Michael Miersch (Archiv) / 04.11.2006 / 15:08 / 0 / Seite ausdrucken

Adventsjournalismus

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 03.11.2006:

Seit einigen Wochen erleben wir eine Art journalistischer Adventszeit. Alle harren auf den großen Knall, den Aufschrei der islamischen Massen. Erst wegen der Idomeneo-Aufführung und dann weil deutsche Soldaten in Afghanistan mit alten Knochen posiert hatten. „Die befürchteten Unruhen sind bislang ausgeblieben,“ wunderte sich die Bild-Zeitung am Montag. Auf Spiegel-Online war zu lesen: „ Noch schweigen die Terror-Websites nach der Totenkopf-Affäre… Möglich, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist.“ Offenbar haben Bombenleger in Kabul, religiöse Hooligans in Islamabad und Hassprediger in Riad andere Empörungslaunen als deutsche Redaktionen. Was bilden die sich eigentlich ein? Sind wir weniger wichtig als die Dänen?

Um aus keiner Nachricht einen knalligen Artikel zu stricken bedarf es nur einiger kleiner semantischer Accessoires. Man beachte in den obigen Zitaten die Wörtchen „bislang“ und „noch.“ Sie gehören zum unverzichtbaren Formulierungszubehör engagierter Adventsjournalisten. „Noch“ ist ein kleiner sprachlicher Tau¬sendsassa, mit dem sich die tollsten Effekte erzielen lassen. Nehmen wir einen Beispielsatz: „Vor der Küste Floridas tummeln sich Delfine.“ Er klingt ir¬gendwie zu gut und könnte aus einem Reisekata¬log stammen. Fügen wir also unsere kleine Wunderwaffe ein: „Vor der Küste Floridas tummeln sich NOCH Delfine.“ Da weiß der Leser doch gleich Bescheid, Meeresverschmutzung und Klimaerwärmung werden diese Idylle bald zerstören. Das schöne an der Formulierung ist, dass wir unsere Mahnung mit keinerlei Fakten un¬ter¬mauern müssen.

Ähnlich, wenn sich vor der Küste Floridas „die letzten“ Delfine tummeln. Da leuchtet jedem sofort ein, dass sie bedroht sind. Will der Autor sich gegen eventuelle Ein¬sprüche von Fachleuten absichern, sollte er von der „schleichenden“ Be¬drohung der letzten Delfine berichten. Da schwingt sofort die Sorge um die kommenden Generationen mit. Ob Fettleibigkeit, Vogelgrippe oder Unterschichtfernsehen: Unsere kleinen semantischer Helfer lassen sich bei allen Themen in allen Ressorts nützlich einsetzen NOCH ist die Gewalt in Kindergärten, der Meeresspiegel und die Arbeitslosigkeit in Amerika nicht angestiegen. Aber nicht mehr lange, dann brechen die Sandkastenmassaker aus, Hamburg versinkt in der Nordsee und die USA im Elend.

Wir erinnern uns mit Grausen an den BSE-Winter 200/2001. Allein im Monat Januar erschienen damals 1311 Presseartikel zum Thema Rinderwahnsinn, die - ohne Beweise zu erbringen - höchste Gefahr für unser aller Leib und Leben implizierten (Radio und Fernsehen nicht mitgezählt). Bis heute ist die Krankheit bei keinem deutschen Rind ausgebrochen und auch kein Mensch kam bisher zu schaden (die Zahl der infizierten aber nicht erkrankten Tiere liegt nun bei etwas über 400). Von Waldsterben bis AIDS (wo die Megaseuche in Europa mit großem Orchester herbei geschrieben, aber die dann eintretende Megaseuche in Afrika übersehen wurde) zieht sich die Spur der impliziten Bedrohungen, denen keiner zu widersprechen wagt, solange die Hysteriekurve noch nicht abgeschwollen ist.

FAZ-Online fragte diese Woche den Büroleiter von Al Dschazira, warum die Idomeneo-Affäre auf dem arabischen Sender kein großes Thema war. Herr Suliman antwortete: „Es gibt keine Beleidigten, aber die Polizei geht davon aus, dass es vielleicht welche geben könnte. Das ist doch keine Nachricht.“ Wie kennen die Gebräuche in der Al-Dschazira-Redaktion nicht. Aber wenn dort tatsächlich solche Sicherungen gegen aufgeblasene Null-Nachrichten existieren, könnte sich deutsche Chefredaktionen ein Beispiel daran nehmen.

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