Roger Letsch / 16.06.2017 / 13:00 / 4 / Seite ausdrucken

“arte”-Debatte: Der neue, alte, ewige Antisemitismus

Noch toben die Zorngewitter der Nationalen Pressefront angesichts des Coups der BILD-Zeitung, einen Film zu zeigen, den das qualitätsbewusste Kulturprogramm von "arte" als handwerklich unzureichend abtun wollte, und weil dessen Aussagen zu einseitig seien und darin der gescholtenen Partei der Antisemiten, Israelnichtgutfinder und Palästina-Solidaritätskomitees nicht genügend Raum gegeben sei, ihrem mühsam umfloskelten Judenhass eine Garnitur von rationaler Petersilie beizulegen.

Dies besorgten aber die Autoren, die den Finger ausreichend tief in den braunen Lehm aus „Bilderberg“, „Protokollen“, „Rothschild“ und „Weltverschwörung“ steckten, und in einer kurzen Einlassung hinreichend zusammenfassten. Mehr von dieser schlaffen Petersilie braucht es nun wirklich nicht auf dem Teller. Wer dergleichen mag, wird seit Jahren bestens bedient mit den üblichen 15- bis 90-Sekunden-Berichten in ARD und ZDF, in denen von „Genozid“, „Massenmord“, „Geiselhaft“ und „Freiluftgefängnis“ die Rede ist, wenn es um Gaza geht, oder die mit den Worten „illegale Siedler“ oder „militante Siedler“ beginnen, wenn von den „besetzten Gebieten“ die Rede ist.

Die Verteidigungselegien der Presse arbeiten sich im aktuellen Fall jedoch genau an dem ab, was als Blitzableiter vom eigentlichen Kern des Problems ablenken soll, und das ist beabsichtigt. Man geißelt den Diebstahl geistigen Eigentums durch BILD und die rechtlich fragwürdige Veröffentlichung eines mit Gebühren finanzierten Films durch die Feinde des planwirtschaftlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, durch ein privates Presseunternehmen. Anja Reschke vom NDR nennt das dann „frech“. Reschkes Empörung erscheint dabei so echt wie ihre Arroganz. Denn betrachtet man den Fall allein vom Urheberrecht aus, schafft man es mühelos, die Empörung warm zu halten, obgleich die Einschätzung des „Frechheitsgrades“ hier doch eher Anwälten obliegt als Frau Reschkes bescheidener Meinung. Und die Anwälte sind untypisch ruhig, angesichts einer so lukrativen Möglichkeit, die BILD-Zeitung zu verklagen.

Frech war aber auch die Entscheidung von "arte" und dem WDR, eben diese ausgegebenen Gebührengelder, die Reschke so heldenhaft gegen BILD verteidigt, einfach abzuschreiben, anstatt auf Erfüllung und Lieferung zu bestehen, zumal der Film bereits abgenommen war. Eine Ebene unter „frech“ und Urheberrecht streitet man sich über die Qualität des Gewebes, aus dem der Film genäht wurde, attestiert ihm handwerkliche Fehler und verweigert das Qualitätssiegel der heiligen Hallen des Staatsfernsehens, wo sonst all überall nur Poesie und edle Wahrheit wohnen. Aber auch diese unbedeutenden Scharmützel sind auszuhalten für "arte" und WDR, und es wäre nicht die erste Produktion gewesen, die aus solch fadenscheinigen Gründen entweder die Abnahme gar nicht erst schaffte, oder für die sich anschließend wie durch Zauberhand einfach kein Sendeplatz finden ließe. Über Kunst lässt sich ja nicht –  oder trefflich – streiten. Vor allem aber lang und ergebnislos.

Die Demonstranten riefen wirklich „Jude Jude feiges Schwein“

Doch da ist noch eine dritte Ebene, auf der die frechen Rufer und „über Kunst Streiter“ bisher keinen Pieps von sich gegeben haben. Den Inhalt. Und ich rede hier nicht von den Protagonisten des Films, die ihr Halbwissen und nachgeplapperte Lügen mit großer Verve der Kamera zu Protokoll gaben. Wie Annette Groth von den Linken zum Beispiel, die von „ganz gezielten Vergiftungen“ sprach und die „Lebensgrundlage in Gaza“ als geradezu inexistent bezeichnete. Solche Aussagen belasten ja den Sender nicht direkt, sondern zeigen nur die Uninformiertheit in Europa und beweisen, wie gut die Propaganda von Hamas und Fatah sogar bei Bundestagsabgeordneten funktioniert, die sich doch selbst so gern eine überlegene Moral attestieren und bei jeder Gelegenheit Tränen für Juden verdrücken, sofern diese bereits tot sind.

Nein, das Problem ist, dass der Film all die bisherigen kleinen, absichtsvollen Einspieler, O-Töne und Kommentare der „Nahost-Korrespondenten“ der öffentlich-rechtlichen Sender Lügen straft und das schöne Bild des geknechteten, unschuldigen Bewohners im „Freiluftgefängnis Gaza“, der von israelischen Soldaten gequält und ermordet wird, ad absurdum führt. Denn eines der Bilder kann ja nur stimmen – und die Fakten sprechen hier klar für Hafner und Schröder. Man entschied sich bei "arte" aber für die Aufrechterhaltung jenes Bildes, an dem man seit mindestens 20 Jahren hingebungsvoll gebastelt hat: "Israel ist an allem schuld, warum nicht auch am Antisemitismus in Europa? Lasst uns dazu mal eine Doku machen!" Nun, das ging voll daneben und der Film zeigt genau das, was leider die Wahrheit ist. Ich bin sonst vorsichtiger mit solchen Verabsolutierungen, aber hier ist eine vonnöten: Nicht Israel oder der Zionismus sind der Grund für Antisemitismus in Europa – der Antisemitismus in Europa war der Geburtshelfer des Zionismus und der Grund für die Existenz Israels.

Und so werden auch alle Lamenti über „Frechheiten“ und „Webfehler“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass "arte", WDR und all die anderen saturierten Spießgesellen der Medienelite inhaltlich nichts werden finden können, was in „Auserwählt und ausgegrenzt“ nicht der Wahrheit entspräche. Die hässlichen bis dümmlichen Sprüche sind so gesagt worden, die Demonstranten riefen wirklich „Jude Jude feiges Schwein“, die Milliarden Euro, Dollar, Pfund und Kronen fließen wirklich, und tatsächlich weiss am Ende niemand, wohin. Das UNRWA existiert und die 1.500 NGO’s, die durch Israel streifen, um den „bösen Juden“ dranzukriegen, sammeln das Geld dafür nicht zuletzt in deutschen Kirchen und beim deutschen Steuerzahler ein.

Und während zum Beispiel Nicola Albrecht 2015 für das ZDF aus Gaza den Bericht „Leben in der Falle – die vielen Gesichter Gazas“ brachte, zeigte sie doch in Wirklichkeit nur das eine Bild: Das mitleidheischende, beutelöffnende, Israel beschuldigende Bild des unschuldigen, edlen Befreiungskämpfers aus Palästina, an das sich die Deutschen so gewöhnt hatten. Kommen ihnen doch angesichts der imaginierten Gräueltaten der IDF die tatsächlichen der eigenen Großväter nicht mehr so schlimm vor.

Der Film von Hafner und Schröder, selbst wenn er der handwerklich schlechteste aller Zeiten wäre, bringt das über Jahre aufgebaute Lügengebäude der meisten Medien über die wirklichen Ursachen des europäischen Hasses auf Israel und die Ursachen des ungelösten Konflikts zwischen Arabern und Juden jedenfalls mühelos zum Einsturz: Diese Ursache ist der neue, alte, ewige, unveränderliche Antisemitismus in Europa, der den neuen, alten, ewigen, unveränderlichen Antisemitismus in der islamischen Welt nur zu gern füttert.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt hier

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Leserpost (4)
Caroline Neufert / 16.06.2017

Wieviele Filme in der Schublade verschwinden, wir wissen es nicht. Dieser war nun zu sehen. Soll man sich tatsächlich bei Bild bedanken ? Nach der Aufregung hier, hatte ich mehr und besseres erwartet. Dass Palästinenser Israelis nicht auf Händen tragen, ist nicht neu. “Ausgewählt und ausgrenzt” ist der Titel und dann über Israel berichten, macht ja nicht viel Sinn. Den alltäglichen Antisemitismus in D nicht nur die altbekannten Bsp zu zeigen, hatten die Filmemacher nicht den Mut. So tut es mir leid sagen zu müssen, es ist viel Lärm um Nichts; eine nicht “geniale und großartige” Dokumentation. Schade, Chance vertan.

Oliver Funk / 16.06.2017

Sie hätten mal gestern den Kommentar von Peter Kapern im DLF hören sollen… der wäre mit dem Attribut “vernichtend” nur sehr zurückhaltend beschrieben.  Ich musste rechts ranfahren, so hab’ ich mich aufgeregt!

Frank Müller / 16.06.2017

Tja, wer hätte gedacht, daß wir der “Bild” mal für einen Beitrag zur Erhaltung der Pressefreiheit dankbar sein müßten?

Belo Zibé / 16.06.2017

Beim Ansehen des Filmes habe ich mir auch die Frage gestellt, ob die selbstgefälligen BDS Aktivisten auch immer brav Fairphones und entsprechende Computer und sonstige technisches Gerät “Made in EU”,so es die überhaupt gibt, nutzen.  

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