Henryk M. Broder / 08.02.2007 / 22:32 / 0

Arno Hamburger, der Siegfried von Nürnberg

„Ich bin ein aggressiver, militanter Jude“, sagt Arno S. Hamburger und strahlt, als habe er eben in der ARD-Fernsehlotterie einen Preis für rüstige Senioren gewonnen. Doch das S. in seinem Namen steht für „Siegfried“; als er vor genau 84 Jahren in Nürnberg geboren wurde, war das unter deutschen Juden ein sehr beliebter Vorname. Genau wie „Adolf“, wie Arnos Vater hieß. Bis 1966 war Adolf Hamburger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Nürnberg, dann übernahm Sohn Arno das Regiment. Seit über 4o Jahren führt er nun die zweitgrößte jüdische Gemeinde Bayerns mit durchaus autoritärem Charme, seit 1972 sitzt er für die SPD im Stadtrat von Nürnberg, wo er nicht nur jüdische Interessen vertritt. 

Vor kurzem hat Arno wieder einen Sieg errungen, der Siegfried alle Ehre gemacht hätte. Er setzte es im Stadtrat durch, dass eine nach Bischof Hans Meiser benannte Straße in Spitalstraße umbenannt wurde, wie sie bis 1957 hieß. 66 Stadträte, darunter alle der CSU, stimmten für seinen Antrag, vier waren dagegen, darunter der Vertreter der NPD und der Republikaner.

Hans Meiser war nämlich, noch bevor er 1933 evangelischer Landesbischof von Bayern wurde, ein veritabler Antisemit. http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Meiser_(Bischof)

Schon 1926, als Direktor des Evangelisch-Lutherischen Predigerseminars, schrieb er im Evangelischen Gemeindeblatt Nürnberg über „Die evangelische Gemeinde und die Judenfrage“, wobei er sich besonders dem „Einfluss“ der Juden „in der Volkswirtschaft“ widmete. „Dass der mittelose Jude sich sein Brot durch Handarbeit verdient, gibt es nicht. Er wird Händler, Kaufmann, Spekulant.“ Zum „volkswirtschaftlichen Grundcharakter“ der Juden gehörten neben der „Virtuosität im Erfassen der Konjunktur“ auch „Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit“; so hätten sie sich einen „Löwenanteil an unserem Volksvermögen gesichert“.

In einem Gutachten zu einem Urteil des Reichsfinanzhofs in München aus dem Jahre 1943, mit dem der württembergischen Bibelanstalt in Stuttgart die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde, ließ er sich über „die üblen Eigenschaften dieses Volkes“ (der Juden) aus und nannte vor allem „seine soziale Rücksichtslosigkeit“, „seine niedrige Genussgier“, „seine geschlechtliche Zuchtlosigkeit“ und „die Putzsucht seiner Frauen“.

Meisers Expertisen zum Einfluss und Charakter der Juden gingen nach dem Krieg „verloren“ und wurden erst vor kurzem wieder gefunden. „Es war ein Skandal, dass eine Straße in Nürnberg nach diesem Mann benannt wurde“, sagt Hamburger. Es dauerte über ein Jahr, bis er seine Kollegen im Stadtrat davon überzeugt hatte, dass Nürnberg sich einen solchen Skandal nicht leisten sollte.

Unter Hamburgers Führung hat die Nürnberger Jüdische Gemeinde sowohl den Landesverband der jüdischen Gemeinden wie den Zentralrat verlassen. Organisationstechnisch ist die Nürnberger Gemeinde eine Art freie jüdische Republik. Über Hamburger waltet nur der Allmächtige. Trotzdem beobachtet er genau, was der Zentralrat macht bzw. was er unterlässt. Hamburger hat kein Verständnis dafür, dass Prof. Dr. Rolf Verleger immer noch „Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland“ ist. Der Mann, sagt Hamburger, sei „das jüdische Alibi der NPD“, „ein vergiftetes Würstchen“ und „ein Volksschädling“. Und damit die Besucher nicht auf die Idee kommen, er habe sich nur versprochen, wiederholt er: „Ein Volksschädling“.

Prof. Dr. Rolf Verleger positioniert sich nämlich seit einiger Zeit als   heftiger „Kritiker“ der israelischen „Gewaltpolitik“, er gehört zu den Initiatoren der „Berliner Erklärung Schalom 5767“, in der Israel für die Lage und die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten verantwortlich gemacht wird.

So etwas bringt Hamburger, der kurz vor Kriegsbeginn 1939 nach Palästina fliehen konnte und 1946 mit der Britischen Armee nach Nürnberg zurück kam, wo er den Alliierten als Übersetzer diente, auf die sprichwörtliche Palme. „Hören Sie sich das mal an“, sagt er und liest aus der Einladung für einen Vortrag vor, den Prof. Dr. Rolf Verleger am 1o.2. in Nürnberg halten soll: „Rolf Verleger wurde einem Mann geboren, dessen Frau und Kinder ermordet wurden, und einer Frau, deren Eltern ermordet wurden.“ Hamburger macht eine kurze Pause, damit die Sätze ihre Wirkung entfalten. Dann sagt er: „Und das macht Rolf Verleger nicht nur zu einer moralischen Instanz sondern auch zu einem Experten für den Nahen Osten.“

In der Einladung des „Nürnberger Evangelischen Forum für den Frieden“ steht nicht nur, wer die Eltern von Rolf Verleger sind, sondern auch wie der Neurologe aus Lübeck wirklich heißt: „Rolf Avraham-Mordechai Verleger“. Hamburger macht ein Gesicht, als habe er in einen faulen Apfel gebissen, und wiederholt ganz langsam. „Rolf Avraham-Mordechai Verleger“. Und es klingt wie Rolf „Israel“ Verleger.

Dann wechselt Arno Siegfried Hamburger das Thema. Er ist nicht nur ein „aggressiver, militanter Jude“, er ist auch ein militanter Nicht-raucher und aggressiver Nichttrinker. „Ich habe noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken, noch nie eine Zigarette geraucht. Aber glauben Sie mir: Die Summe aller Laster bleibt sich gleich.“

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