Henryk M. Broder / 02.01.2017 / 10:00 / Foto: Eleonora Lugara / 8 / Seite ausdrucken

Terror-Angst entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage

Man sollte meinen, dass in einem Land, in dem so gut wie alles statistisch erfasst wird, von der Produktion von Schnupftabak bis zum Verbrauch von Toilettenpapier, es auch verlässliche Informationen geben sollte über das, was unter dem Begriff "Ausländerkriminalität" zusammengefasst wird. Nicht um populistische Ressentiments zu befeuern, sondern um eine informierte Meinungsbildung zu ermöglichen. Und dem Geraune die Basis zu entziehen. Schauen wir also mal nach.

Am 13.11.2015 meldete das ZDF auf der heute-Seite: Straftaten: BKA: Flüchtlinge nicht krimineller als Deutsche. Wenn Sie diesen Link heute anklicken, teilt Ihnen das ZDF mit: "Seite nicht gefunden. Die von Ihnen gewünschten Inhalte sind unter der aufgerufenen Adresse nicht oder auch nicht mehr vorhanden." Warum sie unter der aufgerufenen Adresse nicht oder nicht mehr vorhanden sind, bleibt ungesagt. Ist das ZDF ein deutsches Bermuda-Dreieck, in dem manche Inhalte spurlos verschwinden?

Aber "der Inhalt" ist noch da. Sie finden ihn auf der Seite von Zeit Online, ebenfalls unter dem 13.11.2015: Bundeskriminalamt: Flüchtlinge sind nicht krimineller als Deutsche. Die Kriminalität habe sich durch den Zuzug von Flüchtlingen "nicht überpropotional" erhöht - "abgesehen von Straftaten gegen Asylbewerberheime". Das heisst, der Zuwachs der Kriminalität im Zusammenhang mit dem Zuzug von Flüchtlingen sei auf die Anschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte  zurückzuführen.

Damit wäre schon mal ein wenig Klarheit geschaffen. Sieben Monate später, am 8. Juni 2016, meldet ZEIT Online: "Bundeskriminalamt: Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche". Der Unterschied zu der Meldung vom 13.11.15 liegt darin, dass diesmal von "Zuwanderern" statt von "Flüchtlingen" die Rede ist. Im Vorspann steht allerdings: "Zum ersten Mal liegen flächendeckende Zahlen zu Straftaten von Asylbewerbern vor. Sie sollen die Diskussion in Politik und Gesellschaft transparenter machen." Also doch "Asylbewerber" und nicht "Zuwanderer" oder "Flüchtlinge". Oder sind das alles Synonyme? Und von wegen zum ersten Mal: Hat das BKA diese Nachricht nicht bereits im November 2015 verbreitet? Es wäre der Transparenz gedient, wenn die Hobbyköche bei ZEIT Online gelegentich ins eigene Archiv schauen würden.

Heiße Luft mit betäubender Wirkung

Den Satz, auf den es ankommt, sagt eine namentlich nicht genannte "Ministeriumssprecherin": "Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche." Zwar sei "ein direkter Vergleich der Zahlen aus dem Bericht mit früheren Zahlen laut BKA nicht möglich, da die Statistik in dieser Form erstmals erhoben wurde", fest stehe nur, dass "die Zahl der von Zuwanderern begangenen Straftaten Anfang dieses Jahres deutlich zurückgegangen" ist, nämlich "von Januar bis März um mehr als 18 Prozent" auf 69.000 vollendete oder versuchte Straftaten. Zwei Absätze weiter lesen wir: "Eine Vergleichszahl mit Straftaten von Deutschen gibt es nach Angaben einer BKA-Sprecherin für das erste Quartal 2016 derzeit nicht."

Wie bitte? Einerseits stellt das BKA fest, "Flüchtlinge" bzw. "Zuwanderer" seien "nicht krimineller als Deutsche", andererseits gibt das BKA zu, dass es eine "Vergleichszahl mit Strafzahlen von Deutschen" derzeit nicht gibt. Auf welcher Grundlage beruht dann die Feststellung, "Flüchtlinge" bzw. "Zuwanderer" oder auch "Asylbewerber" seien "nicht krimineller als Deutsche"? Und was bedeutet es, dass die Zahl der von Zuwanderern begangenen oder versuchten Straftaten im ersten Quartal 2016 um 18 Prozent gesunken ist, auf nur noch 69.000, wenn die Statistik "in dieser Form erstmals erhoben wurde", es also keine Zahlen gibt, die man zum Vergleich heranziehen könnte?

Welche Schlüsse man aus der BKA-Untersuchung auch ziehen will, sie beweist weder, dass Zuwanderer/Flüchtlinge/Asylbewerber mehr oder weniger kriminell als Deutsche sind. Sie beweist gar nichts. Außer, dass ein Satz wie "Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche" eine betäubende Wirkung entfaltet, wie es auch der Satz "Zuwanderer sind krimineller als Deutsche" tun würde, allerdings bei einer anderen Zlelgruppe.

Einen USB-Stick von einem Müsli-Regal unterscheiden

Das Schöne an einer Statistik ist, dass man sie nach Belieben drehen und interpretieren kann. Wie das geht, lernen wir auf der Seite wissenschaft-im-dialog, einer gemeinnützigen Berliner GmbH, die allerlei bedeutende Projekte betreut. Die Frage, "was Flüchtlinge mit Kriminalität und Terror in Deutschland zu tun haben", wird nur gestellt, um sie als "subjektive Terrorangst" zu disqualifizieren, denn: „Die Angst, dass es unter den Flüchtlingen auch Schläfer und IS-Terroristen gibt, wird vor allem politisch geschürt. Nach allem was wir wissen, ist die Zahl der tatsächlich gefährlichen Menschen viel kleiner als die Bevölkerung glaubt.“

Ja, das st ein überzeugendes Argument. Aber gibt es überhaupt "die Bevölkerung"? Haben wir es nicht vielmehr mit "Bevölkerungen", zu tun, diversen Communities, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen? Nach allem, was wir wissen, ist nicht nur "die Zahl der tatsächlich gefährlichen Menschen viel kleiner als die Bevölkerung glaubt", sondern auch die Zahl der Wissenschaftler, die einen USB-Stick von einem Müsli-Riegel unterscheiden können. Und im übrigen gilt die Feststellung des "Risikoforschers" Dr. Dr. Ortwin Renn: "Es ist wahrscheinlicher an einer Pilzvergiftung oder durch einen Hitzschlag zu sterben, als bei einem Terroranschlag in Deutschland oder Europa ums Leben zu kommen!“

Das ist angewandte Wissenschaft in Zeiten des Terrors. Sachlich, objektiv, angstfrei und zum Kotzen.

Foto: Eleonora Lugara CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (8)
Martin Schott / 02.01.2017

Wenn die Risikoabwägung des Dr. Dr. Renn überhaupt etwas aussagen soll, dann müsste die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden, in Relation mit ähnlichen Kategorien von Gewaltverbrechen gesetzt werden. Sonst könnte man statt mit Pilzvergiftung oder Hitzschlag ebenso gut mit der Zahl der Toten durch Krebs, Herzinfarkt oder Altersschwäche vergleichen - dann wirkt die Gefahr durch Terroranschläge gleich noch viel, viel kleiner. Obwohl ich mich einfach nicht des Verdachts erwehren kann, dass dem IS & Co. im heutigen Deutschland wesentlich mehr Menschen zum Opfer fallen als seinerzeit der RAF in ihrer Hochphase.

Friedrich Schäfer / 02.01.2017

Der Buchtitel “Deutschland verblödet” trifft es nicht. Treffender: “Deutschland soll verblödet werden”. Blöderweiser wollen sich das immer weniger Deutsche antun lassen.

Dirk Verwiebe / 02.01.2017

Wäre es gemein, im Zusammenhang mit dem NSU mal zu fragen, wie viele türkische Mitbürger pro Jahr an »Pilzvergiftung oder Hitzeschlag« sterben?

Georg Siegert / 02.01.2017

Es gibt den Witz von dem orientierungslosen Ballonfahrer, der einer Person am Boden zuruft und fragt wo er sei. “In einem Ballon” antwortet die Person. Dies ist ein Beispiel für eine Aussage, die genauso zutreffend wie nutzlos ist. Und ebenso verhält es sich mit allen Aussagen, die versuchen Terrorgefahren durch Vergleiche unterschiedlicher Wahrscheinlichkeiten zu relativieren. Oder wem hilft es, der z.B. nach einem Eisregen auf die Strasse gehen will, zu erfahren, dass die Wahrscheinlichkeit auszurutschen und sich den Hals zu brechen deutlich geringer ist, als bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen?

Arnd Hagen / 02.01.2017

Die BKA-Sprecherin und der Risiko-Forscher sollen Ihre Thesen doch bitte einmal mit (Berliner) Terror-Opfern und ihren Angehörigen diskutieren. Auch Einzelhändler, die zusätzliches Wachpersonal finanzieren müssen, stehen sicher für ein klärendes Gespräch zur Verfügung. Aber dazu müsste man ja raus aus dem flauschigen und ideologisch vernagelten Elfenbeinturm und rein ins pralle Leben. Das möchte man dann wohl doch lieber nicht. Genauso wenig wie Simone Peter von den Grünen, die zum wiederholten Mal gegen die Polizei hetzt, selbst aber auch keine Engtanzparty der grünen Parteidamen für diskriminierte Intensivtäter veranstalten will. Die Folgen ihrer vorgeschobenen Toleranz soll immer schön die dunkeldeutsche Bevölkerung ausbaden.

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