112-Peterson: Du hast keine Chance, also nutze sie!

Jordan B. Peterson , Psychologie-Professor an der Universität von Toronto, wird jetzt jede Woche auf Achgut.com vertreten sein. Seine Hauptthemen sind die Psychologie des religiösen und ideologischen Glaubens sowie die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. Im vergangenen Jahr widersetzte sich Peterson einem kanadischen Gesetz, das die Bürger unter anderem dazu zwingen will genderneutrale Pronomen zu verwenden (Bill C-16), weil es nach seiner Auffassung die Redefreiheit verletzt. Mit seiner Kritik an den  damit verbundenen Ideologien erreicht Peterson auf seinen Youtube-Kanälen inzwischen ein Millionenpublikum.   Die Achse des Guten veröffentlicht regelmässig einen ins deutsche übertragenen Beitrag des Kanadiers unter dem Kolumnentitel "112 Peterson".

Von Jordan B. Peterson.

Vielleicht haben Sie schon mal was von Burrhus Frederic Skinner gehört. Er benutzte Futterpellets, um seine Ratten zu motivieren. Aber was Sie nicht über Skinner wissen, ist, daß diese Ratten drei Viertel ihres normalen Körpergewichts verloren. Offenbar wollten die für diese Art Futter nicht arbeiten. Skinners Ansatz war etwas übertrieben, aber man kann Ratten dazu kriegen, für Futter zu arbeiten. Dafür müssen die gar nicht so hungrig sein. Man kann sie für Futter zum Arbeiten bringen und sie werden alle erdenklichen Dinge tun. Sie drücken Hebel und öffnen Türen und lösen Probleme und sie tun alles Mögliche.

Eine Sache, die man tun kann, um eine Art Maß dafür zu erhalten, wie motiviert die Ratte ist, ist sie durch ein Labyrinth zu führen, wenn sie weiß, daß es am Ende des Labyrinths was zu futtern gibt. Man kann auch eine kleine Feder an ihren Schwanz binden und sehen, wie stark sie zieht, wenn man die Tür zum Labyrinth öffnet, wie viel Rattenarbeit sie bereit ist zu leisten. Das kann man dann messen. Oder man kann messen, wie schnell sie das Labyrinth durchläuft und sich dadurch einen Schätzwert über die Rattenmotivation verschaffen.

Dann könnte man also fragen: Nun, wie motiviert ist eine hungrige Ratte? Und die Antwort wäre: Hängt davon ab, wie hungrig sie ist. Aber es gibt noch eine weitere Antwort.

Es hängt nämlich auch davon ab, was hinter ihr her ist, wenn sie zum Futter läuft. Also, wenn Sie eine Ratte haben und am Ende des Labyrinths gibt's Futter, und Sie dann Katzengeruch in das Labyrinth leiten - Ratten hassen Katzengeruch; das ist ihnen angeboren, sie brauchen nie eine Katze gesehen oder gerochen zu haben, um totale Panik vor Katzengeruch haben - also wenn Sie dann etwas Katzengeruch einleiten und dann die Tür öffnen, wird die Ratte viel schneller Richtung Futter rennen, als wenn sie einfach nur Hunger hat. Eine Ratte, die vor etwas weg läuft, was sie nicht will, hin zu etwas, was sie will, ist eine sehr motivierte Ratte.

Eines der Themen unseres Future Authoring Programs ist die Vorstellung von Terror, von Angst. Es gibt diese Vorstellung im Alten Testament, daß Gottesfurcht der Anfang der Weisheit sei. Das ist eine ziemlich brutale Idee, sie hat aber etwas wirklich Nützliches.

Denn eine Sache, die man bei Menschen stets beobachten kann, ist, daß sie versuchen, auf ihr Ideal zuzustolpern, wie unklar es auch immer sein mag, dann aber Angst davor bekommen, was ihnen begegnen könnte. Und das hält sie auf, weil Angst die Menschen abschreckt, sie erstarren läßt, wie ein Beutetier. Also gehen sie los, aber dann haben sie Angst und halten an, und dann fangen sie von neuem an, loszugehen und so weiter.

Das ist kein gutes Konzept, weil negative Emotion ein wirklich kraftvoller Modus ist. Wir werden viel stärker von negativer Emotion motiviert, als von positiver, quantitativ gesprochen. Das kann man messen und ich denke, das kommt daher, weil wir nur in Maßen glücklich sein können, aber wir können wirklich unendlich leiden. Wir richten viel mehr Aufmerksamkeit auf das Negative und das ist schlecht, weil das Negative uns aufhält.

In meiner klinischen Praxis spreche ich oft mit Leuten, die versuchen, eine schwierige Lebensentscheidung zu treffen, und sie vergleichen die Nachteile und die Vorteile dieser Entscheidung. Was ich denen dann immer sage, ist: Moment. Das ist eine unvollständige Analyse. Sie müssen die Vorteile und die Nachteile der Entscheidung abwägen, aber Sie müssen auch die Vor- und Nachteile dafür abwägen, sie nicht zu treffen.

Das ist nicht dasselbe wie die Nullsumme, von der sie glauben auszugehen. Weil: keine Entscheidung zu treffen hat Folgen, und manchmal sind die Folgen einer nicht getroffenen Entscheidung viel schlimmer als die Folgen irgendeiner Entscheidung, auch wenn diese Entscheidung riskant ist.

Eine der Lehren, die man daraus ziehen kann - und das ist sehr nützlich, denke ich - ist, seine Sterblichkeit zu betrachten. Man geht sowieso drauf, egal was man tut, und das befreit einen wirklich.

Du hast Pfad A, gepflastert mit Katastrophen, und Du argumentierst, daß Du als Alternative nur Pfad B hast, auf dem auch Katastrophen lauern. Eine Möglichkeit ohne Katastrophen gibt es aber nicht. Du kannst nur entscheiden, welchen Pfad Du nimmst, und das bedeutet was.

Wenn man weiß, daß mit allem, was man tut, schreckliche Risiken verbunden sind, und auch mit allem, was man nicht tut, dann kann man es sich leisten, ein paar Risiken einzugehen.

Das ist alles ein Teil meiner übergeordneten Metapher. Mein Punkt ist, daß trotz der Tatsache, daß unser Leben im wesentlichen katastrophal ist, wir einen Bund mit dem höchsten Ideal schließen können. Dann kommt man auch auf dem bestmöglichen Weg voran.

Dann denkt man nämlich: Okay, ich versuche, diese Entscheidung zu treffen. Ich werde versuchen, etwas Schwieriges zu tun, und das macht mir Angst. Und dann denkt man: Ja, aber warte mal, das wirklich Schreckliche ist, es nicht zu tun; dann denkt man auch über die Folgen nach, es nicht zu tun.

Im Future Authoring-Program lassen wir die Teilnehmer diese kleine meditative Übung machen: Über Ihre eigenen Unzulänglichkeiten nachdenken, basierend auf ihrer eigenen Definition. Daß sie Dinge nicht tun, obwohl sie wissen, daß sie sie tun sollten. Über Dinge nachzudenken, die sie tun, obwohl sie wissen, daß sie sie nicht tun sollten.

Ohne Zweifel kommt da einiges zusammen. Das liegt an schlechten Gewohnheiten und schlechten Zielen und all dem Groll und dem Haß und der Aggression und den ungelösten Konflikten und all den Dingen, die uns fordern und uns verbiegen.

Und dann stellt man sich vor, daß diese Dinge die Oberhand gewinnen und die bringen einen dann an den schlimmsten vorstellbaren Ort, an dem man nur landen kann. Und in den nächsten drei bis fünf Jahren? Was bedeutet das für mich? Das stellt man sich dann vor und kommt zu dem Schluß: Das will ich nicht erleben.

Wenn Sie also das nächste Mal in Versuchung geraten, könnten Sie darüber nachdenken, daß es viel besser für Sie wäre, wenn Sie dieser Versuchung nicht erliegen würden. Ein etwas schwaches Beispiel, aber ungefähr in der Richtung, daß man ein bißchen besser aussähe, wenn man nicht jeden Tag ein Stück Käsekuchen oder so etwas äße.

Das ist aber nicht dasselbe, wie: Ich werde Diabetes kriegen und in fünf Jahren mein verdammtes Bein verlieren, wenn ich meine Eßgewohnheiten nicht unter Kontrolle bekomme.  Das ist motivierend. Also kommt die Versuchung, und man handelt nicht nur, weil ein höheres Gut erreicht würde, wenn man ihr widerstünde, sondern weil dadurch eine schreckliche Katastrophe abgewendet würde.

Man sollte also seine Ängste hinter sich bringen, richtig? Man will sie hinter sich bringen, wo sie einen vorwärts schieben, anstatt sie vor sich zu sehen, wo sie einen aufhalten. Und man schafft das, seine Ängste hinter sich zu lassen, damit sie einen vorwärts schieben, indem man tatsächlich durchdenkt, was passiert, wenn man sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Im besten Fall ist das, daß man es verschwendet und leidet. Und weil Du ja sowieso irgendwie leidest, Mann, also verschwende es und leide.

Das ist ein schlechtes Geschäft, denn wenn man schon leidet, könnte man wenigstens etwas Edles und Glorreiches und Aufrichtiges und Mächtiges und Ehrliches und Bewundernswertes und Hilfsbereites und Schwieriges vollbringen.

Das wäre um so vieles besser und vielleicht auch gut genug. Man könnte sagen: "Hey, weißt du, ein bißchen zu leiden, das ist es doch wert." Wenigstens ist das ein Weg vorwärts.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Bible Series X: Abraham: Father of Nations“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson.

 

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (1)
Peter Stephan / 11.10.2017

“Es gibt diese Vorstellung im Alten Testament, daß Gottesfurcht der Anfang der Weisheit sei. Das ist eine ziemlich brutale Idee, sie hat aber etwas wirklich Nützliches.” Ganz so brutal (und ganz so primitiv) ist das Alte Testament denn doch nicht. “Gottesfurcht” ist nicht die Angst vor Gott, sondern die “Ehrfurcht”. Wenn Gott nach jüdisch-christlichem Glauben die Weisheit ist, so ist die Ehrfurcht vor ihm auch der Beginnn der Weisheit.

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