112-Peterson: Vom Unberechenbaren

Was macht uns unsicher? Es ist unsere gemeinsame Besorgnis über die Auswirkung von Situationen auf Verhaltensweisen, die unsere Kulturen ausmachen. Dazu gehören auch die gemeinsam gemalten Landkarten, die eine Berechenbarkeit in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen bringen. Das können Sie nur erfassen, wenn Sie verstehen, wie die Welt sich anfühlt, wenn sie unberechenbar ist. Und dies ist schwierig zu verstehen für moderne Menschen, die in friedlichen Zeiten leben, denn unsere Kultur ist so erfolgreich darin, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu reglementieren – und übrigens sogar die Umwelt.

Befinden wir uns überhaupt jemals in einer Situation, in der irgendwas auch nur entfernt Unberechenbares geschieht? Also können Sie gar nicht sagen, wie es ist, wenn man etwas Unvorhersehbarem gegenübersteht. Daher wissen Sie auch nicht, wie es sich in einer Umgebung anfühlt, wo Kultur keine herrschende Rolle spielt. Denn Sie sind Teil einer erfolgreichen Gemeinschaft, und Sie sind außergewöhnlich gut behütet.

Sie sind wie ein kleiner Junge, der in einem Schloss wohnt; er kann nicht über die Mauern blicken und weiß nicht, dass jenseits dieser Mauern – während im Innenhof alles friedlich ist – vielfach Schreckliches geschieht. Doch das ist die Welt. Und der Junge hat keine Ahnung, was auf ihn zu käme, wenn er nach draußen ginge, in die wahre Welt, wo alles tatsächlich unberechenbar wäre. Denn er hatte bisher nur die Möglichkeit, sein Verhalten unter stabilen Verhältnissen wahrzunehmen, in denen alles vorhersehbar, verträglich und akzeptabel ist.

Es gibt viel weniger ideologischen Streit als vor 15 Jahren

In gewissem Sinn ist es gegenwärtig noch schlimmer, andererseits auch besser: Was ich damit meine? Es läuft jetzt in vielen Bereichen friedlich, will sagen: Sogar verglichen mit der Zeit vor 15 Jahren gibt es viel weniger ideologischen Streit in der Welt darüber, wie Staaten miteinander umgehen, ganz anders als in den Mittsiebzigern des vergangenen Jahrhunderts. Da gibt es zwar ein paar Ausnahmen, aber Menschen der ganzen Welt haben mehr oder weniger den Zugang beispielsweise zur Marktwirtschaft begrüßt. Es gibt wenige Ideologien, die sich auch nur in Fantasievorstellungen von Systemen angezogen fühlen, die im Widerspruch zu westlichen Demokratien stehen. Dies ist keine bloß angenehme und kürzliche Entwicklung, und es ist unwahrscheinlich, dass sie ewiglich währen wird. Aber zur Zeit ist sie friedlich.

Und das, die Tatsache, dass es friedlich zugeht, macht es noch schwieriger für uns, und dabei verstehe ich unser Gefühl, ausreichend motiviert für das Verständnis des Ganzen zu sein. Denn wenn die Dinge wirklich gut laufen und alles vorhersehbar ist, dann nehmen Sie an, zu wissen, was Sie tun. Das ist nämlich das Fundament, auf dem Ihre Urteile darüber ruhen, ob Sie wissen, was Sie tun. Sie spulen eine Vorgangsweise ab, und wenn das, was Sie vorhergesagt haben, eintrifft, haben Sie recht. Das macht Sie nicht zu einem Allwissenden, aber soweit es Sie betrifft, reicht es allemal.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich 1996 als Harvard-Vortrag gehalten und erschien als Videovortrag „Predicting Peace Won't Last“ auf dem Youtube-Kanal „Jordan B. Peterson Clips“

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (5)
Werner Arning / 17.01.2018

Das Gefährliche ist wohl die Diskrepanz zwischen dem eingebildeten und dem tatsächlichen Wissen über das Wesen der Welt. Einhergehend mit einer immer weniger vorhandenen Demut angesichts des Nichtwissens. Je weiter sich der Mensch vom eigentlichen Leben entfernt, je weiter er sich auch von Gott entfernt, desto verlorener irrt er durch sein Leben. Und dieser Zustand lässt sich möglicherweise verallgemeinern. So gesehen, stand es um uns noch nie schlechter als heute, trotz materieller Absicherung, trotz Vollversorgung. Insofern sollte man sich nicht zu große Sorgen um das Materielle machen.

Marcel Seiler / 17.01.2018

Leider lässt die Übersetzung zu wünschen übrig, so dass diese deutsche Wiedergabe entweder unverständlich oder leicht verfälschend ist. Schade! – Die Passage “...macht es noch schwieriger für uns, und dabei verstehe ich unser Gefühl, ausreichend motiviert für das Verständnis des Ganzen zu sein.”, macht überhaupt keinen Sinn. Sie heißt richtig übersetzt: “...macht es noch schwieriger für uns, uns selbst zu verstehen, oder [auch nur] ausreichend motiviert zu sein, uns selbst zu verstehen.”, und das ist in der Tat eine interessante Aussage. – Und in der Passage, “Sie spulen eine Vorgangsweise ab, und wenn das, was Sie vorhergesagt haben, eintrifft, haben Sie recht.” müsste es, um den Sinn richtig wiederzugeben, heißen, “....dann *hatten* sie recht.” – Das etwas saloppe amerikanische Englisch ist, das muss ich zugeben, nicht einfach zu übersetzen; wer nur Queen’s English kann, wird Einiges gar nicht verstehen.

Leo Anderson / 17.01.2018

“Es gibt wenige Ideologien, die sich auch nur in Fantasievorstellungen von Systemen angezogen fühlen, die im Widerspruch zu westlichen Demokratien stehen.” Wie bitte? Auch 1996 gab es schon 1,2 Mrd. Chinesen und 1,7 Mrd. Muslime, also fast die Hälfte der damaligen Weltbevölkerung, die nichts von westlichen Demokratien hielten.

Dirk Jungnickel / 17.01.2018

“Es gibt wenige Ideologien, die sich auch nur in Fantasievorstellungen von Systemen angezogen fühlen, die im Widerspruch zu westlichen Demokratien stehen.” Es ist doch schlimm genug, wenn wir uns mehr und mehr mit dem durch und durch ideologisierten Islam herum schlagen müssen. Und “allwissend” muß man keineswegs sein, um zu erkennen, dass die Zeiten k e i n e s w e g s friedlich sind, wie Sie es postulieren. Und auch die andere üble und gefährliche Ideologie ist keineswegs tot. Dazu der folgende Vorfall. Auf dem alljährlichen Liebknecht / Luxemburg - Gedenkmarsch ereignete sich ein Zwischenfall. Besser gesagt eine Provokation, die die Polizei sogleich unterbunden hat. Gewisse Demonstranten wagten es, eine Fahne der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zu zeigen. Kaum ein Berliner dürfte sie kennen. Niemanden würde sie stören. Aber Verbot ist Verbot. Laut Berliner Morgenpost wurden jedoch auch Lenin-,  Stalin- und Mao- Plakate durch Berlin getragen. Die Konterfeis dieser Massenmörder sind bekannt, und viele Berliner dürfte es anwidern, wenn sie mit der Verehrung dieser Verbrecher konfrontiert werden. Bis auf die Ewig - Gestrigen wissen sie natürlich, wessen Geistes Kinder die LINKE “beherbergt”. Aber sie empfinden das, was hier auf Berlins Straßen toleriert wird,  als einen Skandal. Ideologen sind bekanntlich auch unberechenbar, und ihnen ist eben mit Vernunft - Argumenten kaum beizukommen. Trotzdem: Wir haben uns ihnen zu stellen.  

U. Langer / 17.01.2018

Ob es zu begrüßen ist, dass es heute weniger ideologischen Streit gibt als vor 15 Jahren, wage ich zu bezweifeln. Schließlich gab es im 3. Reich gar keinen ideologischen Streit - war das so toll? Woher nimmt der Autor seine Auffassung, dass es heute nur wenige Ideologien gibt, die im Widerspruch zur westlichen Demokratie stehen. Nur mal ein paar Gegenbeispiele: - nationaler Sozialismus - realer Sozialismus - Islamismus - grüner Sozialismus. Dass es heute wenig ideologiesch Streit gibt, liegt in Deutschland wohl vor allem daran, dass alle Bundestagsparteien außer der AFD dem grünen Sozialismus nicht nur verbunden sind sondern diesen auch Schritt für Schritt umsetzen. Wie der Streit ausbricht, wenn jemand mal aus der Reihe tanzt, sieht man gerade bei Themen wie AFD oder Trump wobei auch sehr deutlich wird, wie demokratiefeindlich diese Kräfte des grünen Sozialismus sind, denn es wird ja nicht wirklich versucht, die besseren Argumente zu haben. Man will den ideologischen Gegener mit allen Mitteln möglichst schnell fertig machen.

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