Philipp Lengsfeld, Gastautor / 12.03.2012 / 12:36 / 0 / Seite ausdrucken

Amtsbrüder und -schwestern unter sich: Diese Art von Klein-Klein schadet Ostdeutschland

Von Philipp Lengsfeld

Elf halbwegs prominente Ostdeutsche stellen sich gegen Joachim Gauck und provozieren damit die gewünschte Schlagzeile ‘Bürgerrechtler kritisieren Gauck’ (z.B. Taz vom 8. März). Wie traurig, kleinkariert, unecht und vor allem unnötig. Man möchte sich eigentlich gar nicht auf diese Diskussion einlassen, aber man muss doch wohl feststellen dürfen, dass 10 der 11 Unterzeichner nicht etwa vom Beruf ‘Bürgerrechtler’ sondern genau wie Joachim Gauck Theologen, 9 von diesen 10 sogar wie Gauck evangelische Theologen waren. Einige der Unterzeichner bekleideten dabei durchaus Positionen, die in der kirchlichen Karriereleiter sogar über dem einfachen Pastor oder der Pastorin standen. Damit soll in keiner Weise das mutige Wirken des Einzelnen gegeneinander aufgerechnet werden, aber aus dem Satz ‘Anpassung war für uns (Hervorhebung durch den Autor) in der DDR keine Option’ muss der Leser im gegebenen Kontext schließen, dass genau dieses Joachim Gauck unterstellt wird. Von evangelischen Amtsbrüdern und -schwestern hätte man da mehr Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen des Wirkens eines Pastors in der DDR-Diktatur erwartet. Trotzdem muss daran erinnert werden, dass man als herausgehobener Mitarbeiter der evangelischen (oder katholischen) Kirche in der DDR einen gewissen finanziellen, beruflichen und solidarischen Schutzraum genossen hatte (und dies war auch gut so), der aber nicht zu vergleichen ist mit den finanziellen, beruflichen und persönlichen Risiken, die Mitglieder der Friedens- und Ökologiebewegung der DDR auf sich genommen haben, die nicht unter dem direkten Schutz der Kirche standen. In diese Kategorie fällt von den Unterzeichnern nur Sebastian Pflugbeil. Wie gesagt, man möchte darüber eigentlich gar nicht reden, aber es waren die Unterzeichner die diese Diskussion angezettelt haben und die nicht etwa mit ‘empörten Reaktionen rechnen müssen’, wie sie etwas larmoyant formuliert haben, sondern sich dem demokratischen Diskurs an der Stelle stellen müssen, wo sie ihn eröffnet haben.

Und es wird mit falschen Unterstellungen gearbeitet: Es wird die Argumentation aufgebaut, dass Hauptkriterien für Gauck’s Nominierung der ‘Glanz des Unpolitischen’ und seine ‘Rolle als moralische Anstalt, die mit seinem Amt als Pfarrer in der DDR begründet wird’ sind. Beide Behauptungen sind falsch. Joachim Gauck wurde als Gesamtpersönlichkeit nominiert und vor allem wegen seiner Rolle als erster Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen und Chef der Behörde, die jahrelang im Volks-und Medienmund seinen Namen trug. Das diese Behörde und diese Position ‘unpolitisch’ sind, würden nicht mal Gaucks schlimmste Feinde aus den Reihen der SED-PDS-Linkspartei behaupten.

Es ist aber am Ende so simpel wie unangenehm. Die Unterzeichner gehören alle zwar zum SPD-Grünen-Spektrum, sind da offenbar aber soweit am linken Rand, dass sie sich vehement gegen den aus ihren Reihen nominierten und unterstützten Kandidaten für das nominell höchste Amt des Staates wenden, da er ihnen zu bürgerlich ist. Mir scheint dies ganz parteitaktisch geprägt und damit leider in diesem Falle tatsächlich nicht angemessen zu sein. Es ist in Ordnung, dass mehrere Unterzeichner des Aufrufs massive Unterstützer von rot-roten bzw. rot-rot-grünen Bündnissen im Osten (und vermutlich auch im Bund) sind, aber es nicht gut, für diese Diskussion die Lebensleistung von Joachim Gauck in Frage zu stellen. Wenn die Unterzeichner der Meinung sind, dass sie ihre momentanen politischen Ziele mit denjenigen durchsetzen müssen, die Ostdeutschland ruiniert haben, deren System sie in der Vergangenheit ja auch abgelehnt haben und deren Antworten für die Zukunft ähnlich destruktiv sind (Stichwort Einheitsschule, Leistungs- und Investitionsfeindlichkeit), so ist dies zwar verwunderlich und muss von bürgerlichen Politikern auch aktiv bekämpft werden, aber es ist letztlich Teil der demokratischen Auseinandersetzung. Warum aber evangelische Theologen einen der ihren, mit gemeinsamen Erfahrungshintergrund und vor allem aus der gleichen gebeutelten Region anfeinden müssen, bleibt ihr Geheimnis. Wenn es tatsächlich um die unterschiedlichen demokratischen Interpretationen von Freiheit ginge, wäre die Reaktion schon sehr verwunderlich. Man kann sich aber nicht des Verdachts erwehren, dass etwas anderes der wahre Grund ist: Eine politische Konzession an den von den Unterzeichnern favorisierten Politikpartner (die Linkspartei). Das die Linkspartei mit ihrer Haltung zu Joachim Gauck zum wiederholten Male ihre totale Politikunfähigkeit in Ostdeutschland unter Beweis gestellt hat, muss dann an dieser Stelle wohl doch noch mal ausdrücklich ausgesprochen werden.

Und dies ist der traurige Teil: Der gemeine Westler sieht sich hier nur wieder in seinen schlimmsten Vorurteilen bestätigt. Obwohl aus ihren Reihen direkt oder indirekt die beiden höchsten Würdenträger dieses Landes kommen (werden), fällt den Wortgewaltigen nur Nörgelei ein. Wenn man nicht wüsste, welche kleine Minderheit (und ich sage leider) die evangelischen Theologen in Ostdeutschland vertreten, dann müsste man sagen: ‘Die spinnen die Ossis’.

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