Gastautor / 29.04.2017 / 06:25 / Foto: Heinz-Josef Lücking / 9 / Seite ausdrucken

Atomkraft: Und plötzlich bist Du Menschenverächter

Von Anna Veronika Wendland.

Vor einigen Tagen erschien von mir ein Beitrag auf der Seite "Nuklearia" zum Tschernobyl-Jahrestag am 26. April. Ich gab zu bedenken, dass Tschernobyl von der Quellen- und Faktenlage her ein großer historischer Industrieunfall sei, aber nicht der nukleare Massenmord, der anthropologische Schock und die weltstürzende Katastrophe, zu der eine weitverzweigte Sinngebungs-, Bewältigungs- und Mobilisierungsindustrie es gemacht haben. 

Aus entrüsteten Zuschriften muss ich schließen, dass (vermeintliche) Tschernobyl-Leugner hierzulande Gefahr laufen, auf dieselbe Stufe wie Holocaust-Leugner gestellt zu werden: ich sei menschenverachtend, "relativierend" und zynisch, so warf man mir vor. Meist sind solche Zuschriften mit Verweisen auf Einzelschicksale im Familien- und Bekanntenkreis versehen, die von den Verfassern auf den Reaktorunfall zurückgeführt werden. 

Wie immer in solchen Fällen kann man angesichts solcher unhintergehbarer Leidensgeschichten als Wissenschaftler oder auch Politiker, welcher jenseits des Individualschicksals Bewertungen abgeben und Entscheidungen zu fällen hat, nur verlieren. Denn wer möchte sich dem Vorwurf aussetzen, er oder sie sei hartherzig einem Menschenschicksal gegenüber? 

Ich vermute: genau in diesem typischen Diskussionsverlauf liegt die Ursache, warum sich hierzulande niemand mehr zutraut, eine sachlich-kritische Diskussion über die Energiepolitik unter Einbeziehung der nuklearen Option noch durchzustehen: man will sich nicht als nuklearer Volksverräter und Menschenfeind hinstellen lassen. 

Machbarkeit und Akzeptanz müssen zusammenkommen

Meine Kritiker, die mit dem wohlfeilen Vorwurf der Gefühlskälte kommen, verwechseln zweierlei Sachverhalte. Man kann einerseits feststellen, dass jedes Opfer einer Industriekatastrophe eines zuviel ist, und man kann einen individuellen Zugang zum Schicksal einzelner Opfer wählen. Das ist legitim, wurde vielfach in vorbildlicher Weise unternommen, und an einigen solcher Unternehmungen war und bin ich als Historikerin Tschernobyls auch beteiligt. 

Das enthebt aber andere Menschen, welche allgemeinverbindliche Entscheidungen für viele fällen müssen – das heißt politische Verantwortung tragen - nicht der Konfrontation mit den Tatsachen. Entscheider und ihre wissenschaftlichen Berater müssen durch einen Abwägungsprozess hindurch, in unserem Falle (idealiter) mit dem Ziel, herauszufinden, welche Art Energieversorgung in einem Industrieland funktioniert und auch gesellschaftlich und moralisch vertretbar ist. Machbarkeit und Akzeptanz müssen zusammenkommen. 

Und bei dieser Abwägung steht die Kernenergie trotz aller Mythenbildungen immer noch besser da als all das, mit dem sie von den Atomgegnern so eifrig und optimistisch substituiert wird. Diese müssten sich konsequenterweise fragen lassen, was die Atomindustrie und ihre Opfer so heraushebt, was sie so besonders inakzeptabel macht vor anderen Opfergruppen.

Grund des Akzeptanzproblems, so meine These, ist nicht die real existierende Kerntechnik und auch nicht die nachweisbare Opferbilanz der zivilen Kernenergienutzung, die ich gar nicht leugne, obwohl mir das implizit unterstellt wird. Es ist vielmehr der rund um diese Energieform produzierte Diskurs, demzufolge die Kerntechnik als Menschheitsverderber ganz oben in der Hierarchie des Entsetzlichen und Verwerflichen steht.

Die Tendenz zur (Selbst-)Viktimisierung

Hinzu kommt die allgemeine Tendenz zur (Selbst-)Viktimisierung in unseren politischen Diskussionen. Wer nicht Opfer (der Atomkraft oder sonstiger finsterer Kräfte) ist oder für die Opfer zu sprechen vorgeben kann, dessen Argument büßt an Legitimationskraft ein. Wer sich anmaßt, dieses Argument auseinander zu nehmen und nach tatsächlichen Opfer-Verhältnissen zu fragen, ist ein "Relativierer". Aber das ist nur einer der Wege, Diskussionen im Keim zu ersticken. Neulich hörte ich eine interessante Aussage von der Grünen-Politikerin Gudrun Zentis, die eine Förderung der Kernforschung (es ging um die Möglichkeit, das Volumen hochaktiven nuklearen Abfalls durch Transmutation zu reduzieren) mit der Begründung ablehnte, dies würde ja die Akzeptanz der Kernenergienutzung erhöhen. 

Es gibt also in unserem Land Gruppen, die gar nicht an der Schnittstelle von Machbarkeit und Akzeptanz für das Gemeinwohl streiten und arbeiten wollen, um die bestmögliche Entscheidung zu erzielen, sondern die lieber alles dafür tun, eine Option erst gar nicht in die Nähe der Akzeptanz kommen zu lassen. 

Das halte ich für fahrlässig. Denn wir leben in einer nicht perfekten Welt. Das bedeutet, dass wir häufig mehrere nicht perfekte Lösungswege eines Problems gegeneinander abwägen müssen. Das ist die Aufgabe von Wissenschaftlern und Politikern, die sich dann Vorwürfe gefallen lassen müssen, sie seien zynisch und respektlos den Opfern gegenüber. Alle moralisch Unanfechtbaren sollten sich freilich überlegen, auf wen sie ihren ersten Stein schleudern. 

Sie sollten also ihre eigene Opferfixiertheit bis zum Ende durchhalten und beispielsweise ausrechnen, wie viele Opfer von Atemwegs- und Gefäßerkrankungen ein Kernkraftwerk zu verhindern half, indem es mehrere Kohlekraftwerke ersetzte. Und sodann abwägen, ob sie diese Schicksale akzeptabler finden als die hypothetischen Opfer eines nuklearen Unfalls in unserem Land, die sie auf jeder Demonstration beschwören.

Das Dilemma der Unfallchirurgie

Denn wir sehen, dass bei uns die Kernenergie keinesfalls durch bessere Lösungen ersetzt wird, sondern durch schlechtere - nämlich durch mehr fossile Energieträger. Wind, Sonne und guter Wille allein reichen nicht aus, um ein Industrieland zu versorgen; von den nichtexistenten Speicherlösungen über den irrwitzigen Landschaftsverbrauch bis hin zum akuten Rohstoff- und Sondermüllproblem bei den "Erneuerbaren" stellen sich für mich so viele Fragen, dass ich den Ausstiegsbeschluss aus der Kernenergie für überhastet und unverantwortlich halte. 

In diesem Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik haben die Gesinnungsmenschen vorerst die Oberhand. Verantwortungsethikern schlägt ein kalter Wind entgegen. Ihnen wird vorgeworfen, Opfer zu "zählen" und, noch schlimmer, zu "relativieren", womit eigentlich "kleinrechnen" unterstellt wird. Obwohl, wie ein befreundeter Arzt mir schrieb, solche kognitiven Operationen in einer Entscheidungssituation, beispielsweise in der Unfallchirurgie, das höchste Gebot sind: Zählen und Vergleichen, die berüchtigte Triage, hilft dann Leben zu retten, wo es zu retten ist. Aus Sicht der Angehörigen eines unrettbar Verletzten blanker Zynismus und unerträgliche Vorstellung. 

Entscheider in Wissenschaft und Politik müssen jedoch den Mut aufbringen, auch gegen schlechte Bilder, auch im Angesicht des Zynismus-Vorwurfs, auch unter einem Schwall von schmähenden Zuschriften ihren Weg zu gehen. Dafür sind sie zu Entscheidern gewählt worden. Dazu gehört im Falle sehr weitreichender Entscheidungen wie der Energiepolitik der Mut, Optionen und Entwicklungspfade abzuwägen, die Gelassenheit, in einer emotional aufgeheizten Atmosphäre Zeit zum Einholen von Expertise einzufordern, und die Zähigkeit, auf die Ergebnisse zu warten. Nichts davon hat man in unserer Energiepolitik nach Fukushima getan.

Man hat mehr zerstört als man aufbauen konnte

Man hat eine hastig berufene und parteiisch besetzte Ethik-Kommission vorgeschoben, wo man eigentlich eine Enquête-Kommission mit wissenschaftlichem Stab gebraucht hätte. In einem solchen Gremium hätte man den Kernverfahrenstechnikern und Fachleuten für Übertragungsnetze die gleiche Stimme einräumen müssen wie den Techniksoziologen und -ethikern. Man hätte mögliche Weiterentwicklungen der Kerntechnik ebenso ernsthaft diskutieren müssen wie die Entwicklungsaussichten von Speichertechnologien und Offshore-Windkraft. 

Das hätte Zeit gekostet, die man angesichts grüner Siegeszüge in Baden-Württemberg nicht zu haben vermeinte. Daher hat man Diskussionen abgeschnitten, bevor sie beginnen konnten. Man hat Ergebnisse vorgegeben, statt ergebnisoffen zu beraten. Man hat um der billigen "Befriedung" der deutschen Atomdebatte willen einen funktionierenden Industriezweig geopfert und ihn durch einen Weg ins Ungewisse ersetzt. Man hat als Kollateralschaden in Kauf genommen, dass deutsche Expertise auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit international an Einfluss verliert, da unsere Experten keine kerntechnische Führungsnation mehr vertreten, sondern ein innovationsmüdes Abwicklungsland. Man hat mehr zerstört als man aufbauen konnte. Denn man wollte nicht herzlos sein - und hat den Verstand abgeschaltet. 

Dr. Anna Veronika Wendland forscht zur Geschichte und Gegenwart nuklearer Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa. Für ihre Habilitationsschrift hat sie in mehreren Kernkraftwerken in der Ukraine, Litauen und Deutschland, zuletzt in den KKW Grafenrheinfeld und Grohnde, Forschungsaufenthalte durchgeführt. Dr. Wendland arbeitet in der Direktion des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Sie leitet Arbeitsgruppen im Bereich Technik-, Umwelt- und Sicherheitsgeschichte.

Leserpost (9)
Dr. Bredereck, Hartmut / 29.04.2017

Sehr geehrte Frau Dr. Wendtland, nicht nur Soziologen sind Gesinnungsethiker, sondern auch manche Naturwissenschaftler. Ich denke dabei an die Physikerin Angela Merkel oder an den Umweltwissenschaftler Schellnhuber. Wenn sie ein politisches Amt bekleiden oder eine größere Organisation führen, vergessen sie plötzlich ihre Ausbildung. Der übereilte und planlose Ausstieg aus der Kernenergie ist nicht nur für den Wirtschaftsstandort Deutschland höchst problematisch, sondern wird auch die Bürger die nächsten 20 Jahre belasten.

Rolf Krahmer / 29.04.2017

Danke für diese so eindringlichen und treffenden Aussagen die den Wahnsinn unserer leider auch in der Regierung sitzenden Gutmenschen deutlich machen. Aber nochmals leider wird auch dieser Text die gesinnungsethischen Mauern dieser Leute nicht einmal erschüttern.

Katharina Münz / 29.04.2017

Kernenergie, die saubere Technik, beherrscht von fähigen Ingenieuren. Ein schönes Bild, das ebensolche Risse bekommt wie die nicht vorschrifstmäßig ausgeführten Schweißnähte des Reaktordruckbehälters. Wenn man Insights bekommt, weil man sein Leben lang im Umfeld eines AKW gelebt hat, wenn man mit dem Begriff “Krebsberg” für das dem AKW in Hauptwindrichtung gegenüberliegende Wohngebiet am sonnigen Westhang aufgewachsen ist, wenn Freunde mit technischer Ausbildung in der Elektrotechnik für gut verdientes Geld anheuerten bei den routinemäßigen Revisionen - und danach mit schreckgeweiteten Augen davon berichteten, dass zahlreiche der Schaltkreise völlig anders ausgeführt worden waren, als in den Schaltplänen dargelegt ... “Was, wenn da was passiert? Die suchen doch an der völlig falschen Stelle nach dem Fehler!” Da ist man dn schon mehr als froh, dass dieses Wunderwerk der Technik seit einigen Jahren abgebaut wird. Apropos Abbau: Im Zuge dessen kam dann eine Lüge heraus, mit der wir jahrzehntelang abgespeist wurden. Es hatte immer gehießen, das AKW würde _keinerlei_ Radioaktivität in die Umgebung abgeben. Und auf einmal, vor dem Beginn des Rückbaus, hieß es, während des Rückbaus würde “vorübergehend mehr Radioaktivität in die Umwelt entlassen, als das wöhrend des Normalbetriebs der Fall war”. Was nun? Lügen haben kurze Beine. Und in Sachen Innovation wäre einiges voranzutreiben. Vor 30 Jahren, während meines Studiums, wurde in einem Institut der Uni die Idee entwickelt, statt eines herkömmlichen Brenners könnte man doch einen handelsüblichen PKW-Motor zur Energieerzeugung einsetzen. Die Abwörme der Verbrennung zum Heizen und Warmwassererzeugung nutzen und gleichzeitig bei jedem Heizvorgang Strom erzeugen. Hat funktioniert. Aber angeboten wird ein ähnliches Projekt mit einem gasbetribenen Aggregat erst seit zwei, drei Jahren. Wieviel Energie könnte man einsparen, wenn man effizienter vorginge. Dazu gehört auch eine dezentrale Energieerzeugung, denn die immensen Leitungsverluste müssen erst einmal produziert werden! Aber die - überschaubaren - Erlöse aus dezentraler Energieproduktion könnte man ja schlecht privatisieren. By the way: Volkswirtschaftlich hat die Kernenergie einen erhblich schlechteren Nutzungsgrad, was eingesetzte Steuermittel angeht, als alle anderen Energieformen ...

Bargel,Heiner / 29.04.2017

Ich kann Ihnen nur aus vollem Herzen zustimmen. Jedwede sinnvolle und sachliche Diskussion um Risiken und Nutzen der Kerntechnik wird in diesem Lande im Keim erstickt. Willige Helfer findet man dazu in den Redaktionsstuben unserer Fernsehsender. Anläßlich des 70. Jahrestages der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki wurde auf arte die deutsche Version der Dokumentation „Uranium – Twisting the Dragon’s Tail“ von Derek Muller unter dem Titel „Uran und Mensch – Ein gespaltenes Verhältnis“ ausgestrahlt. Die gleiche Dokumentation wird seit Anfang 2016 im Kanal ZDF info unter dem Titel „Uran – Das unheimliches Element“ ausgestrahlt, allerdings in einer etwa 9 Minuten kürzeren Version als das englische Original. Im 2. Teil wurden die Szenen herausgeschnitten, in denen Frau Prof. Thomas aus dem UNO-Bericht über Tschernobyl zitierte und die wahren Zahlen der durch Strahlung/Strahlungsfolgen Verstorbenen darstellte Auch die Aussage, dass 25 Jahre nach Tschernobyl die Krebszahlen der Bevölkerung Tschernobyls nicht höher sind als bei einer „unbestrahlten“ Bevölkerung wurde entfernt. Auch die folgende Szene, in der Derek Muller ein altes Paar, was wieder im Süden Tschernobyls lebt, zeigt, wurde herausgeschnitten. Die Änderung des Titels vom neutralen “Uran und Mensch - ein gespaltenes Verhältnis” in “Uran - Das unheimliche Element” (Die “dunkle Bedrohung” läßt grüßen!) zeigt den Grundgedanken der Dokumentationsverstümmelung - Kernkraft muss mit schlechten Gefühlen und Angst verbunden werden! Das Original kann man bei vimeo.com noch sehen, die verstümmelte Version bei ZDFinfo. Platon wird mit „Das Weglassen der anderen Hälfte der Wahrheit ist die schlimmste Form der Lüge!“ zitiert. Mehr muss man nicht sagen.

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