Wolfram Weimer / 20.06.2017 / 06:17 / Foto: Scott Andrews / 8 / Seite ausdrucken

Abenteuer: Tesla-Aktien auf dem Weg zum Mars

Für die einen ist Elon Musk mit seinen Tesla-Autos ein neuer Heilsbringer wie Steve Jobs (Apple) oder Mark Zuckerberg (Facebook). Nur viel schillernder, eine gefühlte Mischung aus Daniel Düsentrieb, Dagobert Duck und Superman. Seine Fans schwärmen: Der Tesla-Chef sei cool, innovativ, ein Milliardenmacher, der mit seinen Elektro-Fahrzeugen die Automobilgeschichte revolutioniere. Tatsächlich hat er die Branche mit seinen E-Modellen kräftig aufgemischt und einen völlig neuen Autokonzern geschmiedet, der mit einem Marktwert von 60 Milliarden Dollar binnen weniger Jahre sogar zum wertvollsten Autokonzern der USA aufgestiegen ist.

Doch für andere ist der Tesla-Chef ein schillernder Blender und Monopoly-Spieler, der das Geld seiner naiven Investoren in gewaltigen Dimensionen verbrennt. Tatsächlich meldet Tesla seit Jahren nur Verluste – und zwar gewaltige. Allein für das erste Quartal 2017 steht ein Verlust von 330 Millionen Dollar zu Buche, fast doppelt so hoch, wie Analysten erwartet hatten. Tesla verbrennt damit jeden Tag 3,67 Millionen Dollar. Doch die Börse jubelt. Die Tesla-Aktie ist in nur sechs Monaten um 75 Prozent gestiegen. „Es herrscht Goldrauschfieber bei Tesla“, urteilen erfahrene Börsianer.

Die Marktkapitalisierung des Elektroautobauers ist inzwischen größer als die der klassischen Autokonzerne Ford und General Motors. Und nun ist sogar BMW eingeholt, was bis vor kurzem als undenkbar galt, denn noch im Dezember lag die Bewertung von BMW rund 30 Milliarden Dollar über der von Tesla. „30 Milliarden im Halbjahr! Es ist die weltgrößte Börsenwette des Jahres,“ raunen Aktienhändler aus New York. Kritiker warnen hingegen vor einem Mega-Bluff und einem bevorstehenden Platzen der Blase. Sie verweisen vor allem auf Zahlen: Während Tesla im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 7 Milliarden aufweisen konnte, dabei aber tiefrote Zahlen schrieb, kam BMW bei einem Umsatz von 94,16 Milliarden Euro auf einen Gewinn von 9,67 Milliarden Euro. Auch bei den verkauften Fahrzeugen hat BMW im vergangenen Jahr 2,37 Millionen Autos an die Kunden gebracht. Bei Tesla waren es rund 80.000. BMW verkauft also mehr als 30 Mal so viele Autos wie Tesla.

Musk will zum Mars Fliegen

Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley warnen nun lautstark vor einer Überbewertung und einem hohen Crash-Risiko. Die Analystenlegende Marc Faber hält die Aktie gar für „wertlos“, sie werde kollabieren, Kursziel sei 0 Euro. Der japanische Autobauer Toyota hat sein Aktienpaket von 3 Prozent jedenfalls – wie nach Pfingsten bekannt wurde – flugs abgestoßen und die Entwicklungskooperation mit Tesla beendet. Doch Musk findet immer neue Investoren und begeistert sie mit funkelnden Visionen von futuristischen elektrischen Autoschlitten, Transportkapseln, Raketen. Bis zum Mars will er eines Tages fliegen, völlig neue Batterien und Solarpanele in mega-innovativen Gigafabriken erfinden und ganz Amerika mit Hyperloop-Transporttunneln durchziehen.

Doch manchem wird das alles nun zu bunt. Die kritischen Analystenkommentare der Wall Street häufen sich, und das Milliarden-Monopoly des Elon Musk kommt an einen brisanten Punkt. Der Milliardär spürt, dass seine Wirtschaftwundergeschichte kippen könnte, und so konterte er die schlechten Nachrichten mit neuen, großartigen Fernzielen. Seine Ankündigung: Er werde mit dem „Model 3“ den globalen Massenmarkt erobern, sein „Model 3“ werde das I-Phone unter den Autos, der Volkswagen des 21. Jahrhunderts und alsbald einen Jahresumsatz von 20 Milliarden Dollar und einen jährlichen Gewinn von fünf Milliarden Dollar erzielen. „Wir nähern uns der Markteinführung vom Model 3 und sind begeistert wie zuvor von der Zukunft Teslas“, tönt Musk. Und so ist die Tesla-Geschichte eine wilde Wette auf die Zukunft – immer neues Geld soll ein Wachstum erzwingen, das bisher nicht einmal annähend profitabel ist.

Erstens hat Tesla technische Probleme. Die Verarbeitung vieler Elemente der Autos hat keinen Premiumstandard, die Batterien halten nicht, was sie versprechen, die Sicherheitsaspekte sind seit Unfällen mit dem „Autopilot“ in der öffentlichen Kritik. Tesla bekommt zudem immer größere Schwierigkeiten, die neue Massenproduktion qualitätssicher zu organisieren.

Zweitens stimmen Produktionsziele und Produktionsrealität nicht überein. Bislang hat sich Tesla darauf konzentriert, die beiden hochpreisigen Fahrzeugvarianten “Model S” und “Model X” zu vermarkten – mit kleinen Stückzahlen. Und schon dabei tut sich das Unternehmen sehr schwer, Bestellungen abzuarbeiten und Lieferzeiten einzuhalten. Verzögerungen sind an der Tagesordnung. „Die Umstellung von den Highend-Miniauflagen zur Massenfertigung wird das größte und existenzgefährdende Problem für Tesla“, unken Wall-Street-Analysten. Model 3 werde nicht so schnell kommen wie versprochen.

10 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten

Drittens braucht Tesla neue Milliarden für den Ausbau der Produktionskapazitäten und genau hier droht die Finanzierungsfalle: Tesla ist schon jetzt hochverschuldet und da der operative Cashflow negativ ist, braucht man immer neues Kapital, die Kreditlinien des Unternehmens sind aber bereits arg strapaziert. Das Volumen der Verbindlichkeiten von Tesla nähert sich 10 Milliarden Dollar. Wie Tesla seine hochfliegenden Pläne – insbesondere die Batteriefabrik – finanzieren will, bleibt unklar, also dürfte die nächste Kapitalerhöhung kommen. Analysten der UBS erwarten einen gigantischen Kapitalbedarf von über 8,5 Milliarden Dollar, wenn das Unternehmen seinen Plan so umsetzt wie vorgegeben.

Viertens bedrohen gewagte Übernahmen den Konzern. So wurde der Solarmodul-Hersteller SolarCity für 2,6 Milliarden Dollar gekauft. Doch bei Solarcity ist der Verlust gigantisch. Solarcity sitzt auf einem Schuldenberg von 3,2 Milliarden Dollar und verschlingt Unsummen. Musk verteidigt die Übernahme – die Vision sei ein Kunde, der tagsüber mit einem Tesla fährt, um das Fahrzeug nachts zu Hause mit seinem Solarstrom aufzuladen. Die Solarpanels und Speicherlösungen von SolarCity sollen aus „einer Hand“ in Tesla-Filialen zu kaufen sein. Mit einigem Pomp weihte Musk die „Gigafactory“ in Nevada ein. Nach Musks Meinung könnte das kombinierte Unternehmen eine Bewertung von einer Billion Dollar erreichen – das 15-fache des gegenwärtigen Marktwertes. Doch Kritiker werfen Musk Kurstreiberei und Interessenkonflikte vor, da er mit zwei Cousins zugleich größter Anteilseigner und Verwaltungsratschef bei SolarCity ist. Musk kauft sich also mit dem Geld der Aktionäre selbst ein hochdefizitäres Unternehmen ab. Er allein wird  mit diesem Deal sehr reich. Ob das am Ende auch für die Tesla-Aktionäre gilt?

Die Gratwanderung zwischen Blender und Revolutionär ist riskant und nervenzehrend. Bis zu acht Dosen Cola Light und mehrere Tassen Kaffee trinkt er laut eigener Aussage pro Tag. In einem Interview sagte er jedoch auch, wie er sich angesichts der Drucks entspannt: "Wissen Sie, wenn da ein bisschen Rotwein ist, ein alter Plattenspieler, etwas Ambien: Zauberei. Zauberei passiert!“ Ambien ist ein in den USA beliebtes Schlafmittel. Der Hersteller warnt allerdings davor, das Präparat zusammen mit Alkohol einzunehmen. Musk interessiert auch das nicht. Er wiederholte die Rotwein-Schlafmittel-Äußerung kurzerhand auch auf Twitter. Regeln sind nichts für einen Großvisionär.

Dieser Beitrag erschien zuerst in The European hier.                                                                                                                                                                                                                      

Foto: Scott Andrews nasa via Wikimedia Commons

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Leserpost (8)
Roland Mock / 20.06.2017

Musk ist ein Visionär, ein Verkaufsgenie; zweifellos. Aber: Er ist halt auch ein Blender. Tesla ist eine staatlich subventionierte und medial hochgezüchtete Blase und die Aktie eine Wette auf die Zukunft, welche die Tesla-Aktionäre verlieren werden. Zumal Musk seinen Förderer Obama verloren hat und noch dazu sein Kumpel und Partner Larry Page (Google) eigene Ziele im Bereich Mobilität verfolgt. Das wird böse enden, das sagt mir mein kluger Bauch.

Werner Geiselhart / 20.06.2017

@Lars Mielke Sehr geehrter Herr Mielke, Tesla wäre schon längst pleite, wenn es nicht fortwährend durch staatliche Förderprogramme gepampert worden wäre. Das selbe Schema wie die Förderung der sogenannten Erneuerbaren in Deutschland, die sich im Wettbewerb, wie er eigentlich in der Marktwirtschaft üblich sein sollte, nie und nimmer halten könnten. Und das alles mit äußerst fragwürdigem Nutzen. Eine gewichtige schwedische Studie hat gezeigt, dass es mit der angeblichen Umweltfreundlichkeit der E-Mobile nicht weit her ist. Bereits die Herstellung der Akkus erzeugt so viel CO2, dass ein Benziner 30.000 bis 100.000km weit fahren könnte, um die selbe Menge zu erzeugen. Dazu kommt dann der CO2-Ausstoß bei der Erzeugung des Stroms, welcher bei 50% Kohle im Strommix und Verlusten beim Stromtransport und der Speicherung das E-Auto alt aussehen lässt. Und trotzdem glauben die meisten an die 0%-Propaganda der Politik und der Medien und fühlen sich einfach gut, wenn sie Tesla-Aktien kaufen. Übrigens, Musk hat sich mit Trump verkracht. Ob da die Fördergelder weiter so fließen werden, wird sich noch zeigen.

Lars Bäcker / 20.06.2017

“What goes up, must come down.” Ich kann den Hype um eine Firma, die noch nie schwarze Zahlen geschrieben hat, nicht nachvollziehen.

Fritz Kolb / 20.06.2017

Großvisionär oder doch eher Großkotz? Der Artikel von Herrn Weimer hebt sich wohltuend von den Journalisten der Klimaretter-Fraktion ab. Und er erinnert mich an den Hype um den Neuen Markt vor 20 Jahren. Damals überschritten einige der Protagonisten in kürzester Zeit locker den Börsenwert z.B. der Deutschen Lufthansa. Mit nichts außer mit Versprechungen auf die Zukunft.  Wie es ausging, kennen wir alle. Und daß die Seifenblase, die sich Elektromobilität nennt platzen wird, ökologisch und ökonomisch, da bin ich mir auch ziemlich sicher. Daran ändern auch diverse Förderbemühungen und grüne Träumereien der Politik nichts.

Roland Müller / 20.06.2017

Ich denke, es ist kein wirklicher Goldrausch, sondern wie holländisches Tulpenfieber im Mittelalter. Die Heilung wird für die “Anleger” als äußerst schmerzhaft werden.

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