Gastautor / 22.11.2016 / 06:00 / Foto: Greenpeace Finland / 4 / Seite ausdrucken

30 Jahre postfaktischer Öko-Populismus

Von Hans-Jörg Jacobsen.

Es ist immer schön, wenn ein neuer Begriff auftaucht, der den Zeitgeist widerspiegelt: Da freut sich der Zeitgenosse, weiß er/sie doch endlich, was Sache ist. Wir leben also seit Aufkommen der „rechten“ Populisten wie der AfD, Le Pen, Erdogan oder Trump in einer „postfaktischen“ Zeit: Hirnrissige Behauptungen, Lügen oder von Fakten befreite Meinungen, Beleidigungen und Drohungen sowie dämliche Twitter- und Facebook-Kommentare sind wirkmächtiger, als simple, klare Fakten.

Nur: Es irritiert, wenn solche Begriffe geprägt und in den Feuilletons nur im Zusammenhang mit den oben genannten als „rechts“ titulierten Akteuren diskutiert werden, denn wir haben in großen Bereichen unseres Lebens schon seit Jahrzehnten eine von Fakten befreite öffentliche Diskussion und darauf folgende populistische Politik. Leser der "Achse" ahnen, was nun auf sie zukommt: Jawohl, ich meine die Diskussion um die grüne Gentechnik, die seit Jahrzehnten im Deutschen Bundestag (nicht nur da, aber ich möchte hier einigen der linkspopulistischen PlärrerInnen mal den Spiegel vorhalten) von einem „Trio Infernal“ faktenfrei geführt wird: Den dingensbumspolitischen Sprechern der Fraktionen der Parteien Die Linke, Die Grünen und, auch das, der SPD, also Kirsten Tackmann, Harald Ebner und Eva Drobinski-Weiß.

Diese drei VolksvertreterInnen äußern sich, auch ungefragt, beständig zu Themen der grünen Gentechnik, dies allerdings mit einer Besorgnis erregenden Attitüde: Sie verzichten dabei grundsätzlich auf eine Beratung durch sachkundige Fachleute (die der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags sicherlich hat), siehe hier. Tackmann beschreibt als ihr Hauptthema das schnöde Geldverdienen durch eine „gefährliche“ Technologie. Dabei ignoriert sie zum einen, dass von „gefährlich“ schon lange keine Rede mehr sein kann, und suggeriert gleichzeitig, dass ihre Tätigkeit als Abgeordnete einer aus der SED entstandenen und moralisch ziemlich verkommenen Partei stets nur den edelsten Motiven folgt, also sie für ihre Arbeit kein Geld bekommt, da ja „Geldverdienen“ moralisch verwerflich ist. Bislang war ich übrigens immer der Meinung, vielfältig durch entsprechend ausgewiesene Kollegen und Studierende aus den neuen Bundesländern belegt, dass in der DDR die naturwissenschaftliche Bildung einen höheren Stellenwert hatte als in der alten BRD. Dies scheint bei Frau Tackmann aber eher nicht der Fall zu sein. Drobinski-Weiss und Harald Ebner (grün), Westgewächse, sind da aber auch nicht besser.

Auf Kirchentagen segnet der grün-lila Mainstream die Vorurteile ab

Es geht diesen VertreterInnen des Volkes nichts über das Kultivieren von populistischen Vorurteilen, die halt nur gepflegt sein müssen, denn gut gepflegte Vorurteile ersparen das eigene Denken und Fakten stören nur. Gerade für Politiker, die ihre Karrieren ja gern dadurch aufbauen, dass sie sich auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisieren, macht es doch karrieretechnisch mehr Sinn, auf einer Parteilinie zu bleiben und kontinuierlich einfache und dem Wahlvolk mundgerecht aufbereitete unwissenschaftliche Meinungen – huch, ist das nicht die Definition von Populismus? –  zu verabreichen, als sich in die Mühen der Ebene zu begeben und kontinuierlich die Fakten zu verfolgen und sich gelegentlich eines Besseren belehren zu lassen. Dies könnte ja dazu führen, dass man seine Meinung ändern muss, und schon ist das schöne Profil dahin: Man zeigt damit zwar moralische Integrität, ist aber in unserer Gesellschaft karrieretechnisch im Eimer.

Genauso verhält es sich mit Institutionen, vornehmlich solchen aus dem Bereich der vermeintlich Natur- und Umwelt schützenden Schutzstaffeln und Sturmabteilungen grüner Denkungsarten, die sich im grün-lila Mainstream von Kirchentagen gerne ihre Vorurteile absegnen lassen.

Apropos Kirchentag: Als 2005 der Evangelische Kirchentag in Hannover stattfand, hatten wir auf Anregung der damaligen BioRegioN dort einen Infostand zum Thema „Grüne Gentechnik“ aufgebaut. Es gab viele gute Gespräche und Besucher, die sich informieren wollten, aber eine nicht: Eine ältere Dame im Althippie-Look kam vorbei und flötete: „I henn mei’ Meinung, I brauch kei´ Informatione.“ Hätte ich damals gewusst, dass wir jetzt im postfaktischen Zeitalter leben, hätte ich sie schon damals zur Ikone dafür ausgerufen. Fazit: Postfaktisches Handeln ist nicht dem „rechten“ Populismus vorbehalten, auch das grün/linke Lager bedient sich seit Jahrzehnten – leider erfolgreich- dieser Verdummungstechnologie. Und die ist wirklich gefährlich: Für unsere Demokratie!

Professor Hans-Jörg Jacobsen war Leiter der Abteilung Pflanzenbiotechnologie am Institut für Pflanzengenetik der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.

Foto: Greenpeace Finland Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia

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Leserpost (4)
hasenauer max / 22.11.2016

erdogan ist kein populist,er verbreitet nur volksreligion islam.

Wolf-Dieter Schleuning / 22.11.2016

Was mir als nun im Ruhestand befindlichen Pionier auf dem Gebiet der gentechnischen Herstellung von Arzneimitteln sauer aufstößt ist, dass die Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet weder von Politik, Verbänden oder den zahlreichen wissenschaftlichen Akademien gegen die Angriffe der rot-grünen Wirrköpfe verteidigt worden ist. Diese sogenannte “rote” Gentechnik wurde Ende der 80iger Jahre genauso furios attackiert wie heutzutage die “grüne”. Dabei spielte schon damals die heutige Anti-Trump Koalition aus Spiegel, Stern, Zeit und Süddeutsche eine zentrale Rolle. Die Kirchen haben sich ebenfalls dem grünen Zeitgeist unterworfen und mit einem Gefasel von der “Bewahrung der Schöpfung” begründet. Außer von Ihnen und Frau Nüsslein-Vollhard ist keine Stimme aus dem wissenschaftlichen Establishment gegen diesen Wahnsinn zu vernehmen. Was hört man vom Wissenschaftsrat, der Max-Planck-Gesellschaft, der Frauenhofer- und Helmholtz-Gesellschaft? Die Pharmafirmen haben sich damals von einer öffentlichen Debatte genauso feige weggedrückt wie heute die Energiekonzerne vor dem Energiewende-Irrsinn. Wenn das mit der Technikfeindlichkeit unwidersprochen so weiter geht, steuern wir auf den Status eines Schwellenlandes zu.

Andreas Rochow / 22.11.2016

Ein grüner Doktor der Naturwissenschaften forderte, den CO2-Gehalt der Autoabgase auf Null zu bringen - Applaus. Aus seinem Mund klingt das Schimpfwort “Poppulisten” geradezu obszön. Wie war das mit den Elchen? Ich schlage “Postfaktisch” als Unwort des Jahres vor. Zutreffender wäre dann schon “non-faktisch” aber das brauchen wir ja nicht mehr, denn dafür gibt es den schönen Begriff “Nonsens”.

Bernhard Freiling / 22.11.2016

Das ist ja keine grundlegend neue Erkenntnis. Schon die Anti-Atomkraft-Bewegung argumentierte höchst erfolgreich auf der postfaktischen Basis und schuf sich eine überragende Anhängerschaft.  Wobei ich zugeben muß, daß seinerzeit die Beschaffung neutraler Informationen zu diesem Thema für “Otto-Normalverbraucher” recht mühevoll war. Im Zeitalter des Internets werden Menschen, die die gegebenen Möglichkeiten nutzen um ihren Wissenshorizont zu erweitern, von “Politikwissenschaftlern” wie Herfried Münkler, als “dumm” bezeichnet (siehe hierzu auch das Fundstück von Nikolaus Steinhöfel vom 21.11. “große Teile des Volkes sind dumm”). Wir leben im Zeitalter der Vorzeichenumkehr. Nicht Derjenige ist dumm, der vorbehaltlos der höheren Weisheit der Elite (Politik) vertraut, sondern Derjenige, der es wagt, deren Aussagen kritisch zu beleuchten. Willkommen im Jahr 1984!

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