führen lassen wollten. Greifs und Levins Buch, das erste umfassende Werk zu dem Aufstand, das jetzt auch auf Deutsch vorliegt, zeichnet ein hoch auflösendes Bild aus hunderten Aussagen von Auschwitz-Überlebenden, aus Dokumenten und Recherchen.

Die Häftlinge schnappten Nachrichten über den Kriegsverlauf auf

Auf vielen Seiten liest sich ihr Sachbuch allerdings so dicht und drängend wie ein Thriller. Kein Regisseur müsste den Stoff bei einer Verfilmung noch mit Spannung anreichern. Denn alle Dramatik ergibt sich aus einem Punkt: Hitlers Deutschland ist dabei, den Krieg zu verlieren. Das wissen alle: Der für die Judenvernichtung zuständige Referent im Reichssicherheitshauptamt Adolf Eichmann, die SS-Lagerleitung in Auschwitz, aber auch die Häftlinge des so genannten Sonderkommandos im Lager. Diese Gefangenen, die „Elendesten unter den Elenden“ (Greif) hatten die Aufgabe, die Kleidung der zum Vergasen angetretenen Juden zu sortieren, die Leichen zu den Verbrennungsöfen zu transportieren und Goldzähne aus ihren Gebissen zu brechen. Dafür versorgte die SS diese Funktionshäftlinge mit Essensrationen, die ihnen das Überleben erlaubten. Durch Neuzugänge, die in ihr Kommando beordert wurden, gehörten sie zu den wenigen Häftlingen, die Nachrichten über den Kriegsverlauf aufschnappen konnten.

Weil die Zeit gegen ihn lief, trieb Eichmann seinen Vernichtungsapparat zu Höchstleistungen an. Ab Mai 1944 ließ er ungarischen Juden zu Vernichtung deportieren, 424 000 Menschen innerhalb von 56 Tagen. Es war der letzte große Akt der Endlösung. Die meisten von ihnen kamen schon am Tag ihrer Ankunft ins Gas.

Gleichzeitig planten die im Untergrund agierende jüdische Lagerleitung und eine Gruppe innerhalb des Sonderkommandos den finalen Aufstand: er sollte die Mordmaschinerie stoppen, zumindest sabotieren und möglichst in einen Massenausbruch münden. Die Sonderkommando-Männer wussten: Sollte das Lager wegen der heranrückenden Front geräumt werden, dann würde die SS auch sie liquidieren – schließlich handelte es sich um die wichtigsten Mitwisser. Den Gefangenen ging es darum, andere Leben zu retten – aber auch ihr eigenes.

An beiden Seiten angespitzte Speere

Greif und Levin erzählen, wie die zum Widerstand entschlossenen Häftlinge heimlich an beiden Seiten angespitze Speere basteln, wie sie aus den Union Metallwerken, einer Rüstungsfabrik auf dem Gelände, in der Häftlinge Zwangsarbeit leisten, unter Lebensgefahr Sprengstoff  herausschmuggeln. Daraus entstehen Handgranaten, mit Blechdosen als Hülle und Stofffetzen als Zünder. Ihr Plan ist ebenso einfach wie tollkühn: Sie wollen die Wachleute in ihrer Nähe überrumpeln, entwaffnen, die Gaskammern und Krematorien zerstören und ausbrechen – um wenigstens frei zu sterben.

Aber wann soll die Revolte stattfinden? Je näher die Rote Armee rückt, argumentiert die jüdische Lagerleitung,  desto besser stünden die Chancen, dass wenigstens einige der ausgebrochenen Häftlinge sich in ihre Richtung oder zur polnischen Untergrundarmee durchschlagen könnten. Sie beschwört die Widerständler im Juni, noch zu warten. Mitte 1944 stehen sowjetische Truppen schon bei Lublin, nur noch 350 Kilometer entfernt. Die Untergrundgruppe legt den zweiten Aufstandstermin auf den 15. August fest. Doch auch der Termin muss verschoben werden: An diesem Tag kommt ein Transport von Warschauer Juden in Auschwitz-Birkenau an, bewacht von 200 SS-Leuten. So viele Bewaffnete kann die provisorisch ausgerüstete Untergrundtruppe unmöglich überwältigen. Inzwischen ahnte der SS-Hauptscharführer Otto Moll, oberster Verantwortlicher für die Vergasung der ungarischen Juden in Birkenau, dass einige Sonderkommando-Männer untereinander konspirieren. Er lässt den Ober-Kapo Jacob Kaminski foltern, um Informationen aus ihm herauszupressen. Kaminski gehört tatsächlich zu den führenden Köpfen der Häftlingsarmee. Aber er gibt nichts preis. Auf Molls Befehl  werfen SS-Wachmänner den halbtot geschlagenen Kaminski in einen Verbrennungsofen.

Der Zeitpunkt war von niemandem geplant

Der Aufstand bricht schließlich zu einem Zeitpunkt los, den niemand plante: am Samstag den 7. Oktober gegen Mittag.  Die SS kündigt an, 300 der 663 Sonderkommando-Häftlinge sollten sofort in ein anderes Lager verlegt werden, und verlangt von den Kapos eine Selektionsliste. Allen ist klar, dass die 300 in Wirklichkeit ins Gas sollen. Weil die Evakuierung der gesamten Todesfabrik bevorsteht, gehen die Deutschen systematisch daran, das Sonderkommando auszulöschen, genau so, wie die Männer es vorhergesehen hatten. Sie stürzen sich mit Hämmern und Schaufeln auf die SS-Leute, bewerfen sie mit Steinen, einige der Wachleute gehen zu Boden, die anderen eröffnen das Feuer. Drei SS-Männer und einen auf der Seite der SS stehenden Kapo können die Aufständischen töten. Wie geplant zünden die Häftlinge das Krematorium und die Gaskammer Nummer 4 an; das Gebäude steht schnell in Flammen, wahrscheinlich – hier gehen die Berichte auseinander – explodieren in seinem Inneren auch selbstgebaute Sprengsätze. Während herbeigeeilte SS-Männer mit automatischen Waffen auf die Häftlinge feuern, schafft es eine kleine Gruppe  - etwa achtzig, darunter auch sowjetische Kriegsgefangene – den Lagerzaun zu durchschneiden und auszubrechen. Nach wenigen Stunden endet die Flucht in einer Scheune des nahgelegenen Dörfchens Rajsko; ihre Verfolger stecken das Gebäude in Brand. Die Geflohenen sterben entweder in den Flammen oder im Kugelhagel. Aber sie sterben, wie sie es wollten: als freie Menschen.

Seit 1986 sammelte Gideon Greif Aussagen ehemaliger Sonderkommando-Häftlinge auf Tonband, er befragte 30 von ihnen und trug hunderte Stunden Audiomaterial zusammen, auf das er sich schon bei früheren Büchern stützte.  „Ich wusste, dass ich mich beeilen musste, bevor die Zeugen und ihre Geschichte verschwinden“, meint Greif. Heute lebt nur noch ein Mitglied des ehemaligen Kommandos  - keiner der damals aktiven Kämpfer – hoch betagt in Los Angeles.

Die Geschichte des Sonderkommandos und damit auch des Aufstandes blieb selbst in Israel lange unbekannt. Dort standen die von der SS zum Leichenschleppen gezwungenen Häftlinge lange in Verdacht, mit der Lagerführung kollaboriert zu haben. „Eines meiner wichtigsten Ziele“, meint Greif,  „war es, dieses falsche, ungerechte Bild zurechtzurücken und damit ein Unrecht für die Geschichtsschreibung zu korrigieren.“  Heute, sagt er, gebe es kaum noch Anschuldigungen gegen die Funktionshäftlinge von Auschwitz. Seine Tonbandaufnahmen, sagt er, seien für die Männer und Frauen von damals eine „Rettungsmission“ gewesen.
 
Gideon Greif, Itamar Lewin, „Aufstand in Auschwitz“ Böhlau Verlag Köln 390 Seiten 24,99 Euro
 
Mehr über Alexander Wendt: www.alexander-wendt.com

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