112-Peterson: Über den Verstand

In John Miltons „Das verlorene Paradies“ ist Satan eine intellektuelle Figur. Übrigens erscheint dieses Motiv häufig in der Populärkultur, zum Beispiel in „Der König der Löwen“. Hier ist die Figur des Löwen Scar eine satanische Figur und obendrein eine überaus intellektuelle.

Solche Figuren kommen häufig vor. Sie stellen das Motiv des Bösen dar. Zum Beispiel auch in der Figur des bösen Beraters des Königs. Dieses Motiv umschließt das Thema Vernunft, nämlich in der Idee, dass die Vernunft wie Satan der oberste Engel in Gottes himmlischem Königreich ist. Es ist ein psychologischer Gedanke.

Wie Sie wissen, ist die stärkste Teilkomponente in der menschlichen Psyche der Verstand. Er steht über allem innerhalb des Bereichs der Humanität und vielleicht sogar über allem im Bereich des Lebens. Der menschliche Verstand hat etwas absolut Bemerkenswertes an sich. Doch er hat auch eine Schwachstelle, nämlich die Tendenz, sich in die eigenen Schöpfungen zu verlieben und zu denken, sie seien vollkommen.

Als Solschenizyn „Der Archipel Gulag“ schrieb, warnte er hinsichtlich der totalitären Ideologie davor. Er sagte, der Preis für den Verkauf der von Gott gegebenen Seele an das Gefangensein im menschlichen Dogma seien im Grunde Sklaverei und Tod. Und in Miltons „Das verlorene Paradies“ entscheidet Satan, dass er auf die Transzendenz, auf Gott, verzichten kann. Deshalb formiert er seinen Aufstand. Satan entscheidet, dass das, was er weiß, genug ist und dass er auf die Transzendenz – ein Bereich, den man sich als jenseits dessen, was man weiß, vorstellt − verzichten kann. Aus Miltons Sicht ist die Konsequenz für dieses Verhalten, dass sich Satan sofort in die Hölle begibt.

Nietzsche prophezeite, was im 20. Jahrhundert geschehen würde

Als ich „Das verlorene Paradies“ las, dachte ich, dass der wahre Poet – wie der Prophet − Hinweise auf die Zukunft hat. Vielleicht deshalb, weil der poetische Verstand, der philosophische oder prophetische Verstand, ein Detektor für gewisse Schemata ist. Und es gibt Menschen, die das Tieferliegende wahrnehmen können. Es ist wie die Melodie unserer Nation, die Melodie als Lied, das Lied der Nation. Und sie können sehen, wie es sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt. Sie sehen das bei Nietzsche.

Etwa um 1860 herum prophezeite Nietzsche zum Beispiel, was im 20. Jahrhundert geschehen würde. Er sagte ausdrücklich, dass das Gespenst des Kommunismus im 20. Jahrhundert Millionen von Menschen töten würde. Das ist eine verblüffende Prophezeiung. Er sagte das in seinen Notizen zu „Wille zur Macht“. Und Dostojewski hatte die gleiche Art von Verstand. Er hatte genügend Fingerspitzengefühl für grundlegende Schemata des menschlichen Bestrebens. Nietzsche und Dostojewski konnten daraus die Zukunft erschließen und sehen, was kommen würde.

Ich denke, manche Menschen sind wirklich gut darin, diese Schemata zu erkennen. Und ich meine, auch Milton war von dieser Art. Ich denke, er hatte eine Ahnung von dem, was kommen würde, als der menschliche Verstand und auch die Technologie immer mächtiger wurden. Und die Ahnung war, dass wir Systeme erschaffen würden, die sich von Gott befreien, dass diese Systeme vollkommen rational und vollständig wären und alles, was sie berühren würden, sofort in etwas verwandeln würden, was von der Hölle nicht mehr zu unterscheiden wäre. Die Warnung Miltons in dem Gedicht lautete, dass der denkende Geist, der etwas erschafft und diese Schöpfung als etwas Absolutes verehrt, sofort die Hölle einnimmt.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich als Videovortrag „The Most Powerful Sub-Element of the Human Psyche“ auf dem Youtube-Kanal „Jordan B. Peterson Clips“

Foto: jordanbpeterson.com

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

Leserpost (4)
Elmar Schürscheid / 10.01.2018

Boah, es schaudert einen. Das Böse direkt zu erkennen.

Helmut Zeitz / 10.01.2018

Da muss ich Ihnen widersprechen, wenn für Sie die “stärkste Teilkomponente in der menschlichen Psyche der Verstand” darstellt.  Keineswegs. Das sind immer noch Emotionen. Das könnte Ihnen jeder Trainer für “Konflikt-Management” bestätigen (der berühmt-berüchtigte 90:10-“Eisberg”). Oder auch meine Wenigkeit, die das zu vielen Gelegenheiten erfahren durfte. In kritischen oder auch als bedrohlich empfundenen Situationen wollen Menschen nicht mehr das wahrnehmen, was ihnen der Verstand sagt. Sondern nur noch das, was ihnen die Instinkte aufdrängen. Dennoch ein sehr interessanter Beitrag - wie fast alle hier.

Rainer Franzolet / 10.01.2018

Als jemand, der viele Länder der Welt erlebt hat und dabei in viele menschliche Abgründe geschaut hat sage ich,  das solche -abgehobenen- Beschreibungen wenig mit der Wirklichkeit gemein haben.  Die Masse der Menschheit lebt noch auf Bäumen. Zumindest intellektuell. Milliarden von Menschen glauben an Gespenster. Niemand, der bei Verstand ist, kommt auf die Idee, das die Bibel, der Koran, die Hindus oder sonst ein Voodookram Sinn und Verstand macht.  Trotzdem hat der Unfug Milliarden von Anhängern.  Schaut man sich die Folgen von Merkel, Maas, Gabriel und den MSM in Deutschland an.  Was fällt einem dazu ein?  Zensur! Lügen! Propaganda! Dummheit! Die Masse der Menschen folgt diesem Propagandadiktat. Das einzig Positive daran ist, das man seinen Eltern die Nazizeit verzeihen kann. Man erlebt gerade selber die Machtlosigkeit gegen die Verblödung der Massen.  Nur, das sie sich heute als Grüne, Rote oder Religiöse verkleiden. Die Dummheit der Massen ist wohl ein Naturgesetz.  Nitzsche sagte einmal, das jede Geburt eines Menschen der Wurf der Natur zum Übermenschen sei.  Er hat unrecht.  Ich behaupte, es gibt gar keine Menschen. Ich fühle mich umzingelt von Halbaffen und wenn ich meine Gefühlslage des Zorn richtig interpretiere, dann dient dieser Zorn nur dazu, meine Kinder vor den Irren zu beschützen, in der Hoffnung, das irgendwann später mal ein Mensch geboren wird, der aus der Linie meiner Ahnen und Nachkommen stammt.

Thomas Gruber / 10.01.2018

Meine Mutter sagte immer: “Auf dem Sterbebett werden alle wieder katholisch.”

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Jordan B. Peterson, Gastautor / 22.02.2018 / 10:30 / 8

112-Peterson: Verantwortung schafft einen tiefen Sinn

Die Beziehung zum eigenen Vater ist oft ambivalent, nicht wahr? Einerseits stärkt der Vater seinem Kind den Rücken. Tut er es nicht, steht der Vater nicht…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 07.02.2018 / 12:04 / 3

112-Peterson: Ehe, Kinder, Wahrheit

Was ist mein Rat für junge Männer, die eine Frau suchen, die sie heiraten und mit der sie eine Familie gründen können? Erstens ist es…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 01.02.2018 / 13:02 / 8

Kann man ohne Gott tun, was man will?

Dostojewski ist ein Meister darin, seine Romanfiguren in eine moralisch äußerst schwierige Lage zu bringen und ihnen dann eine umfassende Rechtfertigung für den Weg zu…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 24.01.2018 / 15:00 / 0

112-Peterson: Von Dostojewski lernen

Gestatten Sie mir einen literarisch, philosophisch und psychologisch erhellenden Rückblick. Erstens: Sie wissen, dass Friedrich Nietzsche der Philosoph war, der den Tod Gottes verkündete. Er…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 17.01.2018 / 10:52 / 5

112-Peterson: Vom Unberechenbaren

Was macht uns unsicher? Es ist unsere gemeinsame Besorgnis über die Auswirkung von Situationen auf Verhaltensweisen, die unsere Kulturen ausmachen. Dazu gehören auch die gemeinsam…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 03.01.2018 / 10:30 / 7

112-Peterson: Was ist Gott?

Von Jordan B. Peterson. Praktisch gesehen ist es überhaupt nicht unvernünftig, sich Gott, den Vater, als den Geist vorzustellen, der sich aus der existierenden Masse…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 27.12.2017 / 06:10 / 4

112-Peterson: Mit 30 mußt Du wissen, was Du willst

An einem gewissen Punkt im Leben ist es sehr wichtig, sich einem bestimmten Ziel zu widmen. Das ist das, was Sie hier in der Universität…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 20.12.2017 / 11:00 / 4

112-Peterson: Weibliche Selektion

Von Jordan B. Peterson. Es ist sicher: Wir suchen uns gegenseitig nach Kriterien wie Selbsterkenntnis, Bewusstsein und Intelligenz aus. Ich weiß nicht, ob Ihnen das…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com