112-Peterson: Ehe, Kinder, Wahrheit

Was ist mein Rat für junge Männer, die eine Frau suchen, die sie heiraten und mit der sie eine Familie gründen können? Erstens ist es natürlich notwendig, sich gegenseitig attraktiv zu finden. Das ist wichtig.

Warum wir uns zu jemandem hingezogen fühlen, ist mysteriös. Die Forschung kommt da zu witzigen Ergebnissen. Ein Beispiel: Wir wissen, dass bilaterale Symmetrie als attraktiv wahrgenommen wird. Wenn man also Männer nimmt und sie nach der Symmetrie ihrer Gesichter einstuft und dann einen Tag lang die asymmetrischen und symmetrischen Männer in T-Shirts kleidet und diese T-Shirts Frauen gibt, um sie den Geruch bewerten zu lassen, passiert folgendes: Die Frauen stufen den Geruch der symmetrischen Männer als attraktiver ein als den der asymmetrischen Männer.

Sexuelle Attraktivität hängt von vielen weiteren biologischen Faktoren wie Geruch ab, die tief verwurzelt sind. Frauen tendieren z.B. auch dazu, Männer nicht sexuell attraktiv zu finden, die Rh-Faktoren besitzen, die potentielle Schwierigkeiten bei der Geburt auslösen könnten. Oft geben Frauen an, dass sie den Geruch dieser Männer unattraktiv finden, weil er sie zu sehr an ihre Brüder erinnert. Es gibt also seltsame, mysteriöse Dinge, die bestimmen, ob sich Menschen sexuell und physisch zueinander hingezogen fühlen. Ich denke, dass das ein wichtiger Teil einer Ehebeziehung ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Vertrauen. Es gibt keine Ehe, die ohne Vertrauen erfolgreich ist. Man muss einander die Wahrheit sagen. Das ist einer der Gründe, weshalb Carl Jung die Ehe, also den Hochzeitschwur, der zwei Menschen aneinander bindet, so wichtig fand. Einem anderen die Wahrheit zu sagen ist keine einfache Sache. Jeder Mensch hat schlimme, schwache, widerliche und beschämende Seiten. Diese müssen ans Licht gebracht und bewältigt werden.

Der Deal: Wir legen uns Handschellen an

Du wirst die Wahrheit über dich selbst keiner Person verraten, die schreiend wegrennen könnte, wenn Du ihr enthüllst, wer Du bist. Das eheliche Band bedeutet also mehr oder weniger: „Ok. Hier ist der Deal: Wir legen uns Handschellen an, damit wir aneinander gefesselt sind, und jetzt werden wir einander die Wahrheit sagen und keiner von uns wird wegrennen können.

Sobald wir die Wahrheit wissen, werden wir entweder gemeinsam in Qual leben oder wir werden versuchen, mit der Wahrheit fertig zu werden und uns gemeinsam in Ordnung zu bringen. Dies wird uns mächtiger und widerstandsfähiger machen und tiefer und weiser während wir zusammen durchs Leben schreiten.“

Ich halte die Institution der Ehe für absolut brillant, weil sie einem keine Hintertür lässt, durch die man entkommen kann. Der Schwur ist da. Carl Jung beschrieb die Spiritualisierung der menschlichen Paarbeziehung, u.a. durch die christliche Ehe. Diese betont die Unterordnung beider Partner unter eine höhergeordnete Persönlichkeit, die in der Figur des Logos verkörpert ist. In der christlichen Ehe ist weder der Mann noch die Frau der Chef. Der Chef ist die gemeinsame Persönlichkeit, die sich aus der Wahrheitssuche beider Partner zusammensetzt. Dies wird als gemeinsame Unterwerfung vor dem Logos konzeptualisiert.

Das trifft den Nagel auf den Kopf: Das Eheleben sollte von dem Schwur beherrscht sein, einander die Wahrheit zu sagen. Denn es wird harte Zeiten in Deinem Leben geben, wo Du etwas Dummes getan hast, das Dich zerstören könnte, und niemanden hast, an den Du Dich wenden kannst. Aber wenn Du einen Partner hast, dem Du vertrauen und sagen kannst, „hey, ich habe einen großen finanziellen Fehler gemacht, es quält mich und ich fühle mich wie ein Vollidiot und es ist wirklich gefährlich“, dann wird diese Person Dir helfen, eine Lösung zu finden. Und dieser Partner weiß, dass er, wenn er selbst einen dummen Fehler gemacht hat – und das wird er – zu Dir kommen kann. Ihr könnt reden und euch da durcharbeiten. Das ist eine großartige Sache.

Auch Kinder haben einen schlechten Ruf 

Es gibt einige Dinge, die unsere Kultur wirklich falsch macht. Ein Fehler ist unsere Abwertung der Ehe. Das ist eine ganz schlechte Idee. Denn die Ehe macht ein Drittel des Lebens aus, vielleicht mehr. Kinder sind ein weiteres Drittel des Lebens. Also machen Ehe und Kinder zusammengenommen circa zwei Drittel des Lebens aus. Dies zu verpassen ist ein riesengroßer Fehler.

Natürlich gibt es auch Menschen, die einen guten Grund dafür haben, einen oder mehrere dieser Aspekte des Lebens zu verpassen. Vielleicht sind sie brillante Künstler, die sich vollständig ihrer Karriere widmen müssen. Oder sie sind in irgendeiner anderen Hinsicht außerordentlich und können daher berechtigterweise einen Teil dieser Triade des Seins einem anderen opfern. Im Allgemeinen ist es jedoch eine gefährliche Sache, die vermieden werden sollte.

Auch Kinder haben einen schlechten Ruf.  Dabei sind Kinder wunderbar, wenn sie sich gut benehmen. Eines der Kapitel in meinem neuen Buch heißt „Lasse Deine Kinder nichts tun, was dazu führt, dass Du sie nicht magst“. Dafür kann man tatsächlich sorgen, besonders wenn man es gründlich mit seinem Ehepartner bespricht, also mit der Person, die bei der Disziplinierung der Kinder hilft. Kinder sind die beste Gesellschaft. Sie sind von allem begeistert. Sie lieben es, Neues zu tun. Sie lieben Dich wirklich und sind glücklich, wenn Du mit ihnen Zeit verbringst. Man muss nur sicherstellen, dass ihnen weder zu heiß noch zu kalt ist, dass sie gegessen haben und nicht zu müde sind und man nicht von ihnen erwartet, sich länger auf etwas zu konzentrieren, als sie es können.

Meine Frau und ich nahmen unsere Kinder zum Beispiel in Restaurants mit, als sie zwei oder drei Jahre alt waren, und sie konnten dort ohne Problem sitzen und sich wirklich nett verhalten. Länger als 45 Minuten ging das aber nicht. Man sollte sein Glück nicht herausfordern. Allerdings ist mir bei kleinen Kindern aufgefallen, dass sie circa fünf bis zehn Minuten vor den Erwachsenen ungeduldig werden. Die Erwachsenen sind einfach zu dumm, ihre eigene Langeweile  zu bemerken. Die Kinder bemerken es sofort.

Und dann sagt man dieser Person die Wahrheit

Zurück zur Ehe: Man sollte Ausschau nach jemandem halten, den man attraktiv findet und den man liebt. Und dem man verdammt nochmal vertrauen kann. Und dann sagt man dieser Person die Wahrheit. Auf diese Weise kann man vielleicht gut durchs Leben kommen. Wenn man eine andere Person hat, mit der man das Seil seines Seins verweben kann, um das gemeinsame Seil zu stärken. So kann man Kontinuität in seine Lebensgeschichte bringen, Kinder und Enkelkinder bekommen. Dann kann man ein Leben haben.

Du bist so glücklich, wenn Du das erreichst. Heirate eine Frau von der Du denkst, sie würde eine gute Mutter sein, und die klug genug ist, Kinder zu wollen. Nun, einige Frauen wollen keine Kinder, und manche Frauen sollten vielleicht auch keine Kinder haben. Aber als allgemeine Faustregel gilt: Wenn eine Frau Mitte zwanzig ist und keine Kinder will, oder es nicht zugibt, dann ist sie psychologisch nicht richtig orientiert - es sei denn, sie hat einen brutal wichtigen Grund. Sie weiß nicht, was im Leben wichtig ist.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus einer Fragestunde auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson. Hier geht’s zum Original-Video (ab Minute 44).

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (3)
Werner Arning / 07.02.2018

Ob man den richtigen Lebenspartner gefunden hat, erkennt man daran, dass man ihm/ihr die Wahrheit über sich sagt. Alles, auch das Peinliche. Mit Hilfe des Partners erkennt man sich selbst. Gemeinsam mit diesem Partner wächst man, wird erwachsen. Das kann durchaus auch noch in späterem Lebensalter der Fall sein. Jedenfalls durchlebt man Dinge, die ans „Eingemachte“ gehen, die weh tun, die unendliche Angst machen können, die viel Arbeit beinhalten. Schafft man diese Phase gemeinsam, ist die Belohnung eine echte, tiefe Liebesbeziehung. Man hat die gefährlichsten Stromschnellen bereits gemeistert und kann die Kommenden relativ leicht austanzen. Wer diese Partnerschaftserfahrung gemacht hat, weiß Bescheid. Eine Ehe ist nicht zwingend, wird aber dann oft ganz „freiwillig“, bedacht und zutiefst erwünscht von beiden eingegangen. Wichtig ist das bedingungslose Vertrauen zueinander. Wer sich fallen lässt, braucht Vertrauen. Und Respekt, Hochschätzung des Partners ist unabdingbar. Kinder haben in so einer Gemeinschaft beste Voraussetzungen zu glücklichen, lebenstüchtigen Menschen heranzuwachsen.

Dietmar Schmidt / 07.02.2018

Richtig Herr Peterson, jahrelang wurde die Ehe und Kinder von Schwarzer und Co. schlechtgeredet, die Folgen zeigen sich und Deutschland hat immer weniger Nachwuchs großgezogen. Ich hoffe, dass sich das Blatt wieder wendet, denn es ist so wie Sie die Familie als Lebensform ist immer noch die Beste aller Lebensformen. Gruß D. Schmidt

Esther Burke / 07.02.2018

stimme aus vollem Herzen zu ! die Unaufloesbarkeit der Ehe hat wohl auch damit zu tun, dass man doch sein Leben lang Eltern - die Mutter/der Vater - seiner Kinder bleibt - “Scheidung” ist hier ja auch nicht moeglich. Analog hierzu sind doch sicherlich menschlich stimmige Ordnungen fuer Sexualitaet notwendig.  (S. wird m.E. in unserer Zeit/Gesellschaft sowohl zu sehr ueberbewertet , wie auch in seinem Wert (Sakralitaet) nicht verstanden bzw. abgewertet, trivialized. Danke fuer den Beitrag.

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