Thilo Spahl, Gastautor / 20.01.2018 / 15:56 / Foto: Pixabay / 5 / Seite ausdrucken

30.665 Kohlekraftwerke und der deutsche Wille

Auch die neue, alte GroKo will den Klimaschutzzielen treu verbunden bleiben. Da ist der Planet ja schon halb gerettet. Oder nicht? Letzte Woche war mal kurz davon die Rede, in den Sondierungsgesprächen für die neue, alte GroKo habe man sich von den Klimaschutzzielen verabschiedet. Gemeint waren die für 2020 (welche das sind, ist ohne Belang). Das Geschrei war groß.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt zwitscherte:„Das 40-Prozent-Klimaziel für 2020 wird zum ersten Opfer der neuen & alten #GroKo. Unfassbar verantwortungslos!“ Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping stimmte ein: „Der erste Verlierer ist der #Klimaschutz.“ Hans-Josef Fell, Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, Sprecher für Energiepolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen von 2005 bis 2013 und Träger des „Nuclear-Free Future Award“ zürnte auf der Sonnenseite etwas ausführlicher:

„Die jahrelange Taktik von Kanzlerin Merkel, Vizekanzler Gabriel, CSU-Chef Seehofer und FDP-Chef Lindner geht nun völlig auf. […] Das abgekartete Spiel zwischen Union, SPD und FDP auf der einen Seite und den Wirtschaftsinteressen von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran auf der anderen Seite muss endlich einer breiten Öffentlichkeit bewusst werden.“

Tatsächlich wäre es leicht nachvollziehbar gewesen, wenn das Ziel offiziell aufgegeben worden wäre. Schließlich kommt 2020 nach dem Jahr 2019 und das nach 2018 und in eben jenem sind wir ja schon. Wir haben es also mit einem Zeitraum zu tun, für den man schon mal einigermaßen genaue Prognosen machen kann. Da wird es immer schwerer, Wunder zu verkaufen. Es könnte ja jemand die Zahlen nachschlagen und ein bisschen nachrechnen.

Inzwischen hat man den Anfall von Realitätssinn aber offenbar in gemeinsamer Kraftanstrengung überwunden und am Ende der erfolgreichen Sondierungen ins gemeinsame, geduldige Papier geschrieben: „Wir bekennen uns zu den Klimazielen 2020, 2030 und 2050. Die Handlungslücke zur Erreichung des Klimaziels 2020 wollen wir so schnell wie möglich schließen.“ Dann können ja alle wieder aufatmen. Das hehre Ziel bleibt intakt, der schöne Schein gewahrt.

Gefühlter Klimaschutzweltmeister

Zur selben Zeit an einem anderen Ort: Im Fachblatt Nature Sustainability erscheint die Studie „Targeted emission reductions from global super-polluting power plant units“: Insbesondere die chinesischen Kohlekraftwerke, aber durchaus auch Gas und Öl im Rest der Welt, sind sehr jung und werden daher noch Jahrzehnte lang in Betrieb stehen. Die Studie bezieht sich auf das Jahr 2010 und die zu der Zeit laufenden 30.655 Kraftwerke. Da könnte man natürlich hoffen, dass sich in den letzten sieben Jahren alles geändert hat. So wie man eben auch hoffen kann, dass sich bis 2020 plötzlich alles ändert.

Deutschland steht als gefühlter Klimaschutzweltmeister dank Atomausstieg in der letzten Dekade immerhin auf Platz sieben in der Weltrangliste der Kohlechampions. Deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man betrachtet, wo wir mit unseren Emissionen nach 25 Jahren Klimaschutzpolitik stehen: auf Platz 19 von 22 europäischen Staaten. Mehr CO2-Ausstoß pro Kopf haben nur die Belgier, die Tschechen und die Holländer. Egal. Solange man fest zu seinen Zielen steht, wird schon alles werden.

Oder doch nicht? Diese Abbildung zeigt die deutschen Klimaschutzziele und den Trend (beim Trend muss man bedenken, dass die Reduktion seit 1990 hauptsächlich aus der Abwicklung der DDR-Industrie resultierte): Stefan Rahmstorf hat anlässlich der letzten Koalitionsverhandlungen (wir erinnern uns: Jamaika) projiziert, wie sich die Ziele ändern müssten, wenn das passiert, was passieren wird, nämlich, wenn die Reduktion bis 2018 (da sind wir ja schon) und dann bis 2022 eher dem Trend folgt als den Zielen. Dann werden die Ziele sehr schnell noch viel unrealistischer. Und die Wahrheit drängt sich immer deutlicher auf.

Die Wahrheit ist: Global werden die Emissionen noch lange weiter steigen und in Deutschland werden sie noch lange nur langsam sinken. Mit dem Abschalten von Kernkraftwerken und dem Subventionieren von Solarpaneelen verhindert kein noch so ziel- und verantwortungsbeschwörungswilliger Politiker den Lauf der Dinge bei der Erderwärmung. Da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen. Und damit meine ich nicht eine von Hans-Josef Fell per Notverordnung eingesetzte Weltregierung, die bis 2033 alle Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke und -heizungen abschafft und Autos und Flugzeuge gleich mit. Und Hund und Katze auch.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Novo. Dort finden Sie auch zusätzliche Grafiken.

Foto: Pixabay

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Leserpost (5)
Christian Schulz / 20.01.2018

Und wenn wir ab morgen kein. CO2 mehr erzeugen, was passiert dann mit den frei werdenden CO2-Zertifikaten? Werden die verbrannt oder von anderen genutzt? Was immer wir machen, es ist en Nullsummmenspiel.

Udo Baumann / 20.01.2018

Der Beweis das es nicht um Co2 geht. Alleine in Deutschland sollen die Kosten für die “Klimawende"ja über 2 Billionen Euro betragen. Falls sie ein Grüner sind:Fragen sie sich mal wieviel Regenwald man mit dem Geld hätte kaufen können…

Thomas Nuszkowski / 20.01.2018

ZITAT: “Das hehre Ziel bleibt intakt, der schöne Schein gewahrt.” Nein, es ist andes. Tatsächlich wird gemacht, was die Grünen wollen. Wenn etwas den Grünen nicht passt, dann zucken alle zusammen und tun wieder das, was die Grünen wollen. Genau das ist da passiert. Und das ist der Skandal. Die Grünen haben etwa 8% der Wählerstimmen erlangt. Sie sind eine Randexistenz, die nicht einmal Teil der Regierung ist. Aber sie bestimmen weitgehend die Agenda. Das hat nicht einmal entfernt etwas mit parlamentarischer Demokratie zu tun. Das muss endlich aufhören.

Gottfried Meier / 20.01.2018

Selbst wenn Deutschland 100 % CO2 einsparen würde, hätte das nur eine marginale Auswirkung auf den Gesamt-CO2 Ausstoß weltweit.

Tom Hess / 20.01.2018

Das ist ohnehin alles Augenwischerei. Und das ist noch ziemlich nett umschrieben fürs Verschaukeln. Klimaziele. Dass ich nicht lache. In der letzten Legislaturperiode wurden die Emissionsgrenzen deutlich hochgesetzt. Still, leise und beinahe klammheimlich. Und nach außen so eine Wichtigmacherei. Das Für-dumm-verkaufen wird nicht nur immer drester, sondern auch plumper. Ob´s am Intellekt liegt?

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