Thilo Schneider / 11.12.2017 / 12:00 / 11 / Seite ausdrucken

Anarchie jetzt!

Heute morgen hat mich die Post um 8.30 Uhr aus dem Bett geklingelt (hätte Gott gewollt, dass ich früh aufstehe, hätte er mich mich bei der Bundeswehr verpflichten lassen). Der Briefträger hat mir Briefe gebracht. Wie jeden Tag. Um 9.00 Uhr haben mich die Jungs von der Müllabfuhr aus der Dusche geschmissen. Sie wollten mich ent-sorgen, was meinen Müll angeht. Und während ich diese Zeilen schreibe, fährt draußen ein Krankenwagen mit Blaulicht vorbei, und ein Scherge der Stadtverwaltung klemmt mir seine Existenzberechtigung hinter meinen pflichtschuldig unvorschriftsmäßig geparkten Personenkraftwagen.

Merken Sie was? Genau! Sie merken nichts. Deswegen schreibe ich es Ihnen ja: Wir haben seit 24. September um 18 Uhr und drei Minuten keine Regierung mehr. Niemanden, der uns Leitlinien für ein Deutschland gibt, in dem wir gut und ungerne unser Zusammenleben täglich neu aushandeln. Niemanden, der uns ermahnt, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, indem wir dem Staat noch mehr von unserem verdienten Geld (bei mir täglich ab 9.30 Uhr) zum Umverteilen überlassen.

Keiner ist da, der eine Ehe „jetzt aber für wirklich Alle“ fordert. Niemanden, der mich an die Hand nimmt und mich mahnt, lieber kein Hackfleisch zu kaufen, weil sonst irgendwie Palau überflutet wird und die Palauer dann sehr dringend ein Klimaflüchtlingsvisum brauchen. Ich für meinen Teil befinde mich derzeit in meinem Traumstaat. Es läuft und ich kann in aller Ruhe meinem Lebensunterhalt nachgehen.

Ich kann ungestört den Fernseher anmachen und Anne Will und den anderen Chefunterhändlern der veröffentlichten Meinung beim Zappeln zusehen, wie sie sich verzweifelt bemühen, ängstlichen Politikern irgendwelche Halbsätze zu entlocken, die sie zu so etwas wie einem „Statement“ oder einem „Signal“ hochjazzen können. Oder amüsiert verschiedene Weltuntergangsszenarien in den Light-Medien verfolgen, weil doch das himmlische Führungstandem Erz-Angela Merkel und Erzengel Gabriel sozusagen das Jüngste Wahlgericht hinter sich haben und bis zum Erhalt der Entlassungsurkunde (DAS wäre mal innovativ für gefeuerte Mitarbeiter: Eine Urkunde zum Dank für geleistete Dienste, die zum eigenen Rausschmiss geführt haben) noch so ein wenig vor sich hin verwalten. Ex-Bundeskanzler Schröder nannte das damals „ruhige Hand“.

Die neue Option heißt Ignoration

Deswegen möchte ich, neben den verschiedenen Möglichkeiten wie „Jamaika-Bündnis“, Großer Koalition, Kleiner Koalazion oder einer Minderheits- oder einer Minderheiten-Regierung oder auch Wiederholungs-Wahlen eine siebente Option ins Gespräch bringen: die Ignoration.

Warum tun wir nicht einfach so, als wäre nichts passiert und lassen die Parteien bis zum 19. September 2021 in Ruhe sondieren? Die Politiker stören dann die Bürger nicht beim Arbeiten und Leben, greifen ihnen nicht noch mehr in Taschen und Kassen und gehen niemandem mit obskuren Forderungen und lächerlichen Projekten auf den Zeiger. Maischberger & Friends könnten völlig verzweifelt weitere sinnlose Stuhlkreise im offensichtlich-rechthaberischen Fernsehen vor sich hin moderieren, während ihr Brötchengeber die Gebühren für den lustigen Reigen nicht erhöhen kann.

Die Franzosen und der Rest der EU müssten sehen, wie sie mit dem eigenen Geld ’rumkommen, Forderungen von Potentaten wie Erdogan oder Putin könnte Gabriel mit einem „Sorry, ich habe keine Entscheidungsbefugnis mehr, nehme aber gerne Ihren Einwand zur Kenntnis und außerdem noch von den Schnittchen“ gegenübertreten.

Jede noch so blöde Idee könnte mit einem Schulterzucken abgeblockt werden. Geht nicht, gibt derzeit keinen Chef. Selbst das Rederecht der AfD als größte Oppositionspartei hätte sich erledigt, weil die SPD ja gleichzeitig in der Nichtregierung UND der Opposition wäre und worüber sollte auch debattiert werden, wenn es keine Änderungen oder neuen Gesetzesvorhaben gibt? Da geht es dann auch nur noch höchstens um den Speiseplan in der Reichstagskantine.

Wir haben die derzeit unanarchischste Anarchie, die es je in Deutschland gab. Das sollten wir uns dringend erhalten. Auch, wenn das vier weitere Jahre Merkelsche Weihnachtsansprachen bedeutet. Aber was ist schon perfekt?

Thilo Schneider, Jahrgang 1966, freier Autor und Kabarettist im Nebenberuf, FDP-Mitglied seit 2012, Gewinner diverser Poetry-Slams, lebt, liebt und leidet in Aschaffenburg.

Foto: Thilo Schneider

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Leserpost (11)
Andreas Rochow / 11.12.2017

Die Ersten werden die Letzten sein (Matthäus 22, 14). Zwar nicht im Grundgesetz verankert aber durchaus denkbar: Die stellv. Bundesregierung, bestehend aus Herrn Matthias Müller, CEO des Volkswagenwerks Deutschland, als amtierender Kanzler. Der nutzt die Gunst der Stunde, um mit der überraschenden Forderung nach einer Abschaffung des steuerlichen Dieselprivilegs vom Dieselabgas-Betrug abzulenken. Strafe muss sein: Wenn Dieselfahrer sich bisher alles gefallen lassen haben, gehören sie dafür noch mit einer Steuer bestraft. Zwei beschwichtigende “Dieselgipfel” spielten schon Parlament und müht, vom millionenfachen Abgasbetrug auf Vermeidung von Fahrverboten umzuschwenken. Ein so so eklatant versagender Staat kann gar keine Verantwortung für irgendetwas übernehmen!

Dirk Jungnickel / 11.12.2017

Köstlich, der Text ! Ich wurde an das Sprüchlein erinnert: Stell dir vor es gibt Krieg und Keiner geht hin. Stellt euch also vor, es gibt keine Regierung und Keinen juckt das. Fürwahr, man hielte das aus. Die Medien würden rotieren, aber irgendwann würden sie aufgeben. In den Nachrichten würde der Wetterbericht an erster Stelle stehen, und es gäbe wieder Sendepausen. Die Häuptlinginnen (korrekt ? ) und Häuptlinge der Parteien würden weiter sondieren, weil sie das für nötig halten. Die Sondierungen würden nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfinden sondern im Tiergarten. Das Publikum würde es aber nicht wahrnehmen. Der Bundestag wäre bis auf Weiteres beurlaubt.  Was folgt ? Ein friedlich Land mit glücklichen Bürgern ? Als König Philipp im Carlos von der Ruhe in seinem Reiche schwärmt, schleudert ihn Posa entgegen, dass er sich um die Ruhe eines Kirchhofs handeln würde. Die wollen wir mit Schiller bei uns nun wohl doch nicht ....

Günter H. Probst / 11.12.2017

Da ich von meinem Bundesland, bei notorisch schlechten Straßen, lediglich die Erhöhung der Grunderwerbssteuer und von meiner Kommune lediglich die Erhöhung der Grundsteuer und aller Gebühren erhalten habe, ist mir die Aussicht der Nicht-Erhöhungen beim Bund nur recht.

Rechtsversiffter Hassbürger / 11.12.2017

Falls jetzt jemand argumentieren möchte:“Ohne eine Regierung würde das Recht des Stärkeren gelten und das Land würde im Chaos versinken!!!1111elf” - gut möglich, aber was wäre dann denn anders als vorher? All die ganze Bürokratie, die immer höher werdende Besteuerung, die Aussicht auf eine beschissene Rente und das alles für sowas wie Nahles, die vor laufender Kamera “bätschi” sagt? Noch ein Quäntchen mehr Degeneration und die kann in ihrer pathologischen Infantilität nur noch lange Nase zeigen oder die Zunge rausstrecken. Man mag mich gerne wiederlegen, aber mich dünkt, dass man in jeder drittklassigen Bahnhofsspelunke unter den abgefucktesten Fuselmongos noch kompetentere und charakterlich gefestigtere Persönlichkeiten finden kann, als das was der Durchschnitt des Bundestages an Synapsenkevins zu bieten hat. Wir werden von geisteskranken Narzissten regiert, die ihren vermeintlichen Mehrwert mittels Propagandastrichern wie Slomka, Klöppel oder Lanz in die Welt urinieren lassen - dem Pöbel erzählen diese faschistischen Erklärbärelaborate, dass das nur warmer Sommerregen sei. Selbst Hitler und Honecker waren nicht so einfallslos wie diese Kotnaschersekte von heute und richtig erschreckend daran ist, dass der Mob trotz des ganzen Informationspotentials des Internets sein sinnentleertes Untertanenleben dann doch nur wieder mit Routinekoitus und Katzencontent verbummelt, weil man lieber in wohliger Dekadenzdemenz dem Untergang entgegenschimmelt, als das Parlament standesgemäß an der nächsten Laterne aufzuhängen.

Wolfgang Richter / 11.12.2017

Ob Wahlen oder nicht, Regierung oder nicht, alle machen, angeblich geschäftsführend, weiter wie gehabt, als ob nichts gewesen wäre, verbraten das ihnen lediglich zur Verwaltung überantwortete Geld mit vollen Händen wie zuvor. Sigg reist weiter in der Welt umher und verbreitet “dummes Zeug”. Geschäftsführend brauchen Die Miesere und seine Chefin 2 Tage, um vor der Presse doch noch zu verkünden, daß antisemitische Äußerungen vor dem Brandenburger Tor nicht zu tolerieren seien, und wen interessiert’s ? Und zum Projekt EU-Sicherheitsinitiative werden die nächsten Pflöcke eingeschlagen, an jeder parlamentarischen Kontrolle vorbei, auf dem Weg zu einer EU-Armee. Die Frage, ob sodann Juncker oder Macron über den weltweiten Einsatz der verbliebenen “deutschen jungen Männer” in von ihnen als zu befriedend auserkorenen Krisengebieten ausgeschickt werden, nach Art einer Europäischen Fremdenlegion, stellt infolge der offiziellen Nichtregierung derzeit oder überhaupt auch keiner.

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