Volker Seitz / 07.10.2017 / 16:57 / Foto: Peter van der Sluijs / 0 / Seite ausdrucken

Afrika: Was nicht produziert wird, kann nicht gegessen werden

Wir haben uns schon an die jährlichen dramatischen Appelle und Spendenaktionen zur Behebung akuter Ernährungskrisen in Afrika gewöhnt. Europäer, Amerikaner und Japaner spenden, um das hungrige Afrika zu versorgen. Ernährungssicherung hat in vielen afrikanischen Ländern nicht die höchste Priorität. Im Gegenteil, die ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung wird von den meisten Regierungen immer noch sträflich vernachlässigt. Bis heute sind nur wenige Fortschritte auf dem Kontinent erkennbar.

Die Länder bräuchten einen klaren Wegweiser, wie sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können. Stattdessen wimmeln die Ansprachen der Verantwortlichen vor Gemeinplätzen und leeren Versprechungen. Dabei hat der Kontinent enorm fruchtbare und wasserreiche Regionen. Afrika ist der einzige Kontinent, der sich nicht selbst ernähren kann. Das war nicht immer so: Als sie unabhängig wurden, konnten die meisten Staaten ihren Nahrungsmittelbedarf selbst decken. Inzwischen sind die meisten Staaten schlecht regiert und können ihre wachsende Bevölkerung nicht mehr selbst ernähren.

Der Kontinent verfügt über mehr als ein Viertel der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Von den Reserven an Ackerfläche werden derzeit nur 20 Prozent überhaupt genutzt. Was nicht produziert wird, kann nicht gegessen werden. Der Weltbank zufolge ist Wachstum in der Landwirtschaft für die Armutsbekämpfung doppelt so effektiv wie in anderen Sektoren. Trotzdem wird die Problematik von Verantwortlichen, den zahllosen Hilfsorganisationen und den Medien kaum je aufgegriffen.

Von seinen natürlichen Voraussetzungen her könnte Afrika problemlos autark in seiner Nahrungs- und Energieversorgung werden. Dennoch machen Hungersnöte in Afrika gerade jetzt wieder Schlagzeilen, weil seit Jahrzehnten die ländliche und landwirtschaftliche Entwicklung vernachlässigt wurde. Gegen die stets wiederkehrenden Krisen könnten sich die Betroffenen besser wappnen. So gibt es zum Beispiel im von Dürre geplagten Äthiopien bislang kein Forschungsinstitut, das sich mit Wasser beschäftigen würde. Es gibt günstige, wassersparende Bewässerungssysteme beispielsweise aus Israel, doch hapert es am Willen der Regierungen, diese Methoden durchzusetzen.

In Gegenden, wo bis zu vierzig Prozent der Ernte durch unsachgemäße Lagerung wieder verloren geht, würde eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Ausbildung helfen. In vielen Dörfern Afrikas gibt es kaum Strom, kaum Straßen und die Bevölkerung ist – von wenigen Elitenzirkeln abgesehen – verarmt. 38 afrikanische Länder haben ein Ernährungssicherungs-Programm, aber nur Ruanda, Malawi, Ghana, Senegal und Benin haben begonnen, es in die Tat umzusetzen. Staatliche Investitionen in ländliche Infrastruktur, Logistik, landwirtschaftliche Dienstleistungen und bessere Anbaumethoden sind notwendig, um Nahrungsreserven aufzubauen.

Je weniger Gleichberechtigung, desto größer das Ernährungsproblem

Ursachen von Katastrophen sind neben der Dürre die weltweit höchsten Geburtenraten. Gesellschaftspolitische Veränderungen gehen in Afrika zäh vonstatten. Noch ist in den Köpfen vieler in ländlichen Gebieten lebender Afrikaner eine hohe Kinderzahl gleichbedeutend mit Reichtum. Das hat für einige Länder prekäre Folgen. 7,4 Kinder gebiert eine Nigrerin durchschnittlich in ihrem Leben. Die Bevölkerung Nigers steigt bis 2030 jährlich um etwa eine Million. Dann werden es in dem Land, das zu zwei Dritteln aus Wüste besteht, 34 Millionen sein. Da 80 Prozentder Männer und Frauen über 15 Jahre weder lesen noch schreiben können, haben sie kaum Chancen auf ein geregeltes Einkommen. Sie verdingen sich als Tagelöhner, treiben mit irgendetwas Handel, bewachen etwas oder versuchen ihr Glück in Europa.

Das benachbarte Nigeria wird bis 2050 die USA als das Land mit der drittgrößten Bevölkerung hinter sich lassen. In Afrika südlich der Sahara müssen die jungen Mädchen eine bessere Schulbildung erhalten und über Verhütungsmöglichkeiten informiert werden, damit sie nicht als Jugendliche schwanger werden. Frauen, die ihre Familie planen dürfen, sind generell gesünder und besser gebildet. Auch in der Landwirtschaft hängt der Erfolg entscheidend von den Frauen ab. Je weniger Gleichberechtigung in einem Land herrscht, desto größer das Ernährungsproblem.

Die Golfstaaten, Saudi Arabien, Bahrain, Oman, Katar, Südkorea, Indien sind Pioniere von Landwirtschaftsinvestitionen in Afrika. Drei Millionen Hektar Anbaufläche wurden gekauft oder gepachtet. Es ist eine große Dummheit, aus Gewinnsucht zum Nutzen der Nahrungsmittelsicherung anderer Nationen die eigenen Agrarflächen zur Ware zu machen, während die Staaten selbst auf den Import von Nahrungsmitteln angewiesen sind.

70 Prozent aller Afrikaner leben auf dem Land, und ihr Auskommen hängt von der Landwirtschaft ab. Oft gibt es nicht einmal einen Pflug. Der Boden wird mit einer Hacke oder Macheten bearbeitet. Kleinbauern brauchen unbedingt Zugang zu neuen Agrartechnologien, wie etwa Hybridsamen und Mineraldünger, und zu Krediten. Außerdem müssen die Barrieren für den regionalen Nahrungsmittelhandel abgebaut werden. Bildung hilft, wenn sie praxisrelevante Fähigkeiten vermittelt.

Die Ursachen der Hungersnöte auf dem Kontinent sind in der Regel menschengemacht. Länder wie z.B. Äthiopien, Kenia, Südsudan, Simbabwe geben weit mehr Geld für Waffen aus als für die Ernährungssicherung der eigenen Bevölkerung. Von dort kommen  die lautesten Rufe nach Hilfe.

Das Märchen von versperrten Märkten in den Industrieländern

Auf internationalen Konferenzen verlangen Afrikaner, und mit ihnen seltsamerweise deutsche Entwicklungspolitiker, dass man die Grenzen für ihre Produkte öffnet. Da es ­keinen fairen Zugang zu den Märkten der ­Industrieländer gäbe, würden afrikanische Bauen benachteiligt und für die Regierungen würde es sich nicht lohnen, in die Landwirtschaft zu investieren. „Everything but Arms“ ­(„Alles außer Waffen“) heißt aber ein Programm der EU, das im Jahr 2001 zur Unterstützung der am wenigsten entwickelten Länder eingeführt wurde – 34 von ihnen liegen in Afrika. Das ­Programm garantiert diesen Ländern den ­zollfreien ­Zugang zu den EU-Märkten für alle ­Güter – außer Waffen. Die Welthandelsorganisation sieht eine Ausnahme vor, die eine einseitige Marktöffnung erlaubt.

Entweder reichen die angebauten Nahrungsmittel nicht, oder die Menschen können sie sich nicht leisten. Eine produktivere Landwirtschaft könnte dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelpreise sinken. Dort, wo Menschen hungern, wie gerade einmal mehr in Ostafrika, rufen die Regierungen nach Hilfe aus Europa oder Amerika, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen. Afrika, das vor 50 Jahren noch Nahrungsmittel exportierte, ist inzwischen bei der Grundversorgung abhängig von Importen und internationalen Hilfen. 300.000 Tonnen Lebensmittel müssen Jahr für Jahr eingeführt werden.

Die angolanische Volkswirtschaft ist in allen Bereichen auf Importe angewiesen. Darunter Grundnahrungsmittel wie Reis, Eier, Gemüse (Kartoffeln, Süßkartoffeln, Tomaten, Kohl, Knoblauch, Zwiebeln, Mais und Maniok) und absurderweise sogar Früchte (Mango, Bananen und Ananas). Importe aus Europa oder Brasilien sind langfristig bestimmt keine Lösung des Ernährungsproblems. Das herrschende Personal ist derzeit mehr interessiert an Billigimporten (z.B. Hühnerfleisch, Tomatenmark oder Milchpulver) zur Versorgung der politisch einflussreichen Städter, als an Förderung der politisch wenig interessanten Bauern. Nationale Machteliten neigen dazu, die Wünsche ihrer eignen ethnischen Gemeinschaft und ihrer Wählerschaft in den Städten zu erfüllen. Das hat Vorrang vor objektiven wirtschaftlichen Entwicklungszielen. Bei schwachen demokratischen Strukturen ist es schwer, Politik zur Ernährungssicherung und damit zur Armutsreduzierung voranzutreiben.

Der ehemalige Präsident Nigerias, Olusegun Obasanjo, sagt im „New African“ von August / September 2017: „People talk about poverty in Africa. God did not make Africa poor. The poverty in Africa is nod God-created, it is human-made. We made Africa poor with our policies and how we execute them and how we deal with the market, the processing, and the storage of food.“ – Die Armut in Afrika ist menschengemacht.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Peter van der Sluijs CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
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