Henryk M. Broder / 20.12.2012 / 04:26 / 0 / Seite ausdrucken

Alles für den Frieden

Anfang des Jahres 1991, als es irakische Scud-Raketen auf Tel Aviv regnete, gab mir der damalige Vorstands-sprecher der Grünen, der Berliner Rechtsanwalt Christian Ströbele, ein Interview zur Lage im Nahen Osten. Darin sagte er unter anderem, die irakischen Angriffe seien “die logische, fast zwingende Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber”.

Nachdem das Interview in der Süddeutschen Zeitung erschienen war, erklärte Ströbele, es sei nicht autorisiert gewesen, was stimmte, und es gebe weder seine Meinung wieder noch das, “was tatsächlich während des Gesprächs gesagt worden ist”, was erlogen war. Zugleich sprach sich Ströbele gegen die Lieferung von Patriot-Raketen an Israel aus, seien doch diese keine reinen Abwehrwaffen.

22 Jahre und mehrere Kriege später, am Freitag letzter Woche, fand vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, dem Sitz des Bundestages, eine Demonstration der „Berliner Friedensbewegung“ statt. Die Teilnehmer, zum Teil Angehörige der Bundestagsfraktion der Linkspartei, hielten Poster in die Höhe, auf denen zu lesen war: „Hands off Syria! Gegen antisyrische Lügen und Kriegshetze von Medien, Politikern und sog. Menschenrechtlern!“ Sie forderten: „Keine Einmischung in Syrien! Keine Patriots und Awacs in die Türkei!“ Anlässlich einer Kundgebung des „Hamburger Forums für Frieden und Völkerverständigung“ hieß es, die bevorstehende Stationierung von Patriot-Raketen der Bundeswehr werde „den Konflikt weiter eskalieren – mit unabsehbaren Folgen“.

Denn bis jetzt waren die Folgen des Konfikts absehbar: Zehntausende Tote, Hundertausende Flüchtlinge, zerstörte Städte. Aber das macht den „Friedensfreundinnen und Friedensfreunden“ nichts aus, so lange der Konflikt nicht „weiter eskaliert“, soll heißen, so lange dem syrischen Diktator niemand in den Arm fällt.

Das war auch so, als im benachbarten Irak noch Saddam Hussein regierte. Da reisten deutsche Friedensfreunde dutzendweise als „lebende Schutzschilder“ in den Irak, u.a. der bayerische Liedermacher Konstantin Wecker. Es half nichts. Saddam wurde gestürzt. Auch Assads Tage sind gezählt. Aber irgendeinen Despoten, dem sie zu Hilfe eilen können, werden die deutschen Friedensfreunde und Freundinnen schon finden.

Erschienen in der Weltwoche vom 20.12.12

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