Gastautor / 05.11.2017 / 10:12 / Foto: Jürgen Vollmer / 16 / Seite ausdrucken

Alle wollen Opfer sein

Von Roger Koeppel.

Achtung, ich betrete ein Minenfeld. Jedes Wort kann gegen mich ausgelegt, mir so im Mund verdreht werden, dass auch ich in der gegenwärtigen Post-Weinstein-Sexual­belästigungs-Hysterie plötzlich als Weinstein-Versteher und, Gott behüte, als «Sexismus»-­Verharmloser dastehen könnte. Jeder, der die mutmasslichen Übergriffe des Produzenten-­Grüsel aus Hollywood nicht in den allerschärfsten Worten verurteilt und darauf verzichtet, dessen Untaten weltgeschichtlich irgendwo zwischen Dschingis Khan und Idi Amin einzuordnen, lenkt unweigerlich den Verdacht auf sich, heimliche Sympathien zu hegen für den amerikanischen Schmuddel-Mogul, der laut Zeugenberichten vielen Frauen während Jahrzehnten unsittlich an die Wäsche ging. 

Oder ist das jetzt schon zu ironisch-ver­harmlosend formuliert?

Um Missverständnisse zu verhindern, schicke ich im Sinne einer Unangreifbarkeitserklärung voraus: Selbstverständlich verurteile ich sexuelle Belästigung in aller Form. Es widerte mich schon während des Studiums an, all diesen Feministen dabei zuzusehen, wie sie vor den Feministinnen feministische Bücher zitierten mit dem einzigen Ziel, möglichst viele Feministinnen flachzulegen. Obschon im Fall Weinstein noch kein Richter urteilte, gehe ich davon aus, dass sich die Vorwürfe gegen ihn mehrheitlich als wahr herausstellen werden.

Was nun aber wirklich irritiert, ist die Diskussion im Gefolge der Affäre. Die Debatte ist nicht nur weltfremd, sie ist gefährlich. 

Weltfremd ist, wenn plötzlich alle so überrascht und schockiert tun, dass es in Hollywood Produzenten und Schauspielerinnen gibt, die miteinander ins Bett gehen, obschon zwischen ihnen nicht das Feuer der ewigen Liebe lodert. Dass im Sündenbabel der Filmindustrie sexuelle Räuber zugange sind, die immer wieder willige Lustobjekte finden, die sich für Geld, Karriere, Ruhm oder alles zusammen mit den Beutejägern einlassen, dürfte sich schon vor den Weinstein-Enthüllungen herumgesprochen haben. Wer auf die Keuschheit seiner Tochter Wert legt, sollte ihr vielleicht nicht unbedingt eine Laufbahn in der Traumfabrik an der amerikanischen Westküste ans Herz legen. Das aber wussten wir auch ohne Harvey.

Jede Frau wusste, was auf sie zukam

Natürlich gibt es widerliche, grössenwahnsinnige Typen in Hollywood, die glauben, sich gegenüber Frauen alles herausnehmen zu können. Wahr ist aber auch: Keine der Frauen, die sich jetzt - zum Teil nach mehr als 20 Jahren - erstmals beklagen, wurde gezwungen, mit Weinstein zusammenarbeiten zu wollen. Und jede dieser Frauen wusste, was bei diesem laut Medienberichten branchenweit berüchtigten Belästiger auf sie zukam, wenn sie in einen seiner «Honigtöpfe» stieg.

Viele Frauen haben Weinsteins sexuelle Avancen zurückgewiesen. Andere machten mit, weil sie sich dadurch wohl karrieremässig Vorteile erhofften. Ihre Anschuldigungen scherbeln gewaltig. Es war das uralte Gegengeschäft: Der Mann will Sex. Die Frau will Geld und Karriere. Der Mann setzt auf die Macht seiner Position. Die Frau setzt auf die Macht ihrer Schönheit. Der Tauschhandel funktioniert, solange beide profitieren. Willkommen in der Wirklichkeit.

Es ist gut, dass übergrif­fige Chefs wie Weinstein abtreten müssen. Wir erleben es auch in der Politik. Neue Kräfte putzen die maroden Führungsschichten weg. Das System funktioniert. Klar, es hätte alles früher herauskommen können, aber vielleicht hielten es die Frauen vor allem auch deshalb unter dem Deckel, weil sie – dunkles Geheimnis – Harvey Weinsteins Produzentengenie für ihre Zwecke nutzen wollten und seine Schweinereien deshalb nicht als eingeschüchterte Opfer, sondern als insgeheim kalkulierende Karrieristinnen tolerierten. Solange Weinstein lieferte, lohnte es sich nicht, ihn abzuschiessen. Jetzt ist er über sechzig. Der Zenit ist überschritten, die Erfolge liegen Jahre zurück. Man kann ihn fallen lassen. Wobei sie ihn nicht ­fallen lassen würden, wenn er sich anständiger verhalten hätte. 

Ein neues zivilisatorisches Ideal

Nichts, was hier geschrieben wird, recht­fertigt oder verharmlost sexuelle Belästigung. Aber bitte hört jetzt auf mit diesem ­Opfertheater. Es scheint fast so, als sei im Zuge der Weinstein-Affäre ein neues zivilisatorisches Ideal entstanden. Alle wollen Opfer sein. Es erinnert ein bisschen an die Hysterie in den 90er Jahren, als auf einmal ungezählte Frauen ihre Väter beschuldigten, als Babys von ihnen missbraucht worden zu sein. Woher diese Massenbewegung kam, weiss ich nicht, aber sicher spielte die Psychoanalyse eine wichtige Rolle. Den Therapeuten war es gelungen, ihren Patientinnen den felsenfesten Glauben einzupflanzen, sie seien das Opfer väterlicher Übergriffe in einer Frühzeit, an die sie sich gar nicht mehr erinnern konnten. Das Ganze verbrodelte irgendwo zwischen Selbst-Hypnose, Psycho-Voodoo und Hexen­sabbat, aber für die Väter war es brandgefährlich. 

Ähnlich verläuft die Sexpest-Debatte um den Weinstein-Fall. «Sexismus» ist jetzt die grosse Menschheitsgeissel, wobei natürlich keiner genau weiss, was damit gemeint sein soll. Auch hier fällt die Guillotine der Moral, lange bevor die ordentlichen Gerichte tagen. Aus den Abgründen der Vergangenheit steigen die Giftdämpfe hoch, Verjährungsfristen kann es bei Verbrechen dieser Grössenordnung selbstverständlich keine geben. Eben wurde der homosexuelle Schauspielerstar Kevin Spacey an den Pranger gestellt, weil er einen Jungen vor rund 30 Jahren an einer Party im betrunkenen Zustand sexuell missbraucht haben soll. Scheue Gegenfrage: Warum brauchte das Opfer 30 Jahre, um sich an die Gräuel zu erinnern? Die Anwälte lassen derweil die Champagnerkorken knallen. 

Woher das alles kommt? Offenbar haben viele Menschen ein Bedürfnis, als Opfer ernst genommen, gepampert und betrauert zu werden. Als Opfer ist man gefragt, man kommt im Fernsehen, redet aus moralisch erhöhter Position. Das Opfer als Idol, als gesellschaftliche Autorität. Mit dem Opferkult kommt die politische Korrektheit, kommt die Tyrannei des öffent­lichen Mitleids, der richtigen Gesinnung. Ein rasendes Frömmlertum breitet sich aus. Man muss sich solidarisch zeigen als leidender Mitkämpfer gegen das Böse. Weinstein ist überall, vor allem in uns Männern. Wer nicht mitmacht, ist bereits ein halber Täter. Liebe Frauen, lasst es gut sein mit Harvey.

Zuerst erschienen in der Zürcher "Weltwoche".

Foto: Jürg Vollmer CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (16)
Gisela Tiedt / 05.11.2017

Ich lasse es nicht gut sein, ich spinne weiter. Darf eine Verkäuferin zu einer Kundin noch sagen, dass ihr das anprobierte Kleidungsstück gut steht und ihre Figur vorteilhaft umspielt? Sie jugendlich wirken lässt? Vorsichtshalber, denke ich, sollte in Modegeschäften ab sofort ein Sprechverbot gelten. Schließlich kann es doch auch von Frau zu Frau sexuelle Belästigung geben, muss es geben können, sonst rufen wir nach der Gleichstellungsbeauftragten. Wie gut, dass es schon viele Jahre her ist, als mein Ältester, damals zweijährig, im Fahrstuhl eine Frau anstrahlte und begeistert “große Brusten” rief, ganz ohne irgendwie mit Brüderle verwandt zu sein. Die Dame nahm’s locker. Aber heute? Am Ende bleibt nur die “Burka für alle”.

Joanna Jagielski / 05.11.2017

Ich staune über die kollektive Empörungshysterie. Das Ende sehe ich schon: Viele verunsicherte Männer und…ein oskarverdächtiger Film zum Thema „Sexismus“.

Jochen Brühl / 05.11.2017

Woher diese “unglaublichen” Enthüllungen kommen? Natürlich von denen, die sich - medial herausgefordert - nunmehr nach Jahrzehnten an etwas erinnern, was sie als ein sexuelles Opfer ein heterosexuellen weißen Mannes ohne Migrationshintergrund aus der islamischen Welt erscheinen lässt, damit nicht mehr über die täglichen wirklichen sexuellen Übergriffe in Europa in diesem Ausmaß geredet wird. Das Münchner Oktoberfest taugte halt doch nicht zur Relativierung der Kölner Sylvesternacht und vieler anderer Gruppenübergriffe in Deutschland und sonstigen Stellen im westlichen Europa mit einschlägiger Migration. Kölner Sylvesternacht: Ca. 20.000 anwesende Personen, viele hundert Anzeigen, die in der Nacht nicht einmal entgegen genommen wurden. Münchner Oktoberfest 2016: 18 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe. Wohlgemerkt bei zwei Wochen Dauer, 6 Millionen Besuchern (sicher über die Hälfte männlich), davon neun mit deutscher Staatsangehörigkeit (Migrationshintergrund wurde dabei nicht einmal erfasst) und in zwei Fällen ging es um Übegriffe unter gleichgeschlechtlichen Personen. Ach ja - noch etwas: Unter den 18 Fällen waren auch solche, die nicht von den betroffenen Personen angezeigt wurden, sondern vom Sicherheitspersonal zur Anzeige gebracht wurden. Noch Fragen?

Karla Kuhn / 05.11.2017

Ich besitze seit Jahren ein Buch über positives Denken. Es ist sehr realistisch geschrieben. Besonders der Teil über die Opferrolle. “Wir sind gerne Opfer”, Warum ? Weil viele Menschen dann die Aufmerksamkeit bekommen, wenn auch nur für kurze Zeit, die sie sonst nicht bekommen würden.  Das ist sehr traurig. Wenn das Selbstbewußtsein eines Kindes von klein auf gestärkt würde, müßten viele Menschen sich nicht in eine unwürdige Opferrolle flüchten. Auch wenn sie Opfer sind. Opfer sollten selbstbewußt auftreten, dann werden sie wahrscheinlich auch anders behandelt.  Ich sage nicht mehr Stasi-Opfer, sondern Stasi-Verfolgte.  Das klingt schon ganz anders und ich fühle mich nicht klein. Ich habe mich in diese Rolle nicht hineinmanövriert, ich wurde gegen meinen Willen in diese Rolle gedrängt und möchte das auch selbstbewußt und ganz klar zur Sprache bringen. Übrigens herrlich Ihre Zungenbrecher, “.... all diesen Feministen dabei zuzusehen, wie sie vor den Feministinnen feministische Bücher…..”  Übrigens, für Vergewaltiger und Kinderschänder müßte eine ganz anderes Strafmaß gelten.

Clemens Hofmeister / 05.11.2017

“Wobei sie ihn nicht ­fallen lassen würden, wenn er sich anständiger verhalten hätte. ”  Diesen Satz halte ich für das von hirnerweichten Möchtegernfrauenverstehern gestreute Gerücht. Gerade wenn er sich anständig verhalten hätte, wäre er nie in die Gefahr gekommen, fallengelassen zu werden. Gerade nach der Opferung der christlichen Einehe auf dem Altar des aufgeklärten (?) Feminismus (ich warte immer noch auf den angekündigten Idealzustand gegenseitiger Liebe und Wertschätzung für alle) hat sich das Verhalten der Frauen in Richtung Modell “Gottesanbeterin 2000” entwickelt, nur halt mit CC (carrier & contraception) statt Fortpflanzung. Aber jetzt soll das Kachelmannprinzip (K alleine im Aufzug, Frau steigt ein, K steigt aus) mit der Charly Sheen Methode (ich zahle nicht dass sie kommen, ich zahle dass sie gehen) vereint werden. Bravo! Mich erfasst ein feministisch-unbefriedigtes Wonnegefüht.

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