Marisa Kurz / 05.05.2017 / 06:00 / Foto: Tom Koerner / 19 / Seite ausdrucken

Ärzte gegen Tierversuche – geht das?

Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche e. V.“ hat über 200.000 Likes auf Facebook und etwa 2.000 Mitglieder. Das Thema scheint gut anzukommen, doch kann ein Arzt wirklich gegen Tierversuche sein? Ich sage es kurz und schmerzlos: Nein. Wenn er es doch ist, dann ist er ein Heuchler oder hat im Studium nicht aufgepasst. Lassen Sie mich erklären, warum.

Praktisch alles medizinische Wissen, das Medizinstudenten aus ihren Lehrbüchern beziehen, konnte nur mit Hilfe von Tierversuchen gewonnen werden. Auch die moderne Forschung kommt ohne Tierversuche nicht aus. Außer Arzneimitteln und konventionellen Behandlungen werden auch Operationstechniken an Tieren erprobt. Jedes Medikament, das in Deutschland vertrieben wird, wurde vorher an Tieren getestet. Ohne Tierversuche hätte ein Arzt also weder das Wissen noch das Werkzeug, um seine Patienten zu behandeln.

Medizin ohne Tierversuche, davon träume auch ich. Leider ist das zumeist noch Zukunftsmusik. Auch wenn Wissenschaftler heute schon viel über das Leben und über Krankheiten wissen, stecken sie vielfach noch in den Kinderschuhen. Im vergangenen Jahrhundert hat die Menschheit unfassbare technische Fortschritte gemacht. Solche werden in diesem Jahrhundert in den Biowissenschaften folgen. Doch dazu müssen Forscher noch viel lernen. So banal es klingen mag: Um mehr über das Leben zu verstehen, müssen Wissenschaftler an Lebewesen forschen. Auch wenn Modellorganismen wie Bakterien, Hefen, Fruchtfliegen oder Würmer einen festen Platz in der Forschung haben, lassen sich bestimmte Fragestellungen, besonders wenn es um Erkrankungen beim Menschen geht, nur an näheren Verwandten, wie etwa Mäusen, untersuchen.

Ein menschlicher Organismus lässt sich nicht nachahmen

Auch um neu entwickelte Medikamente zu testen, sind Tierversuche unverzichtbar. Zwar lassen sich bestimmte menschliche Zellen kultivieren, ein kompletter menschlicher Organismus lässt sich bisher aber mit keinem Testsystem nachahmen. Eines meiner Lieblingszitate lautet: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten, aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Und genau das ist der Punkt: auch wenn wir wissen, wie ein Mensch aufgebaut ist, können wir keinen bauen. In einem menschlichen Körper befinden sich Hunderte verschiedene Zellen, die auf eine ganz bestimmte Art und Weise mikro- und makroskopisch angeordnet sind. In ihnen laufen zahlreiche unterschiedliche biochemische Prozesse ab, es entstehen neue Substanzen, die andere Zellen beeinflussen. Ein Organismus ist nicht nur eine Zusammenstellung verschiedener Gewebe, er ist ein komplexes System, das sich in seiner Gesamtheit anders verhält als seine isolierten Einzelteile. Auch wenn Wissenschaftler ein Ohr in einer Petrischale wachsen lassen können, können sie einen vollständigen Organismus nicht einfach nachbauen. Es wird daran geforscht, solche Modellsysteme zu schaffen.

Die Ärzte gegen Tierversuche behaupten, dass Tierversuche in der medizinischen Forschung nicht notwendig sind, falsche Ergebnisse liefern und den medizinischen Fortschritt sogar aufhalten. Sie argumentieren, dass viele Tierversuche nicht zu einem Erkenntnisgewinn oder gar einer Heilung von Krankheiten beigetragen haben. Dabei ist der Witz an Forschung doch gerade, dass das Ergebnis des Experiments unbekannt ist. Natürlich werden Tierversuche durchgeführt, von denen sich hinterher herausstellt, dass sie kein brauchbares Ergebnis liefern. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass sie nicht notwendig sind. Wenn die Ergebnisse von Experimenten bereits bekannt wären, dann bräuchte es keine Forschung mehr.

Die Ärzte gegen Tierversuche argumentieren außerdem, dass sich Ergebnisse aus Tierversuchen ohnehin nur bis zu einem gewissen Grad auf Menschen übertragen lassen und man deshalb getrost auf sie verzichten kann. Dass sich Ergebnisse aus Tierversuchen nur begrenzt auf den Menschen übertragen lassen, ist vollkommen richtig – allerdings lassen sie sich besser auf den Menschen übertragen als jegliche Ergebnisse von Experimenten mit Modellsystemen. Wenn wir Tierversuche in der medizinischen Forschung heute abschaffen würden, müssten wir als Gesellschaft schwere Konsequenzen tragen: Der medizinische Fortschritt würde aufgehalten werden und Medikamente müssten direkt an Menschen getestet werden. Wer wären die Testpersonen? Arme? Behinderte? Verbrecher?

Das Florians-Prinzip auf die Medizin übertragen

Den Ärzten gegen Tierversuche ist klar, dass sie, wenn sie konsequent gegen Tierversuche wären, keine Medikamente verordnen dürften. Also haben sie sich eine vermeintlich sinnvolle Strategie überlegt, wie sie Medikamente verwenden können, ohne Tierversuche zu unterstützen:

„Um die forschenden, tierexperimentell arbeitenden Pharmakonzerne möglichst nicht zu unterstützen, kann man auf so genannte Generika-Präparate zurückgreifen. Medikamente können nach Ablauf einer Patentfrist von 20 Jahren von anderen Firmen hergestellt werden. Diese Generika-Firmen produzieren dann die Medikamente meist zu einem sehr viel günstigeren Preis. Wenn man auf diese Nachahmerpräparate ausweicht, hat man zwei Vorteile: man unterstützt die forschenden Firmen nicht und man verwendet Medikamente, deren Wirkungsweise seit langem gut bekannt ist.“

Die Ärzte gegen Tierversuche wollen also forschende Pharmafirmen, die neue Medikamente entwickeln, nicht direkt finanziell unterstützen und stattdessen nur Medikamente von Firmen kaufen, die selbst keine Forschung betreiben, sondern Medikamente herstellen, die andere entwickelt haben. Diese Ärzte wollen also von den Erkenntnissen aus Tierversuchen profitieren, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Das ist so, als würden sie in einem Tierversuchslabor arbeiten und die Kollegen die Experimente durchführen lassen.

Wer tierversuchsfrei leben will, dem gibt der Verein den glorreichen Ratschlag, am besten gar nicht erst krank zu werden: „Leben Sie gesund! Die beste Medizin, um einem Großteil der Zivilisationskrankheiten vorzubeugen, ist eine gesunde, vegetarische oder besser vegane Ernährung, verbunden mit einem bewussten Lebensstil (Verzicht auf Suchtmittel, wenig Stress, Bewegung an frischer Luft usw.)“

Ich will nicht sagen, dass es richtig ist, Tierversuche durchzuführen. Ich bin nicht der Meinung, dass es richtig ist, leidensfähige Tiere zu züchten und einzusperren, um dann Experimente an ihnen durchzuführen und sie zu töten. Aber, so hart das auch klingt, es ist mir wichtiger, dass es Medikamente gibt. Und jedem Menschen, der an Medikamenten forscht, sie verordnet oder sie einnimmt, geht es genauso. Unsere Gesellschaft hat sich stillschweigend darauf geeinigt, dass uns unser Leben wichtiger ist als das der Versuchstiere. Wir haben uns stillschweigend darauf geeinigt, Tierversuche zu akzeptieren. Das ist nicht schön, aber das ist die Wahrheit. Von Tierversuchen zu profitieren und gleichzeitig so zu tun, als sei man gegen Tierversuche, ist scheinheilig.

Diskussionen über die Berechtigung von Tierversuchen sind sehr wichtig. In meinen Augen sollte das oberste Ziel sein, Tierversuche - wann immer möglich - zu vermeiden, das Leiden der Tiere so gut es geht zu verringern und vor allem an Alternativsystemen zu forschen. Doch leider sind wir noch nicht so weit, Tierversuche von heute auf morgen abzuschaffen. Da müssen wir ehrlich zu uns sein.

Marisa Kurz, geboren 1988, hat zwar im Doppelstudium Biochemie und Philosophie studiert und abgeschlossen, will aber Ärztin werden. Deshalb studiert sie seit 2014 Humanmedizin in München und promoviert in Medizinethik.

Leserpost (19)
Peter Hansen / 06.05.2017

Nicht nur Medikamente müssen an Tieren getestet werden, auch viele Pharmazie-Rohstoffe (LAL-Test auf Endotoxine gemäß Europäischem Arzneibuch, erst seit einigen Jahren gibt es Alternativen zum Kaninchentest) sind davon betroffen. Diese Tests sind aufwendig und daher auch nicht gerade günstig, so dass die Firmen durchaus Interesse an einfacheren und günstigeren Tests haben. Neue Testverfahren aber müssen erst auf ihre Wirksamkeit hin überprüft, genehmigt und freigegeben werden und sich dann auch noch auf dem Markt durchsetzen. Es gab außerdem vor einigen Jahren mal eine Debatte über die Grundlagenforschung an der Uni Bremen, die der Neurobiologe Andreas Kreiter an Affen betrieb. Das ganze ging nachher sogar bis zum Bundesverwaltungsgericht! (Affenversuche an der Uni Bremen)

Paul Töbelmann / 05.05.2017

Liebe Marisa Kurz, ein Klasseartikel, danke schön! Ich weiß nicht, ob Du schon davon gehört hast: Pro-Test Deutschland e.V. setzt sich für genau die Art Klarstellung, offene und abwägende Kommunikation über Tierversuche ein, die Du hier machst. Kannst ja mal reinschauen, wenn Du Interesse hast. Caroline Neufert: Die Autorin hat ja nun gerade deutlich gemacht, dass Tiere auch für sie eben nicht wertlos sind. Nur haben Menschenleben für sie eben einen höheren Wert. Belo Zibé: Immer die böse Pharma-Lobby… Tierversuche sind teuer und aufwändig, dazu ungeheuer nervig zu beantragen. Wenn man gleichgute Ergebnisse in Zellkulturen, mit Organchips oder einfach im Computer erzielen könnte, wären die Pharmafirmen (wie übrigens auch die meisten Forscher außerhalb dieser) sicher hellauf begeistert. Wilfried Cremer: Der Widerspruch löst sich auf, wenn man sieht, dass es nicht nur “richtig” und “falsch” gibt, und dass das eine das andere ausschließt. Es handelt sich vielmehr um eine Abwägung von Gütern, wie die Autorin mMn sehr klar darstellt: Das Leid der Tiere gegen das Leid der Menschen. JF Lupus: Kosmetika, die im TV entwickelt oder getestet wurden, dürfen in der EU nicht einmal verkauft werden, das ist schon seit 2013 EU-Recht.

Martin Wessner / 05.05.2017

Dann experimentieren wir eben an Ärzten. Freiwillige vor.

Wolfgang Janßen / 05.05.2017

Die Idee, nicht krank zu werden, ist einfach super. Warum hat mir das keiner gesagt, bevor ich meinen Diabetes Typ 1 bekam? Dann hätte ich das glatt verhindert. Ähnlich wie mir geht es etwa 500.000 gleichfalls Erkrankten. Als man das Insulin noch nicht kannte - und das ist keine 100 Jahre her - sind die Menschen an dieser Krankheit elendiglich verreckt. Auf Grund von Tierversuchen konnte seine Wirkung erforscht werden und heute haben wir Behandlungsmethoden, die ein (fast) normales Leben gestatten. Einen Verzicht auf Tierversuche und damit verbundene medikamentöse Behandlung wird jeder nur so lange fordern, wie er nicht ernsthaft erkrankt. Und das ist eben keine Frage des Lebensstils. Eine gute Bekannte, die sich nahezu “vorbildlich”  ernährt hat, Marathon gelaufen ist und sich auch sonst vielfältig sportlich betätigt hat, ist mit 64 Jahren an Krebs gestorben.

Annegret Weise / 05.05.2017

Ich habe den Eindruck, dass einige der hier Kommentierenden den Text entweder nicht gelesen oder nicht richtig verstanden haben. Tatsache ist und bleibt nun einmal, dass es ohne Tierversuche in der Medizin nicht geht, einzige Alternative wäre Menschenversuche. Und das soll ethisch weniger bedenklich sein?! Wie bereits von der Autorin selbst geschrieben: Wer heute zum Arzt geht, sich behandeln lässt und Medikamente einnimmt, der profiert von den Erkenntnissen, die aus Tierversuchen gewonnen wurden. Wer grundsätzlich dagegen ist, sollte konsequenter Weise auf eine medizinische Behandlung verzichten. Alles andere wäre Heuchelei. “Eines meiner Lieblingszitate lautet: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten, aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Und genau das ist der Punkt: auch wenn wir wissen, wie ein Mensch aufgebaut ist, können wir keinen bauen.” Und selbst wenn wir es könnten, dann würde uns das bei unserem Problem auch nicht weiterhelfen, denn dann wäre es ja ein richtiger Mensch, den wir gebaut hätten und wir würden somit Menschenversuche durchführen. Wofür dann erst einen Menschen künstlich bauen? Wäre doch viel einfacher, bereits vorhandene zu nehmen. Und da bin ich klar dagegen!

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