Gastautor / 22.12.2012 / 18:12 / 0 / Seite ausdrucken

Armuts-Arithmetik

Rupert Reiger

In Deutschland hat sich die Zahl armer Menschen auf hohem Niveau eingependelt. Das kritisieren Sozialverbände und Gewerkschaften in ihrem Armutsbericht. Wer hierzulande einmal im Abstiegskreislauf steckt, bekommt immer weniger Chancen, sich wieder herauszuarbeiten.

Die Verfestigung von Armut zeige sich daran, dass die Armutsquote seit Jahren zwischen 14 und 16 Prozent liege, sagte die NAK-Vizesprecherin Michaela Hofmann am Dienstag in Berlin. Es sei ein “Skandal, dass sich diese Zahl auf so hohem Niveau einpendelt”.

Zu lesen hier:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/nationale-armutskonferenz-legt-schattenbericht-vor-a-873620.html

Hier haben wir wieder mal einen Artikel, in dem nicht zu lesen ist, wie die Armut, wovon der Artikel handelt, definiert ist.

Gemeint ist die relative Armut:

Definition Armutsgrenze und relative Armut:
Relative Armut bezieht sich auf verschiedene statistische Maßzahlen für eine Gesellschaft. Häufig wird dabei auf ein bestimmtes Verhältnis des gewichteten individuellen Einkommens zum Median (0,5-Quantil) des Netto-Äquivalenzeinkommens abgestellt. Üblich sind in Politik und Öffentlichkeit Armutsgrenzen bei 40 %, 50 % oder 60 % des Median (Anmerkung: Wir sprechen im vorliegenden Armutsbericht von 60% vom Median). Relativ arm ist, wer „unter“ diesen 60% verdient bzw. erhält.

Also der Begriff der relativen Armut bedeutet Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen Umfeld eines Menschen.
Armut im Vergleich zur Relativen Armut:
Über den tatsächlichen Lebensstandard der Menschen sagt die relative Armut wenig aus.
Relative Armutsgrenzen hängen eng mit der Verteilungsproblematik zusammen. Sie sind letztlich eine Aussage darüber, ob eine Gesellschaft die unteren Einkommensgruppen am mittleren gesellschaftlichen Einkommen teilhaben lässt. Der traditionellen Vorstellung vom Begriff „Armut“ entsprechen sie wenig.
Eine Armutsquote von 0 % würde bedeuten, dass alle – auch die, die nicht arbeiten und auch nicht arbeiten wollen, sowie die, die mit einem geringeren Einkommen zufrieden sind – ein Einkommen von zumindest 40 bis 60 % des mittleren Einkommens erhalten.
Das alles zu lesen hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Relative_Armut

Wir sprechen im vorliegenden Armutsbericht von 60%.


Es ist nun so:
Jede Formel muss unter einer Grenzwertbetrachtung bestehen. Das heißt, nimmt man Werte oder Ergebnisse als sehr groß oder sehr klein (z.B. 0) an oder auch alle Werte als gleich im Falle einer statistischen Aussage, muss der Sinn der Formel gewahrt bleiben.
Das hat immer und überall zu gelten, auch für irgendwelche formalen statistischen Formulierungen in den Sozial(wissenschaften?).

1)
Dann nehmen wir mal ein kleines Beispiel von 20 Zahlen (von mir aus nehmen sie für die Zahlen k€ als Einkommen):

1 2 7 9 10 11 12 12 13 15 15 19 21 22 24 25 29 30 30 35
Hierfür erhalten wir in der Mitte der Zahlenreihe für den Median = 15,
60% vom Median = 9,
drei Werte liegen unter diesen 9,
3 von 20 sind 15% (14-16% vom Artikel oben, das Beispiel ist so gemacht, dass das ungefähr passt),
also 15% der Zahlenreihe sind „relativ arm“.

Wie würde eine extreme Lösung von 0% „relativ arm“ aussehen mit der Reihe ansonsten unverändert?

9 9 9 9 10 11 12 12 13 15 15 19 21 22 24 25 29 30 30 35
Hierfür erhalten wir wieder in der Mitte der Zahlenreihe für den Median = 15,
60% vom Median = 9,
nichts liegt mehr unter diesen 9,
0% sind „relativ arm“.
Dafür müssen aber alle Verdienst der darunter liegenden auf die Grenze von 9, d.h. 60% des Median Verdienstes (!!!) angehoben werden.

Das heißt, kommen wir zurück zu oben:
Eine Armutsquote von 0 % würde bedeuten, dass alle – auch die, die nicht arbeiten und auch nicht arbeiten wollen, sowie die, die mit einem geringeren Einkommen zufrieden sind – ein Einkommen von zumindest 60 % des mittleren Einkommens erhalten. Hier liegen wir, im Prinzip nicht im Machbaren, so doch im Sinnvollen des Algorithmus.

In einem weiteren Beispiel variieren wir wieder die erste Reihe, indem wie alles unverändert lassen aber den Mittelstand anwachsen lassen, z.B. so:

1 2 7 9 10 11 12 18 22 25 25 26 26 27 27 28 29 30 30 35
Hierfür erhalten wir in der Mitte der Zahlenreihe für den Median = 25,
60% vom Median = 15,
sieben Werte liegen unter diesen 15,
7 von 20 sind 35%,
also 35% in diese Zahlenreihe sind „relativ arm“.

Das heißt, durch einen Zuwachs an Erfolg und Verdienst in der Mittelschicht (von der ersten Zahlenreihe zur dritten) steigt die „relative Armut“ von 15% auf 35%, ohne dass irgendwas an den Einkünften der Ärmeren geändert wurde!
Der Effekt wurde im Artikel oben, auch wenn das Wort Spreizung vorkommt, so nicht dargelegt.

Natürlich kann man unzureichende Hartz-IV-Sätze sowie den ausufernden Niedriglohn-Bereich kritisieren. Das sei dahingestellt.
Aber (aus Artikel zu oben):
9,3% der Bevölkerung erhalten staatliche Leistungen zur Sicherung ihres Existenzminimums wobei 15% der Bevölkerung als „relativ arm“ gelten.
Hebt man die 9,3% durch gerechte Entlohnung (wenn sie arbeiten) nach dem Motto wer arbeitet soll auch davon leben können, auf das Existenzminimum, bleiben sie immer noch unter der Armutsgrenze obiger 15% „relativ Armer“ (da 15 größer 9,3 liegt auch die entsprechende Grenze höher) und am Ergebnis der ersten Reihe ändert sich … nichts!

Die %-Zahl der „relativ Armen“ bleibt unverändert dieselbe!
Also kann man diesbezüglich auch nicht mit dieser Formel argumentieren.

2)
Eine weitere Grenzwertbetrachtung
Gehen wir mal von einer absoluten Gleichverteilung als grenzwertigen sozialistischen Wunsch aus (N-Korea ist hier nah dran, sieht man von einer minimalsten Oberschicht mal ab), also wieder 20 Werte:

1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
Hierfür erhalten wir in der Mitte der Zahlenreihe für den Median = 1,
60% vom Median = 0,6 ,
kein Wert liegt mehr unter diesen 0,6 ,
0% sind „relativ arm“.
Daran würde sich auch nichts ändern, wenn all diese Leute verhungern !!!

Ich gestehe allerdings, in N-Korea sieht es mehr so aus:

1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 100
Was ändert sich hier?
Absolut nichts !!!
Wieder sind 0% sind „relativ arm“.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 17.05.2018 / 06:08 / 42

Sarrazin, Thym und das Dilemma des Rechtsstaats

Von Titus Gebel. Grundsätzlich ist der Rechtsstaat einer der wichtigsten Garanten für Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Die Gleichheit vor dem Gesetz, die Bindung von Machthabern…/ mehr

Gastautor / 06.05.2018 / 17:30 / 3

Und warum haben Sie nichts unternommen?

Von Eran Yardeni Im Jahr 2013 führte The European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) in acht verschiedenen EU-Mitgliedstaaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Lettland, Schweden, Ungarn…/ mehr

Gastautor / 28.04.2018 / 15:00 / 12

Der Antisemitismus als Geschäftsmodell

Von David Klein. In Deutschland wird wieder einmal über Antisemitismus debattiert. Losgetreten wurde die aktuelle Debatte durch zwei deutsch-muslimische Rapper: einen Konvertiten, Felix Blume, Kampfname…/ mehr

Gastautor / 27.04.2018 / 15:00 / 5

Wenn Wissenschaftler Heilslehren verkünden

Von Christian Marty. Gott ist tot – und trotzdem – oder gerade deshalb? – gibt es zahlreiche Verkünder von Heilslehren. Es ist eine zentrale Signatur…/ mehr

Gastautor / 25.04.2018 / 10:00 / 7

Eine Welt aus tausend Liechtensteins?

Von Titus Gebel. Erwähnt man im Gespräch, dass die politische Ordnung Liechtensteins möglicherweise als Vorbild für Deutschland dienen könne, erntet man in der Regel Hohn…/ mehr

Gastautor / 22.04.2018 / 17:14 / 6

Von Singapur lernen?

Von Titus Gebel. Manchmal muss man in die Ferne schweifen, um zuhause klarer zu sehen. Wie ein geordnetes Einwanderungsregime und die Sicherung von Seegrenzen funktionieren,…/ mehr

Gastautor / 14.04.2018 / 06:20 / 14

„March for Science“: Ostermarsch der Wissenschaftler

Von Bertha Stein. Welch frohe Botschaft: Heute, am 14. April, findet zum zweiten Mal der „March for Science“ statt. Wobei das eigentlich so nicht korrekt…/ mehr

Gastautor / 09.04.2018 / 12:15 / 17

18 Jahre Energiewende – eine Bilanz

Von Volker Voegele. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz beziehungsweise die Energiewende wurde in der ersten Fassung am 1. April 2000 in Kraft gesetzt. Bedauerlicherweise entpuppte es sich nicht als…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com